Wissenschaftlicher Beirat tagte im Oktober in Berlin
von Thomas Langer

Angeregte Diskussion im Beirat
Wie können Schülerinnen und Schüler befähigt werden, höhere Leistungen zu erbringen? Besteht ein ökonomischer Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Wohlstand und einer ausgeprägteren Leistungsorientierung? Und wie kann eine zeitgemäße (Hoch-)Begabtenförderung durch Individualisierung gelingen?
Bei der hochkarätig besetzten Tagung des Wissenschaftlichen Beirats des DPhV am 9. Oktober in Berlin gab es spannende Impulse, interessante Einblicke und rege Diskussionen aus verschiedensten Perspektiven unter dem Motto „Bildung – Leistung – Wohlstand“. Die Referentinnen und Referenten beleuchteten sowohl die verbandspolitische und ökonomisch-gesellschaftliche Sichtweise als auch die schulische und individuelle Perspektive.
Die DPhV-Bundesvorsitzende Susanne Lin-Klitzing stellte in ihrem Auftaktreferat das Beherrschen der Bildungssprache in den Mittelpunkt. Sie sei Grundlage für Kommunikation und Wissenserwerb, gesellschaftliche Teilhabe, Wohlstand und Sicherheit. Die Bildungssprache Deutsch sei also weder Privileg noch Auslaufmodell, sondern pure Notwendigkeit: Bildungssprachliche Kompetenzen erhöhten den schulischen und beruflichen Erfolg. Lin-Klitzing kritisierte zudem, dass die Bedeutung der Lehrkräfte und ihrer Ausbildung für den Erwerb der Bildungssprache Deutsch noch nicht von allen Entscheidungsträgern verstanden worden sei.

Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing argumentiert im Wissenschaftlichen Beirat
Kritik äußerte die DPhV-Vorsitzende auch an den von der KMK gesetzten Nicht-Leistungsanforderungen: So seien in der gymnasialen Oberstufe Minderleistungen erlaubt, wonach zwanzig Prozent der einzubringenden Kurse unterpunktet werden dürfen. Das eröffne beispielsweise die Möglichkeit, in allen vier Grundkursen Mathematik oder allen vier Grundkursen Deutsch durchzufallen.
Lin-Klitzing benannte folgende Stellschrauben für höhere Schülerleistungen aus Sicht des DPhV: eine diagnosebasierte vorschulische Förderung, einen Grundwortschatz und zusätzliche Deutschstunden in der Grundschule und der Mittelstufe, die Stärkung der Bildungssprache Deutsch, eine verbindliche Schulartempfehlung, die hohe Bedeutung der Rechtschreibung sowie eine stärkere Berücksichtigung der Rechtschreibkompetenz auch in Abiturklausuren, eine bessere Passung von Leistung und Leistungsbewertung – etwa bei der Bewertung von Abiturprüfungen –, eine Stärkung der fachbezogenen Leistungen innerhalb der zugelassenen Minderleistungen, eine qualitativ hochwertige Lehrkräfteausbildung in allen drei Phasen – auch in Zeiten des Lehrkräftemangels –, keine Kürzung der Fachlichkeit, keine Ausbeutung der Studierenden und Referendare für Unterrichtsabdeckung sowie die Stärkung der Bestandslehrkräfte.
Prof. Dr. Axel Plünnecke, Leiter des Clusters Bildung, Innovation und Migration beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V., warnte vor einem weiteren Rückgang der Erstsemesterzahlen in MINT-Studiengängen. Der besonders starke Einbruch unter deutschen Studienanfängern werde zwar durch Zuwanderung abgemildert. Nötig seien jedoch gezielte Maßnahmen, wie beispielsweise eine klischeefreie Berufs- und Studienorientierung, eine bessere MINT-Bildung und die Erhöhung der Zahl internationaler Studierender. Plünnecke veranschaulichte anhand konkreter Zahlen zum Anteil von Erfinderinnen und Erfindern mit ausländischen Wurzeln an in Deutschland entwickelten Patenten, welchen wichtigen Beitrag Migration zur Innovationskraft unseres Landes leistet. Zur Verbesserung der MINT-Kompetenzen schlägt er mehr Fokus auf das Lösen komplexer Probleme im Mathematikunterricht sowie auf die Entwicklung der Lesekompetenz und mehr Sprachförderung bereits in der Kita vor. Er rief dazu auf, trotz – oder gerade wegen – sich weiter verändernder Rahmenbedingungen Freude an Leistung zu vermitteln.

Prof. Dr. Olaf Köller, IPN-Leibniz-Institut
Mit Prof. Dr. Olaf Köller vom IPN konnte der DPhV erneut einen der renommiertesten Bildungsforscher für die Tagung gewinnen. Besorgt blickte er zunächst auf die sinkenden Leistungen der Gymnasien in Mathematik und Naturwissenschaften in den vergangenen zwanzig Jahren. In der Folge stellte Köller fruchtbare Unterrichtsansätze vor, die am Gymnasium umsetzbar sind: Für ihn hat die Förderung kritischen Denkens durch kollaboratives Problemlösen zentrale Bedeutung. Sie wirkt sich positiv auf das fachliche Lernen – vor allem in Mathematik und den Naturwissenschaften – aus, insbesondere dann, wenn entsprechende Lernsettings regelmäßig gewählt werden. Gleichermaßen positive Effekte zeige das forschende Lernen.
Datengestützte Schulentwicklung nach dem Modell des kanadischen Bundesstaates Alberta, die derzeit von einigen Bildungs- und Kultusministerien favorisiert wird, sieht Köller jedoch kritisch: „Wir haben die Ressourcen nicht, um passende Maßnahmen zu implementieren“, erklärte er. Ohne konkreten Fahrplan seien solche weitreichenden Testungen ohne Nutzen.
Dr. Stefan Luther vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend blickte aus bildungspolitischer Perspektive auf die Thematik. „Ja, wir haben ein Problem, ein Riesenproblem!“, lautete seine klare Botschaft. Er nannte vier Leitplanken für die nächsten Jahre: Bildungspolitik müsse wissenschaftsbasiert sein, in Kooperation mit den Ländern erfolgen, dürfe nicht erst in der Schule ansetzen und brauche messbare Ziele.
Im letzten Block der Tagung referierte Prof. Dr. Michael Krelle vom Zentrum für Lehrerbildung der TU Chemnitz zu Bildungsstandards am Beispiel des Deutschunterrichts. Er nahm vor allem die Entwicklung der Lesefertigkeiten in den Blick. Alle Tests zur Leseflüssigkeit von Schülerinnen und Schülern zeigten eine kontinuierliche Verschlechterung. Allerdings wisse man inzwischen viel darüber, wie gezielt gefördert werden könne.
Prof. Dr. Christoph Perleth von der Universität Rostock sprach zum Schluss über die Förderung von Hochbegabten und erläuterte die Bund-Länder-Initiative „Leistung macht Schule“ (LeMaS).
Die Diskussionen zwischen den Teilnehmenden bestätigten den Eindruck, dass Schülerinnen und Schüler zu oft unterfordert werden – auch Kinder aus sogenannt bildungsfernen Schichten. „Konzentrieren wir uns demnächst vor allem auf Mindeststandards? Das kann’s doch nicht sein!“, waren sich die Diskutierenden einig. Und sie stimmten überein: Leistung und Leistungsorientierung haben eine wesentliche Bedeutung für das Gelingen individueller Bildung und für das Erreichen gesellschaftlichen Wohlstands.