Passend zur Zusammenkunft der Frauen-AG im Deutschen Philologenverband unter der bewährten Leitung von Gabriela Kasigkeit im November veröffentlicht PROFIL in dieser und in der Dezember-Ausgabe einen Beitrag über Theodor Fontane, der wie kein anderer Schrift steller des 19. Jahrhunderts den Frauen einen starken Platz in der Literatur zuwies.

Theodor Fontane, Gemälde von Carl Breitbach
Seit eineinhalb Jahrzehnten erleben wir so etwas wie eine Fontane-Renaissance. Namhafte deutsche Verlage veröffentlichten gleich mehrere neue Fontane-Biographien, es erschienen neue Aufsätze zu Leben und Werk dieses märkischen Dichters, dessen Bekanntheit mit seiner Tätigkeit als Kriegsberichterstatter, Theaterkritiker und Balladenautor begann, dessen Berühmtheit aber doch wohl erst mit seinem erzählerischen Werk einsetzte, mit so erfolgreichen und aussagestarken Erzählungen und Romanen wie „Vor dem Sturm“, „Schach von Wuthenow“, „Irrungen, Wirrungen“, „Stine“, „Frau Jenny Treibel“, „Effi Briest“ und „Der Stechlin“. Diese Werke fallen in die Spätphase des Dichters, in eine Zeit, in der man auch schon im späten 19. Jahrhundert seinen bescheidenen Ruhestand erlebte, in der Theodor Fontane aber in seine produktivste Schaffensphase und damit zur unbestrittenen literarischen Meisterschaft gelangte.
Diese Phase soll auch im Fokus dieses Textes stehen. Die genannten Werke, von denen ich fünf näher vorstellen möchte, enthalten eine Fülle gesellschaftskritischer Aussagen, die der Berliner Autor seine literarischen Figuren teilweise direkt, teilweise in Anspielungen artikulieren lässt, und in vielen Fällen lassen das Verhalten und die Lebensumstände des Erzählpersonals die Zeitkritik an den politischen Verhältnissen im wilhelminischen Preußen nach der Reichsgründung erkennen, manchmal auch nur erahnen. Und hier kommen jetzt die Frauen, die weiblichen Charaktere in Fontanes Romanpersonal ins Spiel!
Die Frauen im erzählerischen Werk, ob verheiratet oder (noch) unverheiratet, gelten in der Fontane-Forschung als die stärkeren Charaktere, in vielen Fällen als die überzeugenderen realistischeren Romangestalten. Ob das tatsächlich so ist, diesen Beweis bin ich Ihnen an dieser Stelle noch schuldig! Eins aber kann als sicher gelten: Mit seiner sorgfältigen und differenzierten Gestaltung weiblicher Charaktere ist Fontane auf der Höhe seiner Zeit:
Im späten 19. Jahrhundert beginnt sich mit der Veränderung der Gesellschaft in Preußen und Deutschland auch das Selbstverständnis der Frau zu wandeln. Sie ist nicht mehr allein Repräsentantin des Lebenskreises ihres Mannes oder – falls unverheiratet – an den elterlichen Haushalt gebunden. Mit der zunehmenden Industrialisierung wird sie in den Arbeitsprozess mit einbezogen. Nun gilt dies allerdings primär für die breiten unteren Bevölkerungsschichten. Frauen von höherem sozialen Rang, insbesondere aus dem kapitalen Großbürgertum, aber auch adelige, gewinnen dadurch an Einfluss, dass sie merklich aktiver als zur vorindustriellen Zeit am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Zumindest Ansätze einer Emanzipationsbewegung sind im Deutschen Reich erkennbar. Insofern hat der Fontane-Forscher Hans-Heinrich Reuter, der zu DDR-Zeiten das Fontane-Archiv in Potsdam betreute, recht, wenn er feststellt: „Der Kampf um die Emanzipation der Frau gehört zu den wichtigsten sozialen Tatsachen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“. Nun sind Fontanes weibliche Charaktere allerdings, und das behauptet auch Reuter nicht, erklärte Emanzipationsvorkämpferinnen, und doch sind – so Reuter – fast alle seine „reifen Werke Frauenerzählungen“. So kommt denn auch in mindestens dreien der vorgestellten Werke der Frau eine aktive, den Gang des Geschehens bestimmende Funktion zu.
