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Susanne Lin-Klitzing im Interview mit News4teachers

News4teachers: Wissenschaftspropädeutik gehört zu den zentralen Aufgaben der Gymnasien. Wie beurteilen Sie als oberste Repräsentantin der gymnasialen Lehrerschaft den Umgang der Kultusministerien mit der Wissenschaft während der Corona-Krise?

Lin-Klitzing: Wissenschaftspropädeutik liegt uns als Philologen am Herzen, weil die Wissenschaftspropädeutik neben der Vermittlung von vertiefter Allgemeinbildung und der allgemeinen Studierfähigkeit eine der Kernaufgaben der gymnasialen Oberstufe ist. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, dass es verschiedene Zugangsweisen zur Welt gibt, die gegenseitig nicht ersetzbar sind. Das heißt, nicht die naturwissenschaftliche Perspektive ist per se wissenschaftlicher oder wichtiger als die sozialwissenschaftliche oder die gesellschaftswissenschaftliche, sondern die Erkenntnisse und Ergebnisse der verschiedenen disziplinären Zugänge müssen je für sich wissenschaftlich-methodisch nachprüfbar sein, können sich aber gegenseitig nicht ersetzen.

Gerade auch in der Pandemiezeit muss zudem für politische Entscheidungen die Vorläufigkeit der jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisse sorgsam reflektiert werden. Und selbstverständlich kann die Wissenschaft politische Entscheidungsfindungen nicht ersetzen, denn Wissenschaft an sich hat ja kein politisches Mandat. Politische Entscheidungsträger, hier die Kultusministerinnen und Kultusminister, müssen auf dem Hintergrund dieser – gerade in der Pandemie – komplexen Ausgangssituation, zu gut begründeten und nachvollziehbaren Entscheidungen kommen. Das ist eine schwierige Aufgabe.

News4teachers: … die im wissenschaftlichen Verständnis nicht immer gut gelöst wurde.

Lin-Klitzing: Für uns als Lehrergewerkschaft, die in dieser Pandemie in der Regel häufig erst mit den getroffenen politischen Entscheidungen konfrontiert wurde, entstand der Eindruck, dass eher politische „Mantren“ ausgegeben wurden, die zudem noch widersprüchlich waren, so zum Beispiel: „Die Schulen müssen offenbleiben.“ „Die Schulen sind sicher.“ Das galt bis zwei Tage vor den Weihnachtsferien. Dann wurden die Schulen doch vorzeitig geschlossen. Oder: „Die Kultusminister kämpfen um jede Unterrichtsstunde.“ Wir hatten jedoch den Eindruck, die vorausschauende Planung für guten Unterricht war weniger wichtig, als vor allem die Schule als Betreuungsort zu sichern. Denn in diesem Sinne hatten die Kultusminister in ihrer neuen Ländervereinbarung, die sie auf der KMK-Sitzung im Oktober 2020 verabschiedet hatten, die Lehrerkompetenz des „Beurteilens“ in den Lehrerbildungsstandards bereits durch die Lehrerkompetenz des „Betreuens“ ersetzt, was das ausgegebene „Mantra“, sie kämpften um jede Unterrichtsstunde, nicht glaubhafter machte. An diesen ausgegebenen „Mantren“ stört uns also vielerlei.

Mit „Die Schulen müssen offenbleiben“ wurde zudem suggeriert, dass die Schulen komplett geschlossen gewesen wären. Das ist nicht der Fall. Denn: Die Schulleitungen waren nahezu durchgängig anwesend, die Notbetreuung existierte, unterschiedliche Jahrgangsstufen, die jüngeren und die älteren in den Abschlussklassen, wurden in Präsenz- bzw. im Wechselunterricht unterrichtet, Prüfungen, die Abschlussprüfungen, die Abiturprüfungen wurden in Gänze in voller Präsenz abgenommen.

 

„Es wurde suggeriert, dass für einen guten Infektions- und Gesundheitsschutz in Schulen gesorgt wurde. Das stimmt ja nicht.“

Die Schulen und ihre Lehrkräfte haben durch die ganze Pandemie hindurch einen beachtenswerten Beitrag geleistet, auch als die Schulen angeblich „geschlossen“ waren. Neben dem vollen Präsenzunterricht, der jenseits der vom Robert-Koch-Institut empfohlenen Inzidenzwerte durchgeführt wurde, werden zudem die durchgeführten Corona-Alternativen zum vollen Präsenzunterricht mit den damit verbundenen Mühen und Früchten der Lehrkräfte und ihrer Schülerinnen und Schüler im Distanz- und Wechselunterricht dann häufig auch zu gering geschätzt.

