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Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerin Bettina Martin (SPD): “Impfen ist einzige Weg heraus aus der Pandemie”

Von Karolina Pajdak 

Bettina Martin (55, SPD) ist seit Mai 2019 Bildungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern. Am 26. September wird neu gewählt, Credit: Danny Gohlke

Schwerin – Der Countdown zur Landtagswahl am 26. September in Mecklenburg-Vorpommern läuft! Auch Bildungspolitik ist dabei Thema! Im Interview mit PROFIL erklärt die zuständige Ministerin Bettina Martin (55, SPD) was sie konkret gegen den Lehrermangel in ihrem Bundesland unternimmt, wie sie Lehrkräfte aus Polen angeworben hat und wie sie flächendeckende Schulschließungen in der Pandemie vermeiden will.  

PROFIL: Ministerin Martin, Mecklenburg-Vorpommern ist als erstes Bundesland – gemeinsam mit Schleswig-Holstein – bereits Anfang August in das neue Schuljahr gestartet. Wie ist es angelaufen?  

Bettina Martin: Weitestgehend reibungslos. Ich bin allen, die diesen guten Schulstart unter Pandemie-Bedingungen vorbereitet und möglich gemacht haben, sehr dankbar. Schulleitungen und Lehrkräfte haben gemeinsam mit dem Ministerium frühzeitig die notwendigen Vorkehrungen getroffen. Alle haben an einem Strang gezogen, denn wir haben ein gemeinsames Ziel: den Präsenzunterricht absichern. Wir wollen in Zukunft flächendeckende präventive Schulschließungen mit allen Mitteln vermeiden. Stattdessen werden zukünftig die Gesundheitsämter vor Ort im Einzelfall entscheiden. 

PROFIL: Wie lange wird an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern noch Maske getragen?  

Bettina Martin: In MV galt Maskenpflicht in den ersten zwei Schulwochen, um zu vermeiden, dass Reiserückkehrende die Delta-Variante in die Schule tragen. Ab sofort gilt die Maskenpflicht im Unterricht nur in Regionen, wo unsere Corona-Ampel auf Orange steht. Das heißt: Wenn die Inzidenz über 35 liegt sowie die Quote der Hospitalisierung und Intensivbettenbelegung das Risiko erhöhen.  

Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerium hat eine Werbekampagne für den Schuldienst gestartet. Informationen gibt es über das Portal Lehrer-in-MV.de. Auch auf Straßenbahnen wirbt Martins Ministerium dafür, Credit: Marc Klein

PROFIL: Wie schätzen Sie die Impfbereitschaft unter den Schülerinnen und Schülern ein?  

Bettina Martin: Wir haben bereits vor den Sommerferien in den Berufsschulen Jugendlichen ab 16 Jahren mobile Impfangebote gemacht. Derzeit fahren die mobilen Impfteams auch durch die weiterführenden Schulen und impfen die ab 16jährigen, deren Eltern eine Einwilligung zur freiwilligen Impfung gegeben haben. Jede einzelne Impfung zählt und hilft dabei, den Präsenzunterricht abzusichern. Bisher gab es bei den Eltern noch viel Unsicherheit, weil die Ständige Impfkommission die Impfungen noch nicht empfohlen hatte. Doch jetzt, da die StiKo auch Jugendlichen ab 12 Jahren eine Impfung empfiehlt, erhoffe ich mir eine größere Resonanz.  

PROFIL: Sollen sich Schülerinnen und Schüler ab zwölf Jahren impfen lassen?  

Bettina Martin: Ich freue mich darüber, dass jetzt eine ausdrückliche Empfehlung vorliegt. Wir bereiten gemeinsam mit der Gesundheitsseite in MV jetzt Impfaktionen auch für Schülerinnen und Schüler ab zwölf Jahren an den Schulen und in den Impfzentren vor. Dabei müssen wir auch die Eltern mit an Bord haben. Sie können dann auch gleich von den mobilen Teams mitgeimpft werden, wenn sie dies wollen. Natürlich ist das alles freiwillig – aber ich werbe sehr dafür, denn Impfen ist der einzige Weg heraus aus der Pandemie.   

PROFIL: Sie haben die ersten vier Wochen nach Schulstart dazu genutzt, die Lernstände der Schülerinnen und Schüler zu erheben. Wie holen Sie „verlorenes Wissen“ auf?  

BettinaMartin: Ich bin nicht der Meinung, dass jetzt jeder Punkt und jedes Komma nachgeholt werden muss.  Wir müssen uns vor allem darauf konzentrieren sicherzustellen, dass die Kinder die Kompetenzen erwerben können, die sie für den Fortschritt in ihrer zukünftigen Schullaufbahn benötigen.  Zum Glück gibt es das Aufholprogramm des Bundes, auf das wir als Land 50 Prozent drauflegen. Wir haben 38 Millionen Euro, um jetzt voranzukommen.  

PROFIL: Reichen 38 Millionen Euro?  

