Mehr als nur ein Lehrplanthema

    Die Beschäftigung mit Konrad Adenauer (1876 – 1967) kann das Geschichtsbewusstsein fördern

    Von Walter Tetzloff

    Vor 150 Jahren wurde unser erster Bundeskanzler Konrad Adenauer geboren. So bot der Beginn dieses Jahres denn auch nicht nur der überregionalen Presse als auch der Forschungsliteratur reichlich Gelegenheit, bekannte biographische Fakten und Zusammenhänge verdienstvoll aufzuzeigen oder neue Erkenntnisse unter neuen Gesichtspunkten zu veröffentlichen.

    Konrad Adenauer ist zweifellos aus den Lehrplänen oder „Fachanforderungen“ der sechzehn Bundesländer nicht wegzudenken und damit fester Bestandteil des Unterrichts in Geschichte, Politik oder Gesellschaftskunde.

    Wenn man aber (wie der Verfasser dieses Textes) davon überzeugt ist, dass Konrad Adenauer einer der wenigen deutschen Politiker in den letzten 200 Jahren ist, auf die man stolz sein darf, so sollte man ihn nicht nur im curricularen Kontext sehen, sondern die Beschäftigung mit ihm – vielleicht sogar fächerübergreifend – als einen Beitrag zur Förderung des Geschichtsbewusstseins sehen. Zehn Beispiele aus Konrad Adenauers 14 Jahre dauernder Kanzlerschaft (1949 – 1963) mögen dafür sprechen:

    Konrad Adenauer (Quelle: Bundesarchiv, Foto: Katherine Young, New York)

    1. Prinzipientreue im Grundsatz und Pragmatismus im Amt

    Konrad Adenauer war es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein zentrales Anliegen, die konfessionellen Gegensätze im politischen Spektrum zu überwinden und aus einer tiefen christlichen Überzeugung heraus die überkonfessionelle Christlich Demokratische Union mitzugestalten. Als Chef der CDU in der Britischen Zone (als bundesweit operierende Partei gibt es sie erst seit 1950) konnte und wollte er auf die katholische Zentrumspartei verzichten, und er wandte sich gegen sozialistische Tendenzen, wie die Union sie in ihrem frühen Ahlener Programm erkennen ließ. Vielmehr ließ er sich von Ludwig Erhard, seinem ersten und einzigen Wirtschaftsminister, überzeugen, dass der freie Markt mit einer weitgehend freien Preisgestaltung der richtige Weg für den Aufbau der jungen Bundesrepublik sei.

    Doch folgte der Bundeskanzler seinem immer populärer werdenden Wirtschaftsminister nicht in allen Punkten. Und so brach er – mit seiner via Grundgesetz erhaltenen Richtlinienkompetenz – Erhards Widerstand gegen eine Rentenreform, die die jährliche Rentensteigerung ab 1957 an die Lohnentwicklung koppelte. Die zu erwartende erhebliche Partizipation der Rentnerinnen und Rentner am beginnenden Wohlstandszuwachs in den Aufbaujahren war Adenauer ein größeres Anliegen als die Beibehaltung ordnungspolitischer Grundsätze, die Erhard in seinen Warnungen geltend machte. Die nahe Bundestagswahl mag für den Taktiker Adenauer indes auch eine Rolle gespielt haben.

    2. Richtungweisende Strategie

    Der Umgang mit tagespolitischen Notwendigkeiten gehört heute mehr als damals zum Alltag der politisch Verantwortlichen. Von Strategie und politischem Weitblick zeugt jener noch nicht. In den späten vierziger Jahren und auch noch bis weit in die folgende Dekade hinein waren die Westdeutschen in der überwiegenden Mehrzahl antimilitaristisch eingestellt. Wer jemals wieder ein Gewehr in die Hand nehme, dem solle „die Hand abfallen“, so noch 1950 der CSU-Politiker Franz-Josef Strauß (der dann wenige Jahre später zweiter Bundesverteidigungsminister werden sollte …).

