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„Alle Bildungsminister haben gerade einen harten Job“

Interview mit KMK-Präsidentin Britta Ernst

„Alle Bildungsminister haben gerade einen harten Job“

Sie ist seit Januar die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) – Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (59, SPD). Mit PROFIL sprach die gebürtige Hamburgerin über Digital-Unterricht in Corona-Zeiten, das Abitur 2021 und ihre Hoffnung, die Kultusminister der Länder 2021 doch noch persönlich statt digital zu treffen.

Von KAROLINA PAJDAK

 

Profil: Frau Ministerin, das Motto Ihrer KMK-Präsidentschaft 2021 lautet: „Lernen und Lehren – Guter Unterricht in den Zeiten digitaler Transformation“. Wie sieht denn guter Unterricht in diesen Zeiten konkret aus?

Britta Ernst: Wir wissen eine ganze Menge über guten Unterricht. Ein wichtiges Stichwort ist kognitive Aktivierung, so dass die Schülerinnen und Schüler auch wirklich etwas lernen. Es muss klar sein, dass der Einsatz digitaler Medien nicht automatisch zu einer Verbesserung des Unterrichts führt. Wir brauchen darüber insgesamt noch mehr Wissen. Wir müssen uns darüber auf KMK-Ebene mit Expertinnen und Experten auch fachlich austauschen, um in Zukunft an die Schulen gute Erkenntnisse weitergeben zu können.

Wieviel Digitales können Lehrer und Schüler überhaupt vertragen?

Ich glaube, dass wir in ein paar Jahren darüber gar nicht mehr reden, sondern, dass es dann zu einem ganz selbstverständlichen Einsatz digitaler Lernmedien im Unterricht kommt.

Wird es Errungenschaften aus dem Unterricht während der Corona-Pandemie geben, die wir für die Zukunft beibehalten?

Auf jeden Fall! Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Ich denke, dass wir gute Erfahrungen mit noch mehr eigenverantwortlicher Arbeit von Schülerinnen und Schülern gemacht haben. Ein weiterer Punkt wird sein, dass wir langzeiterkrankte Kinder, die Abstand halten müssen, sie viel leichter wieder in das Unterrichtsgeschehen einbinden können.

Das heißt, der Lehrer sitzt auf dem Beifahrersitz und leitet nur noch an?

Nein, wir wissen aus den vergangenen Monaten, dass der direkte Kontakt zwischen Schüler und Lehrkraft durch nichts zu ersetzen ist und, dass es genügend Schülerinnen und Schüler gibt, die ihre Lernprozesse nicht selbst steuern können.

Stichwort Abitur 2021. Kann die Qualität des Abschlusses unter Corona-Bedingungen gehalten werden?

Wir haben 2020 die Abiturprüfungen bundesweit sehr erfolgreich durchgeführt. Wir sind froh, dass den Schülerinnen und Schülern dadurch keine Nachteile entstanden sind, und wir sind fest entschlossen, alles zu tun, damit das Abitur 2021 gleichwertig durchgeführt werden kann. Die KMK legt deshalb auch großen Wert darauf, dass die Abschlussklassen lange und viel beschult werden.

Sind unsere Schulen nach den Erfahrungen aus dem Corona-Frühling 2020 gut genug auf den Corona-Winter 2021 vorbereitet?

Sie sind auf jeden Fall viel, viel besser vorbereitet. Jede Schule hat ein Konzept, wie Distanzunterricht erfolgen kann. Es gibt kluge Konzepte, welche Inhalte für Distanzunterricht besonders gut geeignet sind. Es gibt Erfahrungen und auch Regeln, wie der Kontakt gehalten wird – analog oder digital. Auch die technische Ausstattung der Schulen hat sich deutlich verbessert. Die Lernplattformen sind ausgeweitet worden. Brandenburg hat jetzt deutlich über 500 Schulen, die die Schul-Cloud nutzen. Zu Beginn der Pandemie waren es 50. Durch die Erweiterung des Digitalpaktes bekommen die Schülerinnen und Schüler aus einkommensschwachen Haushalten eigene Endgeräte. Es gibt aber noch genug Schulen, an denen es schlichtweg am schlechten Internet scheitert.

Müssen die Kultusminister hier nicht einmal den Bundesverkehrsminister in die Pflicht nehmen?

Uns ist wichtig, dass der Breitbandausbau voran geht und die Schulen beim Anschluss bevorzugt werden. An vielen Schulen hat aber schon der Digitalpakt geholfen, der Wlan-Zugang ermöglicht hat.

Stichwort Digitalpakt. Brauchen wir nicht schon den nächsten?

