Liebe Kollegen und Kolleginnen,
in der letzten Zeit erreichen mich immer häufiger Presseanfragen, die aufgrund technologischer Fortschritte Fremdsprachenlernen für überflüssig halten. Gefragt wird, inwieweit die Motivation der Schülerinnen und Schüler durch immer bessere Übersetzungstools gemindert wird, eine Fremdsprache zu lernen – oder aber ob andererseits dadurch gerade erst das Interesse an Fremdsprachen geweckt wird?
Ich antworte darauf in der Regel, dass uns als Philologenverband dieses Thema wichtig ist, weil es letztlich unser grundlegendes humanistisches Bildungsverständnis berührt. Für Wilhelm von Humboldt beispielsweise war das Fremdsprachenlernen ja deshalb so wichtig, weil er mit dem Lernen fremder Sprachen das Kennenlernen anderer Kulturen und damit auch die bildende Auseinandersetzung des Individuums mit sich und der Welt vorantreiben wollte. Er wollte mit dem Sprachenlernen (damals gerade auch der antiken Sprachen) dem Individuum ermöglichen, „so viel Welt als möglich so eng als möglich mit sich zu verbinden“. Eine sehr schöne Vorstellung, die den humanistischen Ansatz des Sprachenlernens beschreibt. Es geht also beim Fremdsprachenlernen um viel mehr als um das Übersetzen. Und deswegen ist das Fremdsprachenlernen als Teil schulischer Bildung auch unersetzbar, ganz gleich wie hervorragend Übersetzungstools werden.
Grundsätzlich verändert der technologische Fortschritt, wie auch die immer besseren Übersetzungsfunktionen, den Umgang mit Sprache, macht aber den Erwerb von Sprachkompetenz nicht überflüssig. Deshalb kann ein Übersetzungstool auch durchaus ein erster motivierender Schritt sein, sich in fremdsprachliche Kommunikationen zu wagen. Technologien können bei der Verständigung helfen – nicht aber beim umfassenden „Verstehen“. Solche Tools ersetzen also weder eigenständiges Denken in der Fremdsprache noch interkulturelle Handlungsfähigkeit, rhetorische Kompetenz oder berufliche Diskursfähigkeit. Sprachkenntnisse sind eine kognitive und kulturelle Ressource – und die ist bei echten menschlichen Begegnungen unersetzbar. Deshalb werden aus unserer Sicht gute Übersetzungstools den Wert des eigenen Fremdsprachenlernens nicht ersetzen können.
Speziell auf das schulische Fremdsprachenlernen bezogen, insbesondere am Gymnasium, geht es also um die Denkentwicklung der Schülerinnen und Schüler – und auch erst durch das Erlernen mehrerer Fremdsprachen erkennen sie, dass jede Sprache ein eigenes System ist, das unterschiedliche grammatische Möglichkeiten bietet, Zusammenhänge, die man formulieren möchte, zum Ausdruck zu bringen.
Hinzu kommt eine Erweiterung der Begriffskonzepte und des Wortschatzes sowohl in den Fremdsprachen als auch im Deutschen, dadurch dass die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass ein bestimmtes Wort in der Fremdsprache sich nicht mit nur einem Wort im Deutschen wiedergeben lässt und vice versa, sondern ein Bedeutungsspektrum umfasst, das sich je nach Kontext mit unterschiedlichen deutschen Wörtern ausdrücken lässt und sogar mit unterschiedlichen Wörtern ausgedrückt werden muss, um die Bedeutung angemessen wiederzugeben. Zudem eröffnet die Lektüre in der Originalsprache den Zugang zu anderen Perspektiven, die Welt zu betrachten. Denn jede Sprache beinhaltet ein anderes Weltverständnis.
Auf diese Weise wird sowohl das bildungs- und wissenschaftssprachliche „Rüstzeug“ erworben, das für ein Universitätsstudium Voraussetzung ist, als auch die fremdsprachlichen Kenntnisse, um sowohl in anderen Ländern studieren und arbeiten zu können als auch die fremdsprachige wissenschaftliche Literatur und fremdsprachige Quellen angemessen für die eigenen wissenschaftlichen Werke – und seien es „nur“ Hausarbeiten an der Uni – heranziehen zu können.
Lassen Sie uns weiterhin für die Bildung unserer Schülerinnen und Schüler eintreten – denn die (fremdsprachig) Gebildeten und Kundigen werden mit KI und technischen Übersetzungstools klug, reflektiert und verantwortungsvoll umgehen können. Die anderen nicht.
Mit bildungsorientierten Grüßen!
Ihre Susanne Lin-Klitzing,
Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes