Deutsch-französische Beziehungen im Bildungsbereich

    70 Jahre Deutsche Abteilung am Lycée international Saint-Germain-en-Laye, einer Deutsch-Profil-Schule

    von Rolf Knieling

    Château Royal in Saint-Germain-en-Laye. Quelle: Knieling

    Château Royal in Saint-Germain-en-Laye. Quelle: Knieling

    Ludwig der Vierzehnte wurde 1638 in Saint-Germain-en-Laye geboren. Dem Sonnenkönig folgte vor 70 Jahren die deutsche Abteilung der ehemaligen Schule, des heutigen Lycée international Saint-Germain-en-Laye (https://lycee-international-stgermain.com/).

    Ehem. AL StD i.R. Kremeyer und StD i.R. Strieder, ehem. Stv. Hans-Peter Jacht, Odile Duguet, Assistentin der Abteilung sowie Rolf Knieling. Quelle: Knieling

    Das Jubiläumsjahr hatte seinen festlichen Abschluss und Höhepunkt am 25. Mai 2025 mit anschließender gemeinsamer Feier der Schulgemeinde und der geladenen Gäste auf dem Gelände des Lycée. Ausnahmsweise wurde kein Champagner serviert, sondern bayrisches Bier gezapft. Neben französischen Leckereien durften Brez’n und Bratwurst natürlich nicht fehlen. Damit wurden keine Klischees bedient, sondern der Herkunft des aktuellen Abteilungsleiters und seines Vorgängers Rechnung getragen.

     

    Die Vizepräsidentin der Region Île de France stellte die Bedeutung der Abteilung für die Wirtschaft der Region heraus. Sie bietet vielen deutschen und internationalen Familien die Möglichkeit einer herausragenden binationalen Schulbildung. Dem konnten sich die Bürgermeister von Saint-Germain und der umliegenden Gemeinden nur anschließen. Auch Herr von Rimscha, Kulturreferent der Deutschen Botschaft, sparte nicht mit Lob.

    Ich selbst habe etliche Jahre eng mit dem aktuellen Abteilungsleiter Frank Walter zusammengearbeitet. Als Bevollmächtigter der KMK für die Option internationale du baccalauréat (OIB) – mittlerweile Baccalauréat français international (BFI) – durfte ich gemeinsam mit Frank Walter und seinen Vorgängern Franz Strieder und Norbert Kremeyer die nicht immer einfachen Verhandlungen mit dem französischen Bildungsministerium im Sinne der KMK führen und die gemeinsamen koordinierenden Konferenzen der deutschen Abteilungen in Frankreich und an französischen Auslandsschulen leiten. Ich möchte Herrn Studiendirektor Walter, der seine Ansprache auf Französisch hielt, in deutscher Fassung in Auszügen zu Wort kommen lassen:

    Ich bin heute tief bewegt, gemeinsam mit Ihnen das 70-jährige Bestehen unserer Deutschen Abteilung feiern zu dürfen. Aus diesem Anlass möchte ich ein Gedicht von Bertolt Brecht zitieren.

    Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
    Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
    Deutet auf Unempfindlichkeit hin.
    Der Lachende Hat die furchtbare Nachricht
    Nur noch nicht empfangen.
    Was sind das für Zeiten, wo
    Ein Gespräch über Bäume fast
    ein Verbrechen ist,
    Weil es ein Schweigen
    über so viele Untaten einschließt!

    So beginnt Bertolt Brecht sein Gedicht „An die Nachgeborenen“, das am 15. Juni 1939 im Pariser Exil in der Neuen Weltbühne erschien. Er endet wie folgt:

    Dabei wissen wir:
    Auch der Haß gegen die
    Niedrigkeit Verzerrt die Züge.
    Auch der Zorn über das Unrecht
    Macht die Stimme heiser. Ach, wir,
    Die wir den Boden bereiten wollten
    für Freundlichkeit, Konnten selber
    nicht freundlich sein.