    Dieser Haltung schlossen sich damals so viele Menschen an, nicht nur Kriegsheimkehrer, „Trümmerfrauen” oder Kriegsversehrte, und auf deren Meinung mussten die demokratischen politischen Parteien Rücksicht nehmen. Das wusste niemand besser als der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende. Was er auch wusste bzw. früh erkannte, waren isolationistische Strömungen in der Führung der amerikanischen Schutzmacht, die möglicherweise nicht für unbegrenzte Zeit die Sicherheit Westdeutschlands und West-Berlins zu garantieren bereit war. Welch ein Weitblick, möchte man dieser Tage ausrufen! Jedenfalls waren der Überfall Südkoreas durch nordkoreanische Truppen und der sich anschließende drei Jahre dauernde Krieg in Fernost für Adenauer Anlass genug, die Initiative zu ergreifen und den Westmächten die Bereitschaft zu einem eigenen (west)deutschen Verteidigungsbeitrag, sprich Wiederbewaffnung zu signalisieren. Davon die Mehrheit des Bundestags und die kritische Öffentlichkeit zu überzeugen – ein Zeichen von Staatskunst!

    3. Mut zum Widerspruch

    Der kluge und charismatische erste Oppositionsführer im neugewählten Deutschen Bundestag, Kurt Schumacher (SPD), war es, der Konrad Adenauer in der ersten Legislaturperiode vorwarf, ein „Kanzler der Alliierten“ zu sein. Genau das war der Kanzler nicht. Umsichtig und Schritt für Schritt ging er vor, als die junge Bundesrepublik, die in den ersten sechs Jahren ihrer Existenz noch unter dem Besatzungsstatut stand, noch kein souveräner Staat war. Dabei hatte Adenauer allerdings durchaus Sinn für Symbolik: Den drei Hohen Kommissaren der drei westlichen Siegermächte hatte der Bundeskanzler anlassgebunden Bericht zu erstatten. Dabei war es ihm untersagt, einen zwischen jenen und ihm liegenden großen Teppich zu betreten. Diese Vorschrift missachtete er bewusst und mutig! Diese Geste und die Erfolge bei seinem Bemühen, die Demontagepläne der Siegermächte nach und nach zu mildern bzw. ganz beenden zu lassen, zeigt, dass Konrad Adenauer eines nicht war: ein „Kanzler der Alliierten“!

    4. Volksnähe bei Problemlösungen

    Die Gegnerschaft zur Sowjetunion war eine logische Konsequenz der westdeutschen Außenpolitik, wie sie sich aus der deutschen Teilung ebenso ergab wie aus dem beginnenden Kalten Krieg nach 1946. Gegen jegliche Kontaktaufnahme mit der Moskauer Führung hätte es Mitte der fünfziger Jahre gute Gründe gegeben, wurde die sowjetische Großmacht unter Stalin und Chruschtschow doch für die schmerzliche Trennung der Deutschen in zwei Staaten, für Stacheldraht und Schießbefehl verantwortlich gemacht. Dessen ungeachtet suchte und pflegte Konrad Adenauer den Kontakt zum Kreml. Der Grund: Noch immer lebte eine erhebliche Zahl deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern, Männer, die von deutschen Ehefrauen und Müttern zehn Jahre nach dem Krieg noch immer schmerzlich vermisst wurden.

    1955 flog der Bundeskanzler deshalb mit einer großen Delegation aus Bundesregierung und Parlament nach Moskau und erreichte dort nach schwierigsten Verhandlungen die Entlassung der Gefangenen und deren Ausreise nach Deutschland.

    Hier hatte er sich für eine volksnahe Problemlösung entschieden und gegen legalistische Vorbehalte. Der Preis: diplomatische Beziehungen zwischen Bonn und Moskau, bis dato noch ein Tabu, da zwei deutsche Botschafter in der sowjetischen Hauptstadt doch als undenkbar galten.

    Adenauers Verhandlungserfolg gab dem Kanzler recht. Seine Popularität erreichte einen Höhepunkt: Das Foto einer alten Frau, die dem Kanzler aus Dankbarkeit die Hand küsste, ging um die Welt.

    5. Christliche Überzeugung als Leitidee und Europa als Friedensprojekt

    Konrad Adenauers Leidenschaft für die europäische Integration ist bekannt. Sie fand ihren Ausdruck in seinem erfolgreichen Einsatz für die Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion) der sechs Länder Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande, Luxemburg und (West)Deutschland, die als Vorstufe der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gesehen werden kann. Drei Jahre später (1954) führten Adenauer seine europapolitischen Bemühungen dann zu einem Misserfolg: Die von Bonn, Italien und den Beneluxländern favorisierte Europäische Verteidigungsgemeinschaft kam nicht zustande. Das französische Parlament wollte sich neun Jahre nach Kriegsende noch nicht an Deutsche in Uniform gewöhnen.

