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Schleswig-Holsteins KM Karin Prien (CDU): DAS ist mir als KMK-Präsidentin wichtig!

    Von Karolina Pajdak 

    Kiel – Es sind nur noch wenige Wochen, dann wird Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz (KMK) übernehmen. In PROFIL spricht sie schon vorab über die Ziele der KMK, die Sicherung eines hochwertigen Abiturs und Entlastungen für Lehrkräfte. 

     

    PROFIL: Ministerin Prien, in wenigen Wochen beginnt Ihre Amtszeit als Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Welchen Schwerpunkt werden Sie setzen und warum? 

    Karin Prien: Der thematische Schwerpunkt unserer KMK-Präsidentschaft wird sicher das Lernen aus der Pandemie werden. Die CoronaPandemie und die Schulschließungen haben einen enormen Entwicklungsschub in unserem Schulsystem ausgelöst. Aus vielen Herausforderungen haben sich sehr vielversprechende Schulentwicklungsprozesse ergeben, die zu erhalten mir ein wichtiges Anliegen ist. 

     

    PROFIL: Welche Ziele und Wünsche verbinden Sie mit dieser Präsidentschaft? 

    Prien: Nehmen wir das eben genannte Beispiel: Genau diese Schulentwicklungsprozesse finden ihren Niederschlag in bundesweiten Debatten und Verständigungen. Dies möchte ich gern erhalten. Austausch und Kooperation – auch mit den wissenschaftlichen Einrichtungen und den lehrkräfteausbildenden Hochschulen – können derzeitigen und zukünftigen Lehrkräfte und Schülergenerationen ganz neue Perspektiven auf die Schule eröffnen.  

     

    PROFIL: Sie wollen in Schleswig-Holstein neue Schwerpunkte für die Lehrerbildung setzen. Welche sind das und warum? 

    Karin Prien: Mein Ziel ist es, die erste, zweite und dritte Phase der Lehrerbildung stärker zu verzahnen. Auf der Basis des internationalen Forschungsstands, erfolgreicher Entwicklungen und etablierter Strukturen sollen Formate digitaler und digital unterstützter Lehr-Lern-Prozesse qualitätsgesichert generiert und in der Breite verfügbar gemacht werden. Das muss zum Beispiel in enger Kooperation zwischen Universitäten, dem IPN und unserem Landesinstitut erfolgen. Dabei sollen zum einen digitale Lernumwelten entwickelt und zum anderen wissenschaftlich fundierte Formate bzw. Module für die der Lehrkräfte- Aus-, -Fort und -Weiterbildung bereitgestellt werden. Dadurch sollen Prozesse der unterrichtsbezogenen Schulentwicklung sowie der damit verbundenen Professionalisierung von Lehrkräften und Bildungsfachkräften weiterentwickelt werden. Diese neue Zusammenarbeit wird auch einen Beitrag dazu leisten, dass alle gemeinsam für den Lehrkräfteberuf werben und damit einen Beitrag leisten, dass wir den Lehrkräftebedarf in den kommenden Jahren decken können. 

     

    Karin Prien (56, CDU) ist seit 2017 Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Schleswig- Holstein. Die gebürtige Niederländerin hat Rechtswissenschaften studiert, Credit: Frank Peter

    PROFIL: Stichwort „Aufholen nach Corona“ – Wie gut haben die Schülerinnen und Schüler in Schleswig-Holstein bereits aufgeholt? 

    Prien: Es ist noch zu früh, konkrete Aussagen dazu zu treffen. Wir haben aber ein ganzes Bündel von Maßnahmen auf den Weg gebracht – mit Landes- wie auch Bundesmitteln. 

    Im Vordergrund stehen insbesondere Schülerinnen und Schüler, die zum Beispiel aufgrund ihres Lernstandes oder sozialer Benachteiligung einen besonderen Unterstützungsbedarf haben und eine zusätzliche Motivation, Förderung und Stärkung verdienen. 

