Aktuelles

Keine Geschichte ohne Archäologie

Von Dr. Dorothea Parak 

Berlin – Wer in deutsche Geschichtsschulbücher blickt, bekommt schnell den Eindruck, Geschichte beginne im Alten Ägypten. Davor existiert meist nur eine knapp unter „Steinzeit“ zusammengefasste Epoche. Von wegen! Davor lagen die Steinzeiten (Paläolithikum, Mesolithikum und Neolithikum), die mit 3,3 Millionen Jahren den größten zeitlichen Raum der Menschheitsgeschichte einnehmen. Und diese 3,3, Millionen Jahre zählen! Im Neuen Museum Berlin, das zu den Staatlichen Museen Berlin gehört, vermitteln wir Schülerinnen und Schülern Geschichte am Objekt.  

Geschichtsvermittlung im Museum eröffnet wichtige Chancen, den schulischen Unterricht gewinnbringend zu ergänzen. Die Vermittlungsformate im Museum sind stets objektorientiert, beschäftigen sich also mit dem Kern des Geschichtsunterrichts: der Quelle! Vor Ort wird der Umgang mit Sachquellen unter Einbeziehung vielfältiger Methoden geübt. Insbesondere in archäologischen Museen kann der rein historische, auf Schriftquellen basierenden Zugang zu Geschichte, erweitert werden. 

Nutzen von Archäologie für den Geschichtsunterricht 

Als Kuratorin für Bildung und Vermittlung in einem Museum für Vor- und Frühgeschichte würde ich mir wünschen, dass nichtschriftliche Quellen und Bodenfunde stärker im Geschichtsunterricht berücksichtigt werden könnten. Wenn gleichermaßen mit historischen und archäologischen Herangehensweisen auf dasselbe Thema geblickt wird, können bereichernde Synergieeffekte erzielt werden. So wurde in unserer Ausstellung „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“ das in der Öffentlichkeit und im Schulunterricht vorherrschende Bild der Germanen mit dem aktuellen Forschungsstand aus der Archäologie ergänzt. Die Schau wurde vom Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin und vom LVR-LandesMuseum Bonn kuratiert und ist voraussichtlich bis Ende Oktober 2021 in Bonn zu sehen.  

In Schulbüchern werden Germanen meist in Zusammenhang mit dem römischen Reich und aus Sicht römischer Schriftquellen dargestellt. Die innergermanische Sicht, der man sich nur über die zahlreichen Sachquellen nähern kann, wird selten erläutert. Um dieses Desiderat zu beseitigen haben wir einen digitalen Projekttag und didaktische Materialien (u.a. Arbeitsblätter, Kurzfilme) entwickelt. Geschichtsbilder und Mythen werden aufgezeigt und kritisch hinterfragt. So wird in Schulbüchern zum Handel zwischen Römern und Germanen meist nur Tacitus zitiert. Es wird vermittelt, dass Germanen nur mit blondem Frauenhaar, Honig und Fellen gehandelt haben. Archäologische Funde zeigen jedoch, dass sie aufgrund ihres Blei-Bergbaus und der Eisenerzgewinnung wichtige Wirtschaftspartner für das römische Reich waren. Die Archäologie zeigt uns auch, dass germanische Stämme viel öfter untereinander als gegen die römische Armee gekämpft haben – zieht man nur historische Quellen heran, scheint aber die Varusschlacht die bedeutendste kriegerische Auseinandersetzung gewesen zu sein. Wir erklären mit Archäologie auch, warum die Nationalsozialisten das Hakenkreuz als ihr Symbol ausgewählt haben und, dass es ursprünglich nur ein eher unbedeutendes von vielen Zierelementen auf vor- und frühgeschichtlichen Objekten war. 

Eine zeitgemäße Archäologievermittlung trägt dazu bei, überkommene Sachfehler, populäre Klischees und Fehlinterpretationen zu erkennen und zu vermeiden. In Lehrmedien wird der Lauf der Geschichte meist als Fortschritt dargestellt. Die Beschäftigung mit materieller Kultur kann jedoch darüber aufklären, dass etwa der Übergang von Jagen und Sammeln zu Sesshaftwerdung und zu Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit keineswegs als „Fortschritt“ interpretiert werden muss. Dies betrifft auch die überkommene Darstellung von Geschlechterrollen. Darstellungen vom Leben in den Steinzeiten in Geschichtsbüchern vermitteln nach wie vor oft ein Rollenverhältnis von Mann und Frau aus dem 19. Jahrhundert. Ein Besuch in einem archäologischen Museum hilft, den Blick zu weiten und zu differenzieren. 

Schülerinnen und Schüler können am außerschulischen Lernort Geschichtskultur und die politische Vereinnahmung von Archäologie und Geschichte erleben. Der kritische Blick auf die Instrumentalisierung von Archäologie und Geschichte zu politischen Zwecken und die Entstehung von Geschichtsbildern kann besonders gut in archäologischen Museen geübt werden. Am Beispiel der Germanen ist gerade heute wichtig, wissenschaftlich belastbar Position zu beziehen und Orientierung zu geben. Dabei helfen archäologische Quellen und der selbstkritische Blick auf die archäologische Forschung besonders Ende des 19. Jahrhunderts und in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Begriff Germanen und dessen Deutung soll nicht einer nationalistisch oder rassistisch motivierten Benutzung überlassen werden.

Archäologie lernen: Neues Museum Grabpfeiler
Historikerin Parak und Schülerin Alina vor einem Grabpfeiler mit der Darstellung König Sethos I. vor dem Gott Osiris, gefunden im Tal der Könige, Credit: Marlene Gawrisch
Archäologie im Geschichtsunterricht
Geschichte am Objekt: Parak erklärt die Königsstatuen des Mittleren Reiches (Ägypten), 1800 v. Chr.
Archäologie im Unterricht - Skelett eines Elches
Auch dieses Skelett eines Elchs (10.700 vor Christus), was im Berliner Tiergarten gefunden wurde, ist im Neuen Museum zu bewundern

Angebote im Neuen Museum Berlin 

Im Neuen Museum Berlin werden die Sammlungen des Museums für Vor- und Frühgeschichte, des Ägyptischen Museums mit Papyrussammlung sowie Teile der Antikensammlung präsentiert. Vor allem Lehrerinnen und Lehrer der Klassen 5 und 6 nutzen das Bildungsangebot und buchen Ausstellungsgespräche und Workshops. Lehrplanrelevant sind in diesen Jahrgangsstufen die Epochen Steinzeit und das Alte Ägypten, die an zentralen Exponaten erarbeitet werden können. Anknüpfungspunkte für die Sammlungen des Neuen Museums finden sich im Fach Geschichte jedoch auch in den höheren Klassenstufen. Die Debatte zum Klimawandel oder Diskurse zu Geschlechterrollen lassen sich an Exponaten historisch von den Steinzeiten über die Zeit des Alten Ägyptens bis ins Mittelalter verorten. Museen sind keine neutralen Orte, sondern mischen sich in gesellschaftspolitische Debatten ein, sofern sie die fachliche Expertise und die entsprechenden Exponate haben.   

Die Staatlichen Museen zu Berlin bieten zahlreiche Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer in allen Sammlungen an. Newsletter werden vom Referat Bildung, Vermittlung, Besucherdienste regelmäßig versandt und können über diese Adresse abonniert werden: https://www.smb.museum/newsletter/abonnieren/ 

Nach oben