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Ein Jahr Lernen auf Distanz: Das hat der digitale Unterricht gebracht

Thomas Langer zum neuen Distanzunterricht
Thomas Langer (46) unterrichtet Deutsch und Englisch am Johannes-Kepler-Gymnasium in Leipzig. Er ist Vorsitzender des Sächsischen Philologenverbandes

Raus aus der Passivität: Positive Erfahrungen aus einem Jahr Distanzunterricht

Von Thomas Langer

 

Leipzig – Seit einem Jahr findet für Schülerinnen und Schüler immer wieder für Wochen oder sogar Monate kein voller Präsenzunterricht statt und sie werden aus der Distanz unterrichtet. Der hierzulande dominierende Scheinanglizismus „Homeschooling“ – der echte englische Begriff lautet remote teaching oder remote learning – ist mir ein Graus. Deshalb ist in diesem Text von Distanzunterricht oder Online-Unterricht die Rede. 

Als Vorsitzender des Philologenverbands Sachsen habe ich mich mit Kolleginnen und Kollegen aus Gymnasien im Freistaat darüber ausgetauscht, welche Erfahrungen wir mit dieser neuen Form des Lehrens und Lernens gemacht haben – und welche Chancen wir auch für die Zukunft sehen.

Natürlich ist guter Präsenzunterricht in der Schule zum Zwecke der Wissensvermittlung sowie der Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung unschlagbar. Aber auch gut geplanter Distanzunterricht kann unter günstigen Rahmenbedingungen viele Erfolge bringen. Darum soll es nun gehen.

1. Erfahrung: Distanzunterricht kann tatsächlich Spaß machen!

Es bereitet Freude, neue digitale Tools auszuprobieren, Interaktionen von Schülerinnen und Schülern in Videokonferenzen zu initiieren und kollaboratives Lernen zu fördern. Das gelingt noch besser, wenn ihnen Breakout-Rooms und Etherpads zur Verfügung gestellt werden. Es ist großartig, mit anzusehen, wie Schülerinnen und Schüler sich entwickeln und immer mehr Sicherheit im Umgang mit den verschiedenen digitalen Hürden und neuen Begebenheiten an den Tag legen. Und ebenso wie auch in gutem Präsenzunterricht sind es aktivierende, sinnstiftende Aufgabenstellungen und kleine Projekte, die Freude machen, die Lernmotivation steigern und schließlich nachhaltiges Lernen ermöglichen.

 

2. Erfahrung: Distanzunterricht muss altersspezifisch geplant werden!

Je jünger die Kinder sind, desto mehr Anleitung benötigen sie. In der Sekundarstufe II können Arbeitsaufträge erteilt werden, die selbstständig abgearbeitet werden; bei kleineren Schülerinnen und Schülern muss jedoch viel kleinschrittiger vorgegangen werden, da braucht es mehr Abwechslung und es ist zudem noch mehr auf die Gefahr von Über- und Unterforderung zu achten. 

Manche der jüngeren Kinder sind durchaus in der Lage, sich einen Wochenplan zu erstellen, können aber nicht gut einschätzen, wie umfangreich die Arbeit tatsächlich wird, wollen daher alles an einem Montag schaffen und haben sich bereits am Dienstag überarbeitet. Wenn dann die Lenkung durch die Eltern notwendig wird, kommt natürlich auch zusätzliche Belastung auf diese zu.

Was oft unterschätzt wird: Distanzunterricht in den unteren Klassen hat auch eine pädagogische Funktion. Jüngere Schülerinnen und Schüler brauchen die Möglichkeit, sich austauschen. Insbesondere Klassenleiter/innen müssen die Aufrechterhaltung einer guten Beziehung zu ihnen gewährleisten. 

 

3. Erfahrung: Vom Online-Unterricht kann auch die Kooperation mit den Eltern profitieren!

Zunächst müssen die Eltern davor geschützt werden, die Arbeit ihrer Kinder zu erledigen. 

Lehrkräfte müssen Aufgabenstellungen verständlich formulieren, Hilfe anbieten, sich Feedback einholen, z.B. in Form von Videokonferenzen, und Aufgaben gut strukturieren, am besten in Form von Wochenplänen. Es sollte nicht dazu kommen, dass die Eltern damit alleingelassen werden.

