„Bildung ist kein Abarbeiten von Stoff – gute Bildung entsteht nicht im Schulbuch, sondern im Miteinander“

    Die bayerische Kultusministerin Anna Stolz übernahm jüngst die BMK-Präsidentschaft. Anlässlich dieser Amtsübernahme gab sie PROFIL das folgende Interview.

    1. Frau Ministerin, Sie haben kürzlich die Präsidentschaft der Bildungsministerkonferenz der Länder übernommen. Dabei haben Sie das Motto herausgegeben „Challenge up: Herzschlag und Hightech für Deutschlands Schülerinnen und Schüler!“ Welche Bedeutung messen Sie dabei dem Digitalpakt für die Schulen zu? Soll die digitale Infrastruktur Bildungsinhalte und -formate ersetzen oder Bildungsvermittlung mit modernen Mitteln unterstützen?

    Anna Stolz mit PROFIL-Redaktionsleiter Walter Tetzloff in Berlin (Foto: Franke)

    STOLZ: Der erste DigitalPakt Schule 2019 bis 2024 hat dafür gesorgt, dass in vielen Schulen heute digitale Technik umfangreich vorhanden ist. Entscheidend ist aber längst nicht mehr nur die Frage, ob Geräte da sind – entscheidend ist, ob sie im Schulalltag zuverlässig funktionieren.

    Genau hier setzt der DigitalPakt 2.0 an: von der Ausstattung zur Verlässlichkeit, von der Anschaffung zum Dauerbetrieb. Es geht um stabile Netze, funktionierende Endgeräte, IT-Sicherheit, Wartung und Support.

    Verantwortungsvolle digitale Bildung ist dabei niemals Selbstzweck. Sie soll Unterricht besser machen, Lehrkräfte unterstützen und Schülerinnen und Schülern neue Lernmöglichkeiten eröffnen. Aber eines ist für mich ganz klar: Technik ersetzt keine Pädagogik. Sie ist ein Werkzeug – nicht der Maßstab.

    Gute Bildung verbindet immer Kopf, Herz und Körper – von verantwortungsvoller digitaler Bildung bis zu Sport und Bewegung. Genau darum geht es mir bei meinem Motto ‚Challenge up – Herzschlag und Hightech‘. Hightech bedeutet, dass wir unsere Schulen technisch auf die Höhe der Zeit bringen. Herzschlag steht für das, was Schule im Kern ausmacht: Beziehung, pädagogische Verantwortung und Persönlichkeitsbildung.

    Der DigitalPakt 2.0 knüpft damit an die bisherigen Investitionen von Bund und Länder an und sorgt dafür, dass die digitale Infrastruktur an unseren Schulen nicht nur aufgebaut, sondern verlässlich betrieben wird. Digitale Medien und Künstliche Intelligenz können Unterricht bereichern, individuelles Lernen unterstützen und Lehrkräfte entlasten. Entscheidend bleibt aber immer der pädagogische Kompass: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch pädagogisch sinnvoll.

    2. Welche Chancen sehen Sie für eine Verlängerung oder besser eine Verstetigung des Digitalpakts?

    STOLZ: Verantwortungsvolle digitale Bildung ist keine einmalige Sache, sondern eine Daueraufgabe. Die Verstetigung des DigitalPakts bietet eine große Chance, die bisher erreichten Fortschritte weiter auszubauen – bei Infrastruktur, Wartung, Support und digitalen Bildungsangeboten.

    Gleichzeitig sage ich offen: Das Bundesvolumen liegt unter dem Niveau des ersten DigitalPakts. Die Länder hätten sich hier mehr gewünscht. Umso wichtiger ist es, dass die Mittel zielgerichtet eingesetzt werden und im Schulalltag tatsächlich Wirkung entfalten. Verlässliche und planbare Rahmenbedingungen sind dabei entscheidend, damit die digitale Weiterentwicklung unserer Schulen dauerhaft gesichert ist.

    In Bayern gehen wir hier einen klaren Weg: Mit dem Vier-Säulen-Zuschuss zur schulischen IT-Infrastruktur unterstützen wir die Schulaufwandsträger dauerhaft – zusätzlich zu den Bundesmitteln mit erheblichen Landesmitteln des Freistaats. Damit sorgen wir für Verlässlichkeit bei den zentralen Aufgaben der digitalen Ausstattung – von Netzwerkinfrastruktur über Endgeräte bis hin zu Wartung und Pflege.

    Denn digitale Bildung darf nicht von kurzfristigen Programmen abhängen. Sie braucht stabile Strukturen, langfristige Finanzierung und klare Verantwortlichkeiten.

    Mein Ziel ist eine digitale Bildung, die junge Menschen befähigt, Technologien souverän zu nutzen und kritisch zu reflektieren. Wir investieren in Köpfe – nicht in Geräte und Kabel. Unsere Aufgabe ist es, Kompetenzen zu vermitteln: kritisch denken, einordnen, reflektieren, Verantwortung übernehmen.
    Kompetenz schafft Resilienz – im Netz und im echten Leben.

    3. Unterstützen Sie die Bemühungen des Deutschen Philologenverbands um eine Steigerung des Leistungsniveaus insbesondere an den weiterführenden Schulen der Sekundarstufen I und II?