Mit „Die Schulen sind sicher“ wurde suggeriert, dass seitens der Politik in den Schulen rechtzeitig die Voraussetzungen für einen guten Infektions- und Gesundheitsschutz geschaffen wurden. Aber das stimmt ja nicht. Wie sieht es denn mit der Einhaltung der erweiterten AHA+L-Regeln bei einem vollem Präsenzunterricht oder Wechselunterricht bei Inzidenzzahlen von deutlich über 50, 100, 150 aus? Haben die Lehrkräfte alle von ihrem Dienstherrn ausreichende medizinische Masken bzw. FFP2-Masken gestellt bekommen? Haben zumindest ältere Schüler medizinische Masken von den kommunalen Schulträgern erhalten? Wenn jetzt seitens der Bundeskanzlerin und der Regierungschefs für die Gesellschaft die politische Maßgabe gilt: „Impfen, testen, nachverfolgen, öffnen“, müsste dies für die Schulen ebenso gelten: „Impfen, testen, öffnen“. Wir haben eher den Eindruck, dass die umgekehrte Reihenfolge gilt: öffnen, testen, impfen …

News4teachers: Ein weiteres Mantra lautete, beim Pochen auf den Präsenzunterricht geht es um die schwachen Schüler …

Lin-Klitzing: Die Diskussion, wie gehen wir mit den „schwachen“ Schülerinnen und Schülern in der Corona-Pandemie um, ist wichtig. Wobei ich hinzufüge, es wird einerseits „nach Corona“ im Unterricht vor allem um den herausfordernden Umgang mit einer voraussichtlich stärkeren „Leistungsspreizung“ in den Klassen gehen. Und andererseits wird dabei häufig ignoriert, dass es bei den zu bewältigenden Herausforderungen nicht nur um „lernschwache“ Kinder geht, sondern dass Kinder und Jugendliche mit psychischen Störungen oder sozialen Problemen stärker in den Blick kommen müssen – und das kann nicht allein durch die Schulen geleistet werden. Mein Eindruck ist: Die politisch Verantwortlichen in den Kultus-, Bildungs- und Familienministerien haben sich seit einem Jahr zu sehr auf die stereotype und alternativlos erscheinende Debatte „Schulöffnungen/Schulschließungen: Ja oder Nein?“ fokussiert und zu wenig parallel über begleitende Maßnahmen nachgedacht.

Ein einfaches Beispiel: Wir wissen, dass Mentoring und Coaching für förderbedürftige Kinder und Jugendliche wichtig sind. Wir wissen, dass es bereits Modelle gibt, die empirisch belegt gut funktionieren. Viele Studierende haben in der Pandemie Freiräume, sie sind aufgeschlossen für sinnvolle Aufgaben, ihre Regelstudienzeiten und Prüfungsfristen wurden corona-bedingt verlängert. Wie wäre es denn mit einem Sozialcoaching, einem Telefoncoaching für Kinder und Jugendliche z.B. durch dafür geschulte Studierende? Die Prüfung und Umsetzung einer solchen Idee bedeutete, endlich den Fokus zu weiten, breiter aufgestellte Lösungsansätze für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu denken und an ihrer Umsetzung zu arbeiten, statt sich auf die „Schulen auf – Schulen zu“ – Debatte zu fokussieren, um der Schule und den Lehrkräften die Lösung dieses gesellschaftlichen und sozialen Erziehungs- und Betreuungsproblems aufzubürden.

News4teachers: Wie funktioniert aus Ihrer Sicht der Distanzunterricht?

Lin-Klitzing: Vor fünf Jahren haben die Kultusminister ein Papier verabschiedet: „Bildung in der digitalen Welt“. Das war und ist ein gutes Papier. Darin wurden bereits die diesbezügliche schulische Infrastruktur und die digitale Ausstattung der Schulen thematisiert. Aber es gab keinen Umsetzungsplan. Es fand vor Corona keine entsprechende Umsetzung statt. Wir konnten mit Beginn der Pandemie deshalb nicht so digital aufgestellt sein wie beispielsweise Estland. Dafür können aber nicht nur die Kultusminister etwas, dafür ist auch ein Bundesminister Scheuer mit seiner Zuständigkeit für die digitale Infrastruktur verantwortlich. Der notwendige Schritt vom Papier „Bildung in der digitalen Welt“ hin zur Praxis ist erst durch den von Corona ausgehenden Druck erfolgt. Das kann man politisch besser machen. Und das ist eine Ausgangslage, die jenseits der Verantwortlichkeit der Lehrkräfte liegt.

 

„Beim Distanzunterricht gibt es deutliche, aber noch keine flächendeckend ausreichenden Verbesserungen“

Wie es mit dem Distanzunterricht derzeit aussieht im Vergleich zum März vergangenen Jahres? Es gibt deutliche, aber noch keine flächendeckend ausreichenden Verbesserungen. Das spiegelt sich auch in den Umfragen. Viele Eltern sehen  jetzt, dass die Lehrkräfte nichts dafür konnten bzw. können, wenn es bei den Voraussetzungen für den Distanzunterricht hakt. Für den Wechsel- und den Distanzunterricht haben alle Lehrkräfte ihren Unterricht, ihre Vorbereitungen, ihre Unterrichtsdurchführungen umgestellt.