Um die Kommunikation mit den Eltern in Zeiten von Schulschließungen zu verbessern, sind Elternabende und Elternsprechstunden per Videokonferenz ratsam. So lässt sich Verständnis füreinander wecken, lassen sich Probleme schnell lösen, und Frust staut sich gar nicht erst an. 

 

4. Erfahrung: Kollegiale Kooperation ist unerlässlich!

Es ist absolut gewinnbringend, wenn Lehrkräfte den Weg ins digitale Neuland (keine Ironie!) gemeinsam beschreiten. Anstatt auf Fortbildungsangebote seitens der Kultusbehörden zu warten, können schulinterne Lehrerfortbildungen – in Pausen, gemeinsamen Freistunden oder unmittelbar nach Unterrichtsschluss – viel mehr bewirken. Sie geben den Fortbildnern die Chance, fallspezifisch zu agieren und die Heterogenität das Kollegiums zu berücksichtigen. Auf die individuellen und konkreten Probleme kann so viel besser eingegangen werden. Solche Angebote können – wenn möglich – in Präsenz, online oder auch als hybrides Format unterbreitet werden. Auf der jeweiligen Lernplattform lassen sich außerdem verschiedenste Ablageordner und Blogs nutzen. 

 

5. Erfahrung: Schüleraktivität braucht gute Vorbereitung!

Auch im Distanzunterricht ist die Schüleraktivität ein wichtiges Ziel. Gerade in Videokonferenzen geraten Schülerinnen und Schüler zu schnell und zu oft in eine passive Zuhörerrolle. Je älter die Teilnehmenden sind, umso weniger Kameras sind angeschaltet. Der Konferenzleiter fühlt sich zunehmend einsam und agiert wie ein Radiomoderator. Hier muss gegengesteuert werden. Wie auch im Präsenzunterricht sollte Schülerinnen und Schülern echte Partizipation ermöglicht werden. Sie müssen raus aus der Passivität. Gestatten wir ihnen mehr Freiheit! Haben wir Mut, Neues auszuprobieren! Wagen wir offene Projektarbeiten statt kleinschrittiger Übungen und interaktive Videokonferenzen statt langer Vorträge.

 

6. Erfahrung: Die Belastung von Lehrerinnen und Lehrern ist weiter gestiegen!

Insbesondere der Wechselunterricht führt zu einer weiter zunehmenden Arbeitsbelastung der Lehrkräfte. Hinzu kommt, dass Lehrerinnen und Lehrer selbst in einer Lernphase sind. In gewisser Weise sind sie gerade alle im Referendariat. Das Erstellen von digitalen Vorbereitungen ist überaus aufwändig. Werden die erstellten digitalen Materialien aber später im Unterricht erneut verwendet, entsteht ein echter Mehrwert.

Hybrider Unterricht kann Mehrbelastungen abbauen. Werden Schüler/innen von zu Hause zu denen im Präsenzunterricht dazu geschaltet, ist ein Lehrplanfortschritt besser möglich, müssen Stunden nicht doppelt gehalten werden. 

 

7. Erfahrung: Distanzunterricht strukturiert den Tagesablauf!

Jeder Mensch braucht Struktur. Digitaler Unterricht dient zwar nicht nur, aber auch dazu, dass Schülerinnen und Schüler ihren Tagesablauf besser planen können und – dies trifft vor allem auf ältere Kinder zu – einen Grund zum Aufstehen haben. Wer trotz Lockdowns bereits um 7:30 Uhr am Unterricht teilnimmt, hat am Nachmittag eine größere Chance auf Freizeit. Wir ermöglichen unseren Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern damit ein Stück Normalität. Die Unterstützung durch die Eltern ist dabei von großer Bedeutung. 

 

8. Erfahrung: Keine Videokonferenz-Exzesse!

Wie viele Videokonferenzen sollten pro Woche durchgeführt werden? Gerade in Zeiten des Lockdowns ist eine regelmäßige Klassenleiterstunde ratsam. Die Entscheidung für dieses Unterrichtsformat sollte der Fachlehrer aber grundsätzlich aus didaktischen Gründen treffen.

Ohnehin gilt es, Maß zu halten: Sieben Stunden Bildschirmzeit erfordern selbst von uns Erwachsenen viel Konzentration und Aufrechterhaltung der Motivation. Wie soll es dann erst den Kindern gehen? Daraus folgt: Distanzunterricht sollte nicht durchweg am Computer stattfinden.

