Raubbau am Gymnasium: Philologenverband Baden-Württemberg entlarvt haushalterischen Stellen-Verschiebebahnhof des Kultusministeriums
Der Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) schlägt Alarm: Neue, auf Grundlage des Landesinformationsfreiheitsgesetzes gewonnene Daten belegen eine massive Zweckentfremdung von Stellen – zulasten der Gymnasien und ihrer Lehrkräfte.
- Die versprochene Angleichung der Beförderungschancen an Gemeinschaftsschulen (GMS) ist im Haushalt nicht bei den Stellen der GMS hinterlegt!
- Wenn man politisch diese Angleichung der Beförderungschancen zusagt, dann müssen ehrlicherweise die Ressourcen dafür bereitgestellt werden– aber die nötigen A14-Stellen für GMS stehen schlicht nicht im Plan. Sie werden von den Gymnasien geholt.
- Im Regierungsbezirk Karlsruhe bedeutet das: Ein nahezu komplettes Jahreskontingent an Beförderungen fehlt – Gymnasiallehrkräfte werden um Jahre vertröstet.
Beförderungsquoten als Versprechen: Politisches Ziel ohne finanzielle Basis
Das Kultusministerium verweist regelmäßig darauf, dass eine Angleichung der Beförderungschancen zwischen Gymnasium und Gemeinschaftsschule angestrebt werde. Das Ziel: Man wolle den Anteil an A14-Lehrkräften an GMS dem Stand an den Gymnasien angleichen. Der Staatshaushaltsplan 2025 zeigt jedoch deutliche Unterschiede auf
- Gymnasium: rund 44 Prozent A14-Quote eingeplant
- Gemeinschaftsschule: im Haushalt vorgesehen sind nur rund 26 Prozent der Stellen für A14
Das bedeutet: In den Stellenplanungen für die GMS sind die für dieses versprochene Ziel erforderlichen Stellen gar nicht vorhanden. Für die Landesvorsitzende des PhV BW, Martina Scherer, ist das intransparent und widersprüchlich: „Man kann nicht gleiche Karrierechancen versprechen, wenn man sie im Haushalt nicht mit entsprechenden Stellen unterlegt.“
Statt zusätzliche Beförderungsstellen im eigenen GMS-Kapitel zu schaffen, würden faktisch Mittel aus dem Gymnasialbereich herangezogen, um die Quote rechnerisch anzugleichen. Im Klartext: Die A14-Beförderungen an GMS belegen zum Teil A14-Stellen aus dem Kontingent der Gymnasien.
Der Philologenverband Baden-Württemberg fordert daher:
- Haushaltswahrheit statt Verschiebebahnhof: Beförderungsstellen müssen dort ausgewiesen und besetzt werden, wo die Arbeit tatsächlich geleistet wird – sowohl am Gymnasium als auch an den GMS.
- Strategische G9-Vorsorge: Die absehbar notwendigen zusätzlichen Stellen müssen rechtzeitig und rechtssicher im Gymnasialhaushalt verankert werden.
- Faire Beförderungsperspektiven: Politische Zusagen müssen sich real im Stellenplan widerspiegeln und dort auch hinterlegt sein.
Exemplarisch die Folge im RP Karlsruhe: Stillstand in der Karriereplanung
ieser „Stellendiebstahl“ hat für die Lehrkräfte im RP Karlsruhe dramatische Folgen. Die Rückmeldung des Ministeriums bestätigt, dass dort 55,92 A14-Stellen an GMS mehr besetzt sind als das GMS-Kapitel hergibt – sie sind kompensiert durch das Gymnasium. Bei derzeit maximal 60 Beförderungen zum Oberstudienrat (A14) pro Jahr im Regierungspräsidium Karlsruhe bedeutet dies, dass dem Gymnasium faktisch ein fast vollständiges Jahreskontingent an Beförderungen entzogen wurde!
Durch diese Antwort auf die Anfrage bei „Frag den Staat“ (s. https://fragdenstaat.de/anfrage/stellenbesetzung-haushaltszuordnung-und-ressourcenfluss-a13-a14-hd-zwischen-gymnasium-und-gms/#nachricht-1094738; abgerufen am 04.03.2026) wird das Ausmaß deutlich. Mathematisch führt dieser Ressourcenentzug dazu, dass verdiente Lehrkräfte im RP Karlsruhe schätzungsweise zwei bis drei Jahre länger auf ihre Ernennung zum Oberstudienrat warten müssen.
Martina Scherer abschließend: „Unsere Gymnasiallehrkräfte leisten Tag für Tag hervorragende Arbeit. Sie haben Transparenz, Fairness und verlässliche Karriereperspektiven verdient – keine haushaltspolitischen Taschenspielertricks.“
An den Gymnasien des Landes Baden-Württemberg werden knapp 300.000 Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Der Philologenverband Baden-Württemberg e.V. (PhV BW) vertritt mit über 9.000 im Verband organisierten Mitgliedern die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer an den öffentlichen und privaten Gymnasien des Landes.
Im gymnasialen Bereich hat der Philologenverband BW sowohl im Hauptpersonalrat beim Kultusministerium als auch in allen vier Bezirkspersonalräten bei den Regierungspräsidien die Mehrheit und setzt sich dort für die Interessen der ca. 26.500 Lehrkräfte an den Gymnasien des Landes ein.