Lehrerbildung als Herausforderung

    Jessica Kanitz, 2. Vorsitzende der Jungen Philologen im DPhV (Quelle: Popp)

    PROFIL: Was hat Dich motiviert, Dich im Sächsischen Philologenverband zu engagieren?

    JESSICA KANITZ: „…weil meckern allein an unseren Schulen nichts ändert.“ Das war damals mein Spruch für die „Ich bin Mitglied“-Kampagne. Mitglied in einer Gewerkschaft zu sein, ist der erste Schritt, sich für bessere Bildung einzusetzen – der zweite ist das Engagement. Im Verband trifft man auf Menschen mit gleichen Zielen und Visionen. Man kommt schnell ins Gespräch – und es macht Freude, sich gemeinsam zu engagieren. Über den PVS und den DPhV sind dabei schon mehrere Freundschaften entstanden.

    PROFIL: Du engagierst Dich auch in der Lehrerbildung? Wo liegen die Schwerpunkte Deiner dortigen Arbeit?

    KANITZ: Ich bilde Referendarinnen und Referendare in der Fachdidaktik Spanisch aus. Meine Herzensangelegenheit ist es, ihnen zu zeigen, wie viel Freiheit und Potenzial unser Beruf bietet – und vor allem, dass das Referendariat besser sein kann als sein Ruf.

    Über den PVS und mit der Erfahrung des DPhV im Lehrkräftepreis haben wir die sächsische Auszeichnung „Lehrkräfteausbildung mit Herz und Haltung“ ins Leben gerufen, um zu zeigen, dass es auch sehr positive Erfahrungen im Referendariat gibt. Denn wie in jedem Bereich der Bildung gilt auch hier: Die Menschen, die sie gestalten, machen den Unterschied – und verwandeln das in der Öffentlichkeit oft schlecht besetzte Referendariat in eine Chance, die persönliches und professionelles Wachstum ermöglicht. Das wollen wir zeigen und in den Fokus rücken!

    PROFIL: Wie könnte man die Lehrerbildung in der Phase des Referendariats verbessern? Welche Forderungen richtest Du an die politisch Verantwortlichen?

    KANITZ: Wenn ich an Deutschland denke, wünsche ich mir – gerade wegen des Föderalismus – eine stärkere Vernetzung zwischen den Ländern und mehr Bereitschaft, auf die Erfahrungswerte anderer zu hören und voneinander zu lernen. Sachsen hatte beispielsweise für einen kurzen Zeitraum ein zwölfmonatiges Referendariat. Das bedeutete, dass man die Prüfung bereits nach etwa zehn Monaten absolvieren musste. Um die Qualität der Ausbildung zu verbessern, wurde der Zeitraum danach wieder auf 18 Monate ausgeweitet. Wenig später führte Brandenburg jedoch ein einjähriges Referendariat ein, um schneller Lehrkräfte „zu produzieren“.

    PROFIL: In Düsseldorf wurdest Du im September einstimmig zur 2. Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft Junger Philologen gewählt. Wie und mit welchen Themen könnten sich die Jungen Philologen künftig in den DPhV-Bundesvorstand einbringen?

    JESSICA KANITZ: Wie bereits erwähnt, wollen wir uns für eine qualitativ hochwertige Lehrkräftebildung einsetzen. Dazu gehören hohe Fachlichkeit und zugleich mehr Praxisanteile im Studium – aber nur, wenn diese nicht im Referendariat gekürzt werden. Die zweite Phase der Lehrerbildung bleibt der Ort, an dem professionelles Handeln wirklich eingeübt wird.

    Entscheidend ist, dass angehende Lehrkräfte Zeit zum Lernen und Reflektieren bekommen. Eine längere Phase des angeleiteten Unterrichts würde echtes pädagogisches Lernen ermöglichen – statt eines zu frühen eigenen Lehrauftrags, der häufig nur der quantitativen Unterrichtsabsicherung dient. Lehrkräftebildung darf kein Notnagel für Personalmangel sein, sondern muss Raum für Entwicklung und Professionalisierung schaffen.

    Darüber hinaus ist es mir persönlich ein wichtiges Anliegen, dass wir Bildung stärker zukunftsorientiert denken. Unsere Welt verändert sich rasant – technologisch, gesellschaftlich und kulturell. Das starre System Schule kann da oft nicht mithalten. Bildung muss darauf nicht nur reagieren, sondern aktiv gestalten. Ich wünsche mir daher, dass wir als Junge Philologen den Mut finden, bestehende Unterrichtskonzepte weiterzudenken, neue Formate zu erproben und Schule als lernende Organisation zu verstehen.

