„Ich empfinde große Dankbarkeit und Stolz“

    Fragen an die 1. Preisträgerin der Preisverleihung „Lehrkräfteausbildung mit Herz und Haltung“ in der Kategorie HAUPTAUSBILDUNGSLEITUNG, Nicole Mittendorf (Berufsbildende Schulen, LAS Dresden)

    von Walter Tetzloff

    1. Welche Hauptziele und Schwerpunkte bestimmen Ihre Arbeit in der Hauptausbildung der zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer?

    Jeder Lehrkraft in Ausbildung, die den Vorbereitungsdienst beginnt, unterstelle ich eine Flamme, die für den Lehrerberuf brennt. Mein oberstes Ziel ist es, diese Flamme niemals ausgehen zu lassen. Im Gegenteil. Gemeinsam arbeiten wir so lange am individuellen Wachstum, bis aus der kleinen Flamme ein möglichst stabiles Lagerfeuer geworden ist, an dem sich wiederum die Schülerinnen und Schüler wärmen können. Im besten Fall steht neben diesem Lagerfeuer noch ein Korb neuer Holzscheite gefüllt mit Lehrergesundheit, positiven Erfahrungen, wertschätzendem Feedback und weiteren Hilfsangeboten, damit diese Flamme nie ausgeht.

    Jede Lehrkraft hat unterschiedliche Stärken und erreicht ihr Ziel auf einem individuellen Weg. Deshalb braucht jede Lehrkraft auch individuelle Unterstützung, Beratung und Coaching. Alle Kolleginnen und Kollegen an der Lehrerausbildungsstätte Dresden arbeiten ressourcen- und bedarfsorientiert. Das heißt: Wir stellen uns auf jeden Referendar und jede Seminargruppe individuell ein.

    Der wichtigste Wachstumsbeschleuniger ist dabei eine Beziehung auf Augenhöhe sowie ein hohes Maß an Empathie und Wertschätzung. Gleichzeitig braucht es aber auch Klarheit und transparente Erwartungen. Die Referendare werden vom ersten Tag an behutsam, aber kontinuierlich auf Prüfungen und die realen Anforderungen des Lehreralltags vorbereitet und das stets unter Berücksichtigung der Lehrergesundheit und individueller Grenzen.

    Wir leben eine stärken- und wachstumsorientierte Haltung vor, die sich dadurch hoffentlich auch auf die Schülerinnen und Schüler in unserem Land überträgt.

    2. Welche spezifischen, d. h. auf die Berufsausbildung der jungen Menschen ausgerichteten Ziele verfolgen Sie?

    Mein Herz und meine Haltung sind aus meiner Sicht entscheidende Faktoren, die Lehrkräften dabei helfen, sich selbst in ihrer Lehrerrolle zu finden. Positive Erfahrungen in der eigenen Ausbildung tragen meiner Meinung nach dazu bei, später selbst angstfreie und wachstumsorientierte Lernräume für Schülerinnen und Schüler zu gestalten.

    Wenn Lehrende sich stets auch als Lernende begreifen und eine positive Fehlerkultur vorleben, prägt das unsere Schülerinnen und Schüler nachhaltig. Die Gesellschaft verändert sich rasend schnell und auch wir müssen lernen, uns schneller an Veränderungen anzupassen.

    Ob Schülerinnen und Schüler es wollen oder nicht: Sie werden durch ihre Lehrkräfte geprägt. Damit tragen wir eine große Verantwortung für den Schutz unserer Demokratie und unseres Planeten, für die Entwicklung unserer Gesellschaft, für die Stärke unserer Wirtschaft und für die Empathie in unserem Land.

    3. Wo sehen Sie die Verknüpfung bzw. Verknüpfungsmöglichkeiten zwischen der 1. Phase der Lehrkräfteausbildung (wissenschaftliches Studium) und dem Referendariat?

    Der Vernetzung zwischen den Phasen der Lehrerausbildung messe ich eine sehr hohe Bedeutung bei. Lehrkräfte in Ausbildung berichten häufig, dass zwischen den Lehrinhalten des Studiums und den später zu vermittelnden Unterrichtsinhalten deutliche Unterschiede bestehen.

    Wenn ich aus den Erfahrungen der berufsbildenden Schule berichten darf: Wir haben gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Universitäten einen Arbeitskreis gegründet, der sich vierteljährlich phasenübergreifend mit gemeinsamen Themen beschäftigt. Außerdem gibt es fachrichtungsbezogene Vernetzungstreffen zwischen Universität und Ausbildungspraxis.

    Hier tauschen wir uns über aktuelle Entwicklungen aus, stellen uns gegenseitig unsere Konzepte vor und betreiben aktives Schnittstellenmanagement. Dazu gehört auch die Etablierung unseres Schnuppertages, bei dem wir Studierenden einmal im Jahr die Möglichkeit geben, ihre zukünftigen Ausbilder kennenzulernen, an echten Seminaren teilzunehmen und Antworten auf alle Fragen rund um die „Black Box Referendariat“ zu bekommen.

    Ich empfinde es als unerlässlich, dass wir die Symbiose zwischen Wissenschaft auf der einen Seite und Bildungspraxis in der Schule auf der anderen Seite stärker in den Blick nehmen. Wenn wir Lehrkräfte in Ausbildung diesen Spagat allein bewältigen lassen, entsteht eine unnötige Spannung, die der Lehrergesundheit nicht zuträglich ist.

    Leider werden die Vernetzungsmöglichkeiten aktuell von limitierenden Faktoren bestimmt. Aktuelle strukturelle Rahmenbedingungen erschweren teilweise die Zusammenarbeit. Dies könnte aus meiner Sicht dazu führen, dass im Bereich der Lehrerausbildung Innovationskraft verloren geht. Lehrerbildner brauchen bessere Strukturen und ausreichende Ressourcen, um die Bildung im Land weiter voranzubringen.

