
Theodor Fontane,
Gemälde von Carl Breitbach
In dem vier Jahre später veröffentlichten Roman „Frau Jenny Treibel“ nimmt der Autor erstmalig nicht Adel und Militär aufs Korn, sondern das in der Gründerzeit entstandene kapitale Großbürgertum und – etwas vereinfacht formuliert – den Typus des neureichen Selbstständigen. Bald wird den Leserinnen und Lesern klar, dass der Dichter diesem Typus mehr Verachtung entgegenbringt als den Adelsvertretern, bei denen er „entzückende Einzelexemplare“ ausmacht (so den charmanten Baron von Rienäcker oder den guten alten Dubslav von Stechlin in Fontanes gleichnamigem Altersroman), auf den ich noch zu sprechen komme, deren Standesgebundenheit und deren Unterwerfung unter hohl gewordene, sinnentleerte und dünkelhafte Normen er aber heftig kritisiert (in seiner Korrespondenz übrigens weit schärfer als in seiner Prosa).
Das Musterbeispiel einer Bourgeoise ist Jenny Treibel, die Ehefrau eines wohlhabenden Berliner Farbrikanten, die durch Eheschließung zu einem Wohlstand gekommen ist, den sie sich als kleinbürgerliche Jenny Bürstenbinder und Tochter eines einfachen Apfelsinenhändlers sicherlich nicht hätte vorstellen können. So einen Status gibt man so schnell nicht auf, eher legt man es darauf an, das eigene Vermögen durch eine geschickte Verheiratung der beiden nicht eben dynamischen und eigenständigen Söhne noch zu vergrößern. Eine so orientierte neureiche Großbürgerin, die sich gesellschaftliche Gepflogenheiten und Sinn für Repräsentation durchaus bis zur Perfektion angeeignet hat, – sie böte für sich immer noch keinen hinreichenden Stoff für einen ganzen Roman, wäre diese Jenny Treibel nicht auch ein Musterbeispiel der Selbsttäuschung.
So redet sie sich und anderen permanent ein, sie sei eigentlich unglücklich und führe ein entbehrungsreiches Leben. Grund für diese Selbsteinschätzung: Ihr angeblich so poetisches Wesen finde in dem praktisch veranlagten Gatten Kommerzienrat Treibel so gar keinen Gegenpart, ja, dieser sei zu prosaisch und tue ihrer nach Zuwendung und poetischer Schönheit dürstenden Seele nicht gut. Ein triviales Liedchen, das sie gern auf Feiern in ihrem Hause singt, gibt darüber Aufschluss und sagt viel über Jenny Treibel aus:
„Glück, von allen deinen Losen
Eines nur erwähl ich mir.
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
und der Blumen schlichte Zier.“„Geben nehmen, nehmen geben,
Und dein Haar umspielt der Wind,
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen findt’“
Die Qualität dieses großen Fontane-Romans von 1892 ergibt sich aber noch nicht aus Jennys falschem Selbstbild, sondern aus ihrem Versuch, sich die in ihrem Leben unterrepräsentierte Poesie bei einem platonischen Verehrer zu besorgen, dem Gymnasiallehrer Professor Wilibald Schmidt. Der – immerhin dem Bildungsbürgertum zuzuordnende – akademisch gebildete Schmidt hatte vor langer Zeit schon ‘mal ein Auge auf Jenny geworfen, die dann aber mit einer Mischung aus Ehrgeiz, Inszenierungsvermögen und Koketterie die Gunst (und den Ehering) des schon erwähnten Treibel erwarb. Bei Begegnungen mit Schmidt kann Jenny gar nicht genug über prosaische Zeiten lamentieren und die Seelenverwandtschaft mit dem Jugendfreund betonen. „Das war noch anders, als wir jung waren. Da lebte man noch in Phantasie und Dichtung.“ Mit einer gehörigen Prise Ironie stimmt Schmidt dieser Einschätzung zu – zuweilen begleitet von einem nicht ganz ernst zu nehmenden Seufzen.