    Rückschläge gehören gerade für Konrad Adenauer zu seiner politischen Biographie. Entscheidend bleibt aber das Motiv seines europapolitischen Engagements. Es war seine tiefe Überzeugung, dass Europa zum christlichen Abendland gehört, dass die europäischen Nationen ein christliches Weltbild eint, ein Freiheitsgedanke, der sich Kollektivismus ebenso verweigert wie Totalitarismus.

    Ein „prinzipiengeleiteter Realismus“, den Mark Speich, Generalsekretär der Konrad-Adenauer-Stiftung, dem ersten Bundeskanzler in diesem Zusammenhang auch bescheinigt, führt Adenauer zu ernsten Überlegungen über die langfristige Gewissheit amerikanischer Schutzgarantien für Westeuropa, auch wenn der Regierungschef besonders in der Eisenhower-Ära (1953 – 1961) eine proamerikanische Außenpolitik favorisiert und die USA durchaus in sein Bild vom christlichen Abendland miteinbezieht.

    6. Wahrung deutscher Interessen in der Deutschlandfrage

    Großes Misstrauen schlug Konrad Adenauer bei seiner Deutschlandpolitik entgegen. Zwei Denkrichtungen stießen innerhalb und außerhalb des Bundestages aufeinander: Die SPD, große Teile der FDP, aber auch der Evangelischen Kirche forderten angesichts der sich in den fünfziger Jahren immer mehr verfestigenden deutschen Teilung und der zunehmenden Initiativlosigkeit der für Deutschland als Ganzes zuständigen vier Alliierten ein eigenständiges Vorgehen der Bundesrepublik mit dem Ziel der deutschen Wiedervereinigung. Das sollte in direkten Verhandlungen mit Moskau oder sogar über eine Verständigung mit der bislang nicht anerkannten und als „Sowjetzone“ bezeichneten DDR geschehen. Eine besondere Rolle spielte hierbei 1952 die Stalin-Note, in der der sowjetische Diktator den Vorschlag eines vereinigten bündnisfreien neutralen Deutschlands unterbreitete, dem sogar eine kleine Armee zugestanden werden sollte.

    Dass Adenauer diesen Vorschlag strikt ablehnte und damit sogar Parteifreunde aus seiner Gefolgschaft verlor, den charismatischen FDP-Vorsitzenden Thomas Dehler zu seinem Feind werden ließ, lässt die Frage aufkommen, worin der Kanzler denn die Wahrung deutscher Interessen sah. Adenauer glaubte an die Magnet-Theorie und damit an die ideelle und materielle Überlegenheit des Westens. Irgendwann würde dieser gegenüber dem kommunistischen Ostblock soviel Attraktivität entfaltet haben, dass die Sowjetunion genötigt sein werde, ihre ostmitteleuropäischen Satellitenstaaten auf- bzw. freizugeben.

    Ohne den Adenauer-Gegnern ehrenwerte Motive und Konzepte abzusprechen, darf man die These vertreten, dass die deutsche Wiedervereinigung, wenn auch erst 23 Jahre nach Konrad Adenauers Tod, so erfolgte, wie „der Alte“ sie vorausgesehen hatte. Ob er prophetische Fähigkeiten hatte oder ob es wieder sein „prinzipiengeleiteter Realismus“ war, der ihn zu seiner Einschätzung führte, das mag offenbleiben.

    7. Versöhnung mit Frankreich als Jahrhundertaufgabe

    Adenauers große Enttäuschung über Frankreichs Ablehnung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft als Antwort auf die zunehmende sowjetische Bedrohung ließ den Realpolitiker nicht mutlos werden. Die deutsch-französische Versöhnung, gleichermaßen Herzenssache wie strategisch-politisches Ziel, verfolgte Adenauer weiter, der 1955 immerhin die Genugtuung einer Aufnahme der Bundesrepublik als gleichberechtigtes Mitglied der Nordatlantischen Verteidigungsgemeinschaft erfahren hatte. Der Grund für Adenauers neuen Optimismus im Umgang mit Paris hieß Charles de Gaulle. Dieser hatte 1958 die französische Präsidentschaft übernommen und umwarb schon bald darauf den Deutschen.