Auch eine biographische Begründung für die Zeichnung so persönlichkeitsstarker Frauen liegt nahe: Theodor Fontane korrespondierte – neben seiner engen Bindung an seine Tochter Mete – bis ins hohe Alter regelmäßig und intensiv mit Damen aus seinem Bekanntenkreis, so mit Mathilde von Rohr, die gleichzeitig Bewunderin und kritische Leserin des Erzählers war. Inspiriert wurde Fontane allerdings auch durch eine umfangreiche Zeitungslektüre, bei der er immer wieder knappe Berichte über Frauenschicksale in Preußen fand. Diese machte er nicht selten zum Gegenstand seiner realistischen Erzählungen und Romane, getreu seinem Credo: „die Dinge so darstellen, wie sie sind“. Ja, der Fontane-Kenner weiß: Nicht die reine Fiktion, d. h. die komplette Erfindung einer Geschichte oder eines Charakters war die Stärke dieses Schriftstellers; fast alle Fontane-Charaktere (und besonders die Frauen) hatte eine reale Vorlage, die Fontane nicht verschwieg und die in vielen Fällen identifizierbar war. Dies gilt insbesondere für Jenny Treibel aus dem gleichnamigen Roman, für Effi Briest (Sie war der Tante des späteren DDR-Krebsforschers Manfred von Ardenne nachempfunden) oder aus der kleinbürgerlichen Lene aus „Irrungen, Wirrungen“ drei Leitfragen formulieren, die die Beschäftigung mit fünf ausgewählten weiblichen Charakteren aus Fontanes Erzählwerk begleiten sollen.
- Ist der Titel dieses Essays „Zwischen Anpassung und Aufbruch“ überhaupt gerechtfertigt? Lassen sich die Frauenfiguren in Fontanes späten erzählerischen Werken zwischen diesen Polen einordnen?
- Inwieweit sind Fontanes Frauengestalten repräsentativ für die Gründerzeit des II. Deutschen Reiches bzw. für die noch immer von den Werten und Normen des preußischen Adels bestimmte Gesellschaft?
- Sind Fontanes weibliche Hauptfiguren vielleicht richtungweisend für einen gesellschaftlichen Wandel, wie er dann – mit historischer Verspätung – nach 1919 erfolgen soll?
Beginnen wir mit Lene. Lene Nimptsch ist die Pflegetochter einer kleinbürgerlichen Witwe aus dem Westen Berlins, ein praktisch denkendes junges Mädchen, das in häuslicher Geborgenheit und Nachbarschaft aufwächst und als Plätterin ein wenig zum knappen Haushaltseinkommen beiträgt. Ihr einfaches unprätentiöses Wesen und ihr Realitätssinn halten sie nicht davon ab, sich auf eine Liebesbeziehung mit dem jungen Landadeligen und preußischen Reserveoffizier Baron Botho von Rienäcker einzulassen. Der seinerseits pflegt im hauptstädtischen Berlin ein angenehmes Dasein, das sich hauptsächlich im Offizierskasino abspielt. Nur gelegentlich lässt er sich auf dem – hochverschuldeten – Landgut seiner Eltern blicken, von dessen Erträgen er – anfänglich noch – lebt. Wenn er sich auf die Liebesbeziehung mit Lene einlässt, so ist diese Konstellation auf den ersten Blick etwas nicht Ungewöhnliches; denn Bothos Kameraden halten es ähnlich. Auf den zweiten Blick aber ergibt sich ein entscheidender Unterschied: Botho und Lene lieben sich und gestalten ihr – vorübergehendes – Zusammensein eben nicht nach der Devise „Ein wenig Vergnügen für den Herrn … gegen einen Beitrag zur materiellen Verbesserung des Lebensstandards der kleinbürgerlichen Geliebten“. Genau diese Art von Verbindung wollen Rienäcker und seine Lene nicht, und so endet die Beziehung einvernehmlich, und zwar dann, als der Druck der adeligen Verwandtschaft übermächtig wird: Botho möge endlich der aparten und sehr wohlhabenden Käthe Sellenthin den Hof machen. Und so geschieht es. Der seelische Schmerz auf beiden Seiten erweist sich als reparabel, und auch Lene findet einen neuen Partner, den ebenso anständigen wie bieder-langweiligen Gideon Franke.
