Die Welt zu Gast in Bremen

    Eindrücke zur aktuellen Lage der deutschen Auslandsschulen

    von Rolf Knieling

    Vom 6. bis 8. August fand die 37. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Lehrkräfte im Ausland in der Hansestadt Bremen statt.

    Bremen hat eine Geschichte von Internationalität und Weltoffenheit. Gleichzeitig hat Deutschland seit dem 17. Jahrhundert eine Geschichte der Migration, die eng mit Bremen verbunden ist. Viele Millionen Deutsche haben zu einem großen Teil über Bremen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Heimat verlassen, hinterließen in ihrer neuen Heimat insbesondere in Lateinamerika, aber auch in Südosteuropa, in Ägypten oder im Südlichen Afrika bis heute bedeutsame Spuren in der Bildungslandschaft. Die Bundesrepublik Deutschland nutzt diese weltweit noch existierenden Brücken ins Ausland im Rahmen ihrer Auswärtigen Kultur- und Gesellschaftspolitik (AKGP). Das Motto der Tagung „Horizonte Erweitern“ könnte in der heutigen Zeit nicht relevanter sein.

    Staatsrat Klieme sprach für die Hansestadt Bremen das einleitende Grußwort in Vertretung von Bildungssenatorin Aulepp, gefolgt von der Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, dem Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Auslandslehrkräfte (AGAL) der GEW, Michael Schopp, der Vorsitzenden des Weltverbands Deutscher Auslandsschulen, Heike Daun, zugeschaltet aus Namibia, und dem Leiter des Referats „Neue Entwicklungen in der beruflichen Weiterbildung der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK)“, Jan Kuper.

    V. l. n. r.: Rolf Knieling, Auslandsschulreferent des DPhV, Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des DPhV, Dr. Thomas Lother, Vorsitzender des VDLiA, Karlheinz „Charlie“ Wecht, langjähriger ehem. Vorsitzender des VDLiA Quelle: Knieling

    Die Vorsitzende des DPhV strich in ihrem Grußwort heraus, dass die an Deutsche Auslandsschulen (DAS) vermittelten Lehrkräfte aktuelle Deutsche Bildungsqualität nicht nur dank ihrer fachlichen, ihrer methodischen und didaktischen Kompetenz, sondern auch als Vorbild einer gelebten demokratischen Werteordnung mit ihrer Weltoffenheit und Toleranz vermittelten. Gleichzeitig profitierten die Kolleginnen und Kollegen selbst von ihren „Horizonterweiterungen“ im Ausland in hohem Maße, und könnten diese nach Ihrer Rückkehr ins deutsche Schulsystem gewinnbringend einsetzen. Prof. Dr. Susanne Lin Klitzing kritisierte, dass im so genannten Masterplan die Bedeutung des deutschen Abiturs für die Gründung und Unterstützung von deutschen Schulen im Ausland zurückgenommen werde und wies darauf hin, dass der Auslandsschulfonds für die Unterstützung der Schulen durch die sogenannten freiwilligen Leistungen nicht groß genug sei. Man brauche eine positive Auslagerung der dynamisierten Gehälter, forderte die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes.

    Alle an der Tagung Beteiligten bedauern die aktuelle Entwicklung, dass diesem Vorzeigemodell der AKGP, nämlich den Deutschen Auslandsschulen, die finanzielle Grundlage kontinuierlich entzogen wird. Die fehlende Dynamisierung des Auslandsschulfonds bedeutet angesichts der Inflation und steigender Gehälter seine Kannibalisierung und hat unter anderem die Streichung der so genannten freiwilligen Förderung und damit letztendlich eine Erhöhung der Schulgelder und eine Einschränkung der sozialen Öffnung zur Folge. Nicht nur der Philologenverband unterstützt eine haushalterisch zufriedenstellendere Lösung angesichts der nachhaltigen Bedeutung des Deutschen Auslandsschulwesens für unsere internationalen Verflechtungen auf gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ebene. Die Verbände hoffen auf ein offeneres Ohr als in der letzten Legislaturperiode bei den Entscheidungsträgern in Berlin.