    Gegenseitige Besuche mit Beifallsbekundungen in beiden Nationen, man denke an de Gaulles große Rede 1962 auf dem Bonner Rathausplatz, waren erst der Anfang zu einer geschichtlichen Großtat, nämlich der dokumentierten Aussöhnung zweier in drei großen Kriegen sich feindlich gesinnten europäischen Nationen. 1963 wurde der Elysee-Vertrag geschlossen. Auch hier hatte sich Adenauer nicht beirren lassen, auch nicht von den eifersüchtig auf die neue Allianz blickenden Regierungen in Washington und London.

    8. Humor als Persönlichkeitsmerkmal

    Vielleicht ist Humor nicht zwangsläufig ein Zeichen historischer Größe, doch ist er zweifellos ein Ausdruck persönlicher Souveränität, Gelassenheit und nicht selten augenzwinkernder Menschenfreundlichkeit. Die Adenauer-Literatur ist reich an Anekdoten. Sie füllen ganze Bände und dokumentieren spontanen Mutterwitz ebenso wie rheinische Volkstümlichkeit und Verschmitztheit oder Anflüge von Ironie. Besonders in Pressekonferenzen flammt dies auf, weniger in ungeliebten Fernsehinterviews.

    Ein natürlich staatstreuer DDR-Journalist findet einmal sogar ein freundliches Wort für den schon über achtzig Jahre alten Kanzler, der den Ball aufnimmt und entgegnet: „Der Kriegstreiber bedankt sich für die nette Bemerkung!“

    Ein junger westdeutscher Redakteur fragt den Kanzler, der gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, ob man in diesem Kreise wohl auch noch den 85. feiern könne. Warum nicht, so der Angesprochene, „Sie sind doch noch rescht rüstisch …“

    Und unvergesslich bleiben die Eingangsworte, die Konrad Adenauer 1965 (nun seit zwei Jahren nicht mehr Kanzler) als Alterspräsident von sich gibt, nachdem sich auf seine Aufforderung an das Plenum, derjenige möge sich melden, der älter sei als er, niemand meldete. Adenauer darauf: „Sie sehen, dass isch einzisch bin!“ Große Heiterkeit in allen drei Fraktionen!

    Grab Konrad Adenauers mit Blumenschmuck zum 40. Todestag 2007 (Quelle: Wikipedia)

    9. Zum Schluss: Wo viel Licht ist, …

    Eine historische Würdigung des ersten Bundeskanzlers kommt natürlich nicht ohne Erwähnung seiner unbestreitbaren Schwächen, Fehler, vielleicht sogar falschen Entscheidungen aus. Sie sollen nicht verschwiegen werden.

    • Der Umgang mit dem politischen Gegner unter den Bedingungen einer parlamentarischen Demokratie gehört nicht unbedingt zu Adenauers Stärken. Man darf sogar feststellen: Je attraktiver ein Konkurrent im Wahlkampf für die Wählerinnen und Wähler war, desto unangemessener war Adenauers Umgang mit ihm. 1961 auf Willy Brandts uneheliche Herkunft hinzuweisen, das hätte er sich besser erspart.

    • Gleiches gilt für den Umgang mit seinem unmittelbaren Nachfolger Ludwig Erhard. Mag dessen unbestreitbare politische Naivität, etwa im Umgang mit US-Präsident Lyndon Johnson, den listenreichen und taktisch gewieften Adenauer geärgert haben, eine versuchte Demontage eines Amtsnachfolgers beschädigt nicht nur diesen, sondern auch das Amt.

    • Dass Hans Globke ein gutes Jahrzehnt als Kanzleramtschef die Geschäfte führte, bot im In- und Ausland trotz seiner Qualitäten als Beamter eine Angriffsfläche, die man Adenauer gern erspart hätte. Globke hatte sich als Kommentator der Nürnberger Rassegesetze in der Zeit des Nationalsozialismus einen Ruf erworben, der der Bundesregierung abträglich war.

    • Dass Berlin weder in der Zeit der Weimarer Republik noch nach dem Zweiten Weltkrieg Lieblingsstadt des überzeugten Kölners war, mag noch angehen. Dass er allerdings erst etliche Tage nach dem Mauerbau, an dem die Berliner 1961 so verzweifelten, in West-Berlin auftauchte, und das erst, nachdem US-Präsident Kennedy seinen Vize Johnson zur Beruhigung der Bevölkerung schon Tage vorher in die geteilte Stadt beordert hatte, haben Adenauer die Berliner lange nicht verziehen.

    Die Ehrenbürgerschaft erhielt er nach seiner Kanzlerschaft dennoch, verliehen ausgerechnet vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt.

    Nach oben