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Konrad Fuhrmann – Der Mann, der zehn Sprachen spricht

    Konrad Fuhrmann beherrscht (mindestens) zehn Sprachen. Mehr als 27 Jahre hat er in für die EU als Übersetzer gearbeitet, Credit: privat

    Der Mann, der zehn Sprachen spricht 

    Von VIKTORIA DÜMER 

    Berlin/Brüssel – Stellen Sie sich vor: Sie könnten sich, fast egal, wo Sie in Europa Urlaub machen, mit den Menschen dort in ihrer Landessprache unterhalten. Konrad Fuhrmann (64) ist so ein Ausnahme-Talent! Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch, Schwedisch, Lettisch und Polnisch spricht der Deutsche fließend. Hebräisch, Spanisch und Griechisch kann er sehr gut verstehen. Bücher liest er auf Niederländisch, Portugiesisch, Tschechisch und in anderen slawischen sowie skandinavischen Sprachen, ohne sie je systematisch gelernt zu haben. „Latein, Altgriechisch und Bibelhebräisch nenne ich gar nicht, weil ‚sprechen‘ ein Euphemismus wäre“, sagt Fuhrmann bescheiden. „Obwohl ich an einer lateinischen table de conversation teilnehme.“ 

    Als Kind zweier Philologen wuchs Fuhrmann in Überlingen am Bodensee auf. Nach dem Abitur studierte er Slawistik, Theologie und Altphilologie. Es folgten ein Referendariat in katholischer Religion, Russisch sowie Latein in Baden-Württemberg, dann bewarb er sich bei der Europäischen Kommission. Für die EU – mit immerhin 24 Amtssprachen – war das Sprach-Genie ein echter Glücksgriff. Nach mehr als 27 Jahren als Übersetzer in Brüssel ist der 64-Jährige seit Februar in Pension. PROFIL sprach mit ihm über seine Leidenschaft für Sprachen – und wie sie vielleicht jeder für sich entdecken kann. 

    PROFIL: Herr Fuhrmann, was sind Ihre Lieblingssprachen? 

    Konrad Fuhrmann: Die, die ich am besten sprechen kann. Also Russisch, die slawischen Sprachen, Französisch und Italienisch. Ich kenne diese Länder sehr gut, liebe die Kultur, die Kunst, die Musik. 

    PROFIL: Wie und wo haben Sie Ihre Liebe für Sprachen entdeckt? 

    Fuhrmann: Wahrscheinlich liegt es in meinen Genen. Sprachen spielten bei uns zuhause eine große Rolle. Mein Vater war Altphilologe und ist durch seine holländische Mutter zweisprachig aufgewachsen. Meine Mutter war Französischlehrerin.  

    Wirklich entdeckt habe ich meine Liebe zu Sprachen aber erst bei einem Aufenthalt in einem Schullandheim in Südtirol, wo ich mit dem Italienischen konfrontiert wurde. Danach wollte ich unbedingt einen Abendkurs darin belegen. Italienisch war dann auch die erste Sprache, die ich aktiv anwenden konnte, weil die einzigen Ausländer, die man in meiner Kindheit oft am Bodensee traf, Italiener waren. 

    PROFIL: Sie lebten mit Ihren Eltern an der Grenze zur Schweiz. 

    Fuhrmann: Ja und das war ein Glück! Denn irgendwann haben die Schweizer entschieden, höhere Sendemasten zu bauen, sodass wir plötzlich zuhause ihre Sender empfangen konnten. Damals gab es ja kein Internet und nur wenig Möglichkeiten, Sprachen regelmäßig zu hören. Durch das Schweizer Fernsehen auf Italienisch und Französisch hat sich mein Hörverständnis enorm verbessert. 

    PROFIL: Welche Rolle hat Ihr Gymnasium gespielt? 

    Fuhrmann: Dort habe ich nur Englisch und Latein gelernt. Als Schüler hätte ich stattdessen lieber Französisch gehabt, aber rückblickend muss ich sagen, dass Latein eine ungeheuer gute Schule war, um weitere Fremdsprachen zu lernen. Es lässt einen die deutsche Muttersprache und die romanischen Sprachen besser verstehen. Aber nicht nur! Russisch zum Beispiel ist in seiner Grammatik dem Lateinischen sehr viel näher als zum Beispiel Italienisch oder Französisch. 

    PROFIL: Französisch haben Sie dann zuhause gelernt? 

    Fuhrmann: Ja, genau. Die Grundlagen habe ich mich mir selbst beigebracht und dann zusammen mit meiner Mutter französische Literatur gelesen. 

    PROFIL: Wie gehen Sie beim Erlernen einer neuen Sprache voran? 

    Konrad Fuhrmann: Das Latein in der Schule hat mich sehr stark geprägt. Ich gehe sehr systematisch vor und liebe alte, ganz klassische Lehrbücher, in denen die Grammatik genau erklärt wird. Diese modernen, neuen Bücher mit Schautafeln und Kästen bringen mich nur durcheinander. Wenn ich eine neue Sprache lernen will, suche ich mir deshalb oft alte Lehrbücher aus den 70ern in Antiquariaten. In denen herrscht zwar eine Bleiwüste, aber sie sind nachvollziehbar aufgebaut. Oft lerne ich die Lektionen dann auswendig – perfekt, wenn man zum Beispiel auf den Bus wartet. Da kann man prima ein paar Lektionen herunterspulen. 

    PROFIL: Lernen Sie Sprachen immer auf Deutsch? 

