von Gabriela Kasigkeit
Lehrerinnen tragen im Bildungssystem zentrale Verantwortung – pädagogisch, emotional und organisatorisch. Sie navigieren in einem Arbeitsfeld, das durch hohe Verdichtung, steigende Erwartungen und strukturelle Unterfinanzierung geprägt ist. Der Schulalltag bietet kaum geschützte Phasen für konzentrierte Arbeit, digitale Kommunikationswege haben die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben praktisch aufgelöst, und gerade Frauen im Lehrberuf nehmen eine Vielzahl zusätzlicher Aufgaben wahr: intensive Elternkommunikation, emotionale Beziehungsarbeit, Konfliktmoderation und häufig auch unbezahlte Schulentwicklungsprozesse. Diese Situation ist nicht Ausdruck individueller „Empfindlichkeit“, sondern eine Folge struktureller Rahmenbedingungen, die professionelle pädagogische Arbeit erschweren.
Ein Blick in die psychologische Forschung – unter anderem in die Ausgabe 10/2025 der Zeitschrift Psychologie Heute mit Beiträgen von Michèle Wessa und Christine Brähler – zeigt klar: Die Frage ist nicht, ob Lehrerinnen belastbarer sein müssten, sondern wie Schulen und Dienstherren Rahmen schaffen können, die professionelle Gesundheit ermöglichen. Zwei wissenschaftlich gut untersuchte Schutzfaktoren stehen dabei im Zentrum: Resilienz und Selbstmitgefühl. Beide sind kein Ersatz für strukturelle Verbesserungen, sondern wirksame Ergänzungen, die Belastungspfade abfedern können.
Resilienz bedeutet nicht, belastbarer oder „härter“ zu sein als andere, sondern flexibel auf Herausforderungen zu reagieren. Wessas Forschung betont besonders die Rolle der kognitiven Neubewertung: Menschen, die Situationen aus mehreren Perspektiven betrachten können – zeitlich, sozial oder funktional –, erleben messbar weniger Stress. Im Lehrerinnenberuf kann das bedeuten, zu erkennen, dass eine schwierige Unterrichtsstunde kein persönliches Versagen ist, sondern Ausdruck eines Systems, das kaum Pufferzonen bietet. Resilienz schützt damit nicht nur die psychische Gesundheit, sondern stärkt auch pädagogische Professionalität.
Selbstmitgefühl – ein zentraler Begriff in der Forschung von Christine Brähler – wird oft missverstanden. Es geht nicht um Nachsicht oder Schonung, sondern um eine realistische, wohlwollende Haltung gegenüber sich selbst. Lehrerinnen sind häufig überdurchschnittlich selbstkritisch, was angesichts ihres Verantwortungsbewusstseins verständlich ist. Selbstmitgefühl durchbricht diesen Kreislauf: Es hilft dabei, Stressreaktionen zu reduzieren, Entscheidungen ruhiger zu treffen und professionell im Kontakt mit Schülerinnen und Schülern zu bleiben. Selbstmitgefühl ist damit keine „weibliche Empfindlichkeit“, sondern eine wissenschaftlich belegte Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulation – eine Kompetenz, die in Ausbildungs- und Fortbildungskonzepten verankert werden sollte.
Aus der Auseinandersetzung mit Resilienz und Selbstmitgefühl ergeben sich auch klare verbandspolitische Forderungen. Wer Lehrende stärken will, darf Gesundheit nicht auf individuelle Bewältigung reduzieren. Es braucht strukturelle Maßnahmen, damit persönliche Schutzfaktoren überhaupt wirken können:
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Mehr zeitliche Gestaltungsspielräume: feste, gesicherte Vor- und Nachbereitungszeiten ohne Unterbrechungen.
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Realistische Klassengrößen und verlässliche Entlastungssysteme, insbesondere für Funktionen, die überwiegend von Lehrerinnen übernommen werden (zum Beispiel Elternarbeit, psychosoziale Begleitung).
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Klare Kommunikationsregeln für Schulen und Eltern – inklusive verbindlicher digitaler Ruhezeiten.
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Ausbau professioneller Beratungs- und Unterstützungsangebote, die wissenschaftlich fundierte Programme beinhalten.
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Eine Personal- und Schulpolitik, die die besonderen Herausforderungen berücksichtigt, denen insbesondere Lehrerinnen im Lehrberuf begegnen – ohne sie zu psychologisieren oder zu individualisieren.

Die DPhV Frauen-AG (Fotomontage; Quelle: DPhV)
Diese Forderungen zeigen deutlich: Gesundheit ist keine Privatsache. Sie ist ein Qualitätsmerkmal guter Schule und Voraussetzung für gelingenden Unterricht. Resilienz und Selbstmitgefühl leisten einen wichtigen Beitrag, aber sie entfalten ihre Wirkung nur dort, wo Schulen und Dienstherren verlässliche Strukturen schaffen. Wenn Lehrerinnen ihre Arbeit professionell, reflektiert und engagiert ausüben sollen, brauchen sie Räume, die ihnen erlauben, gesund zu bleiben – körperlich wie psychisch.
Die frauenpolitische Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Philologenverbandes setzt sich dafür ein, dass dieser Perspektivwechsel gelingt: weg von der Individualisierung von Belastung, hin zu einer strukturellen Verantwortungsgemeinschaft. Gesundheit im Lehrerinnenberuf ist weder Luxus noch Privatvergnügen. Sie ist Grundlage für Leistungsfähigkeit, pädagogische Qualität und ein funktionierendes Gymnasium. Nur wenn beides zusammenkommt – strukturelle Verbesserungen und psychologische Schutzfaktoren – können Lehrerinnen ihre Rolle souverän, gesund und langfristig ausfüllen.