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Dr. Josef Lange, Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung: „Es macht einen Unterschied, ob die ‚Lehre’ oder die ‚Leere’ unerträglich ist”

    Von VIKTORIA DÜMER 

    Dr. Josef Lange (73) ist seit 2017 Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung. Bis 2013 war er Staatssekretär im Landesministerium für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen

    Berlin/Mannheim – Wie schreibt man was im deutschen Sprachraum? Darüber entscheidet seit 2004 der Rat für deutsche Rechtschreibung am Leibniz-Institut in Mannheim. Mitglieder sind neben der Bundesrepublik auch Österreich, die Schweiz, Südtirol, Liechtenstein und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens.  

    PROFIL sprach mit dem Vorsitzenden Dr. Josef Lange darüber, weshalb sich manche Schreibweisen auch Jahrzehnte nach der Rechtschreibreform nicht durchsetzen wollen und warum das öffentlich oftmals geforderte Gender-Sternchen ebenfalls dazu gehören wird. 

    PROFIL: Auto-Korrektur am Laptop und Diktierfunktion auf dem Handy – die Digitalisierung hilft so manchem Rechtschreib-Muffel. Befürchten Sie, dass Schülerinnen und Schüler, aber auch Erwachsene den Sinn und Zweck, korrekte Rechtschreibung zu lernen und sich beim Schreiben darauf zu konzentrieren, aus den Augen verlieren? 

    DR. JOSEF LANGE: Autokorrekturen helfen bei der Rechtschreibung, sie sind aber nicht dazu geeignet, die inhaltlichen Unterschiede von Wörtern zu erkennen: Es macht einen Unterschied, ob die ‚Lehre’ unerträglich ist oder die ‚Leere’ unerträglich ist.

    PROFIL: Wie kann und sollte Kindern die Bedeutung von Rechtschreibung nahegebracht werden?  

    LANGE: Kindern kann und sollte die Bedeutung von Rechtschreibung spielerisch und bereits in den ersten Schuljahren beigebracht werden. Kinder sind neugierig und daran interessiert, Unterschiede auch im Schreiben deutlich zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass das Erlernen korrekter Rechtschreibung umso schwieriger ist, je später sie eingeführt wird. Daran müssen sich die unterschiedlichen didaktischen Ansätze messen lassen. Aber auch das Regelwerk für die Rechtschreibung muss so gestaltet sein, dass die deutsche Schriftsprache gut erlernbar bleibt, zumal die deutsche Sprache im internationalen Vergleich als schwierig zu lernen gilt. 

    PROFIL: Die Rechtschreibreform ist inzwischen 25 Jahre her, trotzdem ist das Thema immer noch emotional besetzt. Ihr Ratskollege Peter Gallmann sagte, dass es Tabu-Bereiche bei der Anpassung von Wörtern an die neuen Regeln gibt – wie etwa das Wort Spaghetti. Warum ist es wichtig, dass das H bleibt? 

    LANGE: Die Emotionalität bei der Rechtschreibung ist in der Öffentlichkeit, zumindest in Deutschland, immer noch gegeben. Das geht auch darauf zurück, dass manche Regeln, auf die sich der deutschsprachige Raum vor 25 Jahren verständigt hat, von der Bevölkerung nicht angenommen werden. Das zitierte Beispiel Spaghetti zeigt exemplarisch, dass vielfach die ‚Eindeutschung’ von den schreibenden Menschen nicht angenommen wird, sondern es bei der Schreibung in der Originalsprache bleibt. 

    PROFIL: Vor kurzem las ich in einem Artikel einer großen Zeitung, von „Gästinnen und Gästen“ eines Hotels. Was denken Sie, wenn Sie so etwas lesen?  

    LANGE: Ich habe diesen Artikel auch gelesen und war zunächst irritiert, weil es sich offenkundig um den Versuch handelte, die geschlechtergerechte Sprache zu intensivieren und auszuweiten. Allerdings lässt sich der Begriff ‚Gästin’ als weibliche Form von ‚Gast’ bereits im Grimm‘schen Wörterbuch nachlesen. Dort ist ausgeführt, dass das Wort mit der Bedeutung ‚die Fremde’ aus dem Althochdeutschen kommt und auch im Mittelhochdeutschen gebraucht wurde. Noch im Duden von 2017 wird der Begriff allerdings nicht aufgeführt. Das Rechtschreibungsprogramm auf meinem Rechner kennzeichnet den Begriff ‚Gästin’ als Fehler. An diesem Beispiel zeigt sich, dass die sogenannte ‚gendergerechte Sprache’ einerseits dazu führt, dass möglicherweise alte Begriffe wieder genutzt werden. Auf der anderen Seite führt das Bestreben, ‚gendergerecht’ zu schreiben, auch dazu, dass völlig falsche Wortbildungen entstehen wie das Beispiel Mitglieder und ‚Mitgliederinnen’ zeigt. Wenn dann noch ‚Mitglieder*Innen’ mit Asterisk und großem Binnen-I geschrieben wird, dann ist die Verwirrung vollständig, zumindest für diejenigen, die die Schreibung der deutschen Sprache lernen sollen oder Schwierigkeiten mit der deutschen Rechtschreibung haben. Dies betrifft mehr als 22 Prozent der deutschen Bevölkerung, die älter als sechs Jahre ist, nämlich die Schülerinnen und Schüler bis zur zehnten Klasse, die mehr als zwölf Prozent über 18-jährigen Deutschsprachigen mit geringer Literalität und die Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund, von denen mehr als 20 Prozent keinen Schulabschluss haben. Hinzu kommen die etwa 1,2 Millionen Sehbeeinträchtigten und Blinden in Deutschland, die auf das Vorlesen von Texten angewiesen sind. Bei diesen Zahlen sind die Menschen im Ausland noch nicht einbezogen, die deutsch lesen und schreiben lernen wollen. 

