Der Philosophieunterricht am Gymnasium

    Der Deutsche Philologenverband trifft sich seit einigen Jahren regelmäßig mit den Fachverbänden an einem sogenannten Runden Tisch, um vor allem den Austausch über die notwendige Fachlichkeit am Gymnasium sicherzustellen. In dieser Ausgabe stellen wir den Bundesvorsitzenden des Fachverbandes Philosophie e.V., Marco Schepers, vor.

    Marco Schepers, Bundesvorsitzender des Fachverbandes Philosophie (Quelle: Schepers)

    In unserer Oktober-Ausgabe interviewten wir den Ehrenpräsidenten der Internationalen Vereinigung der Philosophielehrer, Dr. Werner Busch. In Ergänzung dazu kommt heute der Bundesvorsitzende des Fachverbandes zu Wort.

    PROFIL: Mit großem Interesse hat der DPhV die Mainzer Erklärung zum Philosophie- und Ethikunterricht zur Kenntnis genommen. Sie erschien im März dieses Jahres. Was waren die Beweggründe für Ihre Forderungen?

    SCHEPERS: Die Mainzer Erklärung steht in der Kontinuität von Initiativen wie dem Dresdner Konsens oder der Münsteraner Erklärung, die seit Jahren auf die Stärkung des Philosophie- und Ethikunterrichts drängen. Angesichts der aktuellen Weltlage voller Populismus und entrückter Wertekataloge sowie einer Verrohung im Diskurs und einer immer tiefergehenden Spaltung in der Gesellschaft, möchten wir erneut auf den besonderen Beitrag dieses Faches aufmerksam machen, der über das hinausgeht, was andere Unterrichtsfächer leisten können.

    Philosophie und Ethik eröffnen den Lernenden den Zugang zu zentralen Disziplinen wie beispielsweise Logik, Erkenntnistheorie, Anthropologie, Ethik und politischer Philosophie. Sie vermitteln die Fähigkeit, Argumente präzise zu analysieren, Begriffe kritisch zu klären, normative Maßstäbe zu reflektieren und komplexe Probleme im Lichte unterschiedlicher theoretischer Positionen zu durchdenken. Gleichzeitig wird das gemeinsame Miteinander und das Aushalten unterschiedlicher Positionen eingeübt. In einem Klassenzimmer voller unterschiedlicher Glaubensrichtungen, Weltanschauungen und Atheismus lernen die Kinder einander zuzuhören, zu widersprechen und zugleich Verständnis füreinander zu entwickeln. Vor allem, wenn sich mit Themen wie dem „Leben mit und ohne Gott“ oder Fragen nach dem Sinn des Lebens auseinandergesetzt wird.

    In einer Zeit, in der Fragen nach Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und Verantwortung immer drängender werden, ist es unverzichtbar, dass junge Menschen mit den Methoden der Philosophie vertraut gemacht werden. Die Mainzer Erklärung will daher deutlich machen, dass Philosophie und Ethik nicht nur Ergänzungsfächer sind, sondern Kernfächer einer demokratischen und reflektierten Bildungskultur.

    PROFIL: Was kann der Philosophieunterricht an den Gymnasien leisten, um der verrohten digitalen Kommunikation insbesondere in den Sozialen Medien entgegenzuwirken?

    SCHEPERS: Philosophie- und Ethikunterricht ist in einzigartiger Weise geeignet, der Verrohung digitaler Kommunikation entgegenzutreten und das nicht durch technische Bedienkompetenzen, sondern durch die methodischen Werkzeuge der Reflexion, der Begriffs- und Argumentanalyse sowie der normativen Rechtfertigung. Genau diese Kompetenzen befähigen Lernende, Desinformation, rhetorische Manipulation und empathieloses Agieren in sozialen Medien kritisch zu durchschauen und konstruktiv zu bearbeiten.

    Konkret lehrt der Philosophie- und Ethikunterricht Argumente zu rekonstruieren, deren Struktur zu prüfen und Fehlschlüsse wie ad hominem oder Strohmann zu erkennen. Lernende entwickeln Maßstäbe für verlässliche Erkenntnis, das heißt Quellenkritik, Evidenzprüfung und die Unterscheidung von Meinung und begründetem Urteil. Letztlich ermöglicht er eine normative Urteilsbildung, denn Lernende formulieren und begründen Werte wie Würde, Respekt oder Verantwortung, anstatt sich auf bloße Empörung oder emotionale Reaktionen zu stützen.

