Aktuelles

Wenn Wissenschaft in die Schule kommt

Klima ist Thema, genauso wie die dazugehörige Klima-Debatte! Und das nicht nur kurz vor der Bundestagswahl oder auf „Fridays for  Future”-Demonstrationen. Gerade erst hat uns die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands vor Augen geführt, wie konkret uns der Klima-Wandel in Deutschland betrifft. Fast 200 Menschen kamen dadurch zu Tode.  Häuser wurden weggespült, mit ihnen ganze Existenzen. Allein im Ahrtal zerstörte das Hochwasser 16 Schulen. Viele Schülerinnen und Schüler mussten das neue Schuljahr in Ersatzunterkünften beginnen.  

Klima ist Thema! Und der angemessene Umgang mit diesem Thema! Denn um Aktionismus geht es dem Deutschen Philologenverband, der vor zwei Jahren mit der Tagungsplanung begonnen hat, nicht. Wohl aber um eine angemessene und reflektierte Diskursfähigkeit, die im Unterricht in den verschiedensten Fächern in der Auseinandersetzung mit diesem Thema erworben werden kann. Deshalb hat der DPhV am 17. September in Leipzig zur Tagung „Demokratie und Klima-Debatte als Gegenstand gymnasialen Unterrichts“ eingeladen. 

In PROFIL schreiben jetzt eine Referentin und ein Referent dieser Tagung: Prof. Dr. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven, erläutert wie Wissenschaft in die Schule kommt. Der Vorsitzende des Verbands deutscher Schulgeographen, Karl Walter Hoffmann, erklärt Basiskonzepte für einen zukunftsorientierten Geografieunterricht. PROFIL lässt so alle DPhV-Mitglieder an den Inhalten der Tagung teilhaben, auch wenn Sie nicht nach Leipzig kommen konnten! 

Von Prof. Dr. Antje Boetius 

*Die Meeresbiologin Prof. Dr. Antje Boetius (hier in der Lloyd Werft, Bremerhaven) leitet seit 2017 das Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Sie ist Professorin für Geomikrobiologie an der Universität Bremen sowie Leiterin der Helmholtz-Max-Planck Brückengruppe Tiefsee-Ökologie und -Technologie. Credit: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath

Bremerhaven – Als Polar- und Meeresforscherin ist es mein Beruf, Unbekanntes zu erforschen, dazu gehören sowohl neue Arten von Leben, wie auch unbekannte Unterwasserlandschaften oder neue chemische Stoffwechselwege in den Meeren. Gleichzeitig bin ich Augenzeugin von massiver Veränderung der Ozeane durch den Einfluss des Menschen – sei es durch Klima-Wandel, Überdüngung, Überfischung, Meeresbodennutzung oder Vermüllung. Bei Wissenschaftskommunikation direkt aus der Forschung hinein in die Schule habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mit Kindern und Jugendlichen sehr leicht in gute Diskussionen kommen kann – wenn man den Einstieg in ein so fremdes Thema wählt wie die Rolle der Ozeane für unser Leben – über eine der stärksten Kräfte beim Lernen: die Neugierde. Die kann gleich mehrfach angeregt werden, wenn man als WissenschaftlerIn auf einen Besuch vorbeikommt und sich und seinen Beruf direkt vorstellt und ausfragen lässt. Denn über die Methode selbst – wie erforscht man Unbekanntes, was wissen wir noch gar nicht, wie kommt man zum Nordpol oder in einen Tiefseegraben und wie sieht es da aus – setzt schon systemisches Denken auf mehreren vernetzten Ebenen ein. 

Über die Augen lernt es sich gut 

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Bebilderung sehr hilft. Es ist nicht bei allen Themen einfach, Wissen visuell zu vermitteln, aber es lohnt sich sehr, es zu versuchen. Denn über die Augen lernt es sich gut. Kurze Videos von der Kraft der Wellen, von seltsamem Tiefseegetier, der Karte eines Tiefseeberges oder auch dem Schmelzen des Meereises unterstützen das Hören von Zahlen, Fakten, Einordnungen. Wo ein Prozess nicht direkt zu zeigen ist, helfen Animationen, zum Beispiel von chemischen Reaktionen, die nur besondere Meeresbakterien können, oder von dem Ausbruch eines Tiefseevulkans, der Funktion eines Tiefseeroboters. 

Die zentrale Frage, die viele Menschen auch generationsübergreifend interessiert, ist die Rolle der Ozeane für die Erde und das Leben wie auch ihr Zustand. Was ist ihre Geschichte und wie geht sie weiter? Was ist der Einfluss des Menschen? Zunehmend fragen Schülerinnen und Schüler auch sehr traurige Fragen, die die Verunsicherung anzeigen: Werden die Meere und das Leben darin sterben?  