    Ihr aber, wenn es soweit sein wird,
    Daß der Mensch dem Menschen
    ein Helfer ist, Gedenkt unsrer
    Mit Nachsicht.

    Diese erschütternden Worte Brechts hallen heute mit besonderer Kraft wider. Sie erinnern uns an die Komplexität des Erinnerns, an die Wunden der Geschichte, aber auch an die drängende Notwendigkeit, eine Zukunft in Frieden und gegenseitigem Verständnis zu gestalten.

    Die Geschichte unserer Deutschen Abteilung ist eng mit der Geschichte Europas selbst verknüpft:

    In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als Europa noch in Trümmern lag und sich die Spannungen des Kalten Krieges abzeichneten, wurde in Saint-Germain-en-Laye die internationale SHAPE-Schule gegründet. So kamen im Jahr 1954, vor dem offiziellen NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland, die ersten deutschen Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler an die SHAPE-Schule. Saint-Germain-en-Laye, einst Sitz des Oberkommandos West während der deutschen Besatzung, erlebte die Rückkehr der Deutschen, doch diesmal als Gesandte eines neuen Europas, das sich dem Geist der Zusammenarbeit verschrieben hatte. Anfangs stieß diese Integration nicht nur auf Begeisterung. Die deutschen Offiziere holten ihre Kinder in Zivil ab – im Gegensatz zu den Vätern anderer Nationen, die Uniform trugen.

    Der entscheidende Wendepunkt unserer Geschichte war das Jahr 1967. Mit dem Abzug von SHAPE aus Frankreich stand die Existenz des Lycée International auf dem Spiel. Nur der unbeirrbare Wille der Deutschen und der Niederländer, in Saint-Germain zu bleiben, ermöglichte die Neugründung der Schule.

    Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Deutsche Abteilung stetig weiterentwickelt und bereichert: Von der Einführung des Abiturs der NATO-Schulen 1961 über die Option internationale du baccalauréat im Jahr 1985 bis hin zum Baccalauréat français international im Jahr 2023. Jede Etappe bedeutete einen bedeutenden Fortschritt.

    Ich danke dem französischen Bildungsministerium, der Kultusministerkonferenz und natürlich der Bundesrepublik Deutschland. Ihnen allen ist es zu verdanken, dass wir an dieser weltweit einzigartigen Schule unterrichten und wirken dürfen. Heute dürfen wir mit Stolz auf den gemeinsamen Weg zurückblicken.

    Die Deutsche Abteilung steht für den Mut zur Erneuerung, für die Offenheit zweier Völker und die deutsch-französische Freundschaft. Sie hat Generationen kluger und weltoffener junger Menschen hervorgebracht und trägt wesentlich zum Ansehen unseres Lycée International bei.

    Anlässlich der Feierlichkeiten dieses 70-jährigen Jubiläums, erinnern wir uns noch einmal an die Worte Brechts:

    Ihr aber, wenn es soweit sein wird
    Daß der Mensch dem Menschen
    ein Helfer ist, Gedenkt unsrer
    Mit Nachsicht.

    Möge es uns auch in Zukunft gelingen, eine Welt zu gestalten, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer sei – im Geiste des Friedens, der Verständigung und der internationalen Zusammenarbeit.

    Soweit der Leiter der Deutschen Abteilung des Lycée international Saint-Germain-en-Laye.

    Nicht nur die Abiturienten sind frisch gebacken. Quelle: Kastner

    Philologinnen und Philologen, die die Fakultas für die Fächer Deutsch, Geschichte und/oder Erdkunde haben, können an die deutsche Abteilung vermittelt werden. Sie werden im Westen von Paris in einem inspirierenden internationalen Ambiente (immerhin gibt es vierzehn unterschiedliche internationale Abteilungen an der Schule!) mit engagierten Schülerinnen und Schülern sowie Kolleginnen und Kollegen aus ganz Frankreich und französischen Auslandsschulen zusammenarbeiten dürfen.

