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Scharfe Kritik an Aufholprogrammen – konstruktive Vorschläge zur Leistungsbewertung

    Von Dr. Marcus Hahn*

    Herbsttagung des Bildungspolitischen Ausschusses (BPA) des DPhV - konstruktive Vorschläge zur Leistungsbewertung

    BPA-Tagung in Königswinter: Referentin Ingvelde Scholz, Bettina Strauer, Ralf Hoffmann, Katharina Kunze, Andrea Pilz, Angelika Kiene-Bock, Marcus Hahn, Peter Haase, Karsten Hönig, Hubertus Kaiser, Wolfram Jahnke, Tristan Clohs (v.l.n.r.), Credit privat

    Königswinter – Erstmals seit langem konnte die Herbsttagung des Bildungspolitischen Ausschusses (BPA) des DPhV in Königswinter wieder in voller Präsenz stattfinden. Dennoch stand das Thema Corona bei der Veranstaltung vom 9. bis 11. September im Mittelpunkt. In den Diskussionen wurde deutlich, wie tiefgreifend die eingetretenen Veränderungen in der unterrichtlichen und schulischen Situation sind, wie groß der Handlungsbedarf auch und gerade im Bereich der Bildungspolitik ist – und wie lange uns voraussichtlich das Thema auch in der Verbandsarbeit noch beschäftigen wird.

    Am Anfang der Tagung stand eine intensive Aufarbeitung der Corona-Folgen und vor allem der Gegenmaßnahmen, die die einzelnen Landesministerien ihren Schulen für die Ferien und das neue Schuljahr verordnet hatten. In der Analyse der zumeist mit blumigen Wortneuschöpfungen überschriebenen Aufholprogramme wurde sehr schnell deutlich, dass sich hier ein Fehlschlag auf Raten abzeichnet. Gerade deshalb muss zunächst die Tatsache an sich, dass nämlich die Länder bereit waren, die Lehrkräfte und die Schulen bei der Aufarbeitung der Folgen von Corona auch finanziell zu unterstützen, gelobt werden. Wie leider so oft mangelt es auch nicht an hochgesteckten Erwartungen, es hapert nur leider an der praktischen Umsetzung. Nie länderübergreifend koordiniert, höchst selten wissenschaftlich oder fachlich fundiert, oft sogar mit einer absichtlichen Benachteiligung der Gymnasien versehen, muss man die Aufholprogramme nach Analyse des BPA mit höchster Skepsis betrachten.

    Externe Fachkräfte und beherzte Verkleinerung der Klassen

    Nach Meinung des BPA wäre es wichtig, bei den Programmen eine gute Verzahnung von defizit- und potenzialorientierter Förderung zu planen, weil die Corona-Zeit sich bei den Schülern sehr unterschiedlich ausgewirkt hat. Niedrigschwellig sollten gute Programme zudem sein, damit die ohnehin stark überlasteten Schulen nicht noch zusätzlich durch vermeidbare Bürokratie belastet werden. Und ja: Als Zusatzaufgabe ist die Aufarbeitung von Corona weder von den Bestands-Lehrkräften noch von den zumeist viel zu großen Klassen und Lerngruppen zu schaffen. Zusätzliche Mittel für externe Fachkräfte und außerdem eine beherzte Verkleinerung der Klassen und Lerngruppen sind daher aus Sicht des BPA der Königsweg hin zu einem schüler- und sachgerechten Umgang mit den Corona-Folgen.

    Diesen Königsweg gibt es aber beim Hauptthema der Herbsttagung, nämlich der Leistungsbewertung am Gymnasium, definitiv nicht. Dies war eine wichtige Erkenntnis aus der lebhaften Diskussion mit Hauptreferentin Ingvelde Scholz vom Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach (Baden-Württemberg). Leistungsbewertung am Gymnasium muss nämlich höchst differenziert auf die unterschiedlichen fachlichen Herangehensweisen, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler verschiedener Altersgruppen, die besonders hohen Erwartungen an die Verwirklichung von Bildungsgerechtigkeit und nicht zuletzt die außerordentlich hohe Arbeitsbelastung von Lehrkräften und Schülern am Gymnasium eingehen. Dementsprechend, so die eindeutige Auffassung des BPA, benötigen die Gymnasien eigene, auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnittene Vorgaben und Verfahrensweisen bei der Leistungsbewertung.

    Dass diese Leistungsbewertung am Gymnasium grundständig, also von Beginn an, auf das Bildungsziel der Studierfähigkeit hin ausgerichtet sein muss und mithin die Prüfungsformate grundständig auf die in den jeweiligen Bezugswissenschaften üblichen Arbeitsweisen und fachlichen Anforderungen hin ausgerichtet sein müssen, versteht sich von selbst. Völlig klar auch, dass die Leistungsbewertung am Gymnasium traditionell eine Vielfalt von Prüfungsformaten praktiziert, die andere erst in jüngerer Zeit als „alternative Formate“ in ihre Prüfungspraxis aufgenommen haben. Und gerade deshalb betonte der BPA die gar nicht zu leugnenden Stärken der klassischen Klassenarbeit oder Klausur, also von Formaten mit einheitlicher Aufgabenstellung und einheitlicher Bearbeitung durch eine ganze Lerngruppe: Halbwegs verträglich mit der Belastungssituation von Lehrkräften und Schülern, hinreichend zuverlässig gegenüber wohlgemeinten Hilfestellungen aus der Familie, falls mit Ziffernnoten bewertet an Eindeutigkeit schwer zu überbieten und gerade dann auch einer förmlich-rechtsstaatlichen Überprüfung zugänglich, bilden sie völlig zu Recht das Rückgrat der Leistungsbewertung an Gymnasien.

    Nicht zu übersehen ist jedoch, dass mit der um sich greifenden „Bestnoteninflation“ ein gutes Stück auch der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland verloren geht. Wenn ausnahmslos alle Kandidaten mit zweistelligen Punkt-Ergebnissen abschneiden, mag das vielleicht ganz bequem für die „underperformer“ darunter sein – aber wer denkt eigentlich an die leistungswilligen und -starken Schüler? Nicht zu übersehen ist der politische Wille, diese Frage gegenüber anderen bildungspolitischen Zielen eher zu vernachlässigen. Das Gymnasium dagegen, so der Ansatz des BPA, sollte eine moderne, verlässliche und faire Leistungsbewertung als Chance zur Schärfung seines Profils und zur Sicherung der Unterrichtsqualität betrachten. Hierzu, so der Appell, sollte länderübergreifend die von den Schülern zu erwartenden Kompetenzen und die anzuwendenden Prüfungsformate auch der Sekundarstufe I an Gymnasien in den Blick genommen werden, ähnlich wie das für die Oberstufe und das Abitur ja längst üblich ist.

    Dass der Kampf für mehr Vergleichbarkeit auf höherem Niveau mittel- und langfristig zu einem Erfolg für die Gymnasien führt, zeigte auch die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, mit ihrem Bericht, der traditionell gemeinsam mit den Länderberichten die dritte Säule der Tagungen des BPA bildet. Das Fazit der Tagung: viele neue Impulse, kritische Überlegungen und interessante Berichte über kleine und große Erfolge in der Verbandsarbeit.

    *Dr. Marcus Hahn ist Vorstandsmitglied des Deutschen Philologenverbandes und Vorsitzender des Saarländischen Philologenverbandes. Er leitet den Bildungspolitischen Ausschuss (BPA) des Verbandes.

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