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„Wir werden die Schleifspuren, die Corona in unserem Bildungssystem hinterlässt, noch lange wahrnehmen”

Hessens Kultusminister Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz (CDU) über das diesjährige Abitur, Korrekturzeiten für Lehrkräfte, die Corona-Teststrategie an Schulen und Klassenfahrten.

Er ist nicht nur Kultusminister in Hessen, sondern auch Koordinator der CDU-regierten Bundesländer. Im PROFIL-Interview spricht Ralph Alexander Lorz (55, CDU) über das diesjährige Abitur und die Korrekturzeiten für Lehrkräfte, über die Corona-Teststrategie an Schulen und beantwortet die Frage, wann (zumindest in Hessen) wieder Klassenfahrten möglich sind. 

PROFIL: Minister Lorz, das schriftliche Abitur 2021 ist absolviert. Ist es in Hessen genauso anspruchsvoll wie in jedem anderen Jahr gewesen?  

Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz: Mit Sicherheit. Wir haben mit den Aufgaben gearbeitet, die schon lange im Voraus für diesen Termin entwickelt worden sind. Außerdem haben wir in den Kernfächern den IQB-Aufgabenpool verwendet. Das Anspruchsniveau hat sich daher nicht verändert.  

PROFIL: Die Kultusministerkonferenz hat festgelegt, dass zwischen 32 und 40 Oberstufenkurse in die Abiturbewertung einfließen. Ist das Ihrer Meinung nach genug? Warum nicht 36 bis 40?   

Lorz: Wir setzen in Hessen 32 Oberstufenkurse an. Man darf aber nicht nur die Zahl der Kurse sehen, sondern muss auch die Zahl der Wochenstunden betrachten. Wir arbeiten in Hessen mit einer hohen Stundenzahl in den einzelnen Fächern. So sind unsere Leistungskurse beispielsweise fünfstündig, unsere Grundkurse in Mathematik und Deutsch sind jeweils vierstündig. In Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Geschichte, Politik und Wirtschaft sind wir mindestens dreistündig. Wenn also die Schülerinnen und Schüler in vier Halbjahren 28 Grundkurse besuchen, kommen sie im Durchschnitt auf 33 Wochenstunden. Ich glaube, mehr kann man nicht verlangen. Würden wir mehr Kurse von ihnen verlangen, müssten wir die Stundenzahl der einzelnen Fächer reduzieren. Und das wollen wir nicht. 

PROFIL:  Durch 20 Prozent dieser Kurse dürfen die Schüler „durchfallen“. Wie kann das Abitur noch anspruchsvoll sein, wenn z.B. alle Kurse in Mathematik und in einer Naturwissenschaft unter fünf Punkten sein und eingebracht werden dürfen?  

Lorz: In der Qualifikationsphase muss man eine bestimmte Mindestpunktzahl erbringen. Das heißt, wenn ich Kurse einbringe, die unter fünf Punkten liegen, dann muss ich in anderen Kursen entsprechend deutlich drüber liegen. Das ist auch eine Grundsatzfrage: Müssen Abiturienten in allen Fächern in der Breite möglichst ausreichend sein oder können sie es ausgleichen, wenn sie in einem Fach besonders schlecht sind, dafür aber in anderen besonders gut. Die 20 Prozent sind nicht in Stein gemeißelt, sondern eine KMK-Vereinbarung. Man könnte natürlich auch eine andere Prozentzahl beschließen, doch das setzt wieder die Zustimmung aller 16 Bundesländer voraus.  

Kultusminister Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz

PROFIL: Aus Sicht des DPhV sollte dieser „negative Anreiz“ entweder ganz herausgenommen werden oder auf maximal zehn Prozent, also vier Kurse, heruntergesetzt werden. Was gilt in Hessen und wie schätzen Sie als Sprecher der CDU-geführten Länder die Umsetzung dieser DPhV-Forderungen auf der KMK-Ebene ein?

Lorz: Schwierig. Alle diese Werte sind schon das Ergebnis mühsamer politischer Aushandlungsprozesse. Diese kann man zwar grundsätzlich neu aufrufen, derzeit sehe ich dafür aber keinen wirklichen Anlass.  

 

PROFIL:  Durch 20 Prozent dieser Kurse dürfen die Schüler „durchfallen“. Wie kann das Abitur noch anspruchsvoll sein, wenn z.B. alle Kurse in Mathematik und in einer Naturwissenschaft unter fünf Punkten sein und eingebracht werden dürfen?  