    Für unsere Schülerinnen und Schüler bedeutet das zusätzliche Lern- und Förderangebote in Bezug auf ihre fachlichen und auch überfachlichen Kompetenzen. Für die Schulen stehen eine Verstärkung des Personals und der Unterstützungssysteme an Schulen zur Verfügung, um den Anforderungen gerecht werden zu können. Ich gehe – wie viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – davon aus, dass es nicht nur um kurzfristige Maßnahmen gehen kann, sondern, dass wir unser Augenmerk auf mögliche Benachteiligungen von Schülerinnen und Schülern in den kommenden zwei Jahren legen müssen. Das heißt aber auch, Entwarnung zu geben, wenn uns die Vergleichsstudien und die diagnostischen Anstrengungen zeigen, dass sich Schulen im grünen Bereich befinden. Mehr denn je gilt aber, dass wir niemanden zurücklassen dürfen. 

     

    PROFIL: Wie lange wird es im Abitur noch sogenannte „Corona-Erleichterungen“ geben? 

    Karin Prien: Die Schülerinnen und Schüler, die 2020, 2021 und 2022 zu Abschlussprüfungen angetreten sind und antreten, hatten andere Rahmenbedingungen zu bewältigen als die Jahrgänge vor ihnen – denken Sie an psychische Drucksituationen wegen der Pandemie, an weniger direkten Kontakt zu Lehrkräften, Mitschülerinnen und Mitschülern, an zunächst geschlossene Schulen und später wechselnde Lernsettings. Um diesen besonderen Voraussetzungen gerecht zu werden, haben die Länder sich in der KMK auf Maßnahmen verständigt, wie zum Beispiel eine erweiterte Auswahl bei den Abituraufgaben und eine Verlängerung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde. Ich würde daher nicht von „Corona-Erleichterungen“ sprechen, sondern von einem fairen Ausgleich. Die Abiturientinnen und Abiturienten und ihre Lehrkräfte haben das Beste daraus gemacht, sie verdienen unser aller Hochachtung. Wir werden uns mit den anderen Ländern sehr genau ansehen, wie die Bedingungen für den nächsten Jahrgang sich entwickeln, um angemessene Maßnahmen zu treffen. Es geht dabei um Studierfähigkeit, Fairness und Vergleichbarkeit. 

     

    PROFIL: Wie wollen Sie ein Abitur auf hohem Niveau sichern? 

    Karin Prien: Das muss auf vielen Ebenen geschehen: Wir sprechen in der Kultusministerkonferenz und auch mit den Hochschulen über Standards, wir vereinheitlichen Vorgaben und entwickeln ländergemeinsame Prüfungsaufgaben. Dabei ist mir wichtig, dass wir nicht auf einem kleinsten gemeinsamen Nenner landen, sondern im Bildungswettbewerb der Länder eine Allgemeinbildung vermitteln, die sich durch Breite und Tiefe auszeichnet. In Schleswig-Holstein haben wir eine Oberstufenreform entwickelt, die Defizite der bisherigen Profiloberstufe korrigiert und Leistung fördert. Drei Fächer werden auf erhöhtem Niveau belegt, jeweils mit einer Wochenstunde mehr als bislang. Das kommt der Vertiefung zugute.        

     

    PROFIL: Die KMK ermöglicht es Abiturienten, durch sämtliche Basiskurse in Deutsch und Mathematik in der Oberstufe „durchzufallen“. Der DPhV kritisiert das scharf. Welche Lösungsmöglichkeiten sehen Sie? 

    Prien: Dass jemand die Abiturprüfung trotz durchgängig mangelhafter Leistungen in Deutsch und Mathematik besteht, scheint mir eher eine theoretische Möglichkeit. In unserem Prüfungssystem in Schleswig-Holstein kann ich mir ein solches Szenario nicht vorstellen. 

     

    PROFIL: Der DPhV spricht sich dafür aus, dass in allen Bundesländern möglichst viele Oberstufenkurse in die Abiturwertung eingebracht werden. Wie positionieren Sie sich in dieser Frage? 

    Karin Prien: Es leuchtet ein, dass ein Großteil der pflichtgemäß zu belegenden Kurse auch eingebracht werden müssen. Die reine Zahl der einbringpflichtigen Ergebnisse ist dafür aber kein guter Maßstab – auch deshalb, weil ein Schulsystem nur dann viele Halbjahresergebnisse produziert, wenn viele Fächer belegt werden müssen. Das heißt in der Oberstufe: viele Fächer mit jeweils nur zwei Wochenstunden. Das ist an manchen Stellen notwendig, um die Breite des Fächerspektrums zu gewährleisten, aber es ist kein Ziel an sich. Die Ansprüche des Oberstufenunterrichts in Bezug auf vertiefte Allgemeinbildung lassen sich grundsätzlich besser erreichen, wenn Fachunterricht mehr als zwei Wochenstunden zur Verfügung hat. Ich halte die in Schleswig-Holstein einbringpflichtigen 36 Ergebnisse in dieser Hinsicht für einen sehr gut ausbalancierten Wert. 