 

9. Erfahrung: Die Perspektive des gut vernetzten und bestens ausgestatteten Großstädters verlassen!

Erreichen wir mit Videokonferenzen überhaupt alle? Diese Frage sollten wir uns auch einmal stellen! In ländlichen Regionen gibt es sie noch, die Kinder, die zu Hause über keine Internet-Verbindung verfügen. Außerdem besitzen nicht wenige Familien einfach nicht genügend Computer, um die eigene Arbeit aus dem Home-Office zu schaffen und dazu noch den Distanzunterricht ihrer Kinder abzusichern. Einigen von ihnen konnte in Sachsen im Rahmen der Mobilen-Endgeräte-Förderverordnung geholfen werden. Sie erhielten Tablets zur Leihe. 

 

10. Erfahrung: Die Pandemie-Zeit als Innovationsschub

Wir Lehrkräfte haben im vergangenen Jahr gelernt, uns noch besser zu vernetzen und enger zu kooperieren. Wir werden künftig verstärkt Plattformen nutzen, um z.B. Arbeitsmaterialien auszutauschen oder Verwaltungstätigkeiten zu vereinfachen. Ein zeitraubendes Abfragen und Eintragen in Listen im Unterricht entfällt, stattdessen wird es von den Schülerinnen und Schülern digital erledigt.

Wir werden Medienbildung stets mitdenken und ganzheitlich betrachten. Digitale Lernplattformen, neue digitale Verwaltungsinstrumente sind hier immer nur eine Seite dieser Herausforderung. Es geht schließlich um den Menschen und um das, was Medienbildung mit unserer Welt zu tun hat.

 

11. Erfahrung und Forderung: Wir brauchen mehr Unterstützung aus der Politik!

Ein Digitalpakt allein löst kein Problem. Soll der begonnene Prozess fortgesetzt werden, müssen die notwendigen Rahmenbedingungen immer weiter verbessert werden. Neben der Rechtssicherheit und der finanziellen Unterstützung braucht es personelle Ressourcen – Profis, die uns helfen. Politik muss erkennen, dass es mit Einmal-Aktionen in der Beschaffung von Technik nicht getan ist. Es geht um Nachhaltigkeit. Politiker/innen sollten sich ab und an mit Innovatoren im Bereich der Schulentwicklung treffen!

Und um eine konkrete Forderung des Deutschen Philologenverbandes und auch des Philologenverbands Sachsen auszusprechen:  Wir brauchen den „digitalen Hausmeister“. Es reicht eben nicht mehr aus, dass sich zwar eine fest angestellte Arbeitskraft um das Schulgebäude und das Außengelände kümmert, aber alle Lehrkräfte mit ihren digitalen Geräten und der digitalen Infrastruktur der Schule allein gelassen werden. Wenn im Jahre 2021 die Reparatur einer Türklinke immer noch deutlich unkomplizierter ist als das Update eines Computers, läuft etwas schief.

Rasmus beim Lernen auf Distanz an seinem iPad
Rasmus nimmt am Unterricht via iPad teil. Das hat er extra dafür zu Weihnachten bekommen
Malin im Distanzunterricht
Malin (15) besucht die 9. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Mit dem Distanzunterricht kommt sie gut zurecht

Die Politik muss endlich handeln! Das läuft in Berlin schief beim Lernen auf Distanz

Von Ferdinand Horbat

Berlin – Sind wir Lehrer wirklich „faule Säcke“? „Wursteln“ wir uns wirklich durch die Pandemie? Es sind Überschriften wie die von Focus Online, die uns wütend machen und den engagierten Einsatz vieler Lehrerinnen und Lehrer konterkarieren. Mehr noch! Sie sprechen für eine Unkenntnis der Zusammenhänge eines schulischen Betriebes seitens des Autors. Viele Lehrkräfte haben sich beim Einsatz im Fernunterricht bis an die Grenze ihrer persönlichen Belastbarkeit engagiert. Die Korrektur von Hausaufgaben während der Schulschließungen war ein Vielfaches der sonst üblichen Arbeiten. Zudem sind Lehrkräfte oft auch Eltern, die den Familienalltag in der Pandemie einschließlich der Betreuung ihrer eigenen Kinder im Fernunterricht managen müssen. In einem stimme ich jedoch mit dem Focus-Autor überein, es ist die Unzufriedenheit über den derzeitigen Zustand.

