von Heinz-Peter Meidinger

Heinz-Peter Meidinger, Ehrenvorsitzender der DPhV; Quelle: Deutscher Lehrerverband
Das deutsche Gymnasium kann bis dato auf eine unglaubliche Erfolgsgeschichte zurückblicken, manche sagen sogar, es sei weit über Deutschland und Europa hinaus die erfolgreichste Schulart der modernen Menschheitsgeschichte. In einem wegweisenden Aufsatz hat vor über fünfzehn Jahren in der DPhV-Zeitschrift PROFIL Heinz-Elmar Tenorth das Gymnasium die ‘Leitinstitution’ des deutschen Bildungswesens genannt und dies auch ausführlich begründet. Das Gymnasium setze nicht nur Maßstäbe für sich, sondern auch für alle anderen Bildungsinstitutionen.
Dabei ist das deutsche Gymnasium schon oft totgesagt worden, von Politikern, von Medien, von Bildungswissenschaftlern. Die Begründungen für diese Untergangsszenarien haben aber gewechselt. Während vor fünfzig Jahren die Gesamtschule als Totengräber des Gymnasiums propagiert wurde, – eine komplette Fehlprognose, wie sich gezeigt hat –, heißt es heute, dass sich das Gymnasium quasi selbst abschaffe, indem es zur neuen Hauptschule geworden sei und sich zu Tode siege.
Wer die Frage nach der Zukunft des Gymnasiums stellt, muss zunächst einmal klären, worin das Erfolgsgeheimnis des Gymnasiums besteht und ob diese Erfolgsformel noch trägt.
Dabei gilt es verschiedene Aspekte und Funktionen gymnasialer Bildung zu unterscheiden.
Das Gymnasium ist – und das gilt sogar im weltweiten Maßstab – eine der wenigen Schularten, an deren Anfang, zumindest in seiner neuhumanistischen Neuausrichtung eine einzigartige, geniale Bildungsidee steht, das Humboldtsche Bildungsideal. Der junge Mensch erwirbt sich Bildung, indem er so viel Welt wie möglich erfasst und mit seiner Person verbindet. Damit ist eigentlich schon vieles von dem umrissen, was bis heute gymnasiale Bildung ausmacht:
- das Bildungsziel des mündigen, selbstständig denkenden und lernfähigen Menschen
- die Mannigfaltigkeit und produktive Vielfalt der Lernsituationen, die sich in der beeindruckenden Fächervielfalt des Gymnasiums spiegelt
- die Freiheit und Unabhängigkeit des Bildungsprozesses gegenüber Instrumentalisierungsversuchen von außen
Diese Idee hätte aber nicht zwei Jahrhunderte getragen, wenn sie nicht auch den Praxistest bestanden hätte. Mit dem Gymnasium war die Gesellschaft in der Lage, im Bildungswesen die richtigen Antworten auf die sich ständig ändernden Herausforderungen etwa durch die Industrialisierung zu finden. Natürlich hat sich der Fächerkanon gewandelt, aber die Erkenntnis war: Am besten bereitet man junge Menschen durch eine vertiefte Allgemeinbildung auf rasante Veränderungsprozesse vor, nicht durch die Kreierung ständig neuer Fächer und hektische Anpassungen von Lerninhalten.
Auch wenn es Humboldt vorrangig um Persönlichkeitsbildung ging, – das Gymnasium beinhaltete auch immer ein Aufstiegsversprechen. Das Humboldtsche Bildungsideal ist darauf gerichtet, den Jugendlichen einen Horizont von Möglichkeiten zu eröffnen, in ihrem persönlichen Bereich, aber eben auch im beruflichen und gesellschaftlichen Leben. So sind mit der gymnasialen Erfolgsgeschichte untrennbar der Erfindergeist der Gründerjahre, das Wirtschaftswunder, die Öffnung höherer Bildung für breite Volksschichten und die Erschließung von Begabungsreserven sowie der Siegeszug der Mädchenbildung verbunden. Aufstieg durch Bildung,- heute ist das Gymnasium auch die große Chance für Integration und gesellschaftlichen Aufstieg für immer mehr Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Die Ausweitung der Gymnasialquoten sollte dabei nicht auf Kosten der Leistung gehen, was auch lange Zeit funktionierte.