    Diese Aufgaben dürfen jedoch nicht auf das Gymnasium beschränkt bleiben. Eine Stärkung der digitalen Kommunikationskultur braucht den Philosophie- und Ethikunterricht in allen Schulformen und dieser muss zukünftig schon in der Grundschule beginnen, damit Lernende frühzeitig argumentativ, kritisch und verantwortungsvoll mit digitalen Medien umgehen lernen.

    PROFIL: Welche Bedeutung kommt den Aufklärungsphilosophen bei der Erziehung zu Vernunft und der Einhaltung der Menschenwürde zu?

    SCHEPERS: Für uns ist unstrittig, dass ohne die Prinzipien der Aufklärungsphilosophie eine zeitgemäße Bildung nicht denkbar ist. Vernunftgebrauch und die Achtung der Menschenwürde sind keine historischen Relikte, sondern das normative Fundament, auf dem demokratische Gesellschaften stehen und das explizit im Philosophie- und Ethikunterricht aktiv vermittelt werden muss.

    Die Aufklärungsphilosophen haben gezeigt, dass Mündigkeit im Mut zum eigenen Denken wurzelt. Kant, Rousseau oder Locke fordern nicht bloß intellektuelle Selbstständigkeit, sondern ein Denken, das in Freiheit und Verantwortung geschieht. Wer Philosophie und Ethik unterrichtet, führt Lernende damit unmittelbar an die Fähigkeit heran, Urteile nicht nur zu haben, sondern sie auch zu begründen.

    Genauso zentral ist die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Kants kategorischer Imperativ macht deutlich, dass jeder Mensch als Zweck an sich zu achten ist. Dieses Prinzip ist kein abstrakter Gedanke, sondern muss im schulischen Alltag geübt werden und zwar in Diskussionen über Menschenrechte, über Gerechtigkeit, über digitale Selbstbestimmung oder auch über gesellschaftliche Teilhabe.

    Dies bedeutet für uns, dass der Philosophie- und Ethikunterricht der Ort ist, an dem die Ideen der Aufklärung in der Bildungspraxis lebendig bleiben. Er trägt nicht nur zur intellektuellen Schärfung bei, sondern stellt sicher, dass das Fundament unserer Demokratie, also Vernunft und Würde, nicht nur im Grundgesetz verankert, sondern von jeder neuen Generation begriffen und gelebt wird.

    PROFIL: Warum ist die universitäre Bezugswissenschaft für den Philosophieunterricht so wichtig?

    SCHEPERS: Die universitäre Bezugswissenschaft des Philosophieunterrichts muss Philosophie sein. Das hat einen einfachen Grund, denn nur sie bietet den systematischen Rahmen und die methodische Tiefe, die das Fach benötigt. Andere Disziplinen wie Soziologie, Psychologie oder Politikwissenschaft können wichtige Impulse einbringen – aber sie sind Ergänzungen, nicht Fundament. Im Deutschunterricht käme auch niemand auf die Idee, die Soziologie an die Stelle der Germanistik zu setzen.

    Philosophie ist diejenige Wissenschaft, die über Jahrtausende Methoden zur Reflexion, zur Begriffs- und Argumentanalyse sowie zur normativen Rechtfertigung entwickelt hat. Sie eröffnet Lernenden die Auseinandersetzung mit Erkenntnistheorie, Logik, Ethik, Anthropologie oder politischer Philosophie und dadurch genau mit den Disziplinen, die für kritisches Denken, Wertorientierung und Demokratiefähigkeit zentral sind.

    Wenn der Philosophieunterricht seine Aufgaben erfüllen können soll, das heißt Orientierung in einer pluralen Welt, Einübung rationaler Urteilsfähigkeit, Förderung der Dialog- und Demokratiefähigkeit, dann braucht er die Philosophie als Bezugswissenschaft. Alles andere würde das Fach beliebig machen und seines Kernes berauben.

    PROFIL: Welche Folgen ergeben sich aus Ihren Forderungen für die Lehrerbildung?

    SCHEPERS: Unsere Forderungen haben direkte Konsequenzen für die Lehrerbildung. Wer Philosophie- oder Ethikunterricht erteilt, muss auf eine fundierte Ausbildung in der Philosophie zurückgreifen können. Leider ist das in Deutschland nicht selbstverständlich: Manche Universitäten bieten lediglich einen Studiengang „Ethik“ oder „Werte-und Normen“ an, der nicht (genug) auf philosophischer Fachlichkeit gründet. Studierende solcher Programme scheitern regelmäßig, wenn sie in anderen Bundesländern unterrichten möchten; schlicht weil ihnen die universitäre Basis in der Philosophie fehlt.

