Vereint fürs Gymnasium: 35 Jahre Philologenverband wieder in ganz Deutschland

    Ein Grund zum Feiern – nicht nur für den Bundesausschuss des DPhV

    Im zurückliegenden 20. Jahrhundert hatte die deutsche Nation wenig Anlässe und Gründe, irgendetwas zu feiern. Die historischen Ereignisse von 1918 bis 1945 und die sich anschließende deutsche Teilung mit dem Bau der Berliner Mauer führten allenfalls zu Trauer und Selbstbesinnung, sicherlich aber nicht zu Aufbruch und Stolz.

    1990-2025: 35 Jahre Philologenverband

    v. l. Minister Jan Riedel, DL-Präsident Stefan Düll, bpv-Vorsitzender Michael Schwägerl, Thomas Gaube (Phv-Sachsen-Anhalt) und Gudrun Schreiner, Vorsitzende des PhV-Sachsen nach dem Mauerfall (Quelle: Langer)

    Und dann gab es doch ganz am Ende des Jahrhunderts die große Ausnahme: 1989 befreite sich die DDR-Bevölkerung in einer gänzlich friedlichen und gewaltfreien Revolution von der 40 Jahre andauernden SED-Herrschaft, und im Herbst 1990 beschloss die erstmalig frei gewählte Volkskammer den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland. Dass die so vollzogene deutsche Wiedervereinigung nicht nur flankiert, sondern maßgeblich mitgestaltet wurde durch die – in diesem Falle erfreulich einigen – Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, darf ebenso wenig verschwiegen werden wie das hohe Maß an Vertrauen, dass der damalige US-Präsident George Bush (der Ältere) und Sowjetführer Michail Gorbatschow dem zunächst westdeutschen und bald gesamtdeutschen Bundeskanzler Helmut Kohl entgegenbrachten.

    Ja, ohne dieses Zusammenspiel wäre sie sicher nicht gelungen – die deutsche Wiedervereinigung. Und sie hatte – noch im Einigungsjahr 1990 – so erfreuliche Konsequenzen für das Bildungswesen in unserem Lande und ganz konkret für die Gymnasien zwischen Flensburg und München, zwischen Aachen und Görlitz. Auf dem Gebiet der – bald ehemaligen – DDR wurden in einem durchaus beeindruckenden Tempo Gymnasien gegründet, die die Erweiterten Oberschulen ablösten und sich in ihrem Bildungsauftrag und in ihrer Zielsetzung an den Gymnasien in der alten Bundesrepublik und in West-Berlin orientierten.

    Diese Reform wäre an sich schon ein Grund zum Feiern, ginge mit ihr einher nicht auch die Wiederbelebung bzw. Neugründung unseres Berufsverbandes. In den fünf damals neuen Ländern wie in Ost-Berlin gab es seit 1990 wieder den Philologenverband mit Strukturen, wie sie dem Föderalismus entsprachen.

    Es war der Bundesausschuss des Deutschen Philologenverbands, der es sich in diesem September nicht nehmen ließ, diese Wiedervereinigung der Philologen angemessen zu feiern. Ort der Veranstaltung war die sachsen-anhaltinische Hauptstadt Magdeburg, genauer: ein schönes repräsentatives Hotel an deren Stadtrand in Elbnähe. Ehrengäste der ersten Stunde, zumindest aber der Pionierzeit der ostdeutschen Verbände, waren – repräsentativ für alle am damaligen Aufbau der Verbände Beteiligten – die erste Vorsitzende des Philologenverbandes Sachsen, Gudrun Schreiner, und der langjährige ehemalige Vorsitzende des Philologenverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Jörg Seifert (beide sind heute Ehrenvorsitzende ihres jeweiligen Landesverbandes).

    Begrüßung durch die DPhV-Vorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing (Quelle: Langer)

    Die Veranstaltung begann musikalisch. Martina Scherer, die Vorsitzende des Philologenverbands Baden-Württemberg, bewies, dass sie nicht nur schulpolitische und gewerkschaftliche Qualitäten hat, sondern auch musikalische, wenn sie – in Begleitung unseres DPhV-Geschäftsführers Friedrich Pohl, der hier als Gitarrist überzeugte – den Mammas-and-Pappas-Evergreen „Dream a little Dream of me“ sang. Ja, man darf die 1990 (wieder)entstandene Zusammengehörigkeit von West und Ost durchaus als die Erfüllung eines Traums bezeichnen.