Lorz: In der Qualifikationsphase muss man eine bestimmte Mindestpunktzahl erbringen. Das heißt, wenn ich Kurse einbringe, die unter fünf Punkten liegen, dann muss ich in anderen Kursen entsprechend deutlich drüber liegen. Das ist auch eine Grundsatzfrage: Müssen Abiturienten in allen Fächern in der Breite möglichst ausreichend sein oder können sie es ausgleichen, wenn sie in einem Fach besonders schlecht sind, dafür aber in anderen besonders gut. Die 20 Prozent sind nicht in Stein gemeißelt, sondern eine KMK-Vereinbarung. Man könnte natürlich auch eine andere Prozentzahl beschließen, doch das setzt wieder die Zustimmung aller 16 Bundesländer voraus.  

PROFIL: Aus Sicht des DPhV sollte dieser „negative Anreiz“ entweder ganz herausgenommen werden oder auf maximal zehn Prozent, also vier Kurse, heruntergesetzt werden. Was gilt in Hessen und wie schätzen Sie als Sprecher der CDU-geführten Länder die Umsetzung dieser DPhV-Forderungen auf der KMK-Ebene ein?  

Lorz: Schwierig. Alle diese Werte sind schon das Ergebnis mühsamer politischer Aushandlungsprozesse. Diese kann man zwar grundsätzlich neu aufrufen, derzeit sehe ich dafür aber keinen wirklichen Anlass.  

PROFIL: Wie sichern Sie auch zukünftig das hohe Niveau des Abiturs?  

Lorz: Wir arbeiten in der KMK momentan daran, dass wir über den Aufgabenpool einheitliche Standards etablieren. Ich halte das für den richtigen Weg, den wir noch lange nicht bis zum Ende gegangen sind.   

PROFIL: Wie konkret können Lehrkräfte durch die Belastungen, die die Abitur-Korrekturen unter den Corona-Umständen mit sich bringen, entlastet werden?  

Lorz: Bei diesem Thema haben wir den Königsweg noch nicht gefunden. Natürlich gibt es Möglichkeiten, den Lehrkräften, die korrigieren, Korrekturzeiten einzuräumen. Es ist nur unter den Corona-Bedingungen alles schwierig zu organisieren. Deshalb haben wir auch davon abgesehen, dazu zentrale Vorgaben zu machen. Wenn Corona vorbei ist, werden wir dieses Thema grundsätzlicher diskutieren.  

PROFIL: Welche rechtssicheren Regelungen wird es hinsichtlich der Versetzungsentscheidungen geben?  

Lorz: Wir setzen in diesem Jahr sehr auf die pädagogischen Einschätzungsspielräume der Lehrerinnen und Lehrer. Wir wollen weniger schematisch vorgehen, sondern eine Beurteilung vornehmen, ob die Schülerin oder der Schüler mit Förderkursen und dem, was wir an zusätzlichem Unterricht anbieten, in der Lage ist, wieder in die Spur zu kommen. Wir müssen von solchen Instrumenten wie pädagogischer Versetzung oder der freiwilligen Wiederholung in diesem Jahr mehr Gebrauch machen, als wir das in einem normalen Jahr tun würden. Das wollen wir auch rechtlich so absichern, dass die Lehrkräfte die entsprechenden Entscheidungsmöglichkeiten bekommen.  

PROFIL: Reichen zwei Milliarden Euro aus, um die Corona-Versäumnisse aufzuholen?  

Lorz: Es ist auf jeden Fall ein guter Anfang. Aber das sind nur die Bundesmittel, da kommen noch deutlich mehr Landesmittel drauf. Wir sind dabei, entsprechende Programme aufzulegen.  

PROFIL: Wo investiert das Land Hessen, wo will das Kultusministerium für einen Zukunftspakt Bildung über das „Bundes-Aktionsprogramm“ hinaus investieren?  

Lorz: Wir wollen allein für das Haushaltsjahr 2021 60 Millionen Euro Landesmittel investieren. Das Geld des Bundes kommt dann noch hinzu.  

PROFIL: Wo wird das Geld am dringendsten gebraucht?   