Dimensionen diskutieren 

Wenn ich vortrage, versuche ich erst einmal ein Gefühl für die Dimensionen der Ozeane, aber auch unseren Wissensstand zu erzeugen. Im Vergleich aller Lebensräume der Erde wissen wir heute noch immer am wenigsten über die Meere. Das ist erstaunlich, denn sie sind ein essentielles Charakteristikum unseres Planeten, und ihre Funktion ist eng mit der Entstehung des Lebens und auch unserer eigenen Daseinsvorsorge verbunden. Die Weltmeere bedecken zwei Drittel der Erde und sind im Durchschnitt fast vier Kilometer tief. Sie nehmen neunzig Prozent der Erwärmung der Atmosphäre auf, dreißig Prozent der CO2 Emissionen, und sie erzeugen die Hälfte des Sauerstoffes, den wir atmen. Die Meere liefern einen wichtigen Teil der Nahrung der Menschheit, zunehmend durch Aquakultur. Die Zahl der Menschen, die in Küstengebieten wohnt oder dort Erholung suchen, steigt schnell. Der größte Teil der Waren und Materialien, die wir nutzen, wird über die Meere transportiert, die weltvernetzenden Telekommunikationskabel laufen durch die Meere. Regenerative Wind- und Wasserkraft aus dem Meer wird immer wichtiger als Energiequelle, vermutlich müssen wir künftig immer häufiger Meerwasser entsalzen, um Städte mit Wasser zu versorgen. Dennoch ist uns Landlebewesen das Meer weitgehend unbekannt. Dies und anderes sind zentrale Bestandteile vom Wissen über den Ozean, sie sind anschlussfähig für viele Fächer und sowohl aktuelle Ereignisse und Nachrichten wie auch in Verknüpfung mit Literatur, Musik, Kunst.  

Prof. Dr. Antje Boetius während einer Expedition 2014, Credit: Alfred-Wegener-Institut/D’Hert Diederik

Neugierde wecken 

Mir scheint dabei, dass die natürlich gegebene Neugierde und Fantasie bei noch jungen Schülerinnen und Schülern es besonders einfach macht, auch eigenartige Fragen zu diskutieren und so auch systemisch zu lernen. Zum Beispiel habe ich gute Erfahrungen gemacht mit einer „Tiefsee“-Vorlesung für Kinder, bei der wir zusammen die vielfältigen Körperformen von Tiefseetieren anschauen und diskutieren, warum wir Tiere schön oder häßlich finden. Was es bedeutet, an die Umwelt angepasst zu sein, und nicht in eine andere Umwelt versetzbar zu sein. Warum manche Tiere von anderem Leben abhängen, zum Beispiel um zu leuchten im Dunkeln. Darüber kommen wir auf komplexe Themen wie Biogeographie, Ökologie, Symbiose. Aber auch das Thema „Mensch“ – welche Emotionen für anderes Leben haben wir und was bedeutet das? So habe ich gelernt bei Besuchen in der Schule, dass in der Vielfalt der Interessen der Schülerinnen und Schüler es doch zumeist für alle etwas gibt, was sie fasziniert. Das ist die Frage des Nutzens von Wissen – was hat der Forschungsgegenstand mit ihnen selbst und der Zukunft zu tun? Das gilt vor allem für die älteren Klassen.  

Wissen für unserer Daseinsvorsorge 

In letzter Zeit werde ich zunehmend angefragt für Themen der Klima- und Biodiversitätskrise, also zum Wissen für unsere Daseinsvorsorge. Dabei habe ich auch schon intensive Debatten mit Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrerkräften darüber geführt, wie man über die Zukunft spricht. Ich verstehe meine Rolle als WissenschaftlerIn so, dass ich versuche, auf Basis des aktuellen Sachstandes ein Bild der möglichen Pfade aufzuzeigen und zu erklären, woher unsere Prognosen kommen in Bezug auf Klima-Wandel, Veränderung der Ozeane und der Natur insgesamt und welche Rolle der Mensch dabei spielt. Dabei nutze ich stets den aktuellen Sachstand, der wiederum auf vielen Tausenden Einzelbeobachtungen beruht, und ordne meine eigene Forschung ein. Die wahrscheinlichste Prognose ist oft heftig: So müssen wir schon ab 2030 mit eisfreien Sommern in der Arktis, mit unglaublichen Verlusten an Lebensvielfalt und verschärften Bedingungen durch Extremwetter rechnen. Wir werden zum Jahr 2050 den größten Teil der weltweiten Korallenriffe verloren haben und so vor phänomenalen Veränderungen des Artengefüges im Meer stehen. Wir werden die Gletschermassen weiter zum Abschmelzen bringen, sodass wir mit einem erhöhten Meeresspiegelanstieg von einem Meter zum Ende des Jahrhunderts rechnen müssen, der danach noch schneller steigt. Wenn man bedenkt, dass zehn Prozent aller Menschen direkt an der Küste leben und nur wenige von Deichen geschützt werden, dann bedeutet das, dass Millionen Menschen ihre Heimat verlieren und vertrieben werden. Wir könnten aber auch auf einen anderen Pfad gelangen, wenn es uns gelingt, in Europa und weltweit aus der Nutzung der fossilen Energiequellen auszusteigen und diese durch regenerative Energien zu ersetzen.  