     

    PROFIL: In Schleswig-Holstein ist festzustellen, dass Schülerinnen und Schüler der Oberstufe in Gymnasien nach Hamburg abwandern, weil sie sich dort ein „leichteres Abitur“ erhoffen. Auch innerhalb Schleswig-Holsteins stellen wir Schülerströme weg von den Gymnasien, hin zu den Beruflichen Gymnasien aus dem gleichen Grund fest. Wie steuern Sie dem entgegen? 

    Prien: In Bezug auf die länderübergreifende Vergleichbarkeit verweise ich auf die im letzten Jahr geschlossene Ländervereinbarung, deren begleitende „Politische Vorhaben“ ausdrücklich den Auftrag enthalten, die Rahmenbedingungen der Länder noch deutlich stärker anzugleichen, als dies bisher bereits der Fall ist. In den Gremien der KMK ist die Arbeit daran auf einem guten Weg. Ein wichtiger Aspekt ist der Abituraufgabenpool der KMK, der allmählich seiner Experimentierphase entwächst und erkennbar zur Vergleichbarkeit der Prüfungsanforderungen und -bedingungen in den Ländern beitragen wird. 

    In Bezug auf die verschiedenen Wege innerhalb der Länder, die zum Abitur führen, stehe ich dazu, dass Angebote, die an verschiedenen Stellen in der Bildungsbiographie ansetzen und den Weg zum Abitur öffnen, von großer Bedeutung sind, um Bildungschancen zu öffnen. Die Lernbedingungen werden daher nicht in jeder Hinsicht dieselben sein können. Die Ergebnisse müssen am Ende vergleichbar sein. 

     

    PROFIL: Die Belastungen für Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer in Schleswig-Holstein sind sehr hoch. 25,5 Wochenstunden Unterricht, extrem viele und ständig zunehmende außerunterrichtliche Aufgaben sowie eine zunehmend heterogene Schülerschaft sind kaum noch zu bewältigen. Wo wollen und können Sie die Lehrkräfte konkret entlasten? 

    Karin Prien: Ich sehe, dass die Lehrkräfte herausfordernde Aufgaben zu bewältigen haben und dass sich Arbeitsbedingungen wie in anderen Berufen auch verändert haben und auch weiter verändern werden. Unstrittig ist auch, dass die Corona-Pandemie für alle eine extreme Herausforderung bedeutete und noch bedeutet. Ich habe großen Respekt vor dem geleisteten Einsatz, der Kreativität und dem Engagement, mit denen die Lehrkräfte sich den Herausforderungen der Corona-Pandemie gestellt haben, und bin dafür sehr dankbar. Dies gilt jedoch nicht nur für die Lehrkräfte an Gymnasien, sondern für die Lehrkräfte aller Schularten. Entsprechend müssen Maßnahmen zur Entlastung von Lehrkräften im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel immer alle Lehrkräfte im Blick haben. In SH haben wir als konkrete Maßnahmen hierzu in jüngster Zeit z.B. die Ressourcen für Leitungszeit erhöht und auch zusätzliche Zeitressourcen zur Umsetzung der pädagogischen Anforderungen in die Schulen gegeben. Ich möchte auch gern erwähnen, dass wir zusätzliche Stellen in einem erheblichen Umfang eingeworben haben, um die Lehrkräfte zu entlasten, die in den Schulen zur Umsetzung der digitalen Umsteuerung beitragen und andere Lehrkräfte unterstützen und Konzepte entwickeln. 

     

    PROFIL: Die nachhaltige Finanzierung der digitalen Endgeräte für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler ist in vielen Bundesländern ein Problem. Wie lösen Sie dies in Schleswig-Holstein? 

