Interview mit dem Beisitzer im Vorstand der Jungen Philologen im Deutschen Philologenverband
Die Fragen stellte Walter Tetzloff.

Maximilian Schmieding, stellvertretender Vorsitzender der Jungen Philologen NRW
1. Wie beurteilen Sie die Praxis der Lehrerausbildung im Verhältnis zum Lehrkräftebedarf?
Als stellvertretender Vorsitzender der Jungen Philologen in Nordrhein-Westfalen sehe ich ein eklatantes Missverhältnis zwischen der aktuellen Zahl der Lehramtsabsolventen, ihren Fächern und dem realen Bedarf an qualifizierten Lehrkräften in Nordrhein-Westfalen – besonders deutlich an Gymnasien und Gesamtschulen.
Landesweit sind derzeit rund 8.800 Stellen unbesetzt, und eine vorausschauende, bedarfsgerechte Planung fehlt nach wie vor. Insbesondere in MINT-Fächern klaffen massive Lücken, während viele hervorragend ausgebildete Kolleginnen und Kollegen mit anderen Fächern keine Planstelle an Schulen mit Sekundarstufe II finden. Stattdessen verharren sie jahrelang als Vertretungslehrkräfte in Kettenverträgen auch an Schulformen, für die sie eigentlich nicht ausgebildet sind. Aus meiner Sicht eine demotivierende Hängepartie, die hochqualifizierte Fachkräfte abschreckt und das System nachhaltig schwächt.
Für mich folgt daraus klar die Forderung: Es braucht eine landesweite mobile Reserve, wodurch jede Schule zusätzliche Stundenkontingente erhält, um kurzfristige Unterrichtsausfälle auszugleichen. Diese mobile Reserve bietet jungen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und Unterrichtspraxis zu erlangen – und das mit der verbindlichen Zusage einer Planstelle an einer SII-Schule. Dies schafft Klarheit – sowohl für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen als auch für die Schulen.
Unser Ziel als Junge Philologen ist es, dass die Kolleginnen und Kollegen wie auch die Schulen Planungssicherheit erhalten und das Bildungsangebot den hohen Ansprüchen der Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Erziehungsberechtigten durch exzellenten Unterricht gerecht wird. Dies gelingt nur mit motivierten und verlässlichen Lehrerinnen und Lehrern.
2. Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie für die zweite Ausbildungsphase (Referendariat)?
Das Referendariat in Nordrhein-Westfalen ist aus unserer Sicht derzeit eine extrem verdichtete und sehr anstrengende Phase. Viele angehende Lehrkräfte arbeiten am Limit – nicht, weil sie dem Beruf nicht gewachsen wären, sondern weil die strukturellen Rahmenbedingungen den gestiegenen Anforderungen nicht mehr gerecht werden. So hat sich die Unterrichtspraxis in den letzten Jahren erheblich verändert: Neben der Verbindung von analogen und digitalen Unterrichtsformen müssen Lehrkräfte mit einer deutlich gewachsenen Heterogenität in der Schülerschaft umgehen und sich zugleich mit neuen Entwicklungen wie dem Einsatz künstlicher Intelligenz auseinandersetzen.
Die Anforderungen sind in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, die zur Verfügung stehende Zeit jedoch nicht. Diese Schieflage führt dazu, dass Ausbildung oft nur noch im „Abarbeitungsmodus“ stattfindet, statt echte professionelle Entwicklung zu ermöglichen.
Wir fordern daher eine klare Neuausrichtung: Referendarinnen und Referendare brauchen mehr Raum, um Unterricht auf hohem Niveau zu entwickeln, zu erproben und reflektiert weiterzuentwickeln. Zusätzlich müssen Fachlichkeit und Fachdidaktik wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Gerade in einem vielfältigen und heterogenen Bildungssystem wie in Nordrhein-Westfalen ist eine intensivere Vorbereitung auf die Berufspraxis von besonderer Bedeutung: Wer besser vorbereitet in den Beruf startet, bleibt langfristig motivierter und stabiler im System.
3. Warum setzen sich die Jungen Philologen konkret für ein 24-monatiges Referendariat ein?
Für mich ist das nicht nur eine bildungspolitische Position, sondern ein persönliches Anliegen. Ich habe selbst ein 24-monatiges Referendariat in Bayern absolviert und konnte unmittelbar erleben, welchen Unterschied diese zusätzliche Zeit macht.
