Lehrkräftemangel wird nicht mit verschiebbaren Einheitslehrkräften behoben
Das heute veröffentlichte 10-Punkte-Programm für bessere Bildung und Betreuung der SPD Niedersachsen kritisiert der Landesvorsitzende des Philologenverbandes Niedersachsen, Dr. Christoph Rabbow, deutlich:
„Trägt ein bildungspolitisches Programm der SPD Niedersachsen den Begriff Chancen im Titel, dann erwarte ich einen zukunftsgewandten Blick mit neuen Ideen und Ansätzen. Zukunft bedeutet in der Bildung mehr als das Aufgreifen von KI und neuen Medien.
Erneut wird die Ausbildung von Studierenden zu Stufenlehrkräften als universelles Allheilmittel in Punkt 5 des Programms aufgeführt. Es ist von einem scheinbar robusteren System die Rede, wenn perspektivisch jede Lehrkraft an jeder Schule unterrichten kann. Offenbar soll die angestrebte Reform zum ,Stopfen von Löchern‘ dienen und nicht etwa auf eine hochwertige Ausbildung von Lehrkräften, die das Erteilen eines modernen schülergerechten Unterrichts ermöglicht, abzielen. Eine solche Vorstellung ist nicht nur naiv, sie ist zudem kontraproduktiv. Lehrkräfte könnten ihre individuellen Stärken nicht entfalten, die sie durchdacht in den von ihnen bevorzugten Schulformen pädagogisch wie didaktisch-methodisch einsetzen könnten. Die Reform würde verschiebbare Einheitslehrkräfte, die für politische Fehler der Vergangenheit und Gegenwart herhalten müssen, generieren. Wenn man dann mit dem Zusatz ‚auf eigenen Wunsch‘ den Anschein persönlicher Entscheidungsfreiheit zu erwecken versucht, kann man nur noch von einer bildungspolitischen Nebelkerze sprechen.
PHVN-Ausbildungskonzept ist sofort umsetzbar und passt sich dynamisch an
Der Philologenverband Niedersachsen hat ein ausgearbeitetes und finanziell durchgerechnetes Konzept zur Modernisierung der Lehrerausbildung entwickelt. Dieses wurde zuletzt im November 2025 aktuellen Gegebenheiten, wie der inklusiven Bildung, dem Umgang mit größerer Heterogenität, der Umsetzung von Wechsel- und Distanzunterricht, der Veränderungen von Unterricht durch digitale Transformation oder künstliche Intelligenz, angepasst.
Es ist ein Konzept, das die bewährte schulformspezifische Lehrkräfteausbildung durch das Drehen an wichtigen Stellschrauben kontinuierlich weiterentwickelt. Dazu gehören auch mehr Praxisanteile ohne Absenken der Qualität. Unser Vorschlag benötigt keine aufwändige Ausarbeitung in teuren und ideologisch geprägten Gremien, sondern wäre sofort umsetzbar. Es liegt allen Parteien vor, auch der SPD Niedersachsen.
Ebenso abenteuerlich ist die Vorstellung, dass Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger einen strukturellen Effekt auf den Unterrichtsausfall haben könnten. Die Anzahl der Personen, die einen Quereinstieg in unsere Schulen versuchen, ist überschaubar. Der Quereinstieg in Schule kann den grundlegenden Problemen des Lehrkräftemangels nicht entgegenwirken.
Die SPD Niedersachsen sollte ihr vorgelegtes Programm dringend einem Abgleich mit der Bildungsrealität unterziehen. Lehrkräfte kennen die wirklichen strukturrelevanten Probleme und stehen gerne beratend zur Seite, wenn sie nur einmal gefragt würden. Im Übrigen muss sich die SPD angesichts dieses Programms die Frage gefallen lassen, warum sie als Regierungspartei viele der aufgeführten Punkte nicht längst umgesetzt hat und das aktuelle Regierungshandeln noch dazu diesem Programm in Teilen widerspricht. ,Politik kann in der Oberstufe nicht abgewählt werden‘ in Punkt 9 des Programms steht im krassen Gegensatz zur aktuellen Novellierung der Einführungsphase der Sekundarstufe II. Diese Inkompatibilität zwischen SPD-Parteiprogramm und dem Handeln der rot-grünen Landesregierung ist wirklich nicht gerade vertrauenserweckend.“
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