Martin: Wenn es nicht reicht, müssen wir mehr tun. Wir sind ja auch schon mittendrin.   

PROFIL: Wo besteht der größte Aufholbedarf?  

Martin: Am meisten Sorgen mache ich mir um die Schüler, die in ihrer Familie nicht so viel Unterstützung beim Distanzlernen hatten wie andere. Die soziale Schere beim Lernerfolg darf nicht weiter aufgehen. Sie brauchen individuelle Förderung. Dafür geben wir zusätzliche Kapazitäten in die Schulen, damit sie z.B. Lehramtsstudierende oder Honorarkräfte beschäftigen können. Auch erhalten die Schulen ein Budget für zusätzliches Lehrmaterial. Ein weiteres Beispiel: Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern 2000 Seen und die Ostsee. Die 3. und 4. Klassen hatten in den vergangenen zwei Schuljahren kaum Schwimmunterricht, weil die Schwimmbäder geschlossen waren. Wir holen das jetzt in der 6. Klasse nach.  

PROFIL: Sind die Schulgebäude in Mecklenburg-Vorpommern für eine vierte Corona-Welle gerüstet?  

Martin: Die Hygienekonzepte wurden bisher hervorragend umgesetzt. Zu keiner Zeit waren Schulen in unserem Bundesland Pandemietreiber. Wir haben Tests beschafft, die bis nach den Oktoberferien ausreichen. Wir erproben auch die Lolli-Pool-Test-Methode. Außerdem haben wir ein Lufthygiene-Programm aufgelegt. Wir wissen aus Studien, dass die Luftfilter in bestimmten Fällen zusätzlich schützen können. Wir wissen aber auch, dass die Geräte nicht das Lüften ersetzen. Eine flächendeckende Ausrüstung der Schulen und Klassenzimmer mit Luftfiltern ist deshalb nicht erforderlich. Wir wissen auch von Schulen, die keine Luftfilter in den Klassenzimmern haben wollen. Sie sagen, sie seien zu laut, stören den Unterricht und man muss trotzdem regelmäßig lüften. Schulträger und viele Schulen ziehen deshalb eine CO2-Ampel vor, deren Anschaffung wir neben den Luftfiltergeräten ebenfalls unterstützen. Bis Herbst wird diese sehr breit im Einsatz sein.  

PROFIL: Wie groß ist die Impfbereitschaft unter den Lehrkräften in Mecklenburg-Vorpommern?  

Martin: Sie war erfreulich hoch. Durch eine Studie wissen wir, dass ca. 90 Prozent das Impfangebot des Landes im Frühjahr angenommen haben. Damit schützen die Lehrkräfte nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Schülerinnen und Schüler. Denn wir wissen, dass in den vergangenen Monaten viele der Corona-Infektionen über die Erwachsenen in die Schulen getragen wurden. Wir sind heute mit dem Impfschutz in der Pandemie an den Schulen also in einer ganz anderen Situation als noch vor einem Jahr. Ein Riesen-Lob an die Lehrkräfte, die eine Impfbereitschaft hingelegt haben, die weit über der in der normalen Bevölkerung liegt!  

PROFIL: Kommen wir zum Thema Abitur. Die KMK hat festgelegt, dass nur zwischen 32 und 40 Oberstufenkurse in die Bewertung einfließen. Ist das Ihre Meinung nach genug?  

Bettina Martin: Ich glaube, es ist absolut richtig, dass die KMK in diesem Punkt festgelegt hat, dass wir uns aufeinander zubewegen. Ich unterstütze das Ziel eines einheitlicheren Abiturs. Dabei kann es nicht nur um die Prüfung gehen, sondern auch um den Weg dorthin. Es ist richtig, dass die gymnasiale Oberstufe in den Ländern einheitlicher geregelt wird – dazu muss auch die Anzahl der Kurse zählen.  Ob es dann 32 oder 40 Kurse sind, das müssen wir miteinander abstimmen.   

PROFIL: Wie kann das Abitur anspruchsvoll sein, wenn z. Bsp. alle Kurse in Mathematik und Deutsch in der gesamten Oberstufe mit unter fünf Punkten – also mangelhaft – abgeschlossen und eingebracht werden dürfen?  

Martin: Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern ein anspruchsvolles Abitur. Bei uns sind Abiturprüfungen in den Fächer Deutsch und Mathematik zwingend vorgeschrieben. Das ist nicht in allen Bundesländern so. Bei der Berechnung der Ergebnisse der Gesamtqualifikation müssen dann von insgesamt 36 Halbjahresleistungen 29 mit mindestens jeweils fünf Punkte erreicht werden. Somit können die Schülerinnen und Schüler zwar einige Kurse auch in Mathematik und Deutsch mit mangelhaften Halbjahresleistungen in das Abitur einbringen, jedoch nicht alle. Kurse, die mit null Punkten bewertet wurden, können weder auf die Belegungs- noch auf die Einbringungsverpflichtungen angerechnet werden. 

PROFIL: Wie denken Sie über ein 13-jähriges Gymnasium?  