Lorz: Die Mittel sind vor Ort am besten eingesetzt, deswegen werden sie dort auch größtenteils hinfließen. Die Schulen sollen sich das leisten können, was vor Ort nötig ist, um gezielt die 20 bis 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler zu fördern, um die wir uns derzeit besondere Gedanken machen – völlig egal, ob es dabei um zusätzliches Personal oder vielleicht externe Dienstleister geht. Wir wollen natürlich auch zentrale Angebote machen. Mit Lerncamps und Ferienakademien haben wir in Hessen schon sehr gute Erfahrungen gemacht.  

PROFIL: Der DPhV ist frühzeitig dafür eingetreten, allen Lehrkräften ein Impfangebot zu machen. Sie hatten sich erfreulicherweise dazu entschlossen, eben gerade auch Lehrkräfte an weiterführenden Schulen priorisiert zu impfen. Warum?  

Lorz: Das Impfangebot für Lehrkräfte ist ein ganz wichtiger Baustein für einen sicheren Präsenzunterricht.  Damit können wir die Unsicherheitsquellen für den Präsenzunterricht an weiterführenden Schulen erheblich reduzieren.   

PROFIL: Wie gut funktioniert die Teststrategie an den Schulen?  

Lorz: Das ist eine große Belastung für die Schulen. Aber die meisten Schulen sind – jetzt, wo es Routine geworden ist – froh über die Sicherheit, die die Tests bringen. Es gibt allen ein besseres Gefühl, wenn sie in der Schule sind. Sicherer Präsenzunterricht hat für mich oberste Priorität, weil wir wissen, dass die Kinder das brauchen. Dafür ist mir kein Preis zu hoch.  

PROFIL: Wie lange brauchen wir noch Tests an den Schulen?  

Lorz: Bis zu den Sommerferien ganz sicher. Dann müssen wir schauen, wo wir mit der Pandemie stehen. Bis die Schülerinnen und Schüler geimpft werden können, werden Tests in der ein oder anderen Form und Ausprägung aber zum Alltag gehören.  

PROFIL: Wann fahren Schülerinnen und Schüler wieder auf Klassenfahrt?  

Lorz: Klassenfahrten ins Ausland sehe ich 2021 nicht mehr. Inlandsklassenfahrten haben wir jetzt schon für die Zeit nach Pfingsten unter bestimmten Auflagen erlaubt.  

PROFIL Ausgabe 6/2021 Titelblatt Geschichtsunterricht

PROFIL: Der Föderalismus hat während der Corona-Krise durchaus Schaden erlitten, z.B. durch die Diskussion um die bundeseinheitliche Notbremse. Wie fördern Sie als Kultusminister die Akzeptanz des Föderalismus in Deutschland?    

Lorz: Es geht im Wesentlichen um Aufklärung und Information. Wir sind im Vergleich zu vielen anderen Ländern, die deutlich zentralistischer organisiert sind, relativ gut durch die Krise gekommen – bei allen Schäden, die sie auch bei uns angerichtet hat. Wir können durch unsere dezentralisierten Entscheidungsprozesse viel flexibler vor Ort auf die Problematiken reagieren. Da spielt auch die kommunale Selbstverwaltung eine Rolle. Der Preis, den man dafür zahlt, ist, dass es auch zu scheinbar widersprüchlichen Entscheidungen kommen kann. Das kann man aber und muss es dann auch erklären.   

PROFIL: Mit welchen Gefühlen denken Sie an den 26. September 2021?  

Lorz: Ich bin ein grundoptimistischer Mensch und gehe davon aus, dass wir bis zum Tag der Bundestagswahl die Pandemie im Griff haben.   

PROFIL: Was sind die wichtigsten bildungspolitischen Projekte, die eine Bundesregierung nach dem 26. September anzupacken hat?  

Lorz: Wir werden die Schleifspuren, die Corona in unserem Bildungssystem hinterlässt, noch lange wahrnehmen. Aber wenn das einmal ganz vorbei ist, dann kehren wir zu unseren Hausaufgaben zurück und werden zum Beispiel sehen, dass wir in der Digitalisierung einen Quantensprung gemacht haben. Dann wird es darum gehen, die neuen technischen Möglichkeiten, die wir in der Not geschaffen haben, mit pädagogisch zielführenden Inhalten zu füllen. Vor uns liegt viel Arbeit, packen wir sie an!

Diesen und viele weitere Artikel finden Sie in der aktuellen PROFIL-Ausgabe.

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