    Fuhrmann: Nein, gar nicht. Für mich hängt es stark davon ab, ob die neue Sprache einer ähnelt, die ich schon spreche. Ich war zum Beispiel gerade in Karlsbad in Tschechien und habe als Vorbereitung mit einem polnischen Lehrbuch Tschechisch gelernt. Auf diese Weise sieht man bei zwei sich ähnelnden Sprachen sofort die Unterschiede, was sehr hilfreich ist. Kann ich eine Sprache dann schon etwas besser, beginne ich schnell gute Bücher darin zu lesen. Hier ist meine Empfehlung mit interessanten Sachbüchern anzufangen und nicht gleich mit Literatur, weil die oft doch wesentlich schwieriger zu lesen ist. 

    PROFIL: Haben Sie noch einen Tipp? 

    Fuhrmann: Ich kann sehr die französische Reihe ‚Parlons…‘ empfehlen, die von Edition L’Harmattan herausgegeben wird. Jeder Band widmet sich einer Sprache – der Fokus liegt auf der Grammatik, aber es werden auch die Entstehung und Kultur des jeweiligen Landes erklärt. Diese Reihe ist der ideale Einstieg für eine neue Sprache, aber auch eine perfekte Abrundung. 

    Lesen Sie hier: “Die Zukunft des Fremdsprachenunterrichts” von Prof. Dr. Aline Willems!

    PROFIL: Werden Fremdsprachen an Schulen in Deutschland und der EU ausreichend gefördert? 

    Fuhrmann: Ich war selbst lange Zeit in der Generaldirektion Erziehung, Bildung und Kultur tätig – in der Zeit, als Victor Orbán Kommissar für Vielsprachigkeit war. Da haben wir viele Programme gehabt, um den Fremdsprachenunterricht zu fördern, die Förderung von Minderheitensprachen zu unterstützen, Werbung für das Erlernen neuer Sprachen zu machen usw.. Sie kennen vielleicht das Barcelona-Prinzip, wonach jeder Europäer mindestens zwei Fremdsprachen können sollte. Warum zwei? Damit Englisch als erste Fremdsprache nicht dominiert. Die Realität sieht natürlich anders aus: Viele Länder vernachlässigen die zweite Fremdsprache mit dem Resultat, dass die meisten Europäer nur noch Englisch sprechen können. Wir haben bei meiner Arbeit versucht, dem entgegenzuwirken. Aber ich hielt damals schon das Konzept für viel zu Gießkannen-artig. Statt viele kleine Projekte zu unterstützen, hätte man sich auf ein großes Programm konzentrieren sollen. 

    PROFIL: Wie viele Sprachen sollte jeder Europäer sprechen können?  

    Konrad Fuhrmann: Ich fände es sinnvoll, wenn an europäischen Schulen neben Englisch die Nachbarschaftssprachen gefördert würden. In Westdeutschland wären das Französisch und Holländisch, in Ostdeutschland Polnisch. Besonders vorbildlich macht das das Saarland schon jetzt mit seinem Frankreich-Prinzip: Dort wird an allen Schulen, unabhängig vom Schultyp, Französisch unterrichtet. Die lothringische Seite hat dies für den Deutsch-Unterricht übernommen. In Sachsen gibt es meines Wissens viele deutsch-polnische und deutsch-tschechische Kindergärten. Das ist auch ein guter Anfang. 

    PROFIL: Momentan läuft die meiste Kommunikation in Europa auf Englisch. 

    Fuhrmann: Das ist richtig. Egal, wo Sie Urlaub machen – eine Pizza oder ein Bier können Sie dort auf Englisch bestellen und bekommen es dann auch. Aber um ein gutes Gespräch zu führen, müssen beide Englisch sehr gut beherrschen. Wie oft ist das der Fall? Auch in der Wissenschaft ist das ein Problem: Ich habe es oft erlebt, dass Forscher auf Englisch dann plötzlich nicht mehr das sagen, was sie sagen wollen, sondern das, was sie sagen können. Da geht mitunter sehr viel Inhalt verloren. 

    PROFIL: Ist das Ziel, dass alle perfekt Englisch sprechen, dann nicht die Lösung? 

    Fuhrmann: Bitte nicht. Wirkliche Nähe entsteht meiner Meinung nach nur dann, wenn der eine den anderen in seiner Muttersprache versteht. Ich bedaure auch sehr, dass die Interkomprehension nicht stärker gefördert wird. Das ist ein sehr interessantes Konzept: Man kann sich durchaus auf Deutsch, Holländisch und Schwedisch oder auf Portugiesisch und Spanisch unterhalten, wobei jeder seine eigene Muttersprache spricht. Sogenannte ‚falsche Freunde‘, Strukturwörter, die sich ähneln, aber nicht gleich sind, müsste man lernen, und dann könnte man sich wunderbar passiv miteinander unterhalten. 

    Sie sind seit wenigen Wochen pensioniert. Was haben Sie vor? 

    Fuhrmann: Nach dem Studium war ich für kurze Zeit als Reiseleiter tätig, was ich jetzt gerne wieder aufnehmen und Wein- und Kulturreisen organisieren möchte. Tagsüber wollen wir uns Kirchen, Museen, Schlösser anschauen und abends Weinproben veranstalten, vor allem in Frankreich und Italien. 

    Außerdem frische ich gerade mein Hebräisch auf. 1978 war ich als Schüler vier Monate in einem Kibbuz bei Haifa in Israel. Ursprünglich wollte ich auch noch Chinesisch lernen. Das finde ich so spannend aufgrund seiner Schrift! Allerdings muss ich sagen, dass mir der Kurs, den ich darin belegt habe, zu schnell ging. Mandarin ist so komplex, auch aufgrund seiner vier Töne in der Aussprache – da habe ich schnell erkannt, dass alles, was ich bisher gelernt habe, im Vergleich sehr einfach war. 

     

     

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