Martin: Ich verstehe die Kritik an G8. Ich finde es deshalb auch richtig, dass bei uns zum Beispiel an den Fachgymnasien mehr Zeit ist. Aber das ganze System erneut in Frage zu stellen, macht aktuell keinen Sinn.  

PROFIL: Die Schülerinnen und Schüler in Mecklenburg-Vorpommern können nur sechs Jahre aufs Gymnasium gehen, in anderen Bundesländern gehen sie früher und damit länger. Wie kommen wir da zu mehr Einheitlichkeit?  

Martin: Wir haben in Klasse 5 und 6 eine Orientierungsstufe. Hier lernen die Kinder noch zusammen, aber orientieren sich bereits, bevor die Entscheidung für die weiterführende Schule getroffen wird. Das hat viele Vorteile für die Kinder.   

PROFIL: Stichwort Lehrermangel! Mecklenburg-Vorpommern hat zu diesem Schuljahr Lehrkräfte aus Polen angestellt. Wie das?  

Martin: Wir haben ein Pilotprojekt gestartet, in dem polnische Lehrkräfte zunächst die deutsche Sprache vertiefen und dann an ihrer Einsatzschule in Vorpommern weiter qualifiziert werden. Wir haben hier in der Nachbarschaftsregion viele Familien aus Polen, vor allem mit der Region Stettin gibt es großen Austausch. An einigen Schulstandorten gibt es bilinguale Angebote von der Kita bis zum Abitur. An vielen Schulen in der Grenzregion kann Polnisch als zweite Fremdsprache angewählt werden. Wir bieten Polnisch auch als Abiturfach an. Die polnische Sprache hat für die Entwicklung der Nachbarregion zu Polen ein hohes Potenzial. Die Lehrkräfte, die ich bisher kennenlernen durfte, sind hochmotiviert und sprechen hervorragendes Deutsch.  

PROFIL: Werden Sie noch mehr Lehrkräfte aus dem Ausland einladen?  

Bettina Martin: Gut ausgebildete Lehrkräfte sind bei uns immer willkommen – wichtig ist, dass sie die deutsche Sprache beherrschen. Wir bereiten deshalb auch gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit weitere Qualifizierungsprojekte für Lehrkräfte vor, die aus anderen Ländern, wie z.B. Griechenland, Frankreich und Spanien zu uns kommen möchten.  

PROFIL: Wie hoch soll künftig das Unterrichtsdeputat in Ihrem Bundesland sein?  

Martin: Das Unterrichtsdeputat ist in MV vergleichsweise hoch. Wir haben gerade mit den Gewerkschaften den „Bildungspakt für gute Schule“ geschlossen, um in den kommenden Jahren auch die schwierigen Themen anzupacken. Da ist das Deputat mittelfristig auch ein Thema, aber wir werden das sicher nicht über Nacht lösen.  

PROFIL: Wie werden Sie Gymnasiallehrer entlasten?  

Martin: Wir haben in 2020 ein 200-Millionen-Euro-Schulpaket eingeführt, von dem auch die Gymnasiallehrkräfte profitieren. Zum Beispiel haben wir in diesem Zuge in der gymnasialen Oberstufe seit vergangenem Jahr zusätzliche Anrechnungsstunden eingeführt. Auch gibt es seit 2020 zwei zusätzliche Anrechnungsstunden ab 63 – und damit insgesamt vier Altersanrechnungsstunden. Wichtig ist auch zusätzliche Entlastung für die Schulleitungen – sie leisten gerade in der Corona-Zeit enorm viel. Es wäre viel gewonnen, wenn wir sie von bestimmten administrativen Aufgaben entlasten können. Wir führen gerade zusätzliche Administrationskräfte – zunächst an den Brennpunkt- und Beruflichen Schulen – ein. Über weitere Schritte sprechen wir auch im Rahmen des „Bildungspakts gute Schule“. 

PROFIL: Sie sind Mitglied des Bundes-SPD-Vorstandes. Welche Rolle spielt Bildungspolitik für die SPD nach der Bundestagswahl?  

Bettina Martin: Eine große. Für die SPD ist das Bildungsthema schon immer eine Herzensangelegenheit. Aber in der Pandemie haben inzwischen wohl alle verstanden, dass wir unsere Schulen zukunftsfest machen müssen. Die Bildungspolitik hat aktuell einen höheren Stellenwert als je zuvor – zurecht. Denn es gibt viel zu tun – sowohl im Bereich der Ausstattung als auch bei der Frage, wie und was Kinder und Jugendliche eigentlich lernen müssen, um in diesen Zeiten des ökonomischen und gesellschaftlichen Wandels gut für die Zukunft gerüstet zu sein. Da spielt natürlich die Digitalisierung eine zentrale Rolle.  Wir – Bund und Länder – müssen in diesem Bereich weiter an einem Strang ziehen. Der Digitalpakt endet 2024, aber das heißt nicht, dass es dann damit getan ist.  

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