    Prien: Schleswig-Holstein hat sich dafür entschieden, dass LK-Endgeräteprogramm als Landesprogramm zu gestalten und nicht wie viele andere Bundesländer durch Bereitstellung der Bundesmittel im Rahmen einer Förderrichtlinie, bei denen die Endgeräte vor Ort beschafft werden. Das Projekt ist dadurch in der Einführung komplexer, aber langfristiger und nachhaltiger ausgerichtet. Aufgrund eines entsprechenden Beschlusses des Landtages (LT-Beschluss Drs. 19/3100) bringen wir zudem eine Kommission auf den Weg, die zum Ziel hat, eine nachhaltige Finanzierung bzw. die Finanzteilung zwischen Land und Kommunen bis zum Ende des DigitalPakts zu klären und dafür zu sorgen, dass wir die Digitalisierung in den Schulen nachhaltig sichern und für die Zukunft fortschreiben.  

     

    PROFIL: Für eine Einarbeitung in Kommunikations- und Lernplattformen (z.B. „itslearning“) veranschlagen Experten mindestens zwei Stunden täglich für ca. vier Wochen. Die Lehrkräfte bekommen dafür keine zusätzliche Zeit gutgeschrieben. Ist das gerecht? 

    Prien: Die Nutzung des Lernmanagementsystemdes Landes ist ein freiwilliges Angebot an Schulen. Neben dem Lernmanagementsystem des Landes gibt und gab es auch vorher schon Softwareprodukte, in die eine Einarbeitung im Rahmen der Arbeitszeit stattgefunden hat. Schule befindet sich in einem Wandel, in dem nicht nur durch die CoronaPandemie im Schulalltag mehr digitale Elemente berücksichtigt werden müssen. Dies wirkt sich auch auf die Art des Unterrichts und die Begleitung durch Lehrkräfte aus. Das Land stellt für den Bereich der pädagogischen Digitalisierung den Schulen Stellen zur Verfügung, um diese sowohl strukturell als auch konzeptionell zu unterstützen. Tatsache ist aber auch, dass sich Lehrkräfte – wie andere Beschäftigte auch – im Rahmen ihrer Arbeitszeit mit diesen Veränderungen – im Rahmen ihrer Fortbildungsverpflichtung – vertraut machen müssen. Wir werden uns in einer sich weiter digitalisierenden Welt zudem damit auseinandersetzen müssen, dass einmal beschaffte Programme nicht die gesamte Schulzeit einzusetzen sind, sondern sich ihrerseits stetig wandeln. Es gilt daher gemeinsam zu überlegen, wie Lehrkräfte schon frühzeitig auf diese Veränderungen bestmöglich vorbereitet werden können.    

     

    PROFIL: Im Zuge der Digitalisierung wird von Lehrkräften inzwischen erwartet, immer und überall erreichbar zu sein. Der Philologenverband Schleswig-Holstein wünscht sich deshalb von Ihrem Ministerium einen Codex, der die Trennung von Berufs- und Privatleben der Lehrkräfte garantiert. Kommt der? 

    Karin Prien: Lassen Sie mich zunächst einmal grundsätzlich festhalten: Niemand erwartet, dass Lehrkräfte rund um die Uhr erreichbar sind. Etwas Anderes ist, dass – ausgelöst durch die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation – viele Menschen das Empfinden haben, dass diese Erwartung besteht. Es ist in der Tat eine Herausforderung, hier auch persönlich eine gute Balance und Abgrenzung zwischen Berufs- und Privatleben zu finden. Auch das gilt nicht nur für Lehrkräfte. 

    Wir haben in Schleswig-Holstein in einer Dienstvereinbarung zwischen dem Ministerium und dem Hauptpersonalrat der Lehrkräfte zum Einsatz und zur Nutzung von digitalen Diensten einen Rahmen vorgegeben, der bezüglich der Erwartungshaltung Klarheit schafft. Konkret heißt das: Das E-Mailpostfach ist mindestens einmal an allen Tagen mit individueller Unterrichtsverpflichtung zu prüfen. Es besteht keine Verpflichtung zur Prüfung des Posteingangs am Wochenende oder in den Schulferien. Darüber hinaus liegt es in der Hand der Beteiligten vor Ort, sich auf weitere Verfahrensweisen zu verständigen, die einen klaren Rahmen geben und transparent machen, dass eben keine Verfügbarkeit rund um die Uhr erwartet wird. Dies ist aber kein neues Phänomen, denn auch eine telefonische Erreichbarkeit hat in der Vergangenheit ein ähnliches Problem dargestellt. Hier hilft uns allen eine gewisse Gelassenheit! 

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