Der Germanist Walter Müller-Seidel, wohl der größte Fontane-Kenner der alten Bundesrepublik, fasst Jennys Lebenslüge wie kein anderer zusammen, wenn er feststellt, sie tue so, „… als sei sie schmerzvollerweise von diesem Glück ausgeschlossen, von dem das Gedicht handelt. Damit wird eine Verachtung der Realität – der am Gold hängenden Welt – vorgetäuscht, die nicht den Tatsachen entspricht, und die poetischen Dinge entsprechen ihrerseits nicht den Tatsachen. Eine Unangemessenheit von Geld und Kunst wird sichtbar, die uns den Zusammenhang von Sentimentalität und Bourgeoisie in Erinnerung bringt.“
Und das zeigt sich im weiteren Verlauf der Handlung in einer Deutlichkeit, die die Lektüre dieses Romans wirklich spannend macht: Während einer der Feiern im Hause Treibel gelingt es der selbstbewussten Tochter des Witwers Schmidt, Corinna, über eine kokette Flirtattacke die Aufmerksamkeit des nicht gerade draufgängerischen, eher sogar etwas tumpigen Treibelsohns Leopold zu erringen. Das Ergebnis ist eine etwas voreilige Verlobung, bei der sich Corinna als treibende Kraft zeigt. Man kann sich vorstellen, dass dies zuviel für Leopolds Mutter, den Emporkömmling, ist. Mit einer Härte, die nun in einem eklatanten Gegensatz zu ihrer vorgegebenen Sentimentalität und ihren angeblich so unerfüllten Sehnsüchten steht, weiß sie die angebahnte Ehe zu verhindern. Diesmal sind es aber nicht die Standesgegensätze und die Unterwerfung unter einen damit zusammenhängenden Ehrenkult, sondern schlicht die unterschiedliche materielle Ausstattung der kurzzeitig Verlobten. Und alle Beteiligten ordnen sich unter – ohne erkennbare Anzeichen von Liebeskummer. Professor Schmidt unterstützt seinen Neffen zweiten Grades, Marcell Wedderkopp, bei seinen Bemühungen um Corinna – mit Erfolg, wie sich bald erweist, Corinna und Leopold lassen bald voneinander ab, und der phlegmatische Leopold tut das, was er immer getan hat, und gehorcht seiner Mutter. Die hat auch eine geeignete Braut für ihn, nämlich die Schwester ihrer ungeliebten, aber reichen Hamburger Schwiegertochter. Der Ausklang der Handlung geht einher mit dem Ausklang der Hochzeitsfeier Corinnas und Marcells, und alle scheinen zufrieden.
Ist die so charakterisierte Jenny Treibel nun komplett zur Karikatur geraten, zu einer literarischen Figur, der allenfalls der ganze Spott des Autors gehört? Man könnte zu diesem Schluss kommen, wenn man zwei weitere Textstellen aus dem Roman hinzuzieht. Wieder ist es hier Gymnasialprofessor Schmidt, an den sich Jenny mit ihrem sentimentalen Redefluss wendet
„Und ein paar Gedichte waren an mich gerichtet, die hab ich mir aufgehoben bis an diesen Tag, und wenn mir schwer ums Herz ist, dann nehme ich das kleine Buch, das ursprünglich einen blauen Deckel hatte (Jetzt habe ich es in grünen Maroquin binden lassen …)“
Spricht diese letztere Bemerkung für sich, indem sie Jennys Fixierung auf Äußerlichkeiten unterstreicht und ihren angeblichen Sinn für Poesie fragwürdig werden lässt, so zeigt die jetzt folgende Textstelle ihr Standesbewusstsein und ihre damit verbundene radikale Ablehnung neuer gesellschaftlicher Entwicklungen in Richtung sozialer Gerechtigkeit. Sie klagt:
„Dass Treibel es auch versäumen musste, für einen Nebeneingang Sorge zu tragen… Jetzt marschiert jeder Küchenjunge durch den Vorgarten, gerade auf unser Haus zu, wie wenn er miteingeladen wäre. Das sieht lächerlich aus und auch anspruchsvoll, als ob die ganze Köpenicker Straße wissen solle: Treibels geben heut ein Dinner. Außerdem ist es unklug, dem Neid der Menschen und dem sozialdemokratischen Gefühl so ganz nutzlos neue Nahrung zu geben.“
Und doch muss die eingangs gestellte Frage verneint werden! Jenny Treibel ist nicht nur Karikatur und Gegenstand des Spottes! Dass Fontanes gesellschaftskritische Haltung sich um 180 Grad von den Auffassungen dieser Bourgeoise unterscheidet, braucht nicht betont zu werden. Der Beweis findet sich in geradezu radikalen brieflichen Äußerungen des alten Fontane. Doch ist Literatur etwas anderes als politische Meinungsäußerung. Tatsache ist, Fontane lässt Jenny leben. Der Schluss der Handlung ist versöhnlich. Niemand kommt, anders als in der Erzählung „Stine“ zu Schaden, und der persönlichkeitsstarken Jenny darf man auch ein paar sympathische humoristische Seiten abgewinnen, so, wenn sie beispielsweise ihre beiden Söhne und deren Schwachheiten beschreibt oder wenn sie die hanseatische Vornehmheit der Schwiegertochter und ihre als ein adrettes Püppchen herausgeputzte Hamburger Enkeltochter beschreibt. Hier zeigt sie den lebensnahen Humor des damaligen Berliner Kleinbürgertums, aus dem sie letztlich stammt.