Diese auf den ersten Blick so unspektakuläre Handlung aus dem Berlin der siebziger Jahre des vorvergangenen Jahrhunderts gewinnt ihre Bedeutung und ihren Reiz für die Leserinnen und Leser dadurch, dass sie eben kein Happy End nach dem Muster eines trivialen Groschenromans hat. Vielmehr zeigt der Ausgang der Handlung, wie hier zwei Individuen mit ihren Herzensansprüchen an der Gesellschaft und ihren Ansprüchen scheitern bzw. sich nolens volens einfügen in eben diese Ansprüche. Das es so kommen muss, weiß niemand besser als Lene selbst. Während ihr – charakterlich weniger starker – geliebter Botho sich zumindest zeitweilig in Tagträumen ergeht und ein Glück außerhalb gesellschaftlicher Konventionen (und damit auch außerhalb Preußens) ins Auge fasst, ist es Lene, die mit ihrer praktischen Lebensklugheit das realistische Szenario voraussieht.
Ihre Worte beim Abschied sind deutlich: „Ich hab es kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was muss. Wenn man schön geträumt hat, so muss man Gott dafür danken und darf nicht klagen, dass der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergisst sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch.“ Und weiter stellt sie klar: „Du hast mir kein Unrecht getan, hast mich nicht auf Irrwege geführt und hast mir nichts versprochen. Alles war mein freier Entschluss. Ich habe dich von Herzen liebgehabt, das war mein Schicksal, und wenn es eine Schuld war, so war es meine Schuld. Und dazu noch eine Schuld, deren ich mich … von ganzer Seele freue, denn sie war mein Glück. Wenn ich nun dafür zahlen muss, so zahle ich gern. Du hast nicht gekränkt, nicht verletzt, nicht beleidigt, oder höchstens das, was die Menschen Anstand nennen und gute Sitte. Soll ich mich darum grämen? Nein. … Und nun komm und lass uns umkehren. Sieh nur, wie die Nebel steigen; …“ Auffällig ist hierbei, dass zu diesem Grad von Entsagung und Verzicht Botho anfänglich noch nicht fähig ist.
In einer geschickten Weise gibt Fontane dem Charakter Lenes Konturen. Er tut dies, indem er sie gleich doppelt kontrastiert. Zwei andere weibliche Figuren in „Irrungen, Wirrungen“ sind es, die Lenes Persönlichkeit und Haltung verstärken, allein dadurch, dass sie sich so grundlegend von ihr unterscheiden:
Bei einem Landausflug, der zu einem intimen und privaten Wochenende Bothos und Lenes werden sollte, kommt es unverhofft zu einer Begegnung mit drei Offizierskameraden Bothos, die mit ihren Geliebten ebenfalls unterwegs sind und nun Lene kennen lernen wollen. Man kann sich vorstellen, dass das Umgekehrte nicht der Fall ist. Die älteste der drei – nennen wir sie: Begleiterinnen – kommentiert ihre eigene jahrelange Liason mit einem der Freunde so: „Und eigentlich, Kind, und Sie werden das auch noch sehen, eigentlich is es alles bloß langweilig. Eine Weile geht es, und ich will auch nichts dagegen sagen … Aber die Länge hat die Last. … Wahrhaftig, je bälder man wieder raus ist, desto besser. Ich kaufe mir denn (denn das Geld krieg ich) ‘ne Dest’lation und weiß auch schon wo, und denn heirat’ ich mir einen Witmann und weiß auch schon wen. Und er will auch. Denn das muss ich Ihnen sagen, ich bin für Ordnung und Anständigkeit und die Kinder orntlich erziehen, und ob es seine sind oder meine, ist janz egal … Und wie ist es denn eigentlich mit Ihnen?’