Der Bildungsforscher Olaf Köller hat bei der Auswertung von PISA-Ergebnissen vor einigen Jahren in Bezug auf das Gymnasium festgestellt, dass „die Institution in ihrem Einfluss die Komposition übertrifft.“ Übersetzt heißt das, so Köller, dass es etwas an der Schule- und Unterrichtskultur des Gymnasiums geben muss, was andere Schulformen in dieser Art nicht haben, mit dem Effekt, dass am Gymnasium mehr gelernt wird. Nur wer Schülerinnen und Schülern viel zutraut und sie deshalb auch stark fordert, fördert sie und ihren Bildungsweg.
Nicht zuletzt zielt gymnasiale Bildung mit der Verleihung des Abiturs auf die Studierfähigkeit ab, und zwar wegen der im Vergleich zu anderen Ländern fehlenden Spezialisierung in der Oberstufe auf die allgemeine Studierfähigkeit.
Der große Pädagoge Heinz-Joachim Heydorn war vor sechs Jahrzehnten einer der aktivsten Verfechter der Gesamtschule, aber gleichzeitig ein großer Fan der gymnasialen Bildungsidee, die er in die neukonzipierte Gesamtschule implantieren wollte. Als dies scheiterte, schrieb er verbittert, das Humboldtsche Gymnasium habe Revolutionäre hervorgebracht, die fehlkonstruierte Gesamtschule werde Duckmäuser produzieren.
Aus dem humanistischen Bildungsauftrag ergibt sich übrigens auch die Verpflichtung des Gymnasiums, der Werte- und Demokratieerziehung einen besonders hohen Stellenwert einzuräumen, was angesichts der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft unverzichtbar ist.
Wenn man heute trotz dieser beeindruckenden Erfolgsgeschichte mit einigen Sorgenfalten auf die Zukunft des Gymnasiums blicken muss, dann hat dies folgende Ursachen:
- In einem gegliederten Schulsystem ist jede Schulart nur so stark, wie das schwächste Glied des Bildungswesens. Die Abschaffung der Hauptschule und die neue Zweigliedrigkeit haben in vielen Bundesländern nicht zu einer Stabilisierung der Schulstruktur, sondern zu einem vermehrten Zustrom nicht geeigneter Kinder an die Gymnasien geführt. Dass es auch anders geht, zeigen Bundesländer wie Bayern, die eine klare Profilierung aller Schularten mit eindeutigen Eignungskriterien kennen.
- Die Leistungsergebnisse der letzten Bildungsstudien zeigen, dass das Gymnasium als bislang sozial heterogenste, aber leistungsmäßig homogenste Schulart in einigen Bundesländern von zunehmenden Leistungsdefiziten geprägt ist. Nicht mehr in jeder Schule, die Gymnasium heißt, ist auch Gymnasium drin. In diesem Zusammenhang besorgen auch die steigenden Studienabbruchsquoten, die allerdings nur teilweise dem gymnasialen Abitur anzulasten sind.
- Eine grundständige gymnasiale Lehrkräftebildung bildet das qualitative Rückgrat anspruchsvollen Gymnasialunterrichts. Vereinheitlichungen, Nivellierungen und Kürzungen im Bereich der gymnasialen Lehrkräftebildung höhlen den Qualitätsanspruch des Gymnasiums dauerhaft von innen aus. Die unzureichende Nachqualifizierung einer hohen Anzahl von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern mindert nach Fächern und Regionen unterschiedlich zusätzlich die Unterrichtsqualität.
- In den letzten Jahren hat sich auch der Trend zur Gründung von elitären Privatgymnasien deutlich verstärkt, weil manchen Eltern die Unterrichtsangebote von staatlichen Gymnasien nicht mehr ausreichen.
- Dazu kommt, dass es nach wie vor Landesregierungen gibt, die Gymnasien bei Unterrichtsversorgung und Klassenteilern schlechter stellen als andere Schularten.
Anders als noch vor einigen Jahrzehnten ist das Gymnasium heute weniger von außen als mehr von innen bedroht. Das Gymnasium kann aber sein Aufstiegsversprechen nur einlösen, wenn dieses mit Qualität und Leistung hinterlegt wird und der humanistische Bildungsauftrag umfassend ernst genommen wird.
Oder um abschließend nochmals Heinz-Joachim Heydorn zu zitieren: „Das Gymnasium täte gut daran, sich uneingeschränkt zu seinem Bildungsauftrag zu bekennen, es repräsentiert ein Stück bester deutscher Geschichte!“