    PROFIL: Der Rechtschreibrat lehnt das Gender-Sternchen ab – weshalb? 

    LANGE: Der Gender-Stern erfüllt nicht die Kriterien geschlechtergerechter Schreibung. Diese soll sachlich korrekt, verständlich, lesbar, vorlesbar, übertragbar in andere Amts- und Minderheitensprachen sein, die Rechtssicherheit gewährleisten, die Konzentration auf wesentliche Sachverhalte sicherstellen und sie darf das Erlernen der deutschen Sprache nicht erschweren. Hinzu kommt, dass diese Kriterien nicht nur für die geschriebene deutsche Sprache in Deutschland gelten, sondern für den gesamten deutschsprachigen Raum, d. h. neben Deutschland auch für Österreich, die Schweiz, die Autonome Provinz Bozen – Südtirol, das Fürstentum Liechtenstein und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Diese Länder und Regionen haben den Rat für deutsche Rechtschreibung eingerichtet, um die Einheitlichkeit der deutschen Sprache im gesamten deutschen Sprachraum zu sichern. Das Amtliche Regelwerk der Rechtschreibung bezieht sich auf die Schulen sowie öffentliche Verwaltung und Rechtspflege. Beim individuellen Schreiben kann und mag jede und jeder schreiben, wie sie und er will: vermutlich werden jedoch alle daran interessiert sein, dass ihre Texte auch lesbar und verständlich sind. 

    PROFIL: Wird das Gendern dennoch unsere Sprache und Schreiben nachhaltig verändern?  

    LANGE: Jeder Mensch hat das Recht, geschlechtergerecht angesprochen zu werden. Dies gilt für Frauen und Männer ebenso wie für Menschen, die weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig sind oder sich dazu zählen. Dies ist eine Frage der Haltung und des Respekts. Deshalb wird sich die deutsche Sprache verändern. Diese Veränderung wird aber nicht über den Asterisk ‚*‘, den Unterstrich ‚_‘ oder vergleichbare Zeichen innerhalb von Wörtern geschehen: Solche Zeichen innerhalb von Wörtern beeinträchtigen die Verständlichkeit, die Übersetzbarkeit und die Erlernbarkeit der deutschen Sprache und gefährden die Einheitlichkeit der Sprache im gesamten deutschen Sprachraum. Wir müssen berücksichtigen, dass es im deutschen Sprachraum Länder gibt, die mehrere Amtssprachen pflegen, so insbesondere die Schweiz, die Autonome Provinz Bozen – Südtirol und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. 

    PROFIL: Wenn das Gender-Sternchen nicht die Lösung ist, was dann? 

    LANGE: Die Alternativen zu Asterisk, Unterstrich, Doppelpunkt etc. sind Plural- und Passivkonstruktionen – und auch eine gewisse Gelassenheit. Literaten und Zeitungsmacher werden andere Wege finden, um elegant zu formulieren oder sich – bei begrenztem Platz in Zeitungen – auf Wesentliches zu konzentrieren.  

    Die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung, um die es tatsächlich geht, wird nach meiner Einschätzung sich auch wieder von der Orthografie abwenden: Es ist eine Frage sozialer Gerechtigkeit, ob unter dem Anspruch ‚gendergerechter Schreibung’ mit Blick auf nicht-binäre Menschen, die etwa 0,2 Promille der Bevölkerung ausmachen (so das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom Oktober 2017) – in der Medizinischen Hochschule Hannover betrug der Anteil der weder männlichen noch weiblichen Neugeborenen in 2020 rund 1 Promille (3 Neugeborene bei knapp 3.000 Geburten) – über die mindestens 22 Prozent der Bevölkerung über sechs Jahre, die das Lesen und Schreiben der deutschen Sprache erlernen oder damit Schwierigkeiten haben, hinweggegangen werden darf. 

    PROFIL: Das Thema soll auch bei Ihrer nächsten Zusammenkunft im April 2022 diskutiert werden. Was steht außerdem auf der Agenda? 

    LANGE: Neben der Frage der geschlechtergerechten Schreibung wird sich der Rat für deutsche Rechtschreibung in seiner nächsten Sitzung auch mit der Weiterentwicklung des Regelwerks für die Zeichensetzung beschäftigen. Dazu wollen wir eine Überarbeitung der Regeln bis zum Ende der jetzigen Amtsperiode des Rates Ende 2023 abschließen. Hinzu kommt die sehr umfangreiche Arbeit an der Neufassung des Amtlichen Wörterverzeichnisses, in der es in vielen Fällen auch um die Frage der ‚Eindeutschung’ von fremdsprachlichen Begriffen geht. Insbesondere bei diesen Neologismen zeigt sich, dass die deutsche Sprache lebendig ist und sich vielfach weder als gesprochene noch als geschriebene Sprache nach dem derzeitigen Regelwerk richtet. 

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