bpv: „Aktuell wäre es falsch, mündliche Abfragen abzuschaffen“: Wissenschaftlerin plädiert für den Erhalt angekündigter und unangekündigter Leistungsüberprüfungen

    In der aktuellen Debatte um Prüfungskultur und Leistungsbewertung an Schulen warnt Prof. Dr. Manuela Pietraß vor einer generellen Abschaffung bewährter Prüfungsformate. Im Interview mit dem bpv plädiert die Expertin für ein neues Verständnis von Prüfungsdidaktik und mehr Vertrauen in die Lehrkräfte.

    Frau Prof. Pietraß, immer wieder wird gefordert, unangekündigte Leistungsnachweise abzuschaffen. Würde das den Druck auf Schülerinnen und Schüler tatsächlich reduzieren?

    „Ich glaube nicht, dass man Prüfungsangst einfach abschaffen kann, indem man bestimmte Prüfungsformate streicht. Die Angst verschwindet dadurch nicht, sondern sie verlagert sich lediglich. Wenn unangekündigte Prüfungen wegfallen, konzentriert sich der Druck stärker auf angekündigte Leistungsnachweise. Werden auch diese reduziert, laden sich die verbleibenden Prüfungen – bis hin zum Schulabschluss – immer stärker auf. Dann entstehen am Ende echte ‚Alles-oder-nichts-Prüfungen‘, die für Schülerinnen und Schüler wesentlich belastender sein können als regelmäßige kleinere und verschiedenartige Leistungsüberprüfungen. Das wäre das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollen, und würde den Druck massiv erhöhen, statt ihn zu senken.“

    Welche Rolle spielen Prüfungen aus Ihrer Sicht grundsätzlich für Schule und Unterricht? „Erstens fungieren Prüfungen als Messapparat. Woher weiß Schule ihre eigene Leistungsfähigkeit einzuschätzen, wenn sie nicht mehr prüfen kann? Lehrkräfte brauchen dieses Instrument, um festzustellen, ob sie ein Thema erfolgreich vermittelt haben oder nicht. Zudem müssen wir im KI-Zeitalter den Fokus verschieben: Es interessiert dann weniger, woher einzelne Informationen stammen, sondern vielmehr, ob jemand ein Problemgebiet wirklich verstanden, durchdrungen und kritisch reflektiert hat. Genau dafür brauchen wir verstärkt mündliche Prüfungsformate und spontane Abfragen. Es wäre aus meiner Sicht falsch, wenn gerade diese Formate jetzt abgeschafft würden. Im Gegenteil: Sie werden in Zukunft eher noch wichtiger.“

    Was müsste sich stattdessen verändern?

    „Wir sollten nicht über die Abschaffung von Formaten, sondern über die Qualität des Feedbacks sprechen. Es macht Sinn, sich intensiv Zeit für Rückmeldungen zu nehmen – individuell oder in der Gruppe. Doch dafür brauchen Lehrkräfte Entlastung an anderer Stelle. Mein zentrales Plädoyer lautet daher: Schluss mit der starken „Hineinregulierung“! Man sollte den Lehrkräften mehr Freiheiten lassen, ihr Verantwortungsbewusstsein stärken und ihnen als Fachkräften vertrauen. Lehrkräfte wissen sehr genau, was in ihren Klassen funktioniert und was nicht. Dieses professionelle Wissen sollte stärker genutzt und nicht immer weiter eingeengt werden.“


    Prof. Dr. Manuela Pietraß lehrt Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Medienbildung an der Universität der Bundeswehr München.

    Der Bayerische Philologenverband (bpv) ist die Vertretung der Lehrkräfte an Gymnasien und Beruflichen Oberschulen in Bayern.
    Mit seiner leidenschaftlichen Arbeit setzt sich der bpv seit seiner Gründung im Jahr 1863 kontinuierlich für gute Arbeits- und Rahmenbedingungen der Lehrkräfte ein und fördert den Bildungsauftrag der Schularten. Der bpv ist die starke Stimme seiner Mitglieder und ein unverzichtbarer Partner in der bayerischen Bildungspolitik.

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