Im Ausschuss für Schule und Bildung des Sächsischen Landtags ist am 22. April 2026 öffentlich über einen Antrag der AfD-Fraktion beraten worden, der die bestehende Schulbesuchspflicht durch eine sogenannte „Bildungspflicht“ ersetzen will. Als Sachverständige nahm Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes und Professorin für Schulpädagogik an der Philipps-Universität Marburg, Stellung und machte deutlich: Die Schulpflicht ist kein überholtes Relikt, sondern die notwendige Voraussetzung für gleiche Bildungschancen, demokratische Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Hier geht es zum Video der Anhörung. Susanne Lin-Klitzing spricht von Minute 2:20 bis 12:42.
Bildung braucht Schule
In ihrer Anhörung betonte Lin-Klitzing, dass allgemeine Bildung mehr sei als das Erreichen einzelner Lernziele und das Erarbeiten von Wissen. Bildung bedeute Persönlichkeitsentwicklung, Urteilsfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft sowie die Fähigkeit zu Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität.
Diese Ziele entstünden nicht zufällig und auch nicht allein im privaten Raum. Sie benötigten:
- fachlich fundierten Unterricht,
- pädagogisch qualifizierte Lehrkräfte,
- gemeinsame Lernprozesse mit anderen Schülerinnen und Schülern,
- verlässliche Strukturen,
- soziale Integration und demokratische Erfahrungsräume.
Schule ist deshalb der zentrale öffentliche Ort, an dem Bildung für alle ermöglicht wird.
Schulpflicht schützt Kinder und Chancengleichheit
Der Deutsche Philologenverband weist darauf hin, dass die Schulpflicht Kinderrechte schützt. Sie sichert jedem Kind den Zugang zu Bildung – unabhängig von Herkunft, sozialem Status oder den Möglichkeiten des Elternhauses.
Gerade die Erfahrungen der Corona-Pandemie hätten gezeigt, wie stark Bildungsungleichheit wächst, wenn schulische Strukturen wegfallen. Lernrückstände, psychosoziale Belastungen und ungleiche Lernbedingungen seien deutliche Warnsignale gewesen.
Lin-Klitzing verwies zudem darauf, dass Schule über Wissensvermittlung hinaus auch die folgenden wichtigen Aufgaben erfüllt:
- Prävention bei Kindeswohlgefährdung
- Sprachförderung
- Wertevermittlung
- politische Bildung
- Integration in die demokratische Gesellschaft
Der Antrag verkenne das Wesen von allgemeiner Bildung
Aus Sicht des Deutschen Philologenverbandes bleibt der Antrag der AfD-Fraktion in zentralen Punkten unterbestimmt:Der Begriff „allgemeine Bildungspflicht“ bleibe unklar und reduziere Bildung auf überprüfbare Ergebnisse. Damit werde übersehen, dass Bildung immer auch gemeinsame Auseinandersetzung und gemeinsame soziale Erfahrungen voraussetzen.
Wer allgemeine Bildung stärken will, darf die Schule nicht schwächen.
Empfehlung des DPhV: Schulen stärken statt Schulpflicht abschaffen
Der DPhV empfiehlt daher klar, die bestehende Schul(besuchs)pflicht beizubehalten und stattdessen die Rahmenbedingungen an Sachsens Schulen konsequent zu verbessern. Dazu gehören insbesondere:
- ausreichend gut ausgebildete Lehrkräfte
- attraktive Arbeitsbedingungen
- verlässliche Personalplanung
- pädagogisch sinnvolle Lernformen
- schulpsychologische und sozialpädagogische Unterstützung
- moderne zeitgemäße Ausstattung
Klare Botschaft des DPhV
Susanne Lin-Klitzing fasste die Position des Verbandes eindeutig zusammen: „Nicht die Schulpflicht ist das Problem, sondern unzureichende Bedingungen für erfolgreiche schulische Bildung.“ Wer Kindern und Jugendlichen echte Zukunftschancen eröffnen wolle, müsse deshalb in starke Schulen investieren – nicht in die Auflösung gemeinsamer Bildungsräume.