Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt ist von ansteckender Begeisterung
Profil: Herr Professor Kaehlbrandt, Sie sind im Deutschen Philologenverband ein bekannter Gesprächspartner und fast schon so etwas wie ein Freund. Wir haben ein gemeinsames Interesse: die Pflege der deutschen Sprache. Sie werden demnächst einen Vortrag vor den Thüringer Philologen und dann im Spätherbst auch vor den Hessischen Philologen und auf dem 42. Deutschen Philologentag in Berlin halten.
Am 2. Oktober wird Ihr neues Buch rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse erscheinen: „Von der Schönheit der deutschen Sprache. Eine Wiederentdeckung“. Ihr Ausgangspunkt ist ein Vorurteil: dass die deutsche Sprache bei vielen als hart, unmelodisch und letztlich unschön gilt.
Prof. Dr. Kaehlbrandt: Die deutsche Sprache leidet unter ihrem Ruf. Zu Unrecht! In meinem letzten Buch „Deutsch – eine Liebeserklärung“ widerlegte ich das berühmte Vorurteil von Mark Twain, Deutsch sei im Grunde unlernbar. („Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen.“). Doch ein anderes verbreitetes Vorurteil ließ mir keine Ruhe. Es besagt, das Deutsche sei eine unschöne, unmelodische, ja sogar hässliche Sprache. Ein sehr schädliches Zerrbild! Denn die Menschen lernen natürlich lieber eine Sprache, die sie schön finden. Und es ist falsch. Denn das Deutsche ist beim näheren Hinschauen zur Schönheit geradezu begabt. Das zeige ich in meinem neuen Buch anhand der fantastischen Möglichkeiten, die der Sprachbau des Deutschen bietet, und ganz konkret anhand schöner Wörter, Sätze, Stellen, Verse, Lieder und Mundarten. Doch ganz entscheidend ist: Gerade in seinem Sprachbau ist das Deutsche zur Schönheit begabt.

Prof. Dr. Kaehlbrandt. Quelle: Kobs
Profil: Sie leiten jetzt schon über zu den Wort- und Satzbildungsmöglichkeiten. Hier geben Sie der deutschen Sprache einen schönen Kredit.
Prof. Dr. Kaehlbrandt: Ja, so ist es. Schön finden wir gewöhnlich eine Mischung aus harmonischer Ordnung und ansprechendem Einfall; das belebt unsere Assoziationen. Man kann einen Sachverhalt ganz nüchtern und spröde in einer gewöhnlichen Wortfolge darstellen. Die Frage aber ist, wenn es um schöne Wirkung geht: Wie können wir in einer Sprache die Dinge inszenieren? Die elastische Wortfolge im Deutschen erlaubt es, Sachverhalte sehr stimmungsvoll in Szene zu setzen. So kann ein Satz beispielsweise mit einer Umstandsbestimmung oder mit einem Objekt beginnen. Nehmen Sie einen Satz aus Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“: „Silbern im Mondlicht schimmerte die Straße“. Die erste Stelle im Satz setzt die Stimmung. Schönheit und Assoziationsreichtum lassen sich auf diese Weise herstellen. Das ist im Deutschen ganz einfach möglich. Sie müssen eben nicht eine strenge Folge Subjekt-Prädikat-Objekt einhalten. Und das wird natürlich weidlich genutzt. Beispielsweise von Arno Geiger („Der alte König in seinem Exil“): „In der Nacht von Samstag auf Montag stand der Mond genau über der letzten Tanne vor meiner Wohnung und erleuchtete das Bett. In der zweiten Nachthälfte und am Morgen gab es heftigen Wind. Auf der Treppe hinunter zu meiner Wohnungstür raschelten Zeitungsblätter.“
Profil: Aber Sie gehen nicht nur auf diese Satzbildungsmöglichkeiten ein, durch die die deutsche Sprache, wie Sie sagen, „eine besondere Elastizität“ aufweist, Sie heben auch die Aspekte Klang, Melodie und Rhythmus hervor und bringen auch dazu schöne Bespiele wie „Kalt ist der Abendhauch wie die Nacht …“ und, da Sie auch keinerlei Berührungsängste mit neuen Kommunikationsformen wie Poetry Slam haben, stellen Sie hier einen Zusammenhang her zu dem Satz: „Wie die Nacht mit Autobahnfernverkehrsrauschen nach Atem ringt“ von der Poetry Slammerin Theresa Hahl. Sie betonen auch den Rhythmus sehr, etwa, wenn Sie Goethes „Erlkönig“ zitieren: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind …“.
