Wertevermittlung und Orientierungshilfe – Philosophieunterricht als Angebot

    Der Deutsche Philologenverband bringt seit mehreren Jahren im “Runden Tisch” die Fachverbände in Deutschland zusammen, die die Beziehungen zu den universitären Bezugswissenschaften des Gymnasiums pflegen.
    Im Gespräch mit PROFIL ist diesmal Dr. Werner Busch, Ehrenpräsident der Internationalen Vereinigung der Philosophielehrer (AIPPh).

    Philosophielehrer Dr. Werner Busch im Interview

    Dr. Werner Busch (r.) mit PROFIL-Redaktionsleiter Walter Tetzloff

    PROFIL: Herr Dr. Busch, Sie sind bekannt dafür – und nicht nur in Schleswig-Holstein –, dass Sie ein leidenschaftlicher Philosophielehrer waren und dass Sie sich entsprechend in nationalen und internationalen Fachgremien der Philosophie engagiert haben. Wie sind Sie in Ihrem Studien- und Berufsleben zu dieser starken Beziehung zum Fach Philosophie gekommen? Immerhin haben Sie noch zwei weitere Studien- und Unterrichtsfächer … Was hat Sie zu Ihrem besonderen Engagement für dieses Fach motiviert?

    Dr. Busch: Hier gibt es eine kleine Vorgeschichte. Ich hatte in meiner eigenen Schulzeit, am Gymnasium in Siegburg in Nordrhein-Westfalen, in der Unter- und Oberprima je zwei Stunden Religion und Philosophie als Pflichtfach. Dabei hatte ich gerade in dieser Zeit einen sehr begabten Philosophielehrer, bei dem man seine wissenschaftliche Ausbildung in diesem Fach spürte. Er las mit uns Platon. Hinzu kam, dass ich, der ich fünfzehn Jahre nach Kriegsende mein Abitur ablegte, nach einer Schulzeit, in der mir noch vieles aus der deutschen Geschichte, auch die Hinwendung zum Nationalsozialismus und seine Ursachen, noch nicht richtig klar war. Trotz der Spiegelung der Geschichte in Literatur und Kunst wollte ich etwas mehr über die Frage erfahren, was die Menschen in den jeweiligen Epochen im Geist bewegt hat, und hier ist die Philosophie ein geeignetes Sammelbecken.

    PROFIL: Frühzeitig spezifizierten Sie Ihr Interesse an Immanuel Kant, und Sie waren jahrelang Vorsitzender der Kant-Gesellschaft, wobei Sie nicht nur Veröffentlichungen in größerer Zahl herausbrachten, sondern auch durch internationale Vorträge aufgefallen sind. Was hat Sie zu dieser Vorliebe und zu diesem starken Interesse an dem Königsberger Philosophen geführt? Von diesem kann man in unseren Tagen sicher viel lernen in Sachen Krisenbewältigung und Reflexion.

    Dr. Busch: Interessanterweise habe ich in meiner eigenen Schulzeit noch nichts mit Kant zu tun gehabt. Das habe ich als Leerstelle empfunden und zu Beginn meines Studiums in Bonn das Bedürfnis gehabt, Kant zu lesen. Ich begann mit der „Kritik der praktischen Vernunft“. Und da wir uns als Schüler oft über den Begriff des Geistes gestritten hatten, sah ich plötzlich bei Kant, dass der Geist kein Faktum ist, sondern eine Sache der Disziplin. Die muss man sich erarbeiten. Und diese Dynamik, dass der Geist etwas ist, um das man sich ständig bemühen muss, hat mich so bewegt, dass mich Immanuel Kant nicht in Ruhe gelassen hat. In Marburg, in Fortsetzung meines Studiums, bin ich dann einem großen Kant-Forscher begegnet, der mich sehr gefördert und geprägt hat.

    PROFIL: Aussagestarke Zitate von Kant gibt es zuhauf: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, das man in diesen Tagen gar nicht oft genug bemühen kann, oder die Definition von Dummheit als „Mangel an Urteilskraft“. Haben Sie eine Beziehung zu diesen für viele Menschen lebensprägenden Zitaten?

    Dr. Busch: Besonders aus der letztgenannten Definition aus der „Kritik der Urteilskraft“ kann man sehr gut erkennen, dass Dummheit ja nichts mit dem Grad der Ausbildung zu tun hat. Ein Spezialist, ein großer Kenner seines Fachs, kann in anderen Dingen völlig dumm sein, weil er nicht unterscheiden kann, was wichtig und was unwichtig ist. Daran merkt man, dass man ständig an sich arbeiten kann, damit einem der eigene Verstand und die eigene Vernunft nicht aus dem Ruder geraten.