    Das Gespräch mit Rüdiger Kronthaler, TV- und Hörfunk-Reporter für die aktuellen Formate des BR und der ARD in Rom, der 1996 an der Deutschen Schule Rom sein Abitur ablegte, als sein Vater dort Lehrer war, und in den vergangenen Jahren seine eigenen Kinder an die Deutsche Schule Rom schickte, verdeutlichte eindrucksvoll, wie bedeutsam die Deutschen Auslandsschulen nicht nur für ehemalige Schüler sein können: „Das zahlt nicht nur monetär ein!“ sagt der 49jährige Journalist über die Arbeit der Auslandsschulen. Sie können das Interview in Ausschnitten hören: https://vdlia.de/das-zahlt-nicht-nur-monetaer-ein/

    Vorträge einiger Auslandsschulen insbesondere zum Thema Fachkräftegewinnung und Digitalisierung ermöglichten einen Einblick in die vielschichtige Arbeit der Auslandsschulen mit ihren sehr unterschiedlichen Ausrichtungen und Bedarfen:

    Thomas Spahn, ehemaliger Leiter der German International School Silicon Valley (GISSV), Mountain View, USA, berichtete zum Thema „Interdisziplinäres Problemlösen mit KI und dem Deeper-Learning-Ansatz“. Die GISSV war 2023 Träger des 1. Preises des Wettbewerbs der DIHK „Schulen bauen weltweit Brücken“. Martin Lentzen und Jenny Jungeblut von der GISSV erhielten zum Thema „Startup-Schmiede: Schüler lösen Probleme mit KI“ den 3. Preis „Unterricht innovativ“ 2024, der im Mai dieses Jahres vom DPhV verliehen wurde.

    Ulrich Lohrbach, ehemaliger Leiter der Deutschen Schule Villa Ballester „Instituto Ballester“, Buenos Aires, Argentinien, erläuterte das Thema „Vielfältig, nachhaltig und digital: Die Studien- und Berufsbildungsmesse EDUAlemania“. Für dieses Projekt erhält die Schule 2023 20.000 Euro Preisgeld im Rahmen des Wettbewerbs „Schüler bauen weltweit Brücken“ von der DIHK.

    Jacobo de la Sierra, Direktionsassistent und Kollege an der Deutschen Schule Bilbao stellte das Projekt: „Betriebspraktika in Deutschland für Schülerinnen und Schüler der Deutschen Schule Bilbao“ vor.

    Svenja Ceranna, Fortbildungs- und PQM-Koordinatorin an der Deutschen Schule Bratislava, berichtete zusammen mit einer frisch gebackenen Abiturientin der Schule über „Die Bedeutung der Digitalität an der Deutschen Schule Bratislava“.

    Birger Reese, Leiter der Deutschen Schule Talitha Kumi im Westjordanland, erläuterte gemeinsam mit der Verwaltungsleiterin der Schule, Vivian Huzaineh, die Chancen und Herausforderungen einer auch geopolitisch einmaligen Schule: „Friedenserziehung und Empowerment in Zeiten des Krieges“. 2013 ist die bereits 1851 von Kaiserswerther Diakonissen begründete Schule die erste Schule in den palästinensischen Autonomiegebieten, die mit dem Abitur abschloss.

    Die besondere Rolle, die diese Schule in ihrem herausfordernden Umfeld spielt, und so Bildungsperspektiven für Menschen in einer derzeit scheinbar ausweglosen Lage bietet, dabei Empowerment, Umwelterziehung und Friedenserziehung in den Mittelpunkt stellt, hat sie nicht nur ihren engagierten palästinensischen Lehrkräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verdanken, sondern in großem Maße auch dem Auslandsschulgesetz, das einer einzügigen Abiturschule die Vermittlung von acht Auslandsdienstlehrkräften (ADLK) zubilligt. Deutschen Auslandsschulen mit dem Schulziel Gemischtsprachiges International Baccalaureate (GIB) steht hingegen nur eine vermittelte Lehrkraft zu. Bemerkenswert war, dass die Vertreter der GEW Michael Schopp und in der Podiumsdiskussion Wilfried Auel das GIB, welches von einer gemeinnützigen Stiftung für Bildung mit Sitz in Genf verantwortet wird, in ihren Beiträgen sehr befürworteten.

    Gruppenfoto der Teilnehmer der HV in Bremen. Quelle: Tkocz

    Nicht nur der DPhV ist davon überzeugt, dass diese an die Deutschen Auslandsschulen vermittelten Schulleiterinnen und Schulleiter sowie die vermittelten deutschen Lehrkräfte das Alleinstellungsmerkmal Deutscher Auslandsschulen auf dem hart umkämpften Markt internationaler Schulen sind. Die aus den Ländern der Bundesrepublik Deutschland vermittelten Lehrkräfte tragen und vermitteln die Werte der AKGP. Dies gilt insbesondere für die Deutschen Auslandsschulen mit dem Schulziel „Abitur“.