    Wie wir das angehen wollen? Unsere Tagungen sind ein guter Ausgangspunkt – für den Austausch über bestehende Systeme ebenso wie für das Teilen von Erfahrungen. Gleichzeitig nutzen wir diese Formate, um uns mit den Verantwortlichen der jeweiligen Bundesländer zu vernetzen und ins Gespräch zu kommen. Neben Vertreterinnen und Vertretern aus der Politik waren auch bereits verschiedene Akteurinnen und Akteure der Bildungslandschaft bei uns zu Gast, die ihre Ideen und neuen Ansätze vorgestellt haben.

    PROFIL: Auch im Sächsischen Verband bist Du weiterhin aktiv und präsent. Welche bildungspolitischen und berufspolitischen Wünsche hast Du in Richtung der Landesregierung in Dresden?

    JESSICA KANITZ:

    • Die Befristung der Verbeamtung (aktuell bis 2030) muss aufgehoben werden. Nachdem mit Berlin auch das letzte Bundesland verbeamtet, können wir es uns nicht leisten, wieder anders einzustellen.
    • ICH WÜNSCHE MIR ZEIT! Zeit für Schülerinnen und Schüler – für Begegnung, Beziehung und echte Begleitung. Zeit für guten Unterricht, der nicht nur Stoff abarbeitet, sondern Lernen ermöglicht. Zeit für die vielen zusätzlichen Aufgaben, die Lehrkräfte derzeit auffangen müssen, solange multiprofessionelle Teams noch fehlen.
    • Ich wünsche mir auch Zeit für Begabtenförderung, Wettbewerbe und kreative Projekte, die oft hinten runterfallen, wenn der Alltag drängt.
    • Zeit für kollegiale Zusammenarbeit, für Austausch, Hospitation und gemeinsame Unterrichtsentwicklung – denn Qualität entsteht im Team, nicht im Alleingang.
    • Und schließlich: Zeit für Nachdenken, Fortbildung und Erneuerung. Pädagogische Professionalität wächst nicht zwischen Tür und Angel.

    Eine zukunftsfähige Bildungspolitik muss daher Zeit als Ressource begreifen: weniger Bürokratie, klare Prioritäten, geschützte Arbeitsphasen und Strukturen, die pädagogische Langsamkeit zulassen, wo sie notwendig ist.

    Zeit ist keine Zugabe – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Schule ihren Bildungsauftrag erfüllen kann.

    Durch die Vernetzung im DPhV und bei den Jungen Philologen habe ich Einblick in die länderspezifischen Besonderheiten:

    Jedes Land hat in der Lehrkräftebildung eigene Strukturen. In Sachsen finde ich es positiv, dass die Fachleitungsaufgabe nicht an eine Beförderungsstelle gebunden ist, sondern von Lehrkräften übernommen wird, die sich aus Überzeugung für Ausbildung engagieren.

    Eine starke und qualitativ hochwertige Lehrkräftebildung braucht Zeit – Zeit, um sich in die Erwachsenenbildung einzuarbeiten, um die spezifische Didaktik für angehende Lehrkräfte zu entwickeln. Sie braucht Zeit, um die Studieninhalte der Universitäten zu kennen und passgenau anzuknüpfen; Zeit, um sich mit aktueller Forschung und Entwicklungen auseinanderzusetzen; und nicht zuletzt Zeit für die eigene Fortbildung, das Erproben neuer Tools und Methoden.

    Leider wurde zu Beginn dieses Schuljahres der Zeitrahmen für Fachleitungsarbeit deutlich reduziert. Wenn Ausbilderinnen und Ausbilder weniger Zeit für Vorbereitung, Begleitung und Reflexion haben, leidet nicht nur die Qualität der Ausbildung selbst, sondern langfristig auch die Professionalität der Lehrkräfte, die aus ihr hervorgehen. Das wirkt sich unmittelbar auf Schule und Unterricht aus.

    Daher wünsche ich mir wieder mehr Zeit – Zeit für eine starke Lehrkräftebildung, nicht nur in Sachsen.

    • Wenn ich mir noch etwas wünschen könnte, dann, dass Bildung stärker von parteipolitischen Zyklen entkoppelt wird. Bildung ist ein langfristiger Prozess – sie lässt sich nicht in eine Legislatur pressen. Sie darf kein Thema sein, das alle fünf Jahre kurz vor einer Wahl aufpoppt und danach wieder verschwindet.Deutschland war immer ein Land, das durch Bildung, Forschung und kulturelle Neugier stark geworden ist. Diese Stärke müssen wir in die Zukunft übersetzen, nicht nur bewahren.Dafür braucht es eine klare Arbeitsteilung: Politische Verantwortung, ja – aber die inhaltliche Steuerung sollte konsequent auf pädagogischer und wissenschaftlicher Expertise beruhen. Nur so bleibt Bildung stabil, zukunftsfähig und unabhängig von parteipolitischen Stimmungen.

    Die Fragen stellte Walter Tetzloff.

    Nach oben