Fazit: Fontane verurteilt Jenny Treibel nicht, er beschränkt sich darauf, andere literarische Figuren wie ihren Ehemann und Corinna und Wilibald Schmidt sie teils direkt, teils mit spöttischer Ironie in Frage zu stellen.
Man scheut fast davor zurück, Fontanes Roman „Effi Briest“ vorzustellen. Er ist das bekannteste und erfolgreichste Werk des märkischen und Berliner Autors, und man hätte diesem sicher die Einnahmen aus den Buchverkäufen und den mittlerweile fünf Verfilmungen gewünscht, die im 20. Jahrhundert und bis heute zusammenkommen. Gleichzeitig war „Effi Briest“ der größte Auslandserfolg für den Dichter, der zeitlebens nicht so recht an seinen eigenen Erfolg glauben wollte und dessen Verlagseinkünfte nicht annähernd an die seines Bewunderers Thomas Mann im 20. Jahrhundert heranreichen sollten.
Die meisten werden den berühmten Frauenroman kennen: Die erst 17-jährige Effi lebt – wohlbehütet und geliebt – als Einzelkind bei ihren Eltern im brandenburgischen Hohen Cremmen, als der 38-jährige Karrierebeamter Baron von Innstetten, der vor Jahren vergeblich um Effis Mutter geworben hatte, die Familie besucht und dabei um Effis Hand anhält. Mit Zustimmung der Eltern gibt Effi, wennwohl noch kindlich-unbeschwert, ihr Ja-Wort und zieht kurz darauf mit dem Ehemann ins kühle hinterpommersche Städtchen Kessin, wo Innstetten die Position des Landrates bekleidet. Effi vermisst dort jegliche Geborgenheit, zumal auch der Ehemann häufig dienstlich unterwegs ist. Bei einer Ausfahrt mit Bekannten aus Kessin lässt sich Effi von einem als „Lebemann“ bezeichneten und in einer unglücklichen Ehe lebenden Reserveoffizier namens Crampas verführen. Den Ehebruch und die damit verbundene Schuld verdrängt Effi, so gut sie kann, und ist deshalb mehr als froh, als ihr Ehemann nach abermaliger Beförderung mit ihr und ihrer kleinen Tochter Anni nach Berlin zieht, wo eine Position als Ministerialrat im Ministerium auf ihn wartet. Sieben Jahre nach dem Ehebruch, auf den Effi sich seinerzeit einließ, ohne ihn wirklich zu wollen, entdeckt Innstetten in der Berliner Wohnung die versteckten Briefe von Major Crampas, die dieser seinerzeit an Effi geschrieben hatte. Der Ehrenkodex der preußischen Gesellschaft verlangt von Innstetten Konsequenzen: Die lauten: Scheidung von Effi und Duell mit dem früheren Liebhaber. Für diesen geht das Duell tödlich aus, und die verzweifelte Effi lebt allein und einsam in einer einfachen Wohnung im Berliner Osten weiter. Innstetten gelangt zu der Einsicht, dass nicht Zorn, Eifersucht oder Enttäuschung seine konsequente und nach sieben Jahren fast unmenschlich anmutende Entscheidung bestimmt habe als eine widerwillige Unterwerfung unter den „Götzen“ der Tugend und des Ehrenkultes der preußischen Gesellschaft. Effi verkraftet ihre Schuld und die folgende Isolation nicht und stirbt – erst 30-jährig – nun wieder umgeben von ihren Eltern in Hohen Cremmen.