Ja, wir wünschen uns auf alle Fälle eine Fortsetzung. Wir brauchen in der Zukunft regelmäßig höhere Investitionen in den Digital-Ausbau. Wir wollen, dass das auch in Zukunft Bund, Länder und Kommunen gemeinsam bewältigen.

Was erwarten Sie dabei von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek?

Die Bundesregierung hat uns mit dem Digitalpakt schon sehr geholfen.

Sollte sich Frau Karliczek nicht im Zuge der Corona-Pandemie etwas stärker einmischen – Föderalismus hin oder her?

Alle Bildungsministerinnen und Bildungsminister haben gerade einen harten Job – egal, ob auf Bundes- oder Länderebene.

Auch die Lehrer haben einen harten Job.

Die Lehrer machen einen großartigen Job. Sie sind durch die andere Art, Unterricht zu machen, sehr belastet. Sie haben unglaublich viel dazu gelernt – sie mussten Programme lernen, lernen die Cloud zu bedienen, lernen ihren Unterricht umzustellen. Ich bin unseren Lehrerinnen und Lehrern sehr dankbar.

Brauchen die Lehrkräfte nicht noch viel mehr Fortbildungsmaßnahmen?

Die Länder haben sich dazu verpflichtet, die digitale Fortbildung für Lehrkräfte deutlich auszuweiten. Das muss sehr konkret auf die wirklich benötigten Anforderungen abgestellt sein. Wir haben den Fortbildungsbedarf bereits abgefragt und hoffen, die Lehrkräfte so wirklich effektiv unterstützen zu können. Fortbildungen müssen auf die konkreten Personengruppen zugeschnitten sein. Eine Schulleitung braucht doch ganz andere Maßnahmen als die qualifizierte Fachlehrkraft.

Was erwarten Sie von den Brandenburger Lehrern konkret?

Wir haben einen Rahmen für das Distanzlernen ausgearbeitet, die Schulen haben das konkretisiert. Mir ist wichtig, dass es die Lehrkräfte schaffen, den Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern zu halten, damit alle an der Bildung partizipieren können.

Sie erwarten, dass sich Lehrer über den Lehrplan hinaus engagieren.

Wir sehen schon ein großes Engagement. Ich mache mir da keine Sorgen.

Was muss die Politik aus der Corona-Krise lernen, und was muss die KMK daraus lernen?

Die Politik hat gelernt, dass der Digitalisierungsprozess an Schulen einen besonders hohen Stellenwert in der Gesellschaft hat und, dass wir in unseren Anstrengungen dazu nicht wieder zurückfallen dürfen. Die KMK hat gelernt, unglaublich eng zusammenzuarbeiten und jede Phase dieser Pandemie mit gemeinsamen Entscheidungen zu begleiten. Wir haben sehr aktiv auf die Meinungsbildung in Deutschland Einfluss genommen. Wir haben die Schulen nach den Sommerferien wieder geöffnet. Das alles war eine neue und sehr intensive Zusammenarbeit der Kultusminister.

 

Lesen Sie hier auch den Artikel von Susanne Lin-Klitzing zum Corona-Bildungsnotstand

 

Wurde und wird die Gesundheit von Lehrern während der Pandemie gut genug geschützt?

Wir haben durch Teststrategien, die viel Geld gekostet haben, dazu beigetragen, dass das pädagogische Personal sich sicher fühlt. Das ist auch genutzt worden. Wir, die Kultusminister, sind ganz klar darin, dass Schul- und auch Kitapersonal bei den Impfungen weit vorn dran sein muss.

Es gibt nicht wenige Schulen, in denen nicht einmal die Fenster ordentlich geöffnet werden können. Sind die Kommunen mit Schulbau- und Schulinstandhaltung überfordert?

Viele Schulträger engagieren sich sehr. Wir sehen nur eine gewisse Unterschiedlichkeit in den Ausstattungsfragen. In Brandenburg unterstützen wir die Kommunen mit einem ergänzenden Investitionsprogramm des Landes.

Wie können Lehrer in der Pandemie entlastet werden? Müssen die Eltern stärker eingebunden werden?

Die Eltern haben gerade in der ersten Welle unglaublich viel getan. Wir versuchen die Brandenburger Lehrerkräfte zu entlasten, in dem wir zum Beispiel regelmäßige Abfragen an den Schulen deutlich zurückgefahren haben. Wir haben die Vergleichsarbeiten ausgesetzt und das ist uns nicht leicht gefallen. Eine Pandemie ist immer mit Mehrarbeit verbunden.

Wie stellen Sie sich Schule in zehn Jahren vor?

Wir reden dann gar nicht mehr über Technik, sondern setzen sie ganz selbstverständlich ein. Wir gehen dann noch stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler ein. Immer weniger Schülerinnen und Schüler werden zur gleichen Zeit das Gleiche machen.

