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Hamburgs Schulsenator Ties Rabe: “Unser Abitur ist doch ganz ordentlich!”

Ties Rabe Hamburgs Schulsenator
Ties Rabe (60, SPD) ist seit zehn Jahren Schulsenator in Hamburg und damit Deutschlands dienstältester Kultusminister | Credit: Peter Albrecht

Er ist Deutschlands dienstältester Kultusminister! Seit zehn Jahren ist Ties Rabe (60, SPD) als Senator für Schule und Berufsbildung in Hamburg im Amt. Im Interview mit PROFIL erklärt der Koordinator der SPD-regierten Bundesländer, warum Lehrkräfte an weiterführenden Schulen in Hamburg nicht geimpft werden, warum das Sitzenbleiben-Verbot aufgehoben wurde und was ihn an der Föderalismus-Kritik stört. 

PROFIL: Herr Senator, wird das diesjährige Hamburger Abitur unter Corona-Bedingungen genauso anspruchsvoll wie in jedem anderen Jahr?  

Ties Rabe: Wir haben darauf geachtet, dass die Aufgaben genauso schwer sind wie in jedem anderen Jahr. Trotzdem sind wir den Schülerinnen und Schülern entgegengekommen: Es gibt mehr Zeit in der Klausur, durch eine Terminverschiebung gibt es auch mehr Vorbereitungszeit und die Themengebiete wurden vorher klarer eingegrenzt. Wir haben natürlich nicht die Aufgaben verraten, aber die Schülerinnen und Schüler konnten sich gezielter vorbereiten. Dadurch haben wir ausgeglichen, dass die Abiturienten ein halbes Jahr nicht in der Schule lernen konnten. 

PROFIL: Die Kultusministerkonferenz hat festgelegt, dass zwischen 32 und 40 Oberstufenkurse in die Abiturbewertung einfließen. Ist das Ihrer Meinung nach genug? Warum nicht 36 bis 40?  

Rabe: Ich glaube, wir müssen diesen Bereich klarer eingrenzen. Der jetzige Regelungsbereich ist sehr weit. Wir wollen das Abitur zwischen allen Bundesländern angleichen, dazu zählen auch diese wichtigen Vorgaben. Die Kultusministerkonferenz hat deshalb eine ländergemeinsame Vereinbarung im letzten Jahr getroffen und einen Arbeitsprozess gestartet, um die unterschiedlichen Oberstufenregelung zusammenzuführen.  

PROFIL: Durch 20 Prozent dieser Kurse dürfen die Schüler „durchfallen“. Wie kann das Abitur noch anspruchsvoll sein, wenn z.B. alle Kurse in Mathematik und in einer Naturwissenschaft unter fünf Punkten sein und eingebracht werden dürfen?  

Rabe: Man kann nicht überall durchfallen. Es gibt klare Belegaufgaben. Wir sollten uns zudem nicht an einzelnen Regelungen aufhalten, sondern müssen das Abitur als Ganzes betrachten. Ich habe den Eindruck, dass die Kultusminister jetzt daran arbeiten wollen, den Anspruch des Abiturs zu sichern. Ich finde aber auch, dass das Abitur in Deutschland durchaus anspruchsvoll ist. Als ich 1979 Abitur gemacht habe, gab es viel weniger Belegauflagen, Englisch und Mathematik hatten eine deutlich geringere Bedeutung als heute. Wir sollten deshalb nicht so tun, als ob das Abitur heute viel leichter sei. Im Vergleich zu früheren Regelungen stellen wir fest: Unser Abitur ist doch ganz ordentlich!  

PROFIL: Aus Sicht des DPhV sollte dieser „negative Anreiz“ entweder ganz herausgenommen werden oder auf maximal zehn Prozent, also vier Kurse, heruntergesetzt werden. Was gilt in Hamburg und wie schätzen Sie als Sprecher der SPD-geführten Länder die Umsetzung dieser DPhV-Forderungen auf der KMK-Ebene ein?  

Rabe: Die KMK muss zwischen zahlreichen gegensätzlichen Verbandsforderungen abwägen. Der eine Verband fordert das, der andere jenes – das ist für uns eher das Problem, als dass wir selbst nicht in der Lage wären, zu einem Konsens zu kommen. Ein Beispiel: Wir in Hamburg haben vor Kurzem in unserem Parlament parteiübergreifend eine Verpflichtung zur Einbringung von 40 Kursen festgelegt. Das wird jetzt im Lichte des Einigungsprozesses der Kultusministerkonferenz noch einmal neu betrachtet. Aufgrund dieses 40er Beschlusses gibt es in zahlreichen Hamburger Verbänden einen Sturm der Entrüstung. Befürworter haben sich noch nicht gemeldet. Es wäre schön, wenn sich alle am öffentlichen Diskurs beteiligen und nicht immer nur die jeweiligen Gegner.