    In ihrer Festrede brachte dann Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing ihre große Freude darüber zum Ausdruck, dass Gymnasien und Philologenverband nun schon seit 35 Jahren in ganz Deutschland wieder eine feste Größe darstellen. Das war für die Laudatorin auch ein guter Anlass, den Bildungsminister des gastgebenden Landes, Jan Riedel (CDU), ganz besonders willkommen zu heißen. Riedel wurde begleitet von Staatssekretär Jürgen Böhm und dem zuständigen Abteilungsleiter Horst Geyer. Ein Schwerpunkt ihrer Rede war ein klarer Widerstand gegen alle Versuche, das Gymnasium in Deutschland – und damit das gegliederte Schulwesen insgesamt – schlechtzureden. Den Beweis für die Abwegigkeit dieses Gymnasial-Bashings führte die DPhV-Vorsitzende an, indem sie auf die letzte PISA-Untersuchung verwies, die zwar weltweit gesunkene Schülerleistungen nachwies, aber einen deutlich geringeren Leistungsrückgang bei deutschen Gymnasiasten als an anderen Schularten. Interessant sei vielmehr ein mit den führenden OECD-Staaten vergleichbarer Leistungsstand der deutschen Schülerinnen und Schüler an Gymnasien. Jener übertreffe sogar die Ergebnisse einiger Staaten, wobei Susanne Lin-Klitzing Japan, Südkorea und Estland anführte.

    Ein Rückblick auf die 120 Jahre währende Geschichte des Deutschen Philologenverbands führte die Rednerin zurück nach Halle an der Saale, wo seinerzeit das Wirken der Philologen begann. Sie beließ es aber nicht bei einer Aufzählung gemeinsam erreichter Ziele, sondern formulierte auch – problemorientiert – Forderungen, die in der nahen Zukunft für die Gymnasien wie für die dort tätigen Pädagogen erreicht werden müssten. Dazu gehöre ein Kampf gegen politisch zu verantwortende Leistungsabsenkungen in einigen Bundesländern, eine vergleichbare Beförderungspraxis in Deutschland und das unbedingte Festhalten am Beamtenstatus für den Lehrerberuf. Es lohne sich also einzutreten für das Gymnasium und für eine Gesellschaft, die anspruchsvolle Bildung wieder wertschätzt.

    Jan Riedel, Bildungsminister des Landes Sachsen-Anhalt( Quelle: Langer)

    Sachsen-Anhalts Bildungsminister Jan Riedel begann seinen Vortrag mit biographischen Erläuterungen über seinen persönlichen Weg in den Lehrerberuf, bevor er den nicht immer einfachen Weg der neuen Bundesländer vom DDR-Einheitsschulwesen zum gegliederten Schulwesen erläuterte. Unterstützung beim Aufbau der Gymnasien erhielt Sachsen-Anhalt durch das Nachbarland Niedersachsen. Bei allen Erfolgen, die in den vergangenen 35 Jahren erzielt wurden, sei aber auch auf Probleme hinzuweisen, die sich etwa auf die Aufnahmekapazitäten, auf die Implementierung einer Förderstufe für die Klassen 5 und 6 bezögen. Stolz sei man, dass man zu den ostdeutschen Ländern gehöre, die das Zentralabitur eingeführt hätten.

    Jan Riedel gehörte dann zu den vier Teilnehmern, die im Rahmen einer von Thomas Langer, dem Vorsitzenden des Phv Sachsen, moderierten Podiumsdiskussion den langen Weg von 1990 bis zur schulpolitischen Gegenwart der fünf ostdeutschen Länder skizzierten. Auffällig war hier der biographische Weg des jungen anhaltinischen Ministers, der aber seine eigene Schulzeit in Sachsen erlebte und anschaulich schilderte. Authentisch und unmittelbar war der Beitrag von Gudrun Schreiner, die als engagierte Seniorin sich noch immer dem Phv Sachsen verbunden fühlt. Ihr erstes Mitbringsel aus dem 1989 wieder zugänglichen Bücherangebot im Westen, … ein Atlas aus Sachsens Nachbarland Bayern! Ähnlich unorthodox die Schilderungen von Jörg Seifert, der den nördlichsten der neuen Landeverbände mit aufbaute und auf die Verbindungen von praktischen Berufen und der Lehrertätigkeit hinwies.

    Angenehme Atmosphäre bei der von Susanne Lin-Klitzing moderierten Podiumsdiskussion mit Minister Jan Riedel, Thomas Gaube (Sachsen-Anhalt), Kathrin Wiencek (Berlin-Brandenburg), Thomas Schwägerl (Bayern) und Jessica Kanitz (Sachsen). (Quelle: Langer)

    Ein zweites Podium bereicherten die derzeitigen Phv-Vorsitzenden Thomas Gaube und Katrin Wiencek (Sachsen-Anhalt und Berlin/Brandenburg), die in diesen Tagen von einem Ost-West-Gegensatz bei Gymnasien und in der Verbandsarbeit nichts mehr wissen wollten, einer Wahrnehmung, die auch der bayerische Landesvorsitzende Thomas Schwägerl und die aus Sachsen stammende 2. Vorsitzende der Jungen Philologen, Jessica Kanitz, teilten. „Wir begegnen uns auf Augenhöhe!“ befanden die Vertreter aus West und Ost – für Susanne Lin-Klitzing, die Moderatorin des zweiten Podiums, ein angemessenes Schlusswort, das ihr Stellvertreter Stefan Düll für die Verabschiedung der Veranstaltung mit aufnahm. Beide freuten sich darüber, dass es nunmehr Gymnasien in allen 16 Bundesländern gibt.

    von Walter Tetzloff

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