Lene sagte kein Wort.
‘Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit hier dabei (und sie wies aufs Herz) und tun alles aus Liebe? Ja, Kind, denn is es schlimm, denn gibt es ‘nen Kladderadatsch.“
Lenes Gefühlswelt steht hier in einem geradezu grotesken Gegensatz zu der abgebrühten Art der keinesfalls unsympathischen und auch nicht empathielosen (von den Offizieren scherzhaft „Isabeau“) genannten Langzeit-Geliebten, der es erkennbar um ihren Lebensunterhalt geht.
Noch schärfer nimmt sich der Gegensatz zu der späteren Ehefrau Bothos, Käthe Sellenthin, aus. Sie, die als attraktive Tochter wohlhabender Adeliger gesellschaftlich zu repräsentieren weiß, die mit ihrem naiven, unschuldig koketten Charme die Freunde Bothos teils bewusst, teils unbewusst zu bezaubern weiß, ist eine literarische Figur, die beinahe, aber doch wohl nicht ganz, zur Karikatur wird. Fontane beschreibt mehrfach ihre Reaktionen auf die Sehenswürdigkeiten ihrer Hochzeitsreise, die sie über die Barockstadt Dresden nach Italien führt. „Wirklich, sie lachte den ganzen Tag über, und so leuchtend und hellblond sie war, so war auch ihr Wesen. An allem ergötzte sie sich, und allem gewann sie die heitre Seite ab. In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner mit einem Toupet, das einem eben umkippenden Wellenkamme glich, und dieser Kellner samt seiner Frisur war ihre tagtägliche Freude …“
Weniger, genau genommen gar kein Interesse, bringt sie den Sehenswürdigkeiten der Stadt und später den Kunstschätzen Italiens entgegen. Die Oberflächlichkeit Käthes führt bei ihrem Mann zunächst zu ein wenig Unbehagen und leichter Befremdung, diese weicht aber später einer Nachsicht, so dass von einer unglücklichen Ehe nicht gesprochen werden kann. Auffällig aber bleibt die Kinderlosigkeit der beiden Eheleute, die in der Fontane-Forschung teilweise als ein tieferes Zeichen der Sterilität adeliger Lebensverhältnisse gesehen wird.
Selbst wenn hier eine Überinterpretation vorliegt, so lässt sich doch feststellen, dass Fontanes Sympathien bei der vielleicht etwas spröden, aber doch mit so viel Herzensgüte ausgestatteten Lene Nimptsch und ihrer kleinbürgerlichen Lebenswelt liegt. Ihre Einsicht in die Realität, d. h. in diesem Falle in die gesellschaftlichen Notwendigkeiten geht deutlich über die Erkenntnisse ihres geliebten Freundes hinaus. Bevor ihr Verhalten und ihre Position aber abschließend bewertet werden soll, lassen Sie mich zu der zweiten Vertreterin des Berliner Kleinbürgertums kommen. Auf sie treffen wir bei der Lektüre der Erzählung „Stine“, die genau wie „Irrungen, Wirrungen“ im geschichtsträchtigen Jahr 1888 erschienen ist.
Man muss den damaligen Zeitgeist und den verlogenen Moralbegriff der wilhelminischen Zeit, der sich hinter dem Begriff „Sitte“ verbirgt, in Rechnung stellen, wenn man sich die öffentlichen Reaktionen der Erstveröffentlichung von „Irrungen, Wirrungen“ und „Stine“ vor Augen hält. Die Erzählungen erschienen zunächst, wie es in solchen Fällen üblich war, als Fortsetzungsgeschichten in Zeitschriften. Man kann sich heute kaum vorstellen, welchen Tenor ein Teil der Leserzuschriften hatte. „Wann hört denn diese grässliche Hurengeschichte endlich auf?“ empörte sich beispielsweise ein Zeitungsleser über „Irrungen, Wirrungen“. Man sieht, wie provokant die Schilderung nicht-ehelicher Liebesbeziehungen seinerzeit war, und man darf die Reaktionen der adeligen und großbürgerlichen Zeitungsleser durchaus mit der Rezeption der Günter Grass-Novelle „Katz und Maus“ vergleichen. 1961 hatte Grass es gewagt, eine Masturbationsszene in seine zeitkritische, die Verführung junger Menschen im Nationalsozialismus thematisierende Novelle einzubauen. Der Staatsanwalt wurde seinerzeit eingeschaltet …
Die Fontane-Erzählung „Stine“ steht der Vorgänger-Erzählung „Irrungen, Wirrungen“ in puncto provokanter Gesellschaftskritik in nichts nach. Worum geht es?
