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Berlin, Du musst Dir ändern! Was wir aus dem Schuldesaster in der Hauptstadt lernen können

    Hauptstadt des Schuldesasters 

    Berlin, Du musst Dir ändern 

    Lehrkräfte brauchen mehr Zeit, bessere Bedingungen und die Politik muss begreifen, dass Leistung nichts Schlechtes ist 

    Von Arnd Niedermöller 

    Berlin – Als Schulleiter eines Berliner Gymnasiums über die Probleme in der Berliner Bildungslandschaft zu schreiben, ist eine erfreuliche Aufgabe. Endlich kann ich darstellen, dass sehr viele Lehrkräfte in Berlin eine hervorragende Arbeit leisten, sich aufopfern und mit großem Einsatz für ihre Schülerinnen und Schüler arbeiten. Die Schulen in Berlin stehen in großer Konkurrenz zueinander, so dass eine kontinuierliche Entwicklungsarbeit an vielen Schulen Standard ist. Diese wird von kompetenten Schulleitungen gesteuert. In der Corona-Zeit hat sich gezeigt, dass die Verwaltung schnell reagieren kann und in kürzester Zeit die Digitalisierung vorantreibt. Es fließen viele Ressourcen in unsere Schulen: Sozialarbeit an allen Schulen in Berlin, eine fast flächendeckende Ausstattung mit Verwaltungsleitungen und ein externer IT-Experte, der einmal die Woche vorbeischaut. Natürlich ist das bei 300 Endgeräten an manchen Schulen überhaupt nicht ausreichend, aber wenigstens müssen nicht nur Lehrkräfte im „Hobbybetrieb“ das Netzwerk betreuen. Auch die Budgets im Bereich Ausstattung sind auskömmlich. Sie entnehmen meiner Beschreibung, dass viel Geld in die Berliner Schulen fließt. Nach den KMK- Statistiken pro Kopf sogar so viel wie sonst nirgendwo in Deutschland.  

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    Wieso liegt Berlin immer hinten? 

    Aber: Wieso belegt Berlin dann bei den Bildungsvergleichen durchweg hintere Plätze? Diese Frage hat sich auch die Bildungssenatorin der vergangenen zwei Legislaturen, Sandra Scheeres (SPD), gestellt. In ihrer Amtszeit (2011 bis 2021) ist ihr eine deutliche Steigerung der Bildungsausgaben gelungen. Zur Klärung der Frage hat sie eine sogenannte Qualitätskommission unter Führung von Prof. Dr. Olaf Köller mit der Analyse beauftragt. Die kurze und sehr oberflächliche Zusammenfassung lautet: zu unkoordiniert, zu wenig Qualitätssicherung, nicht zielgerichtet. Im übertragenen Sinn kann man es auch bei den von mir benannten Bereichen oben sehen: Die Schule hat zwar viele Ressourcen, aber zum Beispiel keinen Hausmeister, der das Gebäude abschließt, denn die Hausmeister beenden gegen 14:30 Uhr ihren Dienst. Sobald man Schäden am Gebäude feststellt, wird es ebenfalls schwierig. Trotz Budget für kleine Reparaturen, gibt es bei den Bezirken zu wenig Personal, um die Maßnahmen umzusetzen. Das Problem der Zusammenarbeit der Bezirke mit dem Senat möchte ich hier allerdings nicht tiefer thematisieren. 

    Arnd Niedermöller ist Vorsitzender der Vereinigung der Oberstufendirektoren Berlin und Vorsitzender der Bundesdirektorenkonferenz Gymnasien. Er ist Schulleiter am Immanuel-Kant-Gymnasium in Berlin-Lichtenberg. Foto: privat

