Zum 100. Geburtstag des großen Erzählers Siegfried Lenz

Siegfried Lenz bei einer Lesung in Bonn 1969
von Walter Tetzloff
Er gehört zu den drei großen Erzählern der jungen Bundesrepublik. Es waren Heinrich Böll, Günter Grass und Siegfried Lenz, die sich in den späten vierziger Jahren eine große Aufgabe gestellt haben. Ihnen ging es um die literarische Auseinandersetzung (nicht Bewältigung!) mit dem Nationalsozialismus, dem aus ihm folgenden Militarismus, den Schrecken des Krieges und den zwangsläufigen Fragen der persönlichen und der kollektiven Schuld.
Damit erschöpfen sich allerdings auch schon die Gemeinsamkeiten der drei Schriftsteller, die sich anfänglich in der „Gruppe 47“ zusammenfanden und sich zu dem Credo „Nie wieder Krieg und Auschwitz“ bekannten. Da die Gruppe 47 letztlich doch nur ein loser Zusammenschluss von ähnlich, nicht gleich gesinnten Schriftstellern, Intellektuellen und Publizisten war, bot sie genug Möglichkeiten, den historischen Auftrag mit eigenen ästhetischen, stilistischen und auch inhaltlichen Schwerpunkten zu realisieren. Siegfried Lenz bei einer Lesung in Bonn 1969
Im Falle von Siegfried Lenz gelang dies nicht auf Anhieb. Sein erster Roman „Es waren Habichte in der Luft“ war 1951 noch kaum mehr als ein Achtungserfolg, begründete aber den Entschluss des mittlerweile in Hamburg lebenden jungen Autors, sich ganz der freiberuflichen Autorentätigkeit zu widmen und sein Studium nicht fortzusetzen.
1955 kann als ein Erfolgsjahr für Siegfried Lenz bezeichnet werden. Die Gründe sind vor allem in seiner Biographie zu sehen. Wer war Siegfried Lenz? 1926 wurde er in Ostpreußen geboren, im heute zu Polen gehörenden masurischen Lyck. Der Zweite Weltkrieg bedeutete für den erst 17-Jährigen Kriegseinsatz in der Reichsmarine und zwei Jahre später britische Kriegsgefangenschaft, die nur kurz währte und Lenz in Hamburg bald nach Kriegsende die Aufnahme eines geisteswissenschaftlichen Studiums ermöglichte.
Ostpreußen allerdings sollte und wollte er nicht vergessen. Das heimatliche Masuren durfte er nicht wiedersehen, und so machte er es zum Schauplatz und zum Gegenstand von 20 Erzählungen, die er unter dem Titel „So zärtlich war Suleyken“ veröffentlichte. Der Erfolg hält bis heute an und beschränkt sich sicher nicht auf Heimatvertriebene aus Ostpreußen. Seine Motivation für die heiteren, gelegentlich sentimentalen, aber sämtlich wunderbaren kleinen Erzählungen beschreibt Lenz 1955 selbst: „Die Geschichten und Skizzen sind gleichsam kleine Erkundungen der masurischen Seele. Sie stellen keinen schwermütigen Sehnsuchtsgesang dar, im Gegenteil: diese Geschichten sind zwinkernde Liebeserklärungen an mein Land, eine aufgeräumte Huldigung an die Leute von Masuren. Selbstverständlich enthalten sie kein verbindliches Urteil – es ist mein Masuren, mein Dorf Suleyken, das ich hier beschrieben habe.“
Diese kleinen, aber kostbaren Erinnerungsstücke eignen sich noch heute für die Lektüre im Deutschunterricht der Mittelstufe, und der bescheiden daherkommende Anspruch des Schriftstellers, eben kein verbindliches Urteil fällen zu wollen, durchzieht das erzählerische Werk des ebenso ostpreußischen wie norddeutschen Dichters zeit seines Schriftstellerlebens. Es mag sein, dass er sich gerade darin von seinen Kollegen Böll und Grass und allemal von seinem Zeitgenossen, dem Dramatiker Bert Brecht unterscheidet.