    Thomas Mayer, als Vertreter der Kultusministerkonferenz (KMK) und Ländervorsitzender des Bund-Länder-Ausschusses für Schulische Arbeit im Ausland (BLASchA) räumte ein, dass es im Einzelfall Engpässe bei der Lehrervermittlung ins Ausland geben könne, dass aber über die 16 Bundesländer hinweg in aller Regel die Besetzung aller Stellen möglich sei und die Bundesländer weiterhin zu ihrer Verpflichtung der Unterstützung des Auslandsschulwesens stünden. Tatsächlich handelt es sich um weniger als 0,3% der Gesamtlehrerschaft in Deutschland, die für die Tätigkeit im Ausland beurlaubt sind. Zudem steht die KMK weiterhin für Qualität und Vergleichbarkeit mit dem Inland an Deutschen Auslandsschulen weltweit.

    Im Benehmen mit allen Vertretern im BLASchA unterstützt die KMK die Bund-Länder-Inspektion der Deutschen Auslandsschulen, sichert die Qualitätsstandards und Vergleichbarkeit der Abschlüsse der KMK, des Abiturs, der Mittleren Abschlüsse und des Deutschen Sprachdiploms der KMK und sorgt auch mit den Bildungsstandards der 4. Klassen und den Einheitlichen Prüfungsanforderungen (EPA) der KMK für eine vergleichbare verlässlich gute Bildung. Zudem ist geplant, Strukturen zu etablieren, die die zentrale schriftliche Abiturprüfung in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik – analog zu den bereits bestehenden zentralen Prüfungen der Mittleren Abschlüsse – für die fünf Zeitzonen weltweit ermöglichen und somit die Lehrkräfte und die Schulen entlasten. Dabei wird das von der Schüler- und Elternschaft der Auslandsschulen sehr geschätzte „Deutsche Profil“ mit seiner Fächervielfalt, seiner Sprachenvielfalt, seiner Werteerziehung sowie seinen lösungsorientierten Ansätzen weiterhin zu stärken sein.

    Die Leiterin der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, Heike Toledo, betonte ebenfalls die Bedeutung der vermittelten deutschen Lehrkräfte und ihrer Arbeit an den DAS im Sinne der AKGP. Daher sollte der Schwerpunkt des Einsatzes der muttersprachlichen ADLK im Unterricht liegen. Zudem wird den mit den ADLK geschlossenen Dienstverträgen die Verpflichtung zu sprachsensiblem Unterricht hinzugefügt mit dem erklärten Ziel, das Sprachniveau Deutsch an allen von Deutschland geförderten PASCH-Schulen zu stärken. Auf Nachfrage erläuterte Frau Toledo, dass die Pflichtstundenzahl von 25,5 Unterrichtsstunden dem Durchschnitt der 16 Bundesländer entspreche.

    Der Leiter des Referats 605 „Förderung von Deutsch als Fremdsprache und Auslandsschulen“ im Auswärtigen Amt und qua Amt Bundesvorsitzender des BLASchA, Oliver Bientzle, ist sich mit der ZfA, der KMK und den Verbänden darin einig, dass der Masterplan erstmals durch flexiblere, zielgerichtete und interessenorientierte Steuerung eine längerfristige Planungssicherheit für die Entwicklung des Auslandsschulwesens bietet, er zugleich die Vorgaben des Auslandsschulgesetzes einfordert und standortbezogen die Abschlüsse einer kritischen Überprüfung unterzieht. Die Synergien der Auslandsschulen und der deutschen Wirtschaft und so die Bedeutung für die AKGP wird in einer aktuellen, kurz vor der Veröffentlichung stehenden Umfrage der DIHK mit ihren Auslandshandelskammern (AHK) erstmals offiziell bestätigt. Herr Bientzle betont, dass trotz der Herausforderungen des aktuellen Krisenmanagements die derzeitige Bundesregierung großes Interesse an den Auslandsschulen und ihre Bedeutung für die AKGB sieht.

    Es war eine Tagung mit guten Gesprächen, „Horizonterweiterungen“ und Knüpfung neuer weltweiter Kontakte. Dafür bedankt sich der Deutsche Philologenverband sehr herzlich beim Verband der Deutschen Lehrkräfte im Ausland und allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

    Nach oben