Mehr als ein Zertifikat: Wie junge Menschen über sich hinauswachsen

    Ein Erfahrungsbericht vom Duke of Edinburgh’s Award an der Goetheschule Wetzlar

    von Stefan Lesser

    • „Ich hätte nie gedacht, dass wir so etwas machen dürfen.“
    • „Der Duke Award hat mein Selbstvertrauen gestärkt.“
    • „Das Programm macht world ready!“

    Diese Worte stammen von Schülerinnen und Schülern – meinen „Dukees“, die sich über Monate hinweg dem „Duke Award“ gestellt haben. Das Programm läuft unter dem Motto des Begründers Kurt Hahn: „Du kannst mehr, als du glaubst!“ Es handelt sich um eine Herausforderung, bei der am Ende mehr als ein Zertifikat winkt – es geht um Persönlichkeitsbildung, Selbstwirksamkeit und sozio-emotionale Kompetenzen. Ein Prozess den alle Teilnehmenden durchlaufen.

    Schülerguppe beim Duke of Edinburgh’s Award, Quelle: Lesser

    Solche Erfahrungen sind es, die mich in meiner Rolle als Lehrer und Koordinator für den Duke of Edinburgh’s International Award bewegen. An der Goetheschule Wetzlar – (Oberstufengymnasium) haben wir Mai 2024 begonnen, das internationale Programm als Teil unserer erweiterten Bildungsarbeit einzuführen. Was zunächst als zusätzliches Angebot für Interessierte gedacht war, hat sich schnell als wirksames Instrument der Persönlichkeitsbildung erwiesen.

    Bildung als Erfahrung – nicht als Belehrung

    Die Jugendlichen unserer Zeit bewegen sich in einer Welt, die voller Anforderungen ist: Leistungsdruck, Orientierungslosigkeit, soziale Medien, Krisennachrichten. Gleichzeitig bieten Schule und Gesellschaft oft wenig Raum, sich selbst als handlungsfähig, wirksam, kreativ zu erleben. Der Duke Award durchbricht diesen Mechanismus – nicht durch neue Inhalte, sondern durch eine veränderte pädagogische Haltung. Die Jugendlichen entscheiden selbst, welchen Interessen sie folgen wollen, wo sie sich engagieren, wie sie ihren Körper und Geist stärken, wo sie sich herausfordern lassen. Der Award gibt den Rahmen vor – die Verantwortung liegt bei ihnen. Das fordert und verändert zugleich. Hierbei kann man eine Sache ganz konkret erleben: Ich kann etwas bewegen.

    Raus aus der Komfortzone

    Der Duke Award eröffnet neue Erfahrungsräume jenseits des schulischen Alltags. Im Zentrum stehen dabei drei individuelle Aktivitätsbereiche sowie eine abschließende Expedition, die gemeinsam einen ganzheitlichen Bildungsprozess ermöglichen.

    Im Bereich Soziales Engagement übernehmen die Teilnehmenden Verantwortung für ihre Mitmenschen und die Gesellschaft. Ob sie sich in sozialen Einrichtungen engagieren, jüngeren Schülerinnen und Schülern Nachhilfe geben oder sich für Umwelt- oder Tierschutzprojekte einsetzen – sie leisten einen aktiven Beitrag für andere und stärken dabei Mitgefühl, Solidarität und Selbstwirksamkeit.

    Der zweite Bereich, Talente, bietet Raum zur Entfaltung persönlicher Interessen. Die Jugendlichen wählen eine Fähigkeit aus, die sie über mehrere Monate kontinuierlich weiterentwickeln – sei es das Erlernen eines Musikinstruments, kreatives Schreiben, Kochen, Zeichnen oder auch Programmieren. Ziel ist es, über Ausdauer, Neugier und Eigeninitiative neue Kompetenzen zu entdecken und zu vertiefen. Auch die körperliche Gesundheit kommt nicht zu kurz: Im Bereich der Sportlichen Betätigung widmen sich die Jugendlichen regelmäßig einer selbstgewählten sportlichen Aktivität. Ob im Team oder individuell – durch Bewegung, Training und sportliche Routine erfahren sie die positiven Auswirkungen von Fitness, Disziplin und einem gesunden Lebensstil.

