Einleitung
Der Deutsche Philologenverband lehnt Diskussionen mit der Zielsetzung einer Einheitsschule ab. Die „eine Schule für alle“ ist die falsche Schule für jede(n).
Das differenzierte Schulsystem in Deutschland stellt die Verantwortlichen vor Aufgaben: Es benötigt fundiert für die jeweilige Aufgabe ausgebildete Lehrkräfte. Weiter hin erfordert es eine intensive und hochwertige Beratung und Begleitung der Schülerinnen und Schüler in ihrem und durch ihren individuellen Bildungsweg. Nicht zuletzt erfordert es Ressourcen, beispielsweise zur personellen und sachlichen Ausstattung der verschiedenen Bildungsgänge.
Das differenzierte Schulsystem ist eine echte Investition in die Zukunft der Kinder und Jugendlichen. Die dafür erforderlichen Mittel sind eine gute Investition für die Zukunft unserer Gesellschaft, gerade in einer sich rasant weiterentwickelnden Welt.
Differenziertes Schulsystem – eine Verpflichtung auf Qualität
Mit dem differenzierten Schulsystem in Deutschland verpflichten sich Politik und Gesellschaft auf eine hohe Qualität von Unterricht und Abschlüssen. Auf die jeweiligen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler hin maßgeschneiderte Schularten fordern ein Höchstmaß an Kompetenz und Engagement – in erster Linie von den unterrichtenden Lehrkräften. Der DPhV fordert eine Lehrkräfteausbildung, die die angehenden Kolleginnen und Kollegen auf ihre spezielle Aufgabe fachlich, didaktisch und methodisch optimal vorbereitet und sie in der Weiterentwicklung ihrer professionellen Kompetenzen auch nach der Einstellung im Schuldienst nicht alleinlässt. Schülerinnen und Schüler müssen sich gemeinsam mit ihren Eltern darauf verlassen können, die bestmögliche Unterstützung in ihrer schulischen Bildungslaufbahn zu erhalten. Das können sie nicht, wenn jede und jeder alles unterrichten können soll.
Aus dem auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zugeschnittenen, differenzierten Unterrichtsangebot erwachsen aussagekräftige und verlässlich mit Leistung hinterlegte Abschlüsse. Diese Abschlüsse müssen in jedem Fall als Anschluss gedacht sein – sei es in einer weiteren allgemeinbildenden Schullaufbahn, sei es in einer Berufsausbildung oder in einem Studium.
Dazu müssen die Abschlüsse so gestaltet werden, dass sie klare und zuverlässige Aussagen über das Wissen und Können der Absolventinnen und Absolventen treffen. Das können sie nicht, wenn sie nicht von Anfang an in der vorherigen Schullaufbahn mitgedacht werden.
Differenziertes Schulsystem – eine Verpflichtung auf sachgerechte Aufgabenerfüllung
Das differenzierte Schulsystem in Deutschland verpflichtet die Schularten darauf, die für ihre jeweiligen Schülerinnen und Schüler sachgerechte Balance von Fachlichkeit, erzieherischen und sozialintegrativen Funktionen zu realisieren. Am grundständigen Gymnasium steht deshalb die Fachlichkeit und das Prinzip der Erziehung durch Unterricht im Vordergrund. Schülerinnen und Schüler, für die das der richtige Weg ist, finden in dieser Schulart die optimale Unterstützung ihrer Bildungslaufbahn. Das beinhaltet die Verpflichtung an Politik und Gesellschaft, dem fachbezogenen Leistungsprinzip am Gymnasium mit Wertschätzung zu begegnen und die Verwirklichung des Leistungsgedankens zu unterstützen.
Benachbarte Schularten können und müssen darauf verpflichtet werden, ebenso wie das Gymnasium ihre spezifischen pädagogischen Konzepte auszuarbeiten. Dabei dürfen sie von Politik und Gesellschaft ebenso nicht alleingelassen werden. Dazu sind erhebliche und vor allem andersartige Investitionen nötig, beispielsweise bei der Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit ungünstigen Lernvoraussetzungen. Auch diesen Schülerinnen und Schülern darf weder mit paternalistischen noch egalitären ideologischen Herangehensweisen begegnet werden und ebenso wenig dürfen die Lehrkräfte und die Schulen mit den zum Teil gravierenden Problemen ihrer Schülerschaft in ihrem sozialen Umfeld alleingelassen werden. Nur wenn diese Herausforderung angenommen und bewältigt wird, kann tatsächlich die beste Schule für jedes Kind in Deutschland Realität werden.
Differenziertes Schulsystem – eine Verpflichtung auf die Zukunft
Das differenzierte Schulsystem in Deutschland steht im Dienst eines zukunftsfähigen Deutschlands in einer von Frieden und Freiheit geprägten Welt. Es geht darum, die jeweiligen spezifischen Defizite, Potenziale und Interessen der Kinder und Jugendlichen altersgerecht in das Zentrum der verschiedenen Bildungs- und Entwicklungsgänge zu rücken und individuelle Bildungslaufbahnen zu ermöglichen. Dass dies eine differenzierte Herangehensweise braucht, versteht sich von selbst. Schülerinnen und Schüler müssen auf eine für sie passende Weise herausgefordert werden; je nachdem kann das bedeuten, die Voraussetzungen für die sprachliche, kulturelle und soziale Integration zu legen oder auch die eigenen fachlichen Interessen und Stärken zu erforschen.
Politik und Gesellschaft in Deutschland müssen das Nebeneinander von Schülerinnen und Schülern mit fachlich-kognitiven Höchstleistungen und solchen, die ihre Höchstleistung beispielsweise in Form eines Ausgleichs der fremdverschuldeten Defizite in ihren Lernvoraussetzungen erbringen, zu akzeptieren lernen und auszugestalten helfen. Weder darf einseitig nur auf die „schwachen“ Schülerinnen und Schüler geblickt werden noch einseitig nur auf die „starken“. Vor allem aber dürfen die differenzierten Herausforderungen, vor denen die Kinder und Jugendlichen bei ihren ersten Schritten ins Leben stehen, nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Ein Schulsystem, das Deutschland durch seine Kinder und Jugendlichen wirklich zukunftsfähig macht, muss differenziert sein. Es müssen den Schularten in den Schulgesetzen klare Bildungsaufträge zugewiesen werden. Speziell am Gymnasium muss die Vorbereitung auf die selbstständige Wahrnehmung von Verantwortung in einer durch schnelle Veränderungen und Hochtechnologie geprägten Welt im Zentrum stehen. Der DPhV fordert von Politik und Gesellschaft, die notwendigen Ressourcen bereitzustellen, um diese Aufgabe in allen Schularten zu bewältigen – und die notwendigen pädagogischen Konzepte dafür zu entwickeln. Der DPhV lehnt hingegen eine Bildungs- und Schulpolitik ab, die allzu leicht dem Sirenengesang der Einheitsschule nachgibt und so die notwendigen Investitionen in die Zukunft unserer Gesellschaft unterlässt.
In Ergänzung zu unserer Berichterstattung über die Vertreterversammlung, die im November 2025 in Berlin stattfand, veröffentlichen wir jetzt die verabschiedeten Leitanträge zur Bildungs- und zur Berufspolitik, die unter der maßgeblichen Mitwirkung der beiden Ausschussvorsitzenden Dr. Marcus Hahn und Dr. Thomas Knoblauch vorbereitet wurden. Diese Anträge werden die Verbandsarbeit in der jetzt begonnenen Amtsperiode des DPhV-Vorstands strategisch bestimmen.