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Philologenverband Rheinland-Pfalz bestätigt Cornelia Schwartz im Amt der Landesvorsitzenden und fordert realistischen Blick auf die “Schule der Zukunft”

    Unter dem Motto „Mehr Zeit für Qualität“ fand am 18. und 19. November 2021 im Mercure-Hotel in Koblenz die Vertreterversammlung des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz, der Berufsvertretung der Gymnasiallehrerinnen und -lehrer an rheinland-pfälzischen Gymnasien, Kollegs, Integrierten Gesamtschulen und Studienseminaren für das Lehramt an Gymnasien, statt. Die rund 160 Vertreterinnen und Vertreter wählten im ersten Teil der Veranstaltung unter dem Motto „Mehr Zeit für Qualität“ den Geschäftsführenden Vorstand des Verbandes, legten im weiteren Verlauf die mittelfristige Verbandspolitik fest und beschäftigen sich in ihren Anträgen mit aktuellen Themen wie Bildung in Zeiten der Corona-Pandemie, „Schule der Zukunft“, Unterrichtsversorgung, Einstellungssituation, Lehrkräftebildung und Herausforderungen durch die Digitalisierung.

    Bei der öffentlichen Veranstaltung forderte die wiedergewählte Landesvorsitzende, Cornelia Schwartz, im Sinne des Tagungsmottos „Mehr Zeit für Qualität“ einen Mentalitätswandel bei den bildungspolitischen Entscheidern, die nicht ausreichend evaluierte, aber in den Medien in den leuchtendsten Farben gezeichnete Modell-Schulen wie zum Beispiel die Alemannenschule in Wutöschingen als vorbildlich darstellten, während sie diejenigen Einrichtungen, die auf sokratische Weise Problembewusstsein und Reflexionsfähigkeit trainierten, als rückständige Paukschulen diffamierten. Keine der rheinland-pfälzischen Schulen, an denen gymnasiale Bildung vermittelt wird, entspreche jedoch dem in den Medien verbreiteten Zerrbild eines fremdbestimmten stumpfsinnigen Auswendiglernens. Im Gegenteil: Gymnasiale Bildung, wie sie in Rheinland-Pfalz angeboten wird, führe zu Aufklärung und kritischem Bewusstsein, das dazu befähige, einerseits die uneinlösbaren Heilsversprechen hochgejubelter Star-Pädagogen des Internets zu durchschauen, andererseits nicht nur Handlungsrezepte, wie sie auf YouTube präsentiert werden, anzuwenden, sondern auch nach dem dahinterstehenden WARUM zu fragen. Solche Bildung begnüge sich nicht mit dem schönen Schein, vielmehr werde sie den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern gerecht, die, so hat es gerade die Pandemie gezeigt, sich ihre Lehrer weniger in der Rolle von Lernbegleitern denn als sachkundige Moderatoren und Gestalter von Lernprozessen wünschten. Eine wirklich zukunftsfähige Schule, benötige jedoch, so Schwartz eindringlich, mehr Ressourcen: Ressourcen für kleinere Lerngruppen, Ressourcen für eine verstärkte begabungsgerechte Förderung, Ressourcen für ein größeres Zeitpensum zur Vor- und Nachbereitung des Unterrichts und Ressourcen für ein adäquates gymnasiales Referendariat in voller Länge, d. h. eine Lehrerbildung, die nach absolviertem Ersten Staatsexamen zwei komplette Jahre umfasst.

    In Vertretung für Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig unterstrich Leitender Ministerialrat Dr. Klaus Sundermann in seiner Rede die Dialogbereitschaft des Ministeriums und die Offenheit, mit der die Landesregierung den Beteiligungsprozess für die „Schule der Zukunft“ gestartet habe. Auf Beifall stieß die Aussage, dass das Ministerium viele Neueinstellungen vorzunehmen gewillt sei und das Altersteilzeitmodell um fünf weitere Jahre verlängert werde. Sowohl die Vorsitzende des Beamtenbundes Rheinland-Pfalz, Lilli Lenz, als auch die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Prof. Dr. Lin-Klitzing zählten die Belastungen auf, die die Lehrkräfte schon vor der Pandemie zu schultern gehabt hätten: zu hohe Stundendeputate, die für gymnasiale Lehrkräfte im Einklang mit den Arbeitszeitverkürzungen des sonstigen Öffentlichen Dienstes eigentlich bei knapp 18 Stunden liegen müssten, zu große Klassen, zu geringe Vertretungsreserven, zu viel Bürokratie. Lenz warf der Landesregierung vor, zu wenig für den Gesundheitsschutz der Lehrkräfte zu investieren, Lin-Klitzing lobte den auch unter Pandemiebedingungen hohen Einsatz und das Engagement aller Lehrkräfte und bezeichnete sie als „Bildungshelden“.

    Den Festvortrag für diese Veranstaltung “Mehr Zeit für Qualität”, die im Zweijahresrhythmus durchgeführt wird, hielt Heinz-Peter Meidinger als Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und Ehrenvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Seine Ausführungen zum Thema „Gymnasiale Bildung in Corona-Zeiten – Wege aus der Krise“ ließen sich als deutliche Warnung vor den mit den Plänen der Landesregierung zur „Schule der Zukunft“ verbundenen bildungspolitischen Implikationen interpretieren. Dazu zitierte er Aussagen der zu der Auftaktveranstaltung des Ministeriums eingeladenen ehemaligen Schulleiterin Margret Rasfeld, die die Schulen in Deutschland als „Angstsystem“ diffamiere. Demgegenüber wies Meidinger auf der Grundlage empirischer Bildungsstudien nach, dass gerade leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler nicht von den – schon vor sechzig Jahren propagierten – Formen selbstorganisierten Lernens profitierten, dass Ziffernnoten nur mit Ausnahmen in den skandinavischen Ländern überall auf der Welt zur Leistungsmessung verwendet würden und dass bei den Beschwörungen zur Wirksamkeit heterogener Lerngruppen ein tiefer Riss zwischen ideologiegetränkter Theorie und der tatsächlichen Praxis, wie sie die Lehrkräfte erlebten, herrsche. Sein Fazit lautete, dass Schulreformen nur dann vollzogen werden dürften, wenn es wissenschaftlich abgesicherte Belege für denen Wirksamkeit gäbe.

    Bei den Vorstandswahlen der Delegiertenversammlung wurde Cornelia Schwartz (Bad Dürkheim) in geheimer Wahl mit 100 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen im Amt der Landesvorsitzenden bestätigt. Ebenfalls gewählt bzw. wiedergewählt wurden von den Delegierten: Sigrid Janotta-Fischer (Cochem) und Robert Tophofen (Kaiserslautern) als stellvertretende Vorsitzende, Wolfgang Arneth (Lahnstein) und Dr. Thomas Knoblauch (Mainz) als Rechtsreferenten, Jochen Ring (Linz) als Referent für Öffentlichkeitsarbeit, Ralf Hoffmann (Bendorf) als Bildungsreferent, Kristina Friebis-Kau (Bad Sobernheim)als Referentin für Frauenfragen und Gleichstellung und Markus Perabo (Mainz) als Schatzmeister.

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