PROFIL: Glauben Sie in Hamburg ist wirklich so viel Unterricht ausgefallen, wie viele befürchten? 

Ties Rabe: Dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Bei einigen Schülerinnen und Schülern führt der Digitalunterricht zu Hause vielleicht sogar zu einem intensiveren Lernen, bei anderen hinterlässt die Abwesenheit der unterstützenden Lehrkraft tiefe Defizite. Man sollte nicht nur die Lernzeit abwägen, sondern auch die Lernintensität betrachten. Jüngere Schülerinnen und Schüler, die es noch nicht gelernt haben, alleine zu lernen, werden sicher größere extreme Lernrückstände haben. Ich bin mir auch sicher, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler während der Pandemie in ihrer sozialen Entwicklung zurückgeblieben sind. Schule ist ja nicht nur für Bildungspläne und binomische Formeln gut, sondern prägt junge Menschen auch durch die sozialen Kontakte.  

PROFIL: Warum werden in Hamburg Lehrkräfte an weiterführenden Schulen noch nicht geimpft? 

Rabe: Wer wann geimpft wird, entscheidet die Bundesregierung mit einer Richtlinie. Danach müssen sich alle Länder richten. Einzelne Länder tun das nicht und machen einfach ihre eigenen Vorschriften, obwohl sie das gar nicht dürfen. Das ist nicht nur rechtlich anfechtbar, sondern zerstört auch die Akzeptanz unserer Corona-Politik, wenn bei jeder Regelung ein Bundesland aus der Reihe tanzt. Ich wundere mich, dass ausgerechnet der Philologenverband eine derartige Regelverletzung von weiteren Bundesländern einfordert und zugleich bei jeder Gelegenheit einheitliche Regeln für alle Bundesländer fordert. Ja, was denn nun? Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass Verbände Politiker auffordern, gegen geltendes Recht zu verstoßen. Das wäre ja so, als würde ich Schulen auffordern, im künftigen Abitur die Kernfächer wegzulassen oder nur noch 14 Punkte zu vergeben. Das ist falsch. Wir brauchen bundeseinheitliche Regeln.

PROFIL: Also sollen Lehrkräfte an weiterführenden Schulen lieber nicht geimpft werden?  

Rabe: Doch. Wir brauchen in der Tat eine Impfmöglichkeit für Lehrkräfte an weiterführenden Schulen, aber das geht nur, wenn die Bundesimpfordnung dementsprechend geändert wird.  

PROFIL: Die Beförderungskultur in Hamburg ist einseitig an Funktionen gekoppelt. Bayern dagegen befördert nach einem gestuften Verfahren alle Lehrkräfte an Gymnasien. Wie wollen Sie Fairness in der Beförderungskultur in Hamburg umsetzen?   

Rabe: Wer seine Aufgabe als Lehrkraft ernsthaft wahrnimmt, wird für diese Aufgabe vernünftig bezahlt und je nach seiner Berufserfahrung vernünftig eingestuft. Wer darüber hinaus zusätzliche Aufgaben für seine Schule wahrnimmt, der wird zu Recht in eine höhere Gehaltsstufe befördert. Das ist aber davon abhängig, dass man mehr als die normale Lehrkraft tut. So halten wir das in Hamburg seit 20 Jahren, egal welche politische Farbe die Regierung gerade hat.  

PROFIL: Der Föderalismus hat während der Corona-Krise durchaus Schaden erlitten, z.B. durch die Diskussion um die bundeseinheitliche Notbremse. Wie fördern Sie als Kultusminister die Akzeptanz des föderalen Bildungssystems in Deutschland?   

Rabe: Es ist schade, dass sich die Kultusminister nicht noch klarer auf verbindliche Grenzwerte einigen konnten. Umgekehrt aber haben die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin sich auch nicht auf solche Grenzwerte verständigen können. Das hat nicht nur mit dem Eigensinn der Beteiligten zu tun, sondern auch damit, dass die Infektionslage und auch die Interessenslage in Bezug auf die Schulen in den einzelnen Bundesländern extrem unterschiedlich ist. Die eine Gruppe jubelt über jede Schulöffnung, die andere begleitet jede Öffnung mit wütender Kritik. Das macht es nicht einfach, eine bundeseinheitliche Regelung zu finden.   

PROFIL: Das heißt, wir brauchen mehr Föderalismus oder weniger Föderalismus?  

Ties Rabe: Wir brauchen vor allem eine sachliche Diskussion über den Föderalismus. Die Unterschiedlichkeit wird oft pauschal kritisiert nach dem Motto: „Das ist ja ein Riesendurcheinander. Das versteht ja kein Mensch.“ Aber Föderalismus ist kein Riesendurcheinander. Jede Hamburgerin und jeder Hamburger weiß sehr genau, wann derzeit die Schulen geöffnet sind und welche Regeln momentan gelten. Und das gilt natürlich auch für die anderen Länder.

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