Wer die junge, liebenswürdige und charmante Effi nun als Vorreiterin für eine freiere und humanere Gesellschaft sehen will, die angesichts ihres Unglücks dem so beschriebenen „Tugendgötzen“ den Kampf ansagen will, findet dafür durchaus eine beweiskräftige Stelle in dem berühmten Roman. Als es der geschiedenen und einsamen Effi schließlich gelingt, mit Hilfe der Ehefrau des Ministers und Vorgesetzten ihres Mannes ein Wiedersehen mit ihrer nun beim Vater lebenden Tochter Anni zu erwirken, gerät dieses beinahe zur Katastrophe. Anni antwortet artig, vermutlich abgerichtet von ihrem Vater, auf die freundlichen Fragen der Mutter mit angelernten höflichen Phrasen wie: „Oh gewiss, wenn ich darf!“ und lässt bei der Begegnung jegliche emotionale Nähe zur Mutter vermissen. Die Folge sind ein Nervenzusammenbruch Effis und eine bewegende, eruptive Anklage, wie man sie nirgendwo sonst in Fontanes Erzählwerk findet.
So ergreifend und dramatisch und menschlich anrührend aber diese Szene ist, sie ist letztlich nicht die Kernszenen des großen Gesellschaftsromans. Sie findet sich wenige Kapitel davor, als der betrogene Ehemann sieben Jahre nach der kurzen Affäre seiner Frau Rat sucht und sich dabei an seinen Freund und Ministerialratskollegen Wüllersdorf wendet. Dieser versucht anfänglich noch, Innstetten von seinen Vorhaben abzubringen. Seine Argumente: die „Verjährungstheorie“ und Innstettens zugegebene Bereitschaft, seiner Frau zu verzeihen. Doch Innstetten sieht sich in einer Zwangslage und macht am Ende die fast grausam wirkende Feststellung:
„Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die andern wollen. Das mit dem ‚Gottesgericht‘, wie manche hochtrabend versichern, ist freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt.“
Wenn wir Effis Reaktion auf die Geschehnisse mit dieser Reaktion ihres Ehemanns vergleichen, müssen wir vorsichtig sein bei der Suche nach dem Standpunkt des Autors. Will er wirklich durch eine intensive emotionale Anteilnahme seiner Leserinnen und Leser die verzweifelte Anklage Effis zur zentralen Aussage seines Romans machen? Hier sind Zweifel angebracht!
In der Fontane-Forschung wird mit Recht vor einer Dämonisierung Innstettens gewarnt, der nicht auf seine Unglück bringende inhumane Entscheidung reduziert werden dürfe. Der Fontane-Kenner Hans-Heinrich Reuter betont. In Innstetten „… reifen zum Schluss Einsichten heran, die Effi verwehrt bleiben.“ Gleiches gelte für Effis Vater, der die vorschnell geschlossene Ehe seiner Tochter mit dem doppelt so alten und doppelt so korrekten Innstetten von Anfang kritisch sah, sich aber seiner ehrgeizigen Frau nicht entgegenstellen wollte. Briest reflektiert die Entwicklung, die die Ehe seiner Tochter nimmt, aufmerksam, kommentiert sie gelegentlich, ohne die Vorgänge allerdings theoretisch so auf den Punkt zu bringen, wie Innstetten und Wüllersdorf es tun. Seine wiederholt vorgebrachte kommentierende Bemerkung lautet nur: „Luise, das ist ein weites Feld“, wobei Fontane den Roman mit Briests Variante enden lässt: „Ach, Luise, lass …das ist ein zu weites Feld.“
Doch wenden wir den Blick zurück auf die Hauptfigur Effi selbst. Wie keine andere literarische Figur Fontanes ist sie Identifikationsfigur für Leserinnen und Leser. Die emotionale Anteilnahme an ihrem Unglück (Von Schicksal sollte hier nicht gesprochen werden), dürfte 1895 und in den folgenden Jahren des Kaiserreichs in vielen Fällen für eine klare Anti-Haltung gegenüber dem anachronistischen, menschliches Glück zerstörenden Ehrenkult, wie er besonders in Preußen ausgeprägt war, sorgen. Briefliche Reaktionen, die der alte Fontane erhielt, beweisen dies durchaus. Dennoch: Die literarische Figur Effi darf nicht darauf reduziert werden, nur auslösende Kraft für eine – berechtigte – gesellschaftliche Protestbewegung zu sein. Einige Facetten der Persönlichkeit Effis sprechen dagegen. Zum Einen ist sie selbst keineswegs ohne gesellschaftlichen Ehrgeiz und willigt in die so früh zu schließende Ehe ein, ohne sich überhaupt darüber klar zu werden, ob sie den Verlobten liebt.
