Der Deutsche Philologenverband im Dialog auf der Didacta in Köln
von Walter Tetzloff

Silvie Kruse von Lehrer-Online und Georg Hoffmann (PhV NRW) am Stand der Philologenverbands (Foto: Steinacker)
Die größte europäische Bildungsmesse Didacta – sie ist ohne die Präsenz der Philologen nicht denkbar. Sie wird alljährlich ausgerichtet, und die Austragungsorte unterliegen einem Zyklus: Stuttgart – Köln – Hannover. In diesem Jahr war die Metropole am Rhein an der Reihe. In dem nahezu unüberschaubar großen Messegelände in Köln-Deutz hatte der Philologenverband Nordrhein-Westfalen seinen gut besuchten Stand errichtet, und unterstützt wurden die NRW-Philologen durch die DPhV-Vorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, die in mehreren Talks und Podiumsdiskussionen gefragt war, so auch in der Gesprächsrunde „Kollegien im Wandel stärken“, moderiert von Dr. Jan-Martin Wiarda.

Susanne Lin-Klitzing beim Panel der Initiative D21 e.V. mit Romance Bassingha, Lilli Berthold von der Bundesschülerkonferenz, moderiert von Timm Lutter von Cornelsen und der Initiative D21. (Foto: Hoffmann)
Er begrüßte neben unserer Bundesvorsitzenden den Leiter des Städtischen Gymnasiums Thusneldastraße Köln, André Szymkowiak, den als DPhV-Kooperationspartner bekannten Vertreter der Heraeus-Stiftung, Martin Fugmann, und den Lehrer der erwähnten Kölner Schule, Christian Stork. Es ging unter anderem um die Möglichkeiten und Grenzen der Tätigkeiten von Schulleiterinnen und Schulleitern. Wichtig, ja unbedingt notwendig ist nach den Erfahrungen von André Szymkowiak, ein Digitalisierungsprozess an der Schule, bei dem das Kollegium nicht nur mitgenommen wird. Es müsse den Prozess im Einzelnen auch tragen. Dies gelinge nicht ohne offene und kritische Kommunikation. Martin Fugmann betonte dabei das Spannungsfeld von Stabilität und notwendiger Transformation.
Susanne Lin-Klitzing, die die Frage des Moderators bejahte, ob auch sie gern Schulleiterin wäre, betonte die sehr komplexe Aufgaben- und Verantwortungspalette moderner Schulleitungen und das hohe Arbeitsvolumen. Sie sprach sich klar für Fortbildungen aus, die die Schulleiterinnen und Schulleiter für die Veränderungsprozesse befähigten, die ohne Zweifel auf sie zukämen oder in denen sie sich jetzt schon befänden. Eine deutliche Position nahm die Vorsitzende ein, als es um das Berufsbild und das Selbstverständnis deutscher Schulleiterinnen und -leiter ging. Sie dürften sich nicht allein als Manager verstehen, sondern müssten ihre eigenen pädagogischen Erfahrungen auch zur Grundlage ihrer Leitungstätigkeit machen. Das bedeutet ein klares Plädoyer für Schulleiter, die zuvor als Lehrkräfte tätig waren.