    PROFIL: Sicherlich ist dieser Satz auch ein Argument gegen den immer mehr um sich greifenden Utilitarismus. Bildung ist nicht nur Anhäufung sektoralen Wissens. In welcher Phase Ihres Lebens haben Sie sich für Verbands- und Gremienarbeit entschieden, um Ihrem Fach Philosophie den angemessenen Stellenwert zu verschaffen?

    Dr. Busch: Nach 1972 musste für den Religionsunterricht ein Ersatzunterricht gefunden werden. Das Ganze hängt an Artikel 7, Absatz 3 des Grundgesetzes, wonach der Religionsunterricht nach staatlichen Regeln erteilt werden muss. Das ließ sich auf Dauer nicht durchhalten, weil unsere Gesellschaft keine rein religiöse ist. Also musste man eine Lösung finden. Es gab bis dahin etwa in Schleswig-Holstein Arbeitsgemeinschaften in Philosophie, aber wenig wirklich ausgebildete Fachlehrkräfte. Da ich die Lehrbefähigung in diesem Fach bekommen hatte, fühlte ich mich mitverantwortlich, mitzudiskutieren, welche Art Ersatzunterricht für den Religionsunterricht eingeführt werden sollte. Interessant ist, dass in den unterschiedlichen Bundesländern unterschiedliche Interessen zu unterschiedlichen Beratungen der verantwortlichen Politiker geführt haben. Die einen entschieden sich für Ethik, die anderen für praktische Philosophie. In Schleswig-Holstein hatten wir den Glücksfall, dass wir gemeinsam mit einigen Kolleginnen und Kollegen durchsetzen konnten, dass hier das Alternativfach nur Philosophie ist. Das hat den Vorteil, dass die Universitäten nicht irgendwelche Besonderheiten berücksichtigen müssen und die Didaktik des Faches sich nur daraus ergibt. Es war für mich daraufhin ein Reiz, das Weltfach Philosophie über mein Bundesland, über die Bundesrepublik hinaus zu beobachten.

    PROFIL: Die Folge war ein internationales Engagement, das durch Ihre Präsenz und Mitwirkung auf Weltkongressen der Philosophie etwa in Seoul, São Paulo oder Peking seinen Niederschlag fand. Welche gemeinsamen Zielrichtungen waren dort erkennbar?

    Dr. Busch: Die Philosophie ist von ihrer Natur her eine ganz dynamische Angelegenheit, weil sie von vielen Konzeptionen und Einstellungen geprägt ist. Auch im internationalen Bereich sind wir vom Denken der anderen abhängig. Deshalb sind die Weltkongresse der Philosophie, auf denen ich Chair sein konnte für Philosophieunterricht, ein großer Marktplatz der Meinungen und des Austausches. Das Gemeinsame und Faszinierende auf derartigen Kongressen ist, dass man trotz aller Verschiedenheiten im Gespräch bleibt und sich auseinandersetzt. Das ist eine Grundlage für ein Zusammenleben und ein Zusammenwirken. Wenn sich dieser Geist in der Politik fortsetzte, dann wären wir ein Stück weiter. Das ist auch das Ziel der UNESCO, die mit uns zusammenarbeitet.

    PROFIL: Noch eine letzte Frage: Sehen Sie gegenwärtig eine Tendenz im Philosophieunterricht an den Schulen in Richtung Trivialisierung bzw. Banalisierung von Sachverhalten? Dies würde die Bindung an die wissenschaftliche Philosophie möglicherweise reduzieren. Der Philologenverband betont ja immer die enge Bindung eines gymnasialen Schulfachs an die Bezugswissenschaft.

    Dr. Busch: Der Maßstab ist auch bei der Philosophie die universitäre Ausbildung. Wenn an den Universitäten gelegentlich ein zu hoher Abstraktionsgrad zu beobachten ist, dann haben die Philosophielehrkräfte gelernt, die Probleme der Philosophie in den Alltag zu übertragen. Das ist in vielen Veröffentlichungen wunderbar dargestellt, so dass ich in dieser Hinsicht optimistisch bin. Wir brauchen die Hoffnung, dass sich die wohltuenden Gedanken in diesem Fach auf die Gesamtgesellschaft und die Politik auswirken. Damit sind wir wieder bei Kant: Es ist eine dynamische Arbeit, für die wir in diesem Fach verantwortlich sind, aber wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren.

    PROFIL: Ein gutes Schlusswort. Vielen Dank, Herr Dr. Busch!

    Mit Dr. Werner Busch sprach in Kiel Walter Tetzloff.

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