Der Glanz, Ehefrau eines arrivierten Entscheidungsträgers und angesehenen Barons zu sein, betört sie anfänglich durchaus und macht sie gänzlich ungeeignet für die Rolle der Vorkämpferin einer Gesellschaft ohne Standesunterschiede. Die Normen der Gesellschaft, die sie schließlich zugrunde gehen lässt, übernimmt sie ebenfalls anfänglich fraglos – zwei Feststellungen, die keineswegs im Widerspruch zu meiner Einschätzung stehen, wonach Effi Briest zu den großartigsten literarischen Frauenfiguren der deutschen Literatur zählt.
Man sollte sein Augenmerk auf die letzte der fünf von mir vorgestellten Frauenfiguren Fontanes lenken. Die Gräfin Melusine Ghiberti ist keine proletarische Vertreterin des Berliner Kleinbürgertums mit der sprichwörtlichen Kodderschnauze, sie ist auch keine verliebte, an den Standesunterschieden verzweifelnde junge Frau, noch weniger ist sie eine neureiche Bourgeoise oder eine angesehene Gattin, die aus fehlender Geborgenheit heraus Ehebruch begeht. Nein, Melusine kann man als literarische Figur nur begreifen, wenn man die Aussage des großen fontaneschen Altersroman „Der Stechlin“ verstanden hat. Der Roman zeigt drei Besonderheiten auf:
- ist er der längste der Fontaneschen Romane,
- ist er der handlungsärmste und
- ist er der Roman, mit dem Theodor Fontane am Ende seines Lebens 1898 den bürgerlichen Realismus überwindet und hinausblickt in das 20. Jahrhundert, in eine Zeit, die er selbst nicht mehr miterleben darf. Noch vor der Veröffentlichung des großen und schönen Romans stirbt der Autor.
Worum geht es im „Stechlin“? Der Erzähler selbst ist es, der die spärliche erzählerische Handlung knapp und halb ironisch zusammenfasst: „Zum Schluss stirbt ein Alter, und zwei Junge heiraten sich. Das ist so ziemlich alles, was auf 500 Seiten geschieht. Von Verwicklungen und Lösungen, von Herzenskonflikten oder Konflikten überhaupt, von Spannungen und Überraschungen findet sich nichts. Einerseits auf einem altmodischen märkischen Gut, andererseits in einem neumodischen gräflichen Hause (Berlin) treffen sich verschiedene Personen und sprechen da Gott und die Welt durch …“
Selten hat ein deutscher Schriftsteller sein eigenes Werk so charakterisiert und so trivialisiert! Die Bedeutung des großen Altersromans kann man erst ermessen, wenn man sich selbst die Mühe der Lektüre macht und / oder die Einschätzung der Fontane-Forschung kennen lernt. Sie sieht den Roman neben „Effi Briest“ als die größte Leistung des Berliner Autors an. Der Roman kann auch dadurch aufgewertet werden, dass eine äußerst gelungene Fernsehverfilmung des „Stechlin“ entstanden ist: 1975, als ARD und ZDF noch Gebührengelder dafür verwendeten, literarische Werke aus Sturm und Drang, Klassik, Romantik, Realismus, Naturalismus und Romane von Thomas Mann zu zum Teil mehrteiligen Fernsehfilmen umzugestalten, machte sich der Norddeutsche Rundfunk die Mühe, Fontanes „Stechlin“ als Dreiteiler zu verfilmen. Die lohnenswerte Inszenierung besticht besonders durch die schauspielerischen Leistungen von Arno Assmann als Dubslav von Stechlin und der großartigen Franziska Bronnen als Gräfin Melusine.