    Wir brauchen daher bundesweit grundständige Lehramtsstudiengänge für Philosophie/Ethik, die eine solide Ausbildung in den Kernbereichen der Philosophie sichern: von Logik über Erkenntnistheorie und Ethik bis hin zu politischer Philosophie und Anthropologie. Nur so lässt sich eine einheitliche fachliche Qualität gewährleisten.

    Zugleich müssen Didaktik und Fachwissenschaft in der Ausbildung eng verzahnt sein. Lehrkräfte brauchen nicht nur philosophisches Wissen, sondern auch die Fähigkeit, dieses altersgerecht und methodisch reflektiert zu vermitteln. An vielen Universitäten gibt es aber keine Professuren für die Fachdidaktik in Philosophie.

    Wer Philosophie und Ethik an Schulen ernst nimmt, muss für eine vergleichbare und hochwertige Lehrerbildung sorgen. Alles andere führt zu Ungleichheiten, Qualitätsverlust und letztlich zu einer Schwächung des Faches. Es ist außerdem schlichtweg nicht vermittelbar, wieso das Fach in manchen Bundesländern Ethik, in anderen Werte-und-Normen, LER oder Praktische Philosophie heißt und wieso es in einigen Bundesländern sogar Philosophie und Ethik parallel gibt. Wir bieten doch auch keinen Unterricht in Mathematik und einen in Algebra nebeneinander an. Die Lösung ist so einfach wie konsequent: Philosophie als Bezugswissenschaft an den Universitäten und in den Lehrplänen = Philosophie als Name für das Fach.

    PROFIL: Sehen Sie so etwas wie ein Spannungsverhältnis zwischen den Fächern Religion und Philosophie? Wenn dieses besteht, wie kann es für die Schülerinnen und Schüler fruchtbar gemacht werden?

    SCHEPERS: Das Verhältnis beider Fächer ist in der Tat komplex. Durch die sogenannte Ersatzfachkonstruktion, das heißt Ethik oder Philosophie als verpflichtendes Unterrichtsfach für diejenigen, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen, entsteht oft das Gefühl, „nur“ ein Ersatzfach zu sein.

    Artikel 7 Absatz 3 GG verankert den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach an staatlichen Schulen (außer in sogenannten bekenntnisfreien Schulen). Das bedeutet: Religionsunterricht wird vom Staat ausdrücklich gefördert und in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Zugleich bleibt die Teilnahme freiwillig, und für Lernende, die nicht teilnehmen wollen, müssen Alternativen angeboten werden. In Deutschland ist es daher üblich, dass alle diejenigen, die nicht konfessionell unterrichtet werden, verpflichtend Ethik oder Philosophie belegen.

    Wir streben aber keinesfalls die Abschaffung des Religionsunterrichts an. Das Grundgesetz schützt das Fach explizit. Vielmehr geht es uns um eine gerechtere Behandlung. Warum ist Philosophieunterricht noch nicht bundesweit in allen Primarstufen eingeführt? Warum werden

    Kinder in manchen Bundesländern automatisch dem Religionsunterricht zugeordnet, statt bei der Anmeldung eine echte Wahlmöglichkeit zu haben? Warum kann der Religionsunterricht in manchen Bundesländern als Leistungskurs gewählt werden, Philosophie oder Ethik aber nicht? Warum gibt es trotz deutlich höherer Studierendenzahlen im Fach Philosophie so viel weniger Professuren als im Bereich Religion? Warum gibt es teils vier Mal so viele Fachberatungsstellen für Religion in einem Bundesland, obwohl es mehr Lernende und Lehrende in Philosophie/Ethik gibt?

    Für viele Lernende ist der Religionsunterricht ein wichtiger Ort, um Glaubensinhalte, Rituale und Gemeinschaft zu erfahren. Unser Anliegen ist, dass auch die nicht-religiösen beziehungsweise nicht-christlichen Kinder in unserem Land eine gleichwertige Möglichkeit erhalten, sich mit ethischen und weltanschaulichen Fragen auseinanderzusetzen. Dazu gehört eine faire Ausstattung und Anerkennung des Philosophie- und Ethikunterrichts.

    Die Fragen stellte Walter Tetzloff.

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