Der zentrale Punkt ist: Derzeit versuchen wir, eine hochkomplexe und verantwortungsvolle Profession in nur achtzehn Monaten zu komprimieren – mit Unterricht, Seminarpflichten, Prüfungen, Zusatzaufgaben und oft langen Anfahrtswegen. All das trägt nicht zur Steigerung der Ausbildungsqualität bei.
Wie ist in diesem Kontext die Rolle des Praxissemesters – dieser etwa einsemestrigen, praxisorientierten Schulphase im Lehramtsstudium – im Gesamtkonzept der Lehrerausbildung zu sehen? Hier findet faktisch eine Vorverlagerung von Praxisanteilen in die erste Phase der Lehrerausbildung statt, während das Referendariat selbst verkürzt und strukturell überlastet wird. Das Praxissemester ist zwar ein wichtiger Zugang zur schulischen Realität, aber es kann die Qualität und Tiefe eines 24-monatigen Referendariats nicht ersetzen.
Ein verlängertes Referendariat schafft hingegen genau die notwendige Zeit für das, was exzellente Lehrerausbildung ausmacht: sorgfältiges Planen, selbstbewusstes Durchführen und tiefgehendes Reflektieren von Unterricht – alles in einer der zunehmenden Komplexität angemessenen Zeit und mit intensiver, professioneller Begleitung. Wir könnten Hospitationen ausbauen, gezielte Fortbildungen integrieren und die angehenden Lehrkräfte schrittweise an wachsende Unterrichtsverantwortung heranführen.
Darüber hinaus bietet die Verlängerung erhebliche organisatorische Vorteile für die Schulen. Derzeit beginnen und enden Referendariate mitten im Schuljahr, was zu erheblichem Planungsaufwand führt. Mit 24 Monaten ließen sich die Ausbildungsphasen sinnvoll an die Schuljahresstruktur anpassen – ein klarer Gewinn für alle Beteiligten.
Ein 24-monatiges Referendariat ist deshalb kein Luxus, sondern eine notwendige Investition in Qualität, Stabilität und Zukunftsfähigkeit unseres Bildungssystems.
4. Welche Entlastungsmaßnahmen halten Sie in den ersten Berufsjahren für notwendig?
Die Rückmeldungen, die wir als Junge Philologen erhalten, sind zum Teil besorgniserregend: Viele junge Lehrkräfte stehen bereits in den ersten Berufsjahren unter enormem Druck und denken früh über einen Ausstieg aus dem Lehrberuf nach. Manche entscheiden sich sogar bewusst gegen eine Verbeamtung auf Lebenszeit und wollen zunächst mit befristeten Verträgen flexibel bleiben und abwarten, wie sich die Lage entwickelt.
Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Sie beginnen in der Regel ohne jegliche Einarbeitungsphase und Begleitung ihre feste Stelle. Neben Unterricht, Korrekturen, Projekten sowie obligatorischen Verwaltungsaufgaben kommen meist noch weitere schulische Zusatzaufgaben hinzu. Wer so in seine berufliche Laufbahn startet, arbeitet schnell am Limit. Deshalb muss der Berufseinstieg endlich als das verstanden werden, was er ist: eine entscheidende Aufbauphase.
Wir als Junge Philologen fordern deshalb erstens verbindliche Entlastungsstunden im Deputat für die ersten Jahre, die gezielt für Unterrichtsvorbereitung, Hospitationen und Fortbildung genutzt werden können. Zweitens braucht es ein strukturiertes Mentoring durch speziell geschulte und entsprechend entlastete Mentorinnen und Mentoren für jede Berufseinsteigerin und jeden Berufseinsteiger.
Nicht zuletzt ist aus unserer Sicht ein klarer Fokus auf die Kernaufgabe von Lehrkräften nötig: guter Unterricht. Das bedeutet: Keine großen Projekte oder Zusatzaufgaben und nur eine sehr zurückhaltende Einbindung in die Gremienarbeit in den ersten Jahren.
Nur wenn wir diese Bedingungen schaffen, gelingt es uns, junge Lehrkräfte nicht nur im System zu halten, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu exzellenten Expertinnen und Experten zu entwickeln, die für ihre Fächer brennen.