
Prisca Hagel vom Vorstand
der Jungen Philologen
Prisca Hagel, Augsburg, spricht für die Jungen Philologen
Sie gehören dem Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft Junger Philologen an. Ein paar Worte zu Ihrer Biographie: Was hat Sie bewogen, sich ehrenamtlich in unserem Verband zu engagieren und sowohl auf der Bundesebene als auch in Bayern mitzuarbeiten?
Der Wille, mich in einem Lehrkräfteverband zu engagieren, der ganz konkret meine eigene Schulform, das Gymnasium, im Blick hat und sich für deren Beschäftigte einsetzt, begann bereits im Referendariat. Oftmals fragte ich mich in dieser Zeit: Erlebe nur ich das Referendariat als so herausfordernd? Ist es mein Perfektionismus, der mich so lange an der Planung einer Unterrichtsstunde verweilen lässt, oder die mangelnde Erfahrung? Wie wird eigentlich entschieden, wohin in Bayern man im Laufe des Zweigschuleinsatzes versetzt wird? Wie sieht die aktuelle Einstellungssituation aus? Und: Was erwartet mich nach dem Vorbereitungsdienst?
Durch die Jahreshauptversammlung der rjv (Referendar- und Jungphilologenverband) des bpv in Bayern konnte ich dann Vieles zu den Hintergründen in der Lehrkräfteausbildung erfahren. So wuchs in mir der Wille, mich auch selbst zu engagieren. Auf diese Weise konnte ich das Wissen, das ich erwerben durfte, weitergeben und mich für andere Referendare und Referendarinnen einsetzen. Als stellvertretende Vorsitzende der rjv durfte ich dann zur Bundestagung der AG der Jungen Philologen. Dabei kam ich in Kontakt mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Bundesländer und empfand die Arbeitsweise dort sowie den Blick auf die Entwicklungen in den Bildungssystemen anderer Länder als sehr bereichernd. Dieser Austausch ist inspirierend und fruchtbar, um die besten Bedingungen für Jungphilologen zu schaffen. Daher freue ich mich nun sehr auf die Arbeit im Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft der Jungen Philologen.
Wo sehen Sie und Ihr Vorsitzender Quirin Borchert Handlungsbedarf?
→ bei der Stärkung des Gymnasiums im gegliederten Schulwesen
Wir als Arbeitsgemeinschaft der Jungen Philologen setzen uns dafür ein, das Gymnasium als eigenständige Schulform zu erhalten und geben uns nicht der immer wieder geäußerten Tendenz hin, das Gymnasium mit anderen Schulformen vermischen zu wollen. Ich begrüße die Durchlässigkeit der Schulformen, die ich in Bayern erlebe, und finde es wichtig, dass man auch mit der Mittleren Reife über andere Schulwege (übrigens auch auf dem Gymnasium durch sogenannte Einführungsklassen) letztlich das Abitur erhalten kann. Das setzt allerdings eine gewisse Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft voraus. Genau diese wünsche ich mir auch weiterhin vom Gymnasium als Schulform. Schülerinnen und Schüler, die das Gymnasium besuchen, müssen und sollten weiterhin überdurchschnittlich interessiert und leistungsstark sein und einen starken Bildungsgedanken in sich tragen. Als Lehrkräfte sollten wir, meiner Meinung nach, genau das stärker einfordern. Spätestens an den Universitäten wird sich der Fokus auf Leistung und Anstrengung während der Schulzeit auszahlen, denn dort werden diese Qualitäten vorausgesetzt.
→ und bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen insbesondere für junge Kolleginnen und Kollegen?