DL-Vorstand mit DIDACTA-Verantwortlichen (Foto: Schirrmacher)
Zu einer Begegnung des Vorstands des Deutschen Lehrerverbands, also der DPhV-Dachorganisation, mit dem Vorstand der Didacta kam es ebenfalls im Messegelände. Unter der Leitung des DL-Vorsitzenden Stephan Düll und organisiert von dessen Geschäftsführerin Anne Schirrmacher tagte der DL-Vorstand und trat gleichzeitig in einen Dialog mit den Didacta-Verantwortlichen Dr. Hans-Joachim Prinz und Stephan Scharnagl ein.
„Mehr Zeit für das, was wirklich zählt“ – Mit diesem Slogan warb die Firma Seven Education im Rahmen einer Podiumsdiskussion für digitalen Einsatz und KI in der Schule. Werbeträchtig ergänzte sie: „Mit unseren digitalen Lösungen laufen Sie dem Tag nicht mehr hinterher. Sie gestalten ihn.“ Unter der Moderation von Anja Backhaus vom Westdeutschen Rundfunk hoben der Vertreter von Seven Education und ein Influencer die entlastende Funktion von KI im schulischen Alltag hervor. Zu deren Begeisterung setzte sich die DPhV-Vorsitzende Susanne Lin-Klitzing zwar nicht in einen direkten Gegensatz, dämpfte aber die Euphorie, indem sie dafür plädierte, die neuen Medien und Möglichkeiten klug zu nutzen und sich nicht abhängig von KI zu machen. Stattdessen hob sie die Bedeutung der Fachdidaktik hervor und propagierte als Zielvorstellung die „didaktisch mündige Lehrkraft“. Das erfordere auch eine differenzierte, dem Alter der Schülerschaft angemessene Nutzung der KI. Sie sprach sich in diesem Zusammenhang für eine wertebasierte Entscheidung für oder gegen den Einsatz aus.
Wichtig sei auch, dass die Kommunen oder gegebenenfalls die Länder die Geräte und die Software finanzierten. Einig waren sich die Diskutanten, dass der KI-Einsatz die nicht-pädagogische Verwaltungstätigkeit der Lehrkräfte deutlich und in wünschenswertem Maße reduzieren möge. Die eingesparte Zeit könne und müsse dem Unterricht zugute kommen.

Susanne Lin-Klitzing im Interview mit dem Deutschlandfunk (Foto: Kasigkeit)
Für den DPhV-Vorstand waren vor allem die Bundesvorsitzende und Gabriela Kasigkeit aktiv. Erstere gab für den Deutschlandfunk ein Interview zu dem Thema „Faust nur in vereinfachter Sprache – bequemer Weg oder falsches Signal?“ Dabei äußerte Susanne Lin-Klitzing erhebliche Bedenken gegenüber der Tendenz der Schulbuchverlage, auf sinkende Lesekompetenz mit der Herausgabe von literarischen Klassikern in vereinfachter Sprache zu reagieren. Wörtlich sagte die Vorsitzende: „Inhalt und Form gehören bei literarischen Klassikern untrennbar zusammen. Goethes Knittelverse oder Lessings Dialogstruktur sind keine austauschbaren Verpackungen. Wer die Form verändert, liest ein anderes Werk.“ Das Gymnasium habe die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler an anspruchsvolle Texte heranzuführen, nicht, ihnen Komplexität zu ersparen. „Wer nie gelernt hat, sich einen schwierigen Text zu erschließen, wird auch im Studium, im Beruf und im öffentlichen Leben Schwierigkeiten haben, komplexen Sachverhalten zu folgen. Textverständnis ist eine erlernbare Kompetenz, aber nur, wenn sie geübt wird.“
Susanne Lin-Klitzing kritisierte nachdrücklich, dass für das Zentralabitur in der gesamten Oberstufe nur noch zwei Ganzschriften gelesen werden müssten. Die daraus resultierende Niveausenkung sei aber nicht der Schülerschaft anzulasten, sondern der Politik. Anspruchsvoller Lektüre müsse mehr Zeit im Unterricht eingeräumt werden.

Gabriela Kasigkeit zusammen mit Juli Reiher, BookTokerin und Merle Lotter von der Universität Köln im Gespräch mit Nele Kister von Eduversum. (Foto: Eduversum)
Gabriela Kasigkeit unterstützte als Deutschlehrerin ausdrücklich diese Position. Sie war es auch, die zu anderen Themen den kommunikativen Austausch auf der Kölner Didacta suchte. So diskutierte sie etwa im Rahmen einer Veranstaltung von Lehrer-online über die Rolle bestimmter Literatur-Genres.
Im Deutschunterricht gewinnt ein neues Genre an Bedeutung, das sich mit New Adult, Dark Romance und BookTok zusammenfassen lässt. Gabriela Kasigkeit trat entschieden dafür ein, diese literarischen Genres nicht zu ignorieren, sondern kritisch einzuordnen. Dies gelte vor allem in Bezug auf die dort vermittelten Geschlechterrollen und Beziehungsstrukturen. Der Austausch zu diesem Thema erfolgte mit Nele Kister (Moderatorin für Lehrer-online), der BookTokerin Juli Reiher und Merle Lotter von der Universität Köln.