    Ein Höhepunkt des Programms ist die Expedition, bei der die Jugendlichen in kleinen Gruppen eine mehrtägige, selbst organisierte Reise in der Natur unternehmen. Ohne externe Hilfe, dafür mit Karte, Kompass und gegenseitiger Unterstützung, erleben sie das Abenteuer, sich gemeinsam Herausforderungen zu stellen und im Team über sich hinauszuwachsen. Die Expedition fördert Durchhaltevermögen, Kooperationsfähigkeit und den bewussten Umgang mit der eigenen Umwelt.

    So stärkt der Duke Award nicht nur einzelne Fähigkeiten, sondern begleitet junge Menschen ganzheitlich auf dem Weg zu selbstbewussten, verantwortungsvollen Persönlichkeiten – mit nachhaltiger Wirkung für Schule, Gesellschaft und das eigene Leben.

    Schülerwahrnehmung

    „Der Duke Award zeigt, dass Vielfalt kein Hindernis ist, sondern eine Ressource, auf die wir zurückgreifen dürfen und dies auch tun sollten. […] Das Programm gibt uns die Möglichkeit für die einzustehen, die es nicht können. […] diese Erfahrung prägte mich selbst und weitere Teilnehmende nachhaltig und besonders deutlich wurde, dass unser junges Engagement besonders relevant für eine widerstandsfähige Demokratie ist, da dies den Umgang mit anderen maßgeblich bestimmt.“ (Ole, 18 Jahre)

    Schule im Dialog mit der Lebenswelt

    Die Goetheschule ist ein Ort, der Bildung als Persönlichkeitsentwicklung denkt. Durch Projektmöglichkeiten innerhalb der Schulgemeinde und die Zusammenarbeit mit externen Partnern ergibt sich eine klare Haltung zu sozialer Verantwortung. Der Duke Award passt in dieses Konzept, weil er sich nicht in den Stundenplan drängt, sondern an der Schnittstelle von Schule und Lebenswelt wirkt. Die Expeditionen werden zu Begegnungen mit sich selbst – ohne Handy, ohne Komfort.

    Eine Teilnehmerin sagte nach der Rückkehr: „Das war echt anstrengend, aber es hat sich wirklich gelohnt. Wir haben so viel voneinander gelernt und haben es miteinander gemeistert. Danke!“

    Netzwerke als Verstärker

    Besonders wirksam wird der Award, wenn Schulen ihn nicht isoliert denken. In Wetzlar arbeiten wir zunehmend mit kommunalen Partnern zusammen – von Sportvereinen über Kultureinrichtungen bis hin zu sozialen Trägern. Diese Öffnung erweitert nicht nur die Handlungsspielräume der Jugendlichen, sie trägt auch zur lokalen Bildungslandschaft bei. Schule wird zum Knotenpunkt in einem Netz aus Erfahrung, Verantwortung und Engagement.

    Ein Wort zur Wirksamkeit – ohne Pathos

    Es wäre leicht, den Award als Allheilmittel zu verkaufen. Das ist er nicht. Er ist kein Ersatz für gute Pädagogik, keine Lösung für strukturelle Probleme. Aber er ist ein kluger, praxiserprobter Rahmen, in dem junge Menschen Verantwortung übernehmen dürfen – für sich, für andere, für eine Idee von Gesellschaft, die mehr will als Qualifikation.

    Für unsere Schülerinnen und Schüler bedeutet das: Raum zur Selbstentfaltung. Für uns als Schule: eine Gelegenheit, unsere Bildungsarbeit an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen auszurichten. Und für das Kollegium: eine Erinnerung daran, was Schule im besten Fall sein kann – ein Ort des Wachsens.


    Weiterführende Informationen: https://duke-award.de/

    Goetheschule Wetzlar: https://www.goetheschule-wetzlar.de/projekte-und-ags-mainmenu-330/ag-duke-award

    Stefan Lesser, Studienrat für Ethik und Geschichte, Award-Koordinator, Quelle: Lesser

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