Junge Kolleginnen und Kollegen sehen sich in den ersten Jahren zunächst mit einem deutlich höheren Stundendeputat konfrontiert, als sie dies im Referendariat gewohnt waren. Gleichwohl haben sie häufig hohe Ansprüche an ihre eigene Unterrichtsplanung und -ausführung und notwendige Arbeiten, wie beispielsweise das Erstellen von Leistungsnachweisen und Korrekturen, benötigen naturgemäß mehr Zeit, als dies bei einer erfahreneren Lehrkraft der Fall ist. Es wäre daher nötig, dass sie von zusätzlichen Aufgaben zunächst verschont blieben. Damit meine ich konkret, dass zunächst keine Klassenleitungsämter übernommen werden sollten, oder beispielsweise vor allem auf die Zuteilung von Parallelklassen auf die neuen Kollegen und Kolleginnen geachtet werden sollte. So können diese in den ersten Berufsjahren in den Beruf finden und ihre Energien bündeln. Junge Kolleginnen und Kollegen werden zudem oft von den Kollegien zu extracurricularen Aktivitäten wie zum Leiten von AGs überredet und sie fühlen sich dem Zwang ausgesetzt, diese übernehmen zu müssen. Ich denke, als junger Kollege oder junge Kollegin, sollte man zum Zwecke der Gesunderhaltung der eigenen Arbeitskraft zu solch zusätzlichen Aufgaben, wo möglich, auch einmal klar „Nein“ sagen dürfen, ohne dass dies direkt als fehlende Bereitschaft ausgelegt und bewertet wird.
Wie beurteilen Sie aus Ihrer Erfahrung die Lehrerbildung in der ersten und zweiten Phase, wie Sie sie in Bayern erlebt haben?
Ich finde, dass die Qualität der Lehrerbildung in Bayern äußerst hoch ist. Das zeigt bereits die Tatsache, dass wir weiterhin an den beiden Staatsexamina festhalten. An den Universitäten wird uns ein breites fachliches Wissen vermittelt, sodass wir sehr kompetent und fachlich vertieft unterrichten können. Dies ist definitiv ein Kapital, das wir uns erhalten sollten. Allerdings bemerken viele Referendare nach der Universität einen Praxisschock, da sie nicht wissen, wie sie mit bestimmten, pädagogisch anspruchsvollen, Situationen umgehen sollen, da sie das nie gelernt haben. Man könnte bereits auf dem universitären Level damit beginnen, Studierende für konkrete Situationen ihres späteren beruflichen Alltags vorzubereiten. Ich bekomme aber mit, dass in Bayern in dieser Richtung schon gedacht wird, und begrüße diese Entscheidung.
Was kann der DPhV-Bundesvorstand aus Ihrer Sicht tun, damit die Interessen der jüngeren Verbandsmitglieder angemessen berücksichtigt werden?
Aus meiner Sicht ist der DPhV hier bereits auf einem guten Weg. Die Jungen Philologen sind in jedem Gremium des Bundesvorstandes vertreten und damit an allen relevanten Diskussionen und Entscheidungsprozessen beteiligt. Ich darf mich zum Beispiel an der AG der Frauen beteiligen und fühle mich dort sehr gut repräsentiert und kann meine Ideen einbringen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und zeigt, dass die Perspektive jüngerer Mitglieder strukturell ernst genommen wird. Entscheidend ist nun, diese Beteiligung weiterhin mit Leben zu füllen. Für jüngere Lehrkräfte stehen insbesondere Fragen der Lehrkräftebildung, der Arbeitsbelastung, verlässliche berufliche Perspektiven sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben im Fokus. Diese Themen müssen konsequent aufgegriffen und auf Bundesebene sichtbar vertreten werden. Auch bei neuen Formaten ist der Verband offen und bereits gut aufgestellt: Mit der eigenen App ist ein wichtiger Schritt gelungen, um zeitgemäße Kommunikation zu ermöglichen. Dies gilt auch für die Social-Media-Kanäle, die regelmäßig bespielt werden. Insgesamt fühlen wir uns als Junge Philologen gesehen und gehört – und genau darauf lässt sich weiter aufbauen.
Wo sehen Sie Chancen, den Kampf um Erhalt des Beamtenstatus’ für Lehrkräfte (in einigen Bundesländern) zu stärken und argumentativ voranzutreiben?
Lehrkräfte zu verbeamten ist kein Selbstzweck, sondern dient der Sicherung einer zentralen staatlichen Aufgabe: Schulen tragen Verantwortung für Chancengerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Beamtenstatus stärkt diese Rolle der Schulen, indem er Lehrkräfte besonders an das Gemeinwohl bindet und zugleich ihre politische Neutralität schützt.
Zugleich schafft die Verbeamtung die notwendige Unabhängigkeit im pädagogischen Alltag. Lehrkräfte treffen täglich Entscheidungen mit großer Tragweite – etwa bei Leistungsbewertungen, bei der Verleihung von Abschlüssen oder in Konflikten mit Eltern. Der Beamtenstatus schützt sie davor, unter wirtschaftlichen oder politischen Druck zu geraten, und ermöglicht es ihnen, professionell und verantwortungsvoll zu handeln, ohne arbeitsrechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen.