Prof. Dr. Kaehlbrandt: Ja, hier bildet das Metrum den Doppelschritt des Pferdes nach. Warum geht das? Wegen der geschlossenen Silben, die auf einen Konsonanten enden! Sie sind ja Teil des Klangbildes des Deutschen – des vielgeschmähten. Immer wieder gibt es in der Kulturgeschichte der deutschen Sprache Lästerungen im In- und Ausland über den harten Klang der Konsonanten (aber auch Lob für die dunklen Langvokale).
Festzuhalten ist: In dem Verhältnis von Vokalen zu Konsonanten liegt das Deutsche im Mittelfeld. Es hat überraschenderweise mehr Vokale als das Italienische. Allerdings weist es mehr konsonantisch geschlossene Silben auf. Doch die geschlossenen Silben sind keine Grille der Evolution, sondern sie haben ihren guten Sinn. Durch sie lässt sich nämlich die Wortgrenze bei den tausenden zusammengesetzten bildlichen Wörtern des Deutschen erkennen: Nehmen Sie „Herbst-zeit-lose“ oder „Abend-sonnen-schein“. Der Romanist Harald Weinrich hat diesen Zusammenhang einmal so benannt: „Schönheit für den Verstand.“ Aber ich meine, Schönheit durchaus auch fürs Ohr, wenn Sie an Komposita wie „Nebelglanz“ und „Waldeinsamkeit“ denken. Das Klangbild mag insgesamt konsonantischer sein als in manch anderer Sprache, aber es gibt der deutschen Sprache auch besondere Möglichkeiten in der Wortbildung und im Metrum.
Profil: Uns ist aufgefallen, dass Sie nicht – etwa aus bildungsbürgerlichem Hochmut – moderne Ausdrucksweisen wie Poetry Slam verachten oder ausgrenzen …
Prof. Dr. Kaehlbrandt: Nein, das wäre auch ganz falsch. Poetry Slam ist Bühnendichtung vor Publikum, vorwiegend für junges Publikum. Die Texte sind häufig komisch und pointenreich, manchmal aber auch sehr nachdenklich. Es heißt bei Bas Böttcher: „Und lerne ich die Sprache neu kennen, dann lehrt mich die Sprache, mich neu zu kennen.“ Schön gesagt! Die Sprache prägt uns, und sie hat eine prägende, bereichernde Wirkung auf Menschen, die sie neu lernen wollen.

Mit Redaktionsleiter Walter Tetzloff im Gespräch. Quelle: Kobs
Profil: Sie gehören außerdem zu denen, die Mundarten nicht von sich schieben als Artikulationsform gesellschaftlich niedriger stehender Menschen.
Prof. Dr. Kaehlbrandt: Wenn es eines Beweises bedarf, dass das Deutsche durchaus eine melodische Sprache ist, dann sind es seine Dialekte. Denken Sie an den von großen Tonhöhenunterschieden geprägten kölschen Dialekt („Also sujet. Dat jiddet doch ja nit.“) oder an die auffälligen Langvokale des Frankfurterischen („Mer waas es net.“). Noch haben wir die vielen schönen Mundarten, sie sind ein Schatz! Doch wenn es um Melodie und Sangbarkeit der Sprache geht: Allein das deutsche Lied bezeugt die ausgezeichnete Sangbarkeit der Sprache durch die Jahrhunderte, bis hin zu Grönemeyers berührendem Lied „Der Weg“.
Profil: Uns Deutschen sagt man gern, gerade in Großbritannien und in den Niederlanden, eine Humorlosigkeit nach – zu Unrecht, wie ich finde.
Prof. Dr. Kaehlbrandt: Tatsächlich haben wir eine jahrhundertelange Tradition in komischer Lyrik bis in unsere Zeit. Denken Sie allein an Robert Gernhardt. Auch der Sprachwitz ist im Deutschen sehr lebendig. Herausragend einfach und komisch der folgende Sprachwitz von Harald Schmidt: „Der Klügere kippt nach.“
Profil: Zum Schluss die Frage nach der Hauptintention, die Sie mit Ihrem neuesten Buch verfolgen, gegenüber Eltern, jungen Menschen und Lehrkräften etwa.
Prof. Dr. Kaehlbrandt: Erstens: Das Deutsche ist durch seine Anlagen zur Schönheit begabt. Es ist mitnichten eine hässliche, unmelodische Sprache. Zweitens: Aus der empirischen Ästhetik wissen wir: Kunstvolle Sprache wirkt schön. Deswegen: Mut zur Schönheit!
Profil: Wir danken Ihnen für diese Vorstellung Ihres neuen Werkes und für die Motivation, die sich daraus für den Umgang mit der deutschen Sprache ableiten lässt. Wir wünschen Ihnen Erfolg!
Mit Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt sprach auf Gut Siggen in Ostholstein Walter Tetzloff