    Der Hauptteil der Ausgaben des Senates in Bildung sind Personalkosten. Schaut man in die Statistiken der KMK fällt auf: Berlin liegt bei der Schüler-Lehrkräfte-Relation der Sekundarstufe I am Gymnasium (hier: Klasse 7 – 10) auf den ersten Plätzen (13,5 Schülerinnen und Schüler pro Lehrkraft). Das macht stutzig, denn in Berlin sind die Klassen mit sehr großem Abstand gegenüber anderen Bundesländern im Schnitt am größten (28,5 Schülerinnen und Schüler pro Klasse in der Sek I am Gymnasium). Erst bei 32 Schülerinnen und Schülern zieht das Schulgesetz bei der Aufnahme in Klasse 7 eine Grenze, die durch gerichtliche Zuweisungen regelmäßig gerissen wird. Die Folge ist eine hohe Belastung der Kolleginnen und Kollegen, zumal sich Berlin in der Oberstufe ein Probeabitur und lange Klausurzeiten leistet. Viele Kolleginnen und Kollegen gehen bei einer Unterrichtsverpflichtung von 26 Stunden deshalb in Teilzeit. Inzwischen liegt die Quote bei fast 50 Prozent. Eine gute Schüler-Lehrer-Relation, sehr große Klassen, eine hohe Belastung bei den Lehrkräften – wie passt das zusammen? In Zeiten von Lehrkräftemangel ist es eine spannende Frage, wohin diese Stunden verschwinden. Als Schulleiter kann ich feststellen, dass sie sicher nicht in Gänze bei den Schulen ankommen. 

    Dies ist ein Beispiel für den nicht zielgerichteten Einsatz von Ressourcen. Es wäre ein Gewinn für die Unterrichtsqualität, wenn die Stunden im System für die Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung der Lehrkräfte eingesetzt werden könnten. Eventuell ist dies sogar in Zeiten des Lehrkräftemangels möglich. 

    Viele Quer- und Seiteneinsteiger, wenig Studienplätze 

    Womit wir beim nächsten Stichwort wären: Berlin stellt seit Jahren in hohem Umfang Quereinsteiger ein, vor allem im Grundschulbereich, und kaschiert so die riesige Lücke zwischen der Zahl der Absolventinnen und Absolventen an der Universität im Grundschullehramt und dem Bedarf an Einstellungen. Dass ein hoher Bedarf an Grundschullehrkräften bestehen wird und die Ausbildungskapazitäten zu gering sind, ist allerdings bereits seit Jahrzehnten bekannt. Bis vor kurzem lag der NC für das Grundschullehramt bei annähernd 1,0. Es kamen teilweise über 1000 Bewerberinnen und Bewerber auf 180 Plätze an der Uni. Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in großer Zahl eingestellt. Erst seit ein, zwei Jahren sind deutlich mehr Studienplätze geschaffen worden. Warum dies so lange gedauert hat, obwohl die Not bereits vor 15 Jahren absehbar war, ist eine der vielen Fragen, die man sich rund um das Berliner Bildungssystem stellt.  

    Lehrkräfte werden endlich wieder verbeamtet 

    Die gleiche Frage stellt sich auch bei der Verbeamtung. Statt diese wieder einzuführen und mehr ausgebildete Lehrkräfte in Berlin zu halten oder gar zu locken, wurde stattdessen allen angestellten Lehrkräften die höchste Erfahrungsstufe gezahlt, was übrigens für die angestellten Bestandslehrkräfte weiterhin geschieht. Als weitere Maßnahme wurde die Anhebung der Besoldung der Grundschullehrkräfte nach A13 beschlossen. Dass die in Berlin ausgebildeten Referendarinnen und Referendare trotzdem scharenweise ins Land Brandenburg abgewandert sind, wurde lange von Teilen der regierenden Parteien ignoriert. Erst in diesem Jahr wurde endlich die Verbeamtung der Lehrkräfte wieder eingeführt und der Sonderstatus gegenüber den anderen Bundesländern beendet. Warum dies so spät geschehen ist, ist eine weitere der vielen Fragen, die man sich stellen muss. 