Darüber hinaus ist die Verbeamtung ein entscheidender Faktor für die Attraktivität des Lehrerberufs. Der Staat konkurriert mit der freien Wirtschaft um gut ausgebildete Akademikerinnen und Akademiker, bietet jedoch im Vergleich nur begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten und kaum individuelle Gehaltsentwicklung. Der Beamtenstatus gleicht diese Nachteile teilweise aus und schafft Verlässlichkeit in einem Beruf, der mit hoher Arbeitsbelastung und gesellschaftlichen Erwartungen verbunden ist.
Schließlich profitiert auch der Staat selbst von der Verbeamtung. Sie sorgt für langfristige Bindung, geringe Fluktuation und relative Planungssicherheit im Schulbetrieb. Lehrkräfte wechseln nicht kurzfristig den Arbeitgeber und sichern so mit idealerweise die Kontinuität von Unterricht – ein Aspekt, der gerade in Zeiten des Lehrkräftemangels nicht zu unterschätzen ist.
Wie beurteilen Sie die Vereinbarkeit von Schule und Beruf, wie sie etwa der Freistaat Bayern ermöglicht oder auch nicht (hinreichend) ermöglicht? Gibt es diesbezügliche Vorschläge der Jungen Philologen?
Ich denke, dass der Lehrberuf auf den ersten Blick sicherlich viele Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bietet. So findet ein Großteil des Unterrichts vormittags statt, wenn auch Kitas und Schulen geöffnet sind, und zumindest die Stundenplan-Teams an meiner Schule berücksichtigen die familiäre Situation der beschäftigten Lehrkräfte mit Familien. Dies ist aber noch nicht flächendeckend der Fall und oft abhängig vom Entgegenkommen der jeweiligen Dienststelle. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen, sollte eine strukturelle Aufgabe des Dienstherrn sein. Hier benötigen wir transparente und verbindliche Regelungen zu Arbeitszeiten, Konferenzen und schulischen Zusatzaufgaben. Konkret heißt das: Teilzeitlehrkräfte sollten strukturell entlastet werden, indem sie beispielsweise für zusätzliche Veranstaltungen wie Elternabende, im Verhältnis zu Vollzeitlehrkräften, auch nur anteilig zur Verfügung stehen dürfen sollten. Konferenzen am Nachmittag erfordern für zwei berufstätige Eltern oder auch Alleinerziehende einen großen Spagat zwischen Familie und Beruf. Die wenigsten Eltern können diese Flexibilität langfristig aufbringen. Daher sollten solche Nachmittags- und Abendtermine klar begrenzt, planbar und auf das pädagogisch Notwendige reduziert werden.
In meinem Umfeld höre ich immer wieder, dass Lehrkräfte sich in einem Spannungsfeld zwischen der Betreuung eines kranken Kindes und der inneren Verpflichtung zur bestmöglichen Vorbereitung der eigenen Schülerinnen und Schüler auf Leistungserhebungen sehen. Viele fragen sich, wen priorisiere ich hier? Dies gilt aber nicht nur für Familien, sondern auch für Lehrkräfte, die Verwandte pflegen. Gleichwohl sollten wir auch Alleinstehende nicht ins Hintertreffen geraten lassen, indem sie auffangen müssten, was Lehrkräfte mit familiären Verpflichtungen zeitlich und ressourcentechnisch nicht leisten können. Schulische Aufgaben müssen trotzdem fair verteilt werden – je nach Belastung und nicht nach privater Lebensform der Lehrkräfte. Ansonsten schaffen wir toxische Dynamiken in den Kollegien. Temporäre Entlastungen, flexible Übergänge von Vollzeit auf Teilzeitbeschäftigung, sowie entsprechende Rückkehrmodelle sollten die Regel darstellen. In Bayern haben wir vor einigen Jahren zum Beispiel mit dem familienfreundlichen Referendariat schon einen richtigen Schritt in die Richtung der Unterstützung junger Eltern im Referendariat gemacht und sollten ähnliche Projekte weiter vorantreiben. Hier gibt es viel zu tun.
Die Fragen stellte Walter Tetzloff