Brauchen wir dann auch noch Pisa-Studien?

Wir brauchen die Pisa-Studien dringend. Ich erinnere mich noch gut an den Pisa-Schock 2001. Dieser Schock war absolut notwendig. Dass Bildungspolitik auf einer empirischen Basis stattfindet, sollte nicht wieder aufgegeben werden. Es gehört zu einer modernen Bildungspolitik, dass man sich alle paar Jahre vergewissert, wie gut die Leistung des Systems, aber auch der Schülerinnen und Schüler, ist. Pisa hat geholfen, unser Bildungssystem deutlich zu verbessern. Wir haben im Bereich der Standardisierung und der wissenschaftlichen Begleitung Konsequenzen gezogen, die dem Bildungssystem geholfen haben. Wir haben zum Beispiel das IQB gegründet und führen regelmäßig den IQB-Bildungstrend durch.

Haben dann Länder wie Berlin und Bremen einfach nichts gelernt?

Die haben ganz viel gelernt, aber sie sind mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. In den Ergebnissen dieser Studien spiegelt sich natürlich die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft in den Ländern wieder.

Der DPhV setzt sich für einheitliche Vorgaben für die Nachqualifikation von Quer- und Seiteneinsteigern und zwar sowohl mit universitärer als auch mit pädagogischer Nachqualifikation ein. Welche Ziele haben Sie in dieser Hinsicht?

Es ist wichtig, dass wir die Ausbildungskapazitäten an der Uni Potsdam erhöht haben, damit wir in der Zukunft mehr grundständig ausgebildete Lehrkräfte bekommen. Für die Zeit, in der wir mit vielen Seiteneinsteigern arbeiten, haben wir ein systematisches Qualifizierungsprogramm, auch mit der Perspektive nach den Maßnahmen unbefristet eingestellt zu werden, entwickelt. Unser Ziel ist, dass sich möglichst viele noch zur vollwertigen Lehrkraft qualifizieren, um den Titel Seiteneinsteiger auch irgendwann zu verlieren.

Wie kann man denn Abiturienten dazu ermutigen, Lehramt zu studieren?

Lehrer ist ein sehr attraktiver Beruf. Es bedeutet, ein Leben lang mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten und das ist etwas Tolles. Wir wünschen uns vor allem, dass sich mehr junge Leute für ein Lehramtsstudium mit naturwissenschaftlichen Schwerpunkten begeistern. Deutsch und Geschichte interessiert genügend Studierende.

In Brandenburg müssen zukünftige Lehrer einen 12monatigen Vorbereitungsdienst absolvieren. Ist das genug?

Die gesamte Lehrerausbildung ist sehr lang. Sechs Jahre sind genug, um eine gute Lehrerin oder ein guter Lehrer zu werden. Wir haben innerhalb der Ausbildung umgeschichtet und Praxisteile nach vorn verlegt.

Wie werden Sie die ständige wissenschaftliche Kommission der KMK besetzen?

Das ist eine schwierige Aufgabe, die ich zum Glück nicht entscheiden muss. Wir haben in der KMK eine Findungskommission unter Leitung von Prof. Dr. Prenzel eingesetzt, die uns hoffentlich im März oder spätestens im Juni eine Lösung präsentieren wird. Ich bin mir sicher, dass die zwölf künftigen Mitglieder der wissenschaftlichen Kommission der KMK helfen werden noch bessere Bildungspolitik zu machen.

Glauben Sie, dass Sie während Ihrer KMK-Präsidentschaft unter Corona-Bedingungen überhaupt die Kultusminister einmal von Angesicht zu Angesicht sehen werden?

Das hoffe ich doch sehr! Es ist Tradition, dass der amtierende Präsident bzw. die amtierende Präsidentin die Kultusminister in ihr Bundesland einlädt. Ich plane ganz fest: Im Juni lade ich alle nach Potsdam ein!


Credit: MBJS Brandenburg
Britta Ernst

Zur Person

Bildungsministerin Britta Ernst

KMK-Präsidentin Britta Ernst ist seit 2017 Bildungsministerin in Brandenburg, zuvor war die Ehefrau von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) Kultusministerin in Schleswig-Holstein. Ernst ist studierte Sozialökonomin und war Mitglied der Hamburgischen Bürgschaft. Ihr derzeitiges Amt als Präsidentin der Kultusministerkonferenz gibt sie Ende des Jahres an Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) weiter.

Britta Ernst möchte sich in ihrem Jahr als KMK-Präsidentin vor allem mit „gutem Unterricht in den Zeiten digitaler Transformation“ beschäftigen

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