    In diesem Zusammenhang: Wie stehen Sie zu der Absicht mehrerer nördlicher Bundesländer, die Stundenzahl im Einführungsjahr der Oberstufe zu kürzen? Der Deutsche Philologenverband sieht in derartigen Maßnahmen einen Widerspruch zur allseits mit Recht eingeforderten Stärkung des Demokratiebewusstseins an unseren Schulen.

    STOLZ: Junge Menschen wollen sich messen. Sie wollen besser werden. Sie wollen spüren, was in ihnen steckt. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei zu fördern und auch zu fordern. Deswegen braucht gute Bildung eine positive Leistungskultur.

    Leistung darf niemals als etwas Bedrohliches empfunden werden – Leistung heißt: Ich strenge mich an und ich merke, ich kann etwas. Leistung ist damit Freude am eigenen Können. Oder anders gesagt: Wer erlebt, dass Anstrengung sich lohnt, gewinnt Selbstvertrauen und Motivation. Getreu dem Motto: Ich mache dir die Aufgabe nicht leichter – aber ich mache dich stärker.

    Gerade das Gymnasium spielt dabei eine zentrale Rolle. Es steht für vertiefte Allgemeinbildung, wissenschaftspropädeutisches Arbeiten und eine anspruchsvolle Vorbereitung auf Studium und Beruf.

    Wer das Leistungsniveau stärken will, darf dabei die Bildungszeit nicht verkürzen. Wirklich gute Bildungsqualität entsteht durch klare Anforderungen, gute Lehrkräfte und eben auch genügend Zeit für vertieftes Lernen.

    ‚Challenge Up‘ – das heißt: Wir packen Herausforderungen kraftvoll an. Unser Ziel muss sein, junge Menschen leistungsbereit zu machen – durch Motivation, Orientierung und Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Leben wir unserem Nachwuchs vor, wie man mit Höhen und Tiefen des Lebens konstruktiv umgeht!

    4. Ein sicheres Dienstverhältnis für Lehrkräfte ist eines der wichtigsten berufspolitischen Ziele unseres Verbandes. Die Wahrnehmung von hoheitlichen Aufgaben und die damit verbundene Vergabe von Lebenschancen durch schulische Abschlüsse sind für den DPhV entscheidende Argumente, die für den Beamtenstatus sprechen. Dürfen wir in dieser Frage weiter auf Sie zählen?

    STOLZ: Als bayerische Kultusministerin stehe ich felsenfest zur Verbeamtung unserer Lehrkräfte.

    Sie ist ein zentraler Baustein für Qualität, Stabilität und Attraktivität des Berufs. Gleichzeitig ist sie Ausdruck staatlicher Verantwortung für eine flächendeckende Unterrichtsversorgung – in Stadt und Land gleichermaßen.

    Lehrkräfte tragen eine enorme Verantwortung. Sie sind Wegbegleiter, Mutmacher und Kompass in entscheidenden Lebensjahren. Sie prägen Bildungswege und eröffnen Zukunftschancen. Genau deshalb braucht dieser Beruf auch besonders verlässliche Rahmenbedingungen.

    In Bayern können sich Lehrkräfte auf stabile Verhältnisse verlassen. Das trägt wesentlich dazu bei, dass wir im bundesweiten Vergleich sehr gut dastehen – mit hervorragend ausgebildeten Lehrkräften, die jeden Tag großartige Arbeit leisten.

    Gleichzeitig gilt im föderalen Bildungssystem: Die Ausgestaltung der Beschäftigungsverhältnisse liegt in der Verantwortung der Länder. Mein Ziel als Präsidentin der Bildungsministerkonferenz ist es, die Professionalität der Lehrkräfte zu stärken, sie zu entlasten und ihnen die Wertschätzung zu geben, die sie für ihre anspruchsvolle Arbeit verdienen.

    5. Ihre Partei, die Freien Wähler, hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Wiedereinführung der neunjährigen Gymnasialzeit in Bayern. Inzwischen sind fast alle westdeutschen Länder zu G 9 zurückgekehrt. Ein Erfolgsmodell?

    STOLZ: Das neunjährige Gymnasium hat sich in Bayern bewährt. Mehr Zeit zum Lernen bedeutet auch mehr Zeit für Vertiefung, Persönlichkeitsentwicklung und außerschulisches Engagement.

    Bildung ist kein Abarbeiten von Stoff. Gute Bildung steht nicht im Schulbuch, sondern im Miteinander. Hier sollen junge Menschen Zeit haben und begleitet werden, ihre Talente zu entdecken, Verantwortung zu übernehmen und sich als Persönlichkeit zu entwickeln.

    Genau das ermöglicht das G9 – anspruchsvolle Bildung, ohne unnötigen Zeitdruck. Dann am Ende geht es für mich hier das Entscheidende: um junge Menschen. Um Zukunft. Deshalb sehen wir in Bayern auch sehr positive Rückmeldungen aus der Schulfamilie.

    Frau Ministerin, wir danken Ihnen für Ihre richtungweisenden Antworten.

    Die Fragen stellte Walter Tetzloff

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