Da jeder Anspruch, das so umfangreiche erzählerische Gesamtwerk von Siegfried Lenz angemessen zu würdigen oder gar zu gewichten, zum Scheitern verurteilt sein muss, sei hier gleich der Bogen zum Romanwerk geschlagen. Und hier sticht natürlich der 1968 veröffentlichte große Roman „Deutschstunde“ heraus. Er sollte schließlich den Weltruhm des Autors begründen. Die nicht einfach zu verfolgende Erzählhandlung stellt einen Polizeibeamten im schleswig-holsteinischen Norden in den Vordergrund, mit dessen Pflichtauffassung es zu vereinbaren ist, das von den NS-Verantwortlichen erlassene Malverbot für den Künstler Max Ludwig Nansen zu überwachen. Hinter dieser Erzählfigur verbirgt sich der norddeutsche Maler Emil Nolde, dessen komplizierte Haltung zu den NS-Größen im Roman allerdings ausgespart wird. Thema des Romans ist der Konflikt zwischen falsch verstandenem und die Vernunft und die Menschlichkeit ignorierendem Pflichtgefühl einerseits und persönlicher Schuld andererseits. Die Handlung reflektiert dabei den Generationskonflikt, der sich in den Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn zeigt.
Das so umfangreiche Erzählwerk von Siegfried Lenz zeigt diesen als einen weitgehend konventionellen Erzähler, der eher in der Tradition der Dichter des Bürgerlichen Realismus im 19. Jahrhundert zu sehen ist und von experimentellen Versuchen lieber Abstand nimmt. So war ein angelsächsisches Vorbild denn auch eher William Faulkner als Ernest Hemingway. Die Vorliebe für das lineare und kontinuierliche Erzählen wird auch in einer Erzählung und in zwei späten Novellen erkennbar, die hier – exemplarisch und sicher subjektiv – als gelungene Beispiele für Lenz’sche Erzählkunst erwähnt werden sollen, weil sie sich für Lektüre und Diskussion mit Aktualitätsbezug im Deutschunterricht eignen. 1966 veröffentlichte Lenz die atmosphärisch so dichte und ergreifende Erzählung „Ein Freund der Regierung“. Hier wird eine Besuchergruppe aus einem westlichen demokratischen Land durch ein Gebiet geführt, in dem eine Militärdiktatur das Sagen hat und den Besuchern die Vorzüge des Regimes raffiniert vorzuführen sich anschickt – bis die Vorführung ein erschreckendes Ende nimmt.
Wir schreiben das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, und der Schriftsteller Siegfried Lenz hat noch nichts von seiner Schaffenskraft verloren. Davon zeugen die beiden Novellen „Schweigeminute“ (2008) und „Landesbühne“ (2009). Mit Humor und Gelassenheit und doch recht eindringlich schildert der Autor im ersten Fall eine Beziehung zwischen einem Oberstufenschüler und seiner Englischlehrerin. „Vielleicht sein schönstes Buch“ urteilt Marcel Reich-Ranicki über dieses Spätwerk, wie überhaupt dessen Urteil über Lenz („der gütige Zweifler“) eine gelungene Zusammenfassung des Lebenswerkes ist. Lenz und Reich-Ranicki verband eine lebenslange Freundschaft, also eine Verbindung, die der Literaturkritiker bekanntlich anderen renommierten Zeitgenossen nicht zugestand …
Siegfried Lenz verfolgte – wie bereits angedeutet – keinen penetranten ideologischen Anspruch in seinem Erzählwerk. Einen klaren politischen Standpunkt indes konnte man ihm nicht absprechen. Der gebürtige Ostpreuße unterstützte entschieden die Versöhnungspolitik Willy Brandts, der nach Jahrzehnten verhärteter Fronten im Ost-West-Konflikt 1970 nach Polen reiste und die Ansprüche auf Rückgewinnung der ehemals deutschen Ostgebiete komplett aufgab. Das war durchaus im Sinne des Autors und stand nicht im Widerspruch zu den wehmütigen Erinnerungen in „So zärtlich war Suleyken“! In seiner Versöhnungsbereitschaft zeigte sich seine Menschlichkeit.
Eine lange und intensive Freundschaft verband Siegfried Lenz mit den beiden Hamburgern Helmut und Loki Schmidt. Es gibt zahllose Zeugnisse gegenseitiger Wertschätzung. Und von Wertschätzung zeugen auch die vielen Preise, die dem Dichter zuteilwurden und die hier ebenso wenig alle aufgeführt werden können wie eine Werkübersicht, die diesen Namen verdient.
Von Interesse ist sicherlich, dass seit 2014 jährlich ein Siegfried-Lenz-Preis vergeben wird. Den erhält eine Autorin oder ein Autor für ihr/sein erzählerisches Werk, das die Wirklichkeit spiegelnd durchaus den Vergleichen mit dem Namensgeber standhält, man denke hier nur an die kanadische Erzählerin Elisabeth Strout, deren neuer Roman „Erzähl mir alles“ derzeit in den „Spiegel“-Bestsellerlisten erscheint und mit kluger Beobachtungsgabe viel Lesefreude erzeugt.