Bei den digitalen Endgeräten für die Schülerinnen und Schüler gibt es einen deutlichen Fortschritt. Der Deutsche Philologenverband hat als erster Leihcomputer für jede Schülerin und jeden Schüler gefordert. Das hat eingeschlagen. Aber noch nicht gut genug: Häufig kommen diese Endgeräte nicht eingerichtet an den Schulen an. „Digitale Hausmeister“ für den digitalen Support gibt es noch nicht. Also richten die Lehrkräfte die Geräte der Schüler im WLAN ein. Es ist also noch nicht gut genug. Das betrifft insbesondere die digitalen Endgeräte für die Lehrkräfte. In so gut wie keinem Bundesland gibt es bereits digitale Endgeräte, die der Dienstherr für die Dienstgeschäfte der Lehrkräfte zur Verfügung stellt.

Die Verordnungen und Bestellungen dazu sind allerdings auf dem Weg. Nach einer längeren Anlaufzeit. In meinen diesbezüglichen Gesprächen hieß es zu Beginn der Pandemie häufig: „Digitale Endgeräte können sich die Lehrkräfte selber leisten.“ Dem habe ich entgegnet: „Es geht um Dienstgeräte und den entsprechenden Datenschutz. Wer erwartet denn von einem Finanzbeamten, dass er in den MediaMarkt geht, sich dort einen Laptop für die Dienstgeschäfte kauft, um anschließend von seiner privaten Emailadresse dienstliche Nachrichten zu verschicken?“

Auch hier gilt: Ja, es gibt einen Fortschritt, das Geld ist bereitgestellt, dementsprechende Verordnungen werden langsam auf den Weg gebracht. Bis dato arbeiten die meisten Lehrkräfte für den schulischen Unterricht mit ihren privaten Geräten und häufig erfolgreicher aus ihrem privaten WLAN als aus dem ihrer Schule. Dies führt aktuell mancherorts zu dem Problem, dass durch die Anwesenheit der Lehrkräfte in den Schulen für den Unterricht für bestimmte Gruppen von Schülern in der Schule der parallele digital unterstützte Unterricht für die Schülerinnen und Schüler Zuhause schlechter funktioniert, weil das WLAN an der Schule schlechter ist und zeitliche Überschneidungen für die Lehrkräfte entstehen. Da ist also das Ende der Fahnenstange noch längst nicht erreicht.

News4teachers: Wie ist die Perspektive für den digitalen Unterricht nach Corona – hat der sich dann wieder erledigt?

Lin-Klitzing: Die Perspektive muss ein auch digital unterstützter Präsenzunterricht sein. Und den gibt es nicht zum Nulltarif. Und zwar weder zum Nulltarif in Bezug auf die Arbeitszeit der Lehrkräfte – noch zum Nulltarif in Bezug auf Investitionen für geeignete digitale Lehr- und Lernmittel. Corona-bedingt wird Unterricht komplett oder in Teilen durch digitale Medien unterstützt durchgeführt. Das bedeutet eine andere Vorbereitung, eine andere Durchführung und eine andere Nachbereitung des Unterrichts. Lehrkräfte wenden dafür mehr Zeit auf – sie bräuchten dafür digitale Unterstützung, zeitliche Entlastung, weniger Unterrichtsstunden. Das ist nicht der Fall.

Und Deutschland muss seine länderübergreifende Konzeptionslosigkeit, was Lehrerfortbildung anlangt, endlich beenden. Hier sollten das BMBF und die Länder kontinuierlich besser zusammen arbeiten. Wir hatten einmal für die Mathematik und Naturwissenschaften mit „Sinus“ eine sehr gute Initiative des Bundesbildungsministeriums, die langfristig angelegt und wissenschaftlich begleitet war, in der es darum ging, dass der Input aus der Lehrerfortbildung bei der Umsetzung in die Praxis begleitet wurde, bei der die Lehrer nicht alleingelassen wurden. Praktiker und Forscher auf Augenhöhe für die konkrete fachliche Umsetzung im Unterricht.

Solche klugen Lehrerfortbildungskonzeptionen brauchen wir für weitere Fächer und vor allem dauerhaft und nicht nur als Projekt – und dafür benötigen wir neben materiellen auch zeitliche Ressourcen. Aktuell ist es so, dass es in vielen Ländern Probleme mit notwendigen Freistellungen für Fortbildungen gibt, eben weil sie digital verlaufen. Vormals musste man für Fortbildungen auch den Ort wechseln. Man konnte nicht parallel anwesend sein. So gab es auch Freistellungen für Fortbildungen. Das ist in Zeiten der Digitalisierung – auch die Fortbildung läuft ja jetzt aus der Distanz – tatsächlich zum echten Problem geworden. Die „Anwesenheit“ an parallelen digitalen „Veranstaltungen“ wird selbstverständlich. Das kann nicht sein.

Alles in allem gilt: Wenn wir aus der Corona-Krise irgendwann herausgekommen sein werden, dann ist das Thema des digital unterstützten Unterrichts noch lange nicht vorbei – dann fängt die kluge Reflexion darüber, heraus aus dem akuten Handlungsdruck, gerade erst an.

 

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek führte das Gespräch.

Das Interview finden Sie auch auf news4teachers.de:

https://www.news4teachers.de/2021/04/die-perspektive-muss-ein-auch-digital-unterstuetzter-praesenzunterricht-sein-und-den-gibt-es-nicht-zum-nulltarif/

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