    4. Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands bezeichnete in ihrer Rede anlässlich der Preisverleihung in Dresden die zweite Phase (Referendariat) als das „Herz der Ausbildung“. Schließen Sie sich dieser Bewertung an?

    Das unterstreiche ich absolut. Erst wenn ich regelmäßig unterrichte, dabei angeleitet werde, Fehler machen darf und unterstützende Menschen an meiner Seite habe, kann ich wirklich in die Lehrerrolle hineinwachsen.

    Sicherlich gibt es unter Studierenden auch Naturtalente, die bereits ab dem ersten Tag vor der Klasse überzeugen. Doch das System Schule ist sehr komplex. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn wir die Rückmeldungen sogenannter Seiteneinsteiger betrachten.

    Immer wieder wird uns gespiegelt, dass das Referendariat zwar in Phasen mit Unterrichtsbesuchen und Prüfungen anstrengend ist. Am Ende starten jedoch viele mit deutlich mehr Handlungskompetenz und Handlungssicherheit in den Schuldienst.

    Das Referendariat besteht nicht nur aus Hospitationen bei Mentorinnen und Mentoren oder Lehrproben durch die Ausbilder. Vielmehr haben junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Zeit, sich intensiv mit ihren Überzeugungen, Haltungen und ihrer neuen Rolle auseinanderzusetzen.

    Im besten Fall werden sie dabei angenommen, angeleitet und auf Augenhöhe unterstützt – von ihren Mentorinnen und Mentoren, Haupt- und Fachausbildungsleitern sowie den Schulleitungen.

    5. Wie intensiv muss die Kooperation zwischen Ausbildungspersonal und den Mentorinnen und Mentoren an den Schulen sein? Sehen Sie hier Verbesserungsbedarf?

    Wenn ich an meine erste Mentorenschaft zurückdenke, erinnere ich mich an Vorfreude, aber auch an Unsicherheit. Mein eigenes Referendariat war damals noch anders strukturiert. Ich fragte mich, ob ich der Referendarin bildungswissenschaftlich überhaupt hilfreich zur Seite stehen konnte, da ich die Inhalte der Seminare nicht kannte.

    Doch diese Sorge legte sich schnell. Schon bald wurde ich zu einer Mentorendienstberatung eingeladen, und mein Schulleiter ermöglichte mir eine umfassende Fortbildung in Form einer Mentorenqualifizierung. Diese beiden Bausteine empfand ich als äußerst hilfreich.

    Bis heute fällt jedoch immer wieder auf, dass die Qualität des Mentorings an Schulen sehr unterschiedlich ausfällt. Oft wird die Beziehung zwischen Referendar und Mentor als entscheidender Faktor für das Wohlbefinden im Referendariat beschrieben. Mentorinnen und Mentoren sollten diese Aufgabe gern übernehmen, sich dafür fortbilden können und schulorganisatorisch möglichst viel Kontaktzeit mit dem Referendar haben. Gleichzeitig sollte es Referendarinnen und Referendaren auch möglich sein, unkompliziert den Mentor zu wechseln – schließlich arbeitet man sehr eng zusammen.

    Die Mentorendienstberatung pflegen wir bis heute an der Lehrerausbildungsstätte. Wir halten uns gegenseitig auf dem Laufenden, vernetzen uns und bilden Mentoren in Bereichen fort, die ihnen in ihrer Rolle helfen.

    Sowohl Ausbilder als auch Mentoren wünschen sich hier jedoch mehr Zeit für den Austausch. Die hohe Arbeitsbelastung auf beiden Seiten, geschaffen durch aktuelle strukturelle Rahmenbedingungen, steht diesem Wunsch jedoch häufig im Weg.

    6. Was bedeutet der in Dresden in Anwesenheit des Ministerpräsidenten überreichte Preis für Sie persönlich?

    Ich empfinde vor allem große Dankbarkeit und Stolz. Ich selbst hatte ein wunderbares Referendariat mit Ausbildern, die mich gesehen, gefördert und gecoacht haben. Schnell entstand bei mir der Wunsch, selbst Mentorin zu werden und etwas zurückzugeben.

    Nach zwei Mentorenschaften mit großartigen Kolleginnen durfte ich schließlich Fach- und Hauptausbildungsleiterin werden. Heute profitiere ich von den Erfahrungen eines eingespielten Teams an Hauptausbildungsleitern, kann mich einbringen und darf so sein, wie ich bin. Ich darf mich weiterentwickeln und habe meine Rolle gefunden.

    Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich von meinen Referendarinnen und Referendaren gesehen und wertgeschätzt werde. Ich arbeite gern, und meine Arbeit ist mir wichtig. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst und freue mich sehr darüber, dass viele Referendare mit meiner Arbeit zufrieden sind. Dieses Feedback gibt mir enorme Kraft und zeigt mir zugleich, dass ich auf einem guten Weg bin. Ohne mein Team aus Haupt- und Fachausbildungsleitern wäre das jedoch nicht möglich, denn Lehrerbildung ist immer Teamarbeit. Das schafft niemand allein.

    Dankbar bin ich auch Jessica Kanitz, der Initiatorin dieses Preises, die meine Vision teilt, dass das Referendariat keine belastende Zeit sein muss. Dieser Preis richtet das Licht auf all jene Menschen, die die Bildung in unserem Land mit großem Engagement voranbringen: Mentorinnen und Mentoren, Fachausbildungsleiter und Hauptausbildungsleiter.

    Gemeinsam gehen wir mit Herz und Haltung weiter unseren Weg und helfen Lehrkräften beim Wachsen.

    Die Fragen stellte Walter Tetzloff

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