    Mündliche Prüfung im Schloss auf dem Campus. Quelle: Knieling

    In Deutschland bekannter als der Doppelabschluss BFI dürften das deutsch-französische Abitur an den deutsch-französischen Gymnasien und die Abibac-Zweige sein, da sie auf beiden Seiten des Rheins bestehen:

     

    • 1963 unterzeichnen Bundeskanzler Adenauer und Präsident de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Der so genannte Élysée-Vertrag sieht auch die Gründung deutsch-französischer Gymnasien in beiden Ländern vor. Davon gibt es mittlerweile zwei in Frankreich, in Buc und im Aufbau in Straßburg, sowie drei in Deutschland, in Saarbrücken, Freiburg und im Aufbau in Hamburg.
    • 1987 wird die „Double Délivrance Abitur-Baccalauréat“ an den Pilotschulen Cité Internationale in Lyon und Friedrich-Ebert Gymnasium in Bonn eingerichtet und 1994 das Regierungsabkommen über die „Double Délivrance Abitur-Baccalauréat“ verabschiedet. Das Abibac ist geboren. Mittlerweile gibt es rund achtzig deutsch-französische Abibac-Tandems.
    • Die deutschen Abteilungen der Lycées internationaux in Frankreich und an französischen Auslandsschulen, die einen deutsch-französischen Doppelabschluss (BFI) anbieten, werden vom Auswärtigen Amt und der KMK unter anderem durch die Vermittlung von Auslandsdienstlehrkräften an die koordinierende Abteilung in Saint-Germain-en-Laye und die Bereitstellung von Prüfungsvorsitzenden für die deutschen Prüfungen nach Vorgaben der KMK in Deutsch und Geschichte/Erdkunde (histoire/géographie) gefördert. Das Auswärtige Amt hat diesen Schulen den Titel Deutsch-Profil-Schulen (https://www.auslandsschulwesen.de/DE/Schulnetz/DPS/dps_node.html) verliehen. Sie gehören wie die Deutschen Auslandschulen und die Sprachdiplomschulen weltweit zum Netzwerk der PASCH-Initiative (https://www.auslandsschulwesen.de/DE/Schulnetz/PASCH/pasch_node.html).

    Als ehemaliger Französischlehrer hatte ich die Sprachkenntnisse und das Privileg, mich für die deutsch-französischen Beziehungen im schulischen Bereich engagieren zu dürfen. Ohne Zweifel ist Frankreich mittlerweile unser engster Partner in der EU, sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf politischer Ebene. Das DFJW (https://www.dfjw.org/), die Deutsch-Französische Hochschule (https://www.dfh-ufa.org/), Erasmus (https://www.erasmusplus.de/) und viele andere vom PAD koordinierte Programme (https://www.kmk-pad.org/programme/programmsuche) erlauben den Austausch auf vielerlei Ebenen mit Frankreich und weiteren Partnern.

    SHAPE-Schule

    Herzliche Glückwünsche! Abteilungsleiter StD Frank Walter schneidet den Kuchen an. Quelle: Kastner

    Englisch wird in beiden Ländern als lingua franca flächendeckend unterrichtet. Sowohl an französischen als auch an deutschen Gymnasien werden jedoch die vermeintlich einfacheren romanischen Sprachen der jeweiligen Partnersprache vorgezogen. Dabei waren und sind bildungspolitisch kurzsichtige Entscheidungen nicht unbeteiligt. Die Beherrschung der jeweiligen Sprache des Nachbarlandes auf mindestens dem Niveau B1 ist nicht nur für die berufliche Zukunft unserer Abiturientinnen und Abiturienten bzw. der Bachelières und Bacheliers jenseits des Rheins von großer Bedeutung, sondern ist auch für das Tandem Deutschland/Frankreich angesichts seiner politischen und wirtschaftlichen Bedeutung für Europa ein unabdingbares Desiderat.

    [1] Supreme Headquarters of the Allied Powers in Europe

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