Entscheidend für eine Verbesserung der Digitalisierung an allen Schulen ist, dass die Gesellschaft die verantwortlichen Bildungspolitiker zum Handeln auffordert und notwendige Änderungen im Dschungel des Verwaltungsapparates und bestehender Vorschriften nicht scheitern. Die Voraussetzungen für die Digitalisierung der Schulen müssen der Dienstherr (Kultusministerien/Senatsbildungsverwaltungen) und der Schulträger schaffen. Willenserklärungen und Verordnungen allein helfen nicht.

 

Ferdinand Horbat zum neuen Distanzunterricht
Ferdinand Horbat (72) unterrichtet seit mehr als 40 Jahren Chemie, Physik und Informatik am Eckener Gymnasium in Berlin-Mariendorf. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Philologenverbandes Berlin/Brandenburg

Vor allem in Berlin ist die Lage desaströs!

In einem Schreiben an die Berliner Senatsbildungsverwaltung habe ich bereits 2016 zur Sicherung der Qualität in der Fortbildung und entsprechender Rahmenbedingungen, Fortbildungen für Lehrkräfte u.a. in Sachen e-education und e-government angemahnt. Die Antwort der Senatorin Sandra Scheeres, vertreten durch einen Abteilungsleiter, damals: „Ihre Auffassung, dass die Senatsverwaltung für Bildung die entsprechenden Rahmenbedingungen für Qualität und Quantität im Rahmen der Fortbildung schaffen soll, teile ich uneingeschränkt.“ Bis heute gibt es kein durchgängiges berlinweites digitales Konzept einschließlich entsprechender Ausstattung der Schulen. So haben die Lehrkräfte in Berlin u.a. bis heute weder eine Dienst-E-Mail-Anschrift noch ein Dienst-Tablet noch sind sie ausreichend fortgebildet worden.

Auch die Umsetzung des Digitalpaktes setzt Fragezeichen. Während die Mittel in der Regel nur für einen neuen Server reichen, um den neueren Anforderungen gerecht zu werden, sollten die schon belasteten Lehrkräfte zusätzlich entsprechende Konzepte schreiben. Ich frage mich bis heute, was die Anschaffung eines neuen Servers mit einem pädagogischen Konzept zu tun hat.

In Berlin haben Schulen angesichts von Beschwerden bei der Datenschutzbeauftragten des Landes ihren digitalen Fernunterricht eingestellt bzw. eingeschränkt. Schulen und Lehrkräfte agieren z.Zt. auf sehr dünnem Eis und verletzen in einem nicht unwesentlichen Umfang rechtliche Vorschriften. Datenschutz, Persönlichkeits- und Mitbestimmungsrechte können nicht einfach außer Kraft gesetzt werden, auch wenn dringender Handlungsbedarf besteht. Hierzu bedarf es aber auch einer zeitgemäßen Anpassung von Vorschriften.

Seit vielen Jahren (Jahrzehnten) diskutieren wir über die Digitalisierung in der Schule, aber Entscheidendes ist seitens der Berliner Bildungsverwaltung zur Lösung eines berlinweiten Konzeptes einschl. entsprechender Umsetzungen bisher nicht geschehen! Es gibt einige Schulen und Lehrkräfte, die durch Eigeninitiative im Bereich der Digitalisierung schon wesentlich weiter sind, aber die Mehrheit der Schulen ist davon wohl weit entfernt. Einzelne gute Beispiele ändern nichts an der grundsätzlichen Problematik. Die Zusammenstellung der Fakten beruht auf persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen sowie Berichten verschiedener Dritter (Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern, Eltern) u.a. auch Äußerungen in Sitzungen von Gremien.