Ein paar ergänzende Bemerkungen zur Handlung: Der ältere verwitwete Major a. D. Dubslav von Stechlin, lebt allein mit seinem Diener und wenig Personal auf seinem Gut im Brandenburgischen und freut sich über die gelegentlichen Besuche seines Sohnes Woldemar, der ihm eines Tages ankündigt, er wolle heiraten und habe sich für die jüngere Tochter des welterfahrenen im diplomatischen Dienst angesehenen Grafen Barby entschieden. Diese erscheint in Begleitung ihrer älteren Schwester, eben der erwähnten Gräfin Melusine, auf dem Landgut und gewinnt die Sympathie und die Aufmerksamkeit des alten Majors und seines Freundes Pastor Lorenzen. Melusine ihrerseits bringt, wenngleich eine urbane Persönlichkeit (Sie hat viele Jahre ihres Lebens in London verbracht), ein auffallendes Interesse am Dorf Stechlin, an dem gleichnamigen See und an Dubslav und Lorenzen mit. Intensive und faszinierende Gespräche voller Zeitbezüge, belebt durch den Charme und die Persönlichkeit Melusines bestimmen die Handlung. Hauptthema sind Preußen und sein Adel. Man ist sich einig: So wie sich Staat und Landadel am Ende des 19. Jahrhunderts präsentieren, kommt ihnen keine Existenzberechtigung im 20. Jahrhundert mehr zu. Die Tugenden des alten Preußens, personifiziert durch den Soldatenkönig (echtes Ehrgefühl, Pflichtgefühl, Verantwortung) verdienen es aber, gepflegt und tradiert zu werden.
Man erkennt die poetische Qualität dieses Romans, wenn man den See Stechlin als symbolhaft für die Botschaft dieser Einschätzung, die natürlich auch die des Autors Theodor Fontanes ist, ansieht. Es geht um eine „abendlich beglänzte Epoche“ und um eine Gesellschaft, die – so Fontane – aber bald anderen Lebens- und Gesellschaftsformen weichen muss. Diesen Prozess aber revolutionär zu beschleunigen, trifft ebenso auf die Ablehnung des Dichters wie ein starres Festhalten an Konventionen, Werten und Ritualen, wie sie sich unmittelbar vor der Jahrhundertwende überlebt haben.
Hier ein kurzer Hinweis auf die starke Symbolik des Romans: Bei einem winterlichen Spaziergang lehnt sich die von der ländlichen Stechliner Umgebung sichtlich bewegte Melusine dagegen auf, das Eis des Sees aufzuschlagen. Von dem See gehe eine mystische Wirkung aus, heißt es im Roman, und im Falle einer spektakulären Veränderung irgendwo auf der Welt steige ein roter Hahn über dem See auf, … so geht die Sage. Vorgänge dieser Art will Melusine nicht verhindern, aber auch nicht unnatürlich beschleunigen. Ihre gesellschaftliche Position artikuliert sie gegenüber dem geistes- und seelenverwandten Pastor Lorenzen, wenn sie sagt:
„Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben … Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich Einmauern ist Tod …“
Melusine ist dabei keine literarische Figur, die ohne Weiteres einem Milieu zuzuordnen ist. Darum geht es dem alten Fontane jetzt auch nicht mehr. Für eine Repräsentantin des preußischen Adels ist sie zu unabhängig, zu weltoffen und zu unkonventionell. Fontane spricht ihr eine andere Rolle zu: Melusine formuliert durch Haltung, Interesse und Gesprächsbeiträge das letzte große Anliegen des Dichters: die Versöhnung der Gegensätze, des Alten und Neuen. Auf die Darstellung des Konflikts von Individuum und Gesellschaft, bei dem stets die Gesellschaft den Sieg davonträgt, darauf beschränkt sich der Autor am Ende seines Lebens nicht mehr, auch um die Entlarvung des falschen Scheins am Beispiel des kapitalen Großbürgertums geht es ihm nicht länger, nein, … unter Verwendung von Symbolen und Metaphern und eines für ihn so typischen Andeutungsstils ist „Der Stechlin“ so etwas wie Fontanes Vermächtnis, und der fast ein wenig exotisch daherkommenden Melusine kommt dabei die Aufgabe zu, Fontanes Botschaft zu transportieren und das Stechlin-Symbol zu deuten.
– Wird der Titel „Zwischen Anpassung und Aufbruch“ den fünf Frauengestalten in Fontanes Erzählwerk überhaupt gerecht?