    An einem anderen Beispiel kann man ein Muster hinter diesen Fragen erkennen, dass einen näher zu einer Antwort bringt. Am Gymnasium in Berlin wird der Mittlere Schulabschluss (MSA) mit einer Prüfung abgelegt, die in Berlin an allen Schulformen gleich ist. Am Gymnasium in Berlin steht das Abitur nach 12 Jahren an. An den anderen Schulformen erst nach 13 Jahren. Die Prüfungsinhalte des MSA in Jahrgang 10 beziehen sich deshalb am Gymnasium auf die 9. Klasse. Alle Schülerinnen und Schüler an Gymnasien werden damit zeitgleich auf die Kursphase und auf eine Prüfung mit Inhalten des vergangenen Jahres vorbereitet. Das führt zu einer Doppelbelastung, die der Qualität sicherlich nicht förderlich ist. Das Nachbarbundesland Brandenburg, das die gleichen Aufgabenstellungen wie Berlin verwendet, hat dies von vorneherein erkannt. Dort schreiben die Gymnasien eine andere Prüfung. Die sogenannte Köller-Kommission hat dieses MSA-Problem ebenfalls festgestellt. In Berlin verhindern aber weiterhin die politisch verantwortlichen Parteien aufgrund des Gedankens, „alle sollen gleichbehandelt werden“, diese Veränderung.  

    Ideologie bremst Verbesserung aus 

    Es zeigt sich an diesem Beispiel, dass die Prioritäten auf der politischen Ebene in Berlin nicht auf Leistungsverbesserung gelegt werden. Ideologie und nicht überprüfte Haltungen bestimmen das Vorgehen. Geld, das bekanntlich nur einmal ausgegeben werden kann, wird für Projekte verwendet, die andere Ziele verfolgen. Diese Ziele sind grundsätzlich immer sinnvoll, aber sie bringen die Schülerinnen und Schüler häufig nicht einer besseren schulischen Leistung näher. Schon der Begriff Leistung oder gar Leistungsüberprüfung ist negativ besetzt. Wenn man die Schule mit einem Auto vergleichen würde, werden in Berlin die Sitze besonders gepolstert, das Auto besonders farblich gestaltet, darüber gesprochen, ob noch mehr Lenkräder eingebaut werden müssen und wie die Sitze positioniert werden sollen. Der Motor wird aber nicht betrachtet und bei der nächsten Geschwindigkeitsmessung wird im Vergleich zu den anderen Autos festgestellt, dass man wieder bei den langsamsten war. 

    Dass Sie mich nicht falsch verstehen: Berlin hat besondere Herausforderungen. Ich bin auch dafür, dass ungleiche Dinge ungleich behandelt werden. Schulen in Brennpunkten brauchen eine noch viel größere Unterstützung.  

    Ehrliche Rückmeldungen an Schülerinnen und Schüler 

    Aber auch ohne viel Geld könnte man mit einem Fokus auf Leistung, ich nenne es jetzt besser Kompetenzzuwachs, viel erreichen. Gerade die ehrliche Überprüfung des „Könnens“ ist ein wichtiger Faktor. Berlin schreibt nur in den Kernfächern Klassenarbeiten. Die schriftlichen Noten dürfen nur mit etwa 50 Prozent zur Zeugnisnote beitragen. Im Kurssystem in Klasse 11 und 12 werden aber auf einmal in allen Fächern Klausuren mit mindestens 90-minütiger Länge geschrieben. Dort wird die Klausurnote mit einem Drittel zur Endnote (Grundkurs) gezählt. Ein durchgängig gestaltetes System von einheitlichen Standardsicherungen mit ehrlichen Rückmeldungen an die Schülerinnen und Schüler und den entsprechenden Noten wäre ein erster einfacher Schritt. Nur wenn man regelmäßig die Geschwindigkeit misst, kann man feststellen, ob die Maßnahmen, die man ergreift, auch die Geschwindigkeit erhöhen. Zielführend wäre dann den Mechanikerinnen und Mechanikern, die mit großem Einsatz am Motor arbeiten, mehr Zeit zu geben. Die Entlastung der Lehrkräfte wäre ein zweiter Schritt, damit diese Zeit für die Entwicklung ihres Unterrichts haben. Hilfreich wäre auch Zeit zur Zusammenarbeit.  

    Aber an erster Stelle steht das Öffnen der Augen für das, was man von den Schülerinnen und Schülern will: eine höhere Leistungsfähigkeit. 

     

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