Clara Lösel – Ein Interview mit der jungen Lehrerin, Literaturpreisträgerin und Influencerin

    Clara Lösel: eine Mutmacherin für die junge Generation – mit erstem Staatsexamen für das gymnasiale Lehramt

    PROFIL: Frau Lösel, Sie haben sich dreifach profiliert und sind damit eine Ausnahmeerscheinung in der Welt der Pädagogik: Sie haben ein abgeschlossenes Studium für das Lehramt an Gymnasien, Sie sind eine sehr erfolgreiche Entertainerin und jetzt auch Buchautorin. Schildern Sie uns doch kurz Ihren Weg vom Lehramtsstudium zur öffentlichen Präsenz. Berichten Sie uns auch von Ihrer Liebe zu Ihren Unterrichtsfächern!

    Clara Lösel: Ich habe in Gießen Lehramt studiert mit den Fächern Deutsch und Spanisch und bin damit auch nach wie vor sehr glücklich. Ich habe das Studium komplett fertig gemacht bis zum 1. Staatsexamen und bin allerdings nicht ins Referendariat gegangen und habe mir dann eine 100-Tage-Challenge gesetzt: jeden Tag ein selbst geschriebenes Gedicht hochladen. Dadurch kamen in den ersten hundert Tagen die ersten 100 000 Follower. Mittlerweile sind es eine Viertelmillion Follower auf Tiktok und Instagram. Es war für mich unerwartet, wie die Wege verlaufen sind, aber es war auch sehr schön! Jetzt ist es manchmal so, dass ich Bilder bekomme, wie meine Gedichte im Unterricht gelesen werden. Das freut mich so sehr, sodass ich den Eindruck habe, ich bin im Endeffekt schließlich doch jetzt schon in der Schule gelandet. Nach wie vor sehe ich den Lehrerberuf als ganz tolle Aufgabe. Ich liebe die Arbeit mit jungen Menschen. Auf Social Media erreiche ich mehr Menschen, in der Schule erreicht man wenige junge Menschen, aber in den meisten Fällen erreicht man sie enger. Die Liebe zu meinen Unterrichtsfächern ist nach wie vor groß, zu Deutsch wegen der Sprache natürlich, zu Spanisch aber auch, da ich ein Jahr in Spanien gelebt habe, zwischen Abitur und Studium. Ein Austausch ist ein wirklich großer Beitrag zur interkulturellen Kompetenz.

    PROFIL: Sie wollen Workshops anbieten, die sich an Schülerinnen und Schüler, aber auch an Lehrkräfte und Eltern richten. Welche Ziele verfolgen Sie dabei? Welche Erfahrungen haben Sie damit bisher gesammelt?

    Lösel: Bildung ist für mich ein ganz wichtiges und zentrales Thema. Das bedeutet in meinem Falle: Ich möchte Jugendliche nicht nur über Social Media, sondern auch an den Schulen selbst erreichen. Meine Idee: Da ich viele Anfragen von Schulen bekomme, möchte ich im nächsten Jahr eine „Schul-Tour“ machen und dabei jeweils mit einem Jahrgang sprechen … über Bildung und Sprache und deren Wichtigkeit und über Meinungsfreiheit. Es kann dabei auch um mentale Gesundheit, über Medienkompetenz gehen. Ich kann dabei auch über Schattenseiten reden, etwa über Hasskommentare, aber auch über Bestätigungen, ja, über die Schatten- und die Sonnenseiten von Social Media. Mein Ziel ist zu vermitteln: Sprache hat Macht und ist wichtig in unserer Gesellschaft. Sprache kann für junge Menschen ein so wichtiges Werkzeug sein. Junge Menschen sind nicht zu jung, um sich öffentlich zu äußern. Ich habe in den letzten Jahren in Klassenzimmern, in Workshops und in Lesungen mit jungen Menschen zusammengearbeitet, wozu auch Creative Writing gehört.

    PROFIL: Die Vermittlung von Medienkompetenz ist ein zentrales Anliegen der modernen Pädagogik – im Zeitalter von Fake News und eines häufig sehr unkritischen Internetkonsums. Wie sehen Ihre Hilfsangebote für junge Menschen aus?

    Lösel: Medienkompetenz wird in den nächsten Jahren noch wichtiger werden. Ich glaube, ich kann sehr authentisch „aus der ersten Reihe“ berichten und erzählen, wie ich auch in meinem Buch die besten und die schlimmsten Kommentare wiedergebe, die ich bisher bekommen habe. Meine Texte und meine Workshops sollen aufmerksam machen, sollen aber auch dazu ermutigen, sich verletzlich zu zeigen. Es geht darum, ins Gespräch zu kommen, nicht aber mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten, stattdessen Themen mit echten Geschichten zu verknüpfen. Mein Hauptanliegen: mit jungen Menschen zu reden, nicht über sie.

    PROFIL: Wie bringen Sie Ihre eigenen Erfahrungen aus dem gymnasialen Lehramtsstudium in Ihre öffentliche Arbeit ein?

    Clara Lösel bei einer Lesung, Quelle: Böhler

    Lösel: Hauptsächlich über meine Leidenschaft für das Thema Bildung, weniger über meine beiden Fächer. Zuerst glaubte ich, dass niemand von den Jugendlichen sich für meine lyrischen Texte interessieren würde. Das dachte ich zumindest während der 100-Tage-Challenge. Wider Erwarten kamen dann die ersten 100000 Follower, obwohl ich anfänglich glaubte, junge Leute hielten Lyrik und Literatur überhaupt für „uncool“.

    PROFIL: Ihre Arbeit verdient sicherlich breite Unterstützung. Was wünschen Sie sich dafür?

    Lösel: Ich danke Ihnen für diese Frage. Es gibt zwei Ebenen, darauf zu antworten: Für meine eigenen Projekte wünsche ich mir – ganz konkret – einen Partner für die Schul-Tour. Gesamtgesellschaftlich wünsche ich mir, weiterhin Bühnen zu bekommen für mein Anliegen, Jugendliche nicht „in der Wartezeit für das Leben“ zu sehen, sondern als unsere Zukunft. Sie entsteht in Klassenzimmern und außerhalb davon. Die jungen Menschen sollen ihre Worte und Tage nutzen können, um jetzt und in der Zukunft etwas zu bewegen.

    Mit Clara Lösel sprach Walter Tetzloff

    Nach oben