Was können wir tun? 

Spätestens bei diesem Thema – was kann ich, was können wir denn tun ? – gibt es bei der Wissensvermittlung einige Konflikte. Denn dann steht man mitten in einer politischen Diskussion und braucht viel Faktenwissen, um begreifbar zu machen und zu begreifen, dass der Klima-Wandel und auch die Umweltzerstörung mit weiteren großen globalen Problemen zusammenhängen. Nur zu gerne würden alle sich konzentrieren auf die Selbstwirksamkeit, „was kann ich denn tun“, „was tun die Anderen“, „was tut meine Schule“, um nachhaltiger zu leben. Wir WissenschaftlerInnen haben dann oft die schwierige Rolle, darauf aufmerksam zu machen, dass die großen globalen Herausforderungen andere Lösungen haben als die Summe individueller Handlungen.  

Es ist ein wichtiger Auftrag der Schule, Lernkompetenz umfassend zu stärken, zu selbstständigem, systemischem Denken und Problembewusstsein zu erziehen. Wie die wissenschaftliche Lehre hat auch die Schulbildung die Aufgabe, dazu beizutragen, dass Menschen das Werkzeug erhalten, durch Wissen und Selbstwirksamkeit zu mündigen Bürgern zu werden. Dazu werden auch Werte vermittelt und Erkenntnisse eingeordnet.  

Gerade in Bezug auf das Thema „Meere, Klima, Mensch“ ist es vor allem wichtig, die Komplexität von Problemen herauszuarbeiten und dabei die Rolle der Politik, auch internationaler Institutionen zu klären. Die übergreifende Problematik des Umgangs mit der Natur einschließlich des Thema Meere wird nach meiner Beobachtung in Schulen zu sehr auf das Thema physikalische Zusammenhänge und individuelles Verhalten reduziert. Es eignet sich aber, um zum Beispiel in Gemeinschaftskunde, Geschichte und Geographie umfassend Aspekte von Politik, Wirtschaft und internationaler Zusammenarbeit zu erarbeiten, gerade anhand der Nachhaltigkeitsziele (SDGs).  Ein besonders starkes, Neugierde weckendes Motiv dafür ist zuletzt auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Bezug auf die Freiheitsrechte kommender Generationen. „Welches Recht haben junge Menschen auf eine Zukunft mit einem stabilen Klima, gesunden Meeren, Artenvielfalt?“ ist eine Frage, anhand derer man die Komplexität der Beziehung Mensch und Meer, Natur und Klima sehr gut erarbeiten kann und ganz nahe ist bei praktischem Wissen. 

Mit Angst lernt es sich schlecht  

In der Wissenschaftskommunikation gibt es verschiedene Ansätze, auch hier direkt aus der Forschung an die Schulen zu kommen. Aufgrund der Dynamik des Themas braucht es vor allem Weiterbildungsangebote und Unterrichtsmaterialien für Lehrende. Wir bieten zum Beispiel mit der Initiative „klimafit“[1] Volkshochschulkurse, die Wissensketten von der globalen bis zur regionalen Ebene verknüpfen. Zunehmend ist das Modell „Rent a scientist“ für die Besuche Forschender an Schulen beliebt und erfolgreich, weil es einen dialogischen Austausch gewährleistet und auch die MINT-Anliegen stärkt. Und um Stärkung geht es für uns alle. Natürlich kann es einem Angst und Bange werden bei der gigantischen Herausforderung der Transformation unseres menschlichen Handelns – und das in der kommenden Dekade. Aber mit Angst lernt es sich schlecht, sie muss mit Hoffnung und Aktivierungsenergie gepaart werden, um Kreativität und Freude an Zukunftsgestaltung auszulösen. Uns Forschenden geht es ja nicht anders in der Situation, dass es schon so viel Wissen gibt, es aber oft ungenutzt bleibt oder gar abgelehnt wird. Wenn wir Gast sind an Schulen, entsteht aber oft dieses schöne Gefühl eines Wissenshungers, von Lernbegierde und auch Inspiration zum Weiterforschen.   

Lebenslang lernen 

So bin ich schon oft gestärkt aus Schulbesuchen herausgekommen, im Kopf noch die guten klugen Fragen, die junge Menschen stellen können. Ein Junge, vielleicht 10 Jahre alt, fragte nach einem Vortrag zum Leben im Meer und Meeresnaturschutz. „Zu welchem Gericht geht eigentlich ein Fisch, wenn wir ihm sein Zuhause kaputt machen?“ Einige der anwesenden Eltern lachten. Da wurde der Junge ärgerlich und sagte „Da muss man gar nicht lachen. Es ist doch das Zuhause des Fisches, das können wir Menschen doch nicht einfach wegnehmen. Dafür muss es doch ein Gericht geben, oder es ist total ungerecht.“  Seitdem versuche ich mich einzudenken und einzulesen in die Frage des Rechtes der Natur auf Existenz, ganz schön schwierig. Ich wünschte, ich könnte nochmal zur Schule gehen. 

Nach oben