Die junge, attraktive Berliner Witwe Pauline Pittelkow lebt mit ihrer Tochter Olga, einem weiteren Kleinkind, das unehelich ist, und ihrer unverheirateten Schwester Stine in einer bescheidenen Mietwohnung. Auch Pauline hat – wie offenbar viele junge Frauen in jenen Jahren – ein Verhältnis mit einem nicht mehr ganz jungen Adeligen. Ein Zweckbündnis, wie die Leserinnen und Leser bald erkennen: Der ältere Graf unterstützt die Witwe und beschränkt sich auf gelegentliche Besuche und Feiern im Hause der Witwe, der diese selten gelegen kommen. Bei einer dieser Feiern, (Parties, würde man heute sagen) lernen sich in kleinem Kreise Paulines Schwester Stine und der junge Graf, ein Neffe des alten, kennen und verlieben sich ineinander. Wieder ist es der Mann in dieser sich anbahnenden Liebesbeziehung, der die Situation verkennt und glaubt, ein kleinbürgerliches Mädchen heiraten zu können. Immerhin sieht er die gesellschaftlichen Barrieren, die einer solchen Mesalliance entgegenstehen, und plädiert gegenüber Stine in völliger Selbstüberschätzung dafür, sich völlig (auch materiell) aus seiner gesellschaftlichen Umgebung zu lösen und mit Stine in die Vereinigten Staaten auszuwandern, um dort – losgelöst von allen Standesschranken – ein neues Leben zu zweit zu beginnen. Der junge Graf ist nicht gesund, ein Kriegsopfer, und … man ahnt es schon, in jeder Hinsicht zu schwach, seine Pläne zu verwirklichen. Diese Verwirklichung wird ihm denn auch von gleich zwei Seiten schwer gemacht: Nicht genug damit, dass Onkel und Elternhaus ihm die Ehe mit Stine wenn schon nicht untersagen, so doch faktisch unmöglich machen, … nein, auch Pauline Pittelkow redet – wenn auch sanft und mütterlich – der geliebten jüngeren Schwester die Beziehung aus. Dies tut sie aber erst, nachdem sie in einer heftigen Unterredung ihrem standesbewussten Liebhaber Kontra gegeben hat.
Als der alte Graf von Haldern Pauline von den militärischen Leistungen seines Adelsgeschlechts überzeugen will und um Mitleid für den verwundeten Neffen plädiert, ist die resolute Pauline nicht mehr zu halten:
„Aber das ist auch so eine von euren Marotten, dass ihr immer denkt, wir verstünden nichts davon und wüssten nichts von Vaterland und … von Courage…. Alle Wetter, ich bin auch fürs Vaterland und für Wilhelm, und wer seine Knochen zu Markte getragen hat, vor dem habe ich Respekt und brauche mir nicht erst sagen zu lassen, dass ich Respekt vor ihm haben soll. Und denn, Graf, nicht immer jleich mit die Halderns. Ich habe welche gekannt, die waren auch erst neunzehn und keine Halderns und saßen nicht zu Pferde, immer bloß auf Gebrüder Benekens, und mussten auch immer vorwärts.“
Am Ende dieser eruptiven Einlassung Paulines, die anfänglich ihr Temperament kaum zügeln konnte, stellt sich auch bei ihr die Vernunft ein. Standesstolz hin – Standesstolz her, in ihrer Einschätzung der Situation ist sie dem Vertreter des Adelsgeschlechts der Haldern nahe, wenn sie mit ihm quasi ein Bündnis eingeht und nunmehr ihre Schwester von dem illusorischen Vorhaben des jungen Grafen abbringen will: „Und nun will er auch noch nach Amerika! Du mein Gott, was will er da? Da müssen sie scharf ran, und bei sieben Stunden in Stichsonne, da fällt er um … Graf, ich werd es schon machen und will gleich zu Wanda (ihrer besten Freundin, einer mittelprächtigen Schauspielerin, W. T.), die muss mir eine Geschichte zurechtlügen. Und wenn ich die habe, dann packen wir Stinen ein, nach Alt-Landsberg oder nach Bernau… oder nach Fürstenwalde. Sie will immer beistehn un helfen, und wir müssen ihr so was vorreden von Beistand un Hilfe.“