 

DAS LÄUFT SCHIEF BEIM DISTANZUNTERRICHT IN BERLIN:

1. Erfahrung: Die technische Ausstattung zu Hause ist oft mangelhaft!

Nach den bisherigen Erfahrungen gibt es gravierende Unterschiede in der häuslichen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler und damit verbunden gravierend ungleiche Voraussetzungen und Benachteiligungen. Meine Schülerinnen und Schüler nutzten während der Lockdown-Phasen Handy, Tablets, Laptops und PC’s. Nur ein kleiner Teil hatte auch Drucker oder Scanner zur Verfügung. Erst im Nachhinein erfuhr ich zum Beispiel von einer Schülerin, die ein komplettes Protokoll auf dem Smartphone angefertigt hatte. Weder Mutter noch Schülerin hatten sich getraut, zu offenbaren, dass sie zu Hause nicht über die nötige Technik verfügten. Bei einem anderen Schüler stellte sich heraus, dass zu Hause ein Laptop für die ganze Familie (Vater im Homeoffice und vier Kinder) zur Verfügung stand. Auch ist zu Hause oft nicht die richtige Software vorhanden, was auch dazu führt, dass Schüler Handyfotos von handschriftlichen Ausarbeitungen verschicken müssen.

Selbst der Internetzugang stellt für viele Schülerinnen und Schüler ein Problem dar. Viele von ihnen können das Internet nur über ihr Handy nutzen, weil es zu Hause kein Wlan gibt. Das hat natürlich Folgen für den Tarif, vor allem bei Prepaid-Handys.

Im Präsenzunterricht können Ungleichheiten zum Beispiel durch die Nutzung der Bücherei oder digitale Endgeräte in der Schule ausgeglichen werden, doch im Distanzunterricht gibt es das alles nicht. Folge: Die Schere wird deutlich größer, Schülerinnen und Schüler werden abgehängt.

Eine grundsätzliche Ausstattung der Schülerinnen und Schüler mit schulischen Tablets mit einem einheitlichen Image für alle – wie es an manchen Schulen schon erfolgt – könnte einen erheblichen Teil der Probleme ausräumen. Eine vorherige (!) unterrichtsbegleitende Nutzung digitaler Medien während des Präsenzunterrichts hätte viele der auftretenden Probleme beim Distanzunterricht signifikant reduziert.

2. Erfahrung: Eltern können mithören!

Der Unterricht der Klasse/der Gruppe muss ein geschützter pädagogischer Raum sein und bleiben. Bei der Durchführung in Form einer Video-Konferenz aber kann die passive Beteiligung Dritter (z.B. Eltern, Geschwister, etc.) nicht ausgeschlossen werden. Diese passive Beteiligung muss den anderen Teilnehmern nicht bekannt sein, mit ihr werden aber ggf. Persönlichkeitsrechte anderer Schülerinnen und Schüler verletzt, weil diese Dritten Äußerungen/Ausführungen zur Kenntnis nehmen können, die nicht für sie bestimmt sind.

Erschwerend hinzu kommt, dass viele Schülerinnen und Schüler nicht über ein eigenes Zimmer verfügen und eine Online-Konferenz schwierig durchzuführen ist, weil gleichzeitig noch andere Personen an derartigen Konferenzen teilnehmen.

3. Erfahrung: Keine Dienst-Geräte für Lehrkräfte!

In der Regel schaffen Lehrkräfte ihre gesamte technische Ausstattung privat an. Das bedeutet, dass sie vor allem nach den privaten Bedürfnissen ausgerichtet ist und damit nicht immer mit der Technik der Schule kompatibel ist. Aber auch schon in der Schule ist die Ausstattung in den einzelnen Unterrichtsräumen mitunter so unterschiedlich und mitunter erheblich veraltet, dass schon Kompatibilitätsprobleme zwischen den einzelnen Unterrichtsräumen bestehen.

4. Erfahrung: Lehrkräfte verstoßen gegen Datenschutz!

Eine besondere Herausforderung für die Lehrkräfte stellt der Datenschutz dar. Die Speicherung von personenbezogenen Daten von Schülerinnen und Schülern bzw. von Erziehungsberechtigten auf privaten Geräten ist eigentlich nicht gestattet. Angesichts der fehlenden Ausstattung der Lehrkräfte mit dienstlichen Endgeräten ist es aber gängige Praxis, dass gegen Datenschutzbestimmungen verstoßen wird. Ein Beispiel: Obwohl nach der Schuldatenverordnung das Sammeln und Speichern von E-Mail-Adressen weder der Schule noch den Lehrkräften gestattet ist, erwartet die Senatsverwaltung den entsprechenden Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern als auch den Erziehungsberechtigten.

