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Geschichtsvermittlung an historischen Orten ist durch keinen Computer zu ersetzen

Haus der Wannsee-Konferenz - ein Haus bedeutender Geschichte

Geschichte im Haus der Wannsee-Konferenz
Das Haus der Wannsee-Konferenz befindet sich an dem Ort, an dem sich am 20. Januar 1942 fünfzehn hochrangige Vertreter des nationalsozialistischen Regimes trafen, um die „Endlösung der Judenfrage in Europa“ zu besprechen, Credit: Haus der Wannsee-Konferenz

Von Dr. Matthias Hass 

Berlin – Die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Geschichte ist auch mehr als 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges von hoher Bedeutung. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist die Erinnerung an Verfolgung und Massenmord offensichtlich relevant auch für ein Verständnis der Gegenwart. Im Geschichtsunterricht der neunten und zehnten Klassen aber auch der Sekundarstufe II spielt die Beschäftigung mit der NS- Geschichte nach wie vor eine wichtige (wenn auch nachlassende) Rolle. Aber nicht nur in der schulischen Bildung, auch in der außerschulischen Bildung hat die Geschichte des Nationalsozialismus eine besondere Bedeutung.  

Historische Orte und Gedenkstätten haben hierbei einen herausragenden Platz. An ihnen vermittelt sich Geschichte vermeintlich authentisch, auch wenn die Orte selbst durch die Nachkriegsjahrzehnte überformt sind. Besucherinnen und Besucher kommen an diese Orte, um Wissen über die spezifische Geschichte der Orte zu erhalten und einen emotionalen Zugang zur Geschichte zu erfahren. In dieser Verbindung zwischen emotionalem Zugang und kognitiver Wissensvermittlung bieten Gedenkstätten eine sinnvolle Erweiterung schulischen Lernens. Dies hat sich auch in der Zeit vornehmlich digitalen Lernens im Pandemiejahr 2020 gezeigt. Auch wenn digitale Angebote wichtig und sinnvoll sind, und vor allem als Vor- und Nachbereitung genutzt werden sollten, so können sie einen Besuch vor Ort nicht ersetzen. Der Eindruck eines realen Ortes in Verbindung mit der Vermittlung der dort stattgefundenen Geschichte in ihrem Kontext lassen sich durch nichts ersetzen. Mit fortschreitender Historisierung der nationalsozialistischen Geschichte werden Besuche in Gedenkstätten und an historischen Orten zunehmend wichtig, ermöglichen sie doch die Konkretisierung von historischen Ereignissen: hier hat Geschichte stattgefunden. Und so werden häufig als abstrakt wahrgenommene historische Ereignisse real in der Gegenwart und an konkreten Orten verankert.  

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz befindet sich an dem Ort, an dem sich am 20. Januar 1942 fünfzehn hochrangige Vertreter des nationalsozialistischen Regimes für eine ca. 90-minütige Sitzung trafen, um die Umsetzung der Pläne zur „Endlösung der Judenfrage in Europa“ zu besprechen. Diese Besprechung, diente der Koordination („Parallelisierung der Linienführung“ in der Sprache der Schreibtischtäter) der europaweiten Deportation in die Todeslager im besetzten Polen und dem geplanten Massenmord an elf Millionen europäischen Jüdinnen und Juden.  

In der Nachkriegszeit diente das Gebäude 30 Jahre lang als Schullandheim des Berliner Bezirks Neukölln. Bestrebungen des Historikers Joseph Wulf, selber Überlebender von Auschwitz, ein Dokumentationszentrum über die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Folgen an diesem zentralen Ort der Tätergeschichte zu etablieren scheiterten Mitte der 1960er Jahre. Die Gedenk- und Bildungsstätte wurde erst zum 50. Jahrestag der Besprechung am Wannsee im Januar 1992 eröffnet. Am historischen Ort befinden sich eine ständige Ausstellung, wechselnde Sonderausstellungen, eine Bibliothek/Mediothek und Seminarräume. Das breit gefächerte Bildungsangebot des Hauses umfasst sowohl zielgruppenorientierte Führungen in der Dauerausstellung als auch die Möglichkeit, in ein- und mehrtägigen Seminaren vertiefend auf Teilaspekte des Genozids und angrenzende Themenkomplexe in Bezug auf die Verbrechen unter nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland und Europa einzugehen. Eine neue Dauerausstellung in einem „Design für alle“ wurde im Januar 2020 eröffnet und bietet Zugänge für Besucherinnen und Besucher mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Wissensständen.    

Von Anfang an zählten Bildungsprogramme für unterschiedliche Berufsgruppen zum Profil des Hauses. Neben der historischen Wissensvermittlung stehen berufsethische Fragen hierbei im Vordergrund. Grundsätzlich sollen die Bildungsprogrammen an den Interessen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer orientiert sein. In Vorgesprächen werden Interessen und Schwerpunktlegungen geklärt. Die Seminartage sollen ein ergänzendes und vertiefendes Angebot zum Unterricht sein. Es ist von der inhaltlichen und methodischen Anlage der Seminare wünschenswert und aus der fast 30-jährigen Erfahrung auch bewährt, dass die angesprochenen Inhalte nicht nachträglich abgeprüft werden. Komplexe historische Zusammenhänge und Kontexte lassen sich nur schwer auf lernbare Formate reduzieren, insbesondere bei Themen, bei denen Emotionen und Empathie wichtige Aspekte sind, wie beim Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden.  

PROFIL Ausgabe 6/2021 Titelblatt Geschichtsunterricht

Prinzip der Seminare ist ein Ansatz forschenden Lernens. Die Schülerinnen und Schüler werden in die Lage versetzt, sich selbständig historische Quellen – Dokumente aber auch zunehmend bildliche Quellen wie Fotos und Zeichnungen – zu erschließen und mit ihrer Hilfe historische Zusammenhänge zu verstehen. Diese partizipativen Lernformen sind multiperspektivisch angelegt, sollen Interesse wecken und bieten keine fertigen Antworten. Durch Anknüpfungsmöglichkeiten an die Gegenwart wird gleichzeitig die überzeitliche Relevanz historischer Zusammenhänge aufgezeigt. Zusätzlich soll das Profil des Hauses in Zukunft auch auf thematische Zusammenhänge ausgerichtet sein, die zwar historische Wurzeln haben, deren Relevanz jedoch in der Gegenwart liegt. Hierzu zählt vor allem antisemitismuskritische Bildungsarbeit.  

Durch die Verbindung des Ortes mit Formen der Selbstaneignung historischen Wissens und dem Aufzeigen der Relevanz des Themas Holocaust bis in die Gegenwart, bietet das Lernen am historischen Ort Möglichkeiten, die den Schulunterricht nicht nur im Fach Geschichte, sondern auch bspw. in Sozialkunde, Religion Ethik und Deutsch sinnvoll erweitern und ergänzen.  

 

Über den Autor

Matthias Hass

Dr. Matthias Hass ist kommissarischer Leiter der Abteilung Bildung und Forschung sowie stellvertretender Direktor im Haus der Wannsee-Konferenz

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