Was zunächst durchaus befremdlich wirkt und – oberflächlich gesehen – als ein Versuch gesehen werden kann, der geliebten jüngeren Schwester ihr Lebensglück zu rauben, ist schlicht Ausdruck eines starken Realitätssinns, einer Pauline innewohnenden Anpassung an die gesellschaftlichen Gegebenheiten, aber nicht aus Einsicht – wie man es vielleicht noch bei Lene unterstellen könnte – sondern aus Not und aus einer Fürsorgehaltung gegenüber der Schwester, von der Pauline wirklich glaubt, ihre Bindung an Waldemar von Haldern führe jene unter den gegebenen Umständen ins Unglück.
Und anders, als der melancholische Schluss der Erzählung „Irrungen, Wirrungen“ endet die unmittelbar nachfolgende Erzählung „Stine“ ausweglos, ja tragisch. Von Tragik darf man bekanntlich nur sprechen, wenn der dem Untergang geweihte Held am Ende eine Wahl hat, eine Wahl zwischen zwei Entscheidungsmöglichkeiten, die ihn beide zugrunde gehen lassen, von denen er aber in klaren Abwägung eine für ihn passende wählt, – nach den Gesetzen des klassischen Dramas die sittlich höherstehende. Waldemar von Haldern erschießt sich am Ende, von Stine, die beim Begräbnis als einzige echte Trauer zeigt, wissen wir nicht, ob sie den Verlust überleben wird …
Aber nicht Stine ist die zentrale Figur in der gleichnamigen Erzählung. Die ist ohne Zweifel Pauline Pittelkow, jene lebenskluge und desillusionierte Frauengestalt, auf die – nebenbei bemerkt – der Dichter Theodor Fontane mächtig stolz war. In einem Brief an den Freund Emil Dominik schreibt er denn auch: „Die Hauptperson ist nicht Stine, sondern deren ältere Schwester Witwe Pittelkow. Ich glaube, sie ist eine mir gelungene und noch nicht dagewesene Figur.“ Dies darf weniger als Selbstlob gesehen werden, als es eine Tatsachenbeschreibung ist. Noch nie vorher – und auch später nie wieder – hat sich Fontane in der Gestaltung seiner literarischen Figuren so sehr dem die Berliner Stadtwirklichkeit bestimmenden proletarischen Milieu genähert, noch ist er der von ihm so bewunderten neuen Generation junger Schriftsteller, den Naturalisten, so nahe gekommen. So soll es denn auch deren Hauptvertreter Gerhart Hauptmann vorbehalten sein, vor und nach der Jahrhundertwende starke proletarische Frauengestalten zu schaffen und jetzt auf die Bühne zu bringen: Mutter Wolff im „Biberpelz“ oder Mutter John in den „Ratten“. Zugegeben – bis dahin muss die literaturgeschichtliche Entwicklung noch ein Stück voranschreiten, doch Fontane darf als Meister der realistischen Darstellung einfacher Lebensverhältnisse gesehen werden. Pauline Pittelkow ist der Beweis. Sie wird zum Medium deutlicher Kritik des Autors an einer von Heuchelei und anachronistischen Strukturen geprägten Gesellschaft.
INFO: Der zweite und letzte Teil dieses Textes wird in der Dezember-Ausgabe von PROFIL veröffentlicht. Darin stehen Effi Briest und die Gräfin Melusine aus dem Altersroman „Der Stechlin“ im Mittelpunkt.
von Walter Tetzloff