Eindeutig kann die Antwort nicht ausfallen. Es überwiegt in allen fünf Fällen, so unterschiedlich nach Charakter und Herkunft die weiblichen Charaktere auch sein mögen, doch letztlich die Anpassung an die realen gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Frauen leben und denen sie am Ende nicht entgehen können. Ja, man darf sogar noch weitergehen und behaupten, dass sie diesen angesichts der sonst zu erwartenden Konsequenzen auch gar nicht entgehen wollen! Lene Nimptsch fügt sich in das Unvermeidliche, die Trennung vom geliebten Botho, Pauline Pittelkow empfindet kaum mehr als Verachtung für die Hybris ihrer adeligen Freunde, von denen sie abhängig ist, doch auch hier siegt die realistische Einschätzung in die gesellschaftliche Gegebenheit, wenn Pauline die Schwester von der schier aussichtslosen Bindung an Woldemar von Haldern abhält.
Jenny Treibel hat die gesellschaftlichen Anforderungen und Rituale geradezu verinnerlicht und zeigt noch weniger Veränderungsbereitschaft als die Adelsvertreterinnen und -vertreter. Effi Briest darf aber auch nicht zur emanzipatorischen Freiheitskämpferin hochstilisiert werden, nimmt sie doch im ersten Teil der Handlung die gesellschaftlichen Privilegien ihrer Ehe mit Innstetten freudig an und gelangt erst – in bitterer, nicht unverschuldeter Not – zu einer flammenden Verurteilung der sie als Individuum zerstörenden Gesellschaftsmacht. Anders Gräfin Melusine: Sie sieht die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Veränderung durchaus, und deutlicher und klarer als die vier anderen weiblichen Figuren will sie den Übergang in eine neue – und man darf wohl vermuten – demokratische Zeit begleiten, aber nicht energisch vorantreiben. Diese Haltung kann am ehesten als Aufbruch im Sinne Fontanes angesehen werden. Zumindest wird man Melusine nicht gerecht, wenn man ihr unkritische Anpassung unterstellt.
Die vier erstgenannten Frauengestalten mögen also für sich – und ohne gesellschaftliche Fragen übermäßig zu reflektieren – nicht für einen Aufbruch stehen (Jenny Treibel schon gar nicht …), ihre Lebenssituation aber legt für die Leserinnen und Leser fraglos die Notwendigkeit einer entscheidenden gesellschaftlichen Veränderung nahe. Nur in diesem Sinne kann und darf man im Sinne Fontanes von Aufbruch sprechen.
Inwieweit sind nun die vorgestellten weiblichen Romanfiguren typisch bzw. repräsentativ für die preußische Gesellschaft der Gründerzeit? Die vier erstgenannten und vorgestellten sind es in hohem Maße. Ganz besonders gilt es für Pauline Pittelkow, die wie viele junge Berliner Kleinbürgerinnen notgedrungen ein Verhältnis mit einem wohlhabenden Adeligen einging. Der Typus der neureichen Bourgoise wird dagegen – nach realen Vorbildern – von Fontane überzeugend literarisch in Gestalt der Jenny verewigt.
Einzig Melusine kann als ein Figur sui generis, also besonderer Art, gesehen werden. Sie entzieht sich der soziologischen Zuordnung, ja man darf sagen, sie entzieht sich beinahe jeglicher Zuordnung und ist damit im Sinne des alten Fontane recht eigentlich frei.
Zur letzten Frage: Sind Fontanes weibliche Hauptfiguren richtungweisend für die demokratische Entwicklung im 20. Jahrhundert oder für die Frauenbewegung? Hier dürfen wir die Charaktere nicht überbewerten, doch darf man die These vertreten, dass die Konflikte, die Nöte und die Lebensbedingungen eben dieser Frauen durchaus zu einem Bewusstseinsprozess geführt haben. Mehr können und wollen wir in Fontane nicht hineininterpretieren. Halten wir uns lieber an seinen eigenen Anspruch: Er will Missstände aufzeigen, Konflikte glaubhaft machen, die Verhältnisse „darstellen, so wie sie sind“. Der ideologisch erhobene Zeigefinger war seine Sache nicht. Thomas Mann aber dürfen wir gern zustimmen, wenn er dem alten Fontane eine „tapfere Modernität“ bescheinigte.
von Walter Tetzloff