Dienst-E-Mail-Anschriften ermöglichen die Erledigung der Dienstgeschäfte im Rahmen der Organisation der Schule als auch im Rahmen der pädagogischen Arbeit mit Schülerinnen und Schülern und ebenso auch die Kontaktaufnahme mit den Eltern. Damit brauchen die Schule und die Lehrkräfte nicht auf die Nutzung privater Accounts zurückgreifen.

Nach den mir vorliegenden Informationen gab es bisher keine Plattform, die seitens der Berliner Datenschutzbeauftragten als datenschutzrechtlich einwandfrei eingestuft wurde. Viele Schulen haben eigene Lösungen, die von Schule zu Schule sehr unterschiedlich sind. Bei einem Wechsel zu einer anderen Schule ist es möglich, dass die Lehrkraft sich auf vollständig neue IT-Systeme umstellen muss. Dies kann mit erheblicher zusätzlicher Arbeit verbunden sein. Im Rahmen von Recherchen konnte ich weiterhin feststellen, dass schulintern eingerichtete Plattformen mitunter den datenschutzrechtlichen Bestimmungen nicht entsprechen. Schulen und Lehrkräfte werden allein gelassen und setzen sich in ihrem Engagement für die Schülerinnen und Schüler Verstößen gegen Rechtsvorschriften aus.

5. Erfahrung: Lehrkräften fehlt der IT-Support!

Die fehlende Unterstützung der Lehrkräfte im Rahmen der Anwendung der IT-Kommunikationssysteme einschließlich Software bedeutet für einen erheblichen Teil der Kolleginnen und Kollegen einen immensen zusätzlichen Aufwand und bedeutet gleichzeitig z.T. nennenswerte Schwierigkeiten im Rahmen des Fernunterrichts. Dieser Aufwand reduziert die notwendige pädagogische Aufbereitung des Fern- und Hybridunterrichts.

Auch benötigt jede Schule ein ordentliches IT-Management. Weder die Schulleitung noch die Kolleginnen und Kollegen dürfen von dem Goodwill und der zeitlichen Kapazität einer Kollegin/eines Kollegen im Zusammenhang mit Einrichtung und Wartung des IT-Systems abhängig sein.

6. Erfahrung: Alte Schulgebäude, alte Leitungen

Die Schulen verfügen i.d.R. nicht über technischen Voraussetzungen, Fern- bzw. Hybridunterricht zu erteilen. Insbesondere ist das Streamen von Unterricht oder die Präsentation von Experimentalunterricht für die ganze bzw. jeweilige andere Teilgruppe in den meisten Fällen nicht möglich. Auch nach Aussagen des für äußere Angelegenheiten zuständigen Stadtrates meines Berliner Bezirks verfügen viele Schulen nicht über die entsprechenden Leitungskapazitäten. Das Amt verfügt auch nicht über die Möglichkeiten, kurz- bis mittelfristig die Probleme abzustellen. Nach meinen Erkenntnissen gilt dies auch für die anderen Bezirke, besonders in den Bezirken, in denen ältere Schulgebäude stehen.

7. Erfahrung: Fehlende Beteiligung und Zustimmung des Personalrates

Nach dem Berliner Personalvertretungsgesetz § 85 ist bei der Einrichtung von Informations- und Kommunikationstechniken für die Beschäftigten die entsprechende Zustimmung notwendig. Wie an vielen anderen Schulen existiert auch an meiner Schule diese Zustimmung nicht. Dabei soll ausdrücklich betont werden, dass den Schulleitungen hier kein Vorwurf gemacht werden soll. Es wäre vielmehr Aufgabe der Senatsbildungsverwaltung und der Dienststellenleitungen, entsprechende Dienstvereinbarungen zu schließen und durch mitbestimmende Beteiligung der Personalräte den entsprechenden Schutz der Beschäftigten sicherzustellen. Entsprechende Verfahren hätten schon lange vorher erfolgen können. Spätestens mit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 hätten die Verfahren seitens der Senatsbildungsverwaltung initiiert werden müssen. Mir ist bisher nur aus einem Bezirk eine Dienstvereinbarung dazu bekannt.

Ein Jahr mit neuem Distanzunterricht
Rasmus (12) besucht die 7. Klasse eines Berliner Gymnasiums. Er war im Dezember das letzte Mal in seiner Schule, lernt jetzt am Küchentisch
Malin beim Homeschooling
Malin nimmt gerade am Englisch-Unterricht teil. Ihr gefällt die Flexibilität beim Distanzunterricht

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