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Prof. Dr. Peter-André Alt, Vorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz: “Präsenz ist unabdingbar für eine intensive Lernsituation”

Im Interview mit PROFIL erklärt Herr Prof. Alt, wo im Abitur nie Abstriche gemacht werden dürfen und welche virtuellen Fortschritte auch nach der Pandemie Zukunft haben

Von Karolina Pajdak

PROFIL: Herr Prof. Alt, die Corona-Pandemie hat bereits das Abitur 2020 überschattet, sie wird auch das diesjährige Abitur zeichnen. Wie werden sich diese Prüfungsjahrgänge von denen davor unterscheiden?

Prof. Dr. Peter-André Alt: Pauschal kann ich das nicht beantworten. Wir haben sehr unterschiedliche Situationen, die noch nicht einmal vom Gefälle der Länder, sondern schon von der Heterogenität der einzelnen Schulen abhängen. Es geht damit los, dass manchen Schulen der Umstieg in die digitale Lehre gut gelungen ist dank ordentlicher Infrastruktur und kompetenter Lehrkräfte. Andere Schulen haben Anträge aus dem Digitalisierungsprogramm gestellt, die von den Landesverwaltungen mancherorts nicht weitergeleitet worden sind, was dazu beitrug, dass nur ein Bruchteil der Mittel abgerufen wurde. Da fehlt es an Ausstattung, dementsprechend ist natürlich auch die Qualität der Lehre bei allen Bemühungen schlechter. Daraus resultiert ein sehr heterogenes Gesamtbild. Es gibt weniger Defizite in dem, was gelernt worden ist, als in dem, wie stabil es verfügbar ist. Damit meine ich notwendige Überprüfungen der Lernfortschritte im Präsenzunterricht, die ausgefallen sind; und natürlich haben sich dann einzelne Schülerinnen und Schüler auch weniger intensiv mit bestimmten Themen befasst, vielleicht weil sie auch häuslich nicht unterstützt wurden.

PROFIL: Werden die Abiturjahrgänge 2020 und 2021 an den Universitäten genauso studierfähig sein wie der Jahrgang 2019?

Herr Prof. Alt: Grundsätzlich schon. Junge Menschen sind in hohem Maße lernfähig. Wir wissen an den Hochschulen schon lange, dass es in vielen Fällen an Fertigkeiten in der Mathematik, die ein Schlüsselfach ist für zentrale Bereiche der Sozialwissenschaften, alle Natur- und Technikwissenschaften, hapert. Die Mathematik ist ein Universalfach, an dem sehr viel hängt in Sachen Studierfähigkeit. Die Hochschulen haben die Mathematik-Mängel erkannt und bieten vor Studienbeginn und in der vorlesungsfreien Zeit Brückenkurse an. Das wird in Zukunft noch wichtiger als in früheren Jahrgängen sein.

PROFIL: Aus welchem Bundesland kommen die „besten“ Studierenden?

Herr Prof. Alt: Wir können ein Süd-Nord-Gefälle nicht leugnen. Es hat aber auch viel mit dem Umfeld zu tun. Etliche Schulen haben das Problem, dass Schülerinnen und Schüler von zu Hause weniger unterstützt werden. Es gibt keine Bundesländer, die ganz schlecht und keine, die ganz überragend sind. Es gibt auch kein Ost-West-Gefälle. Sachsen liefert beispielsweise sehr hohe Qualität bei den Abiturientinnen und Abiturienten, andere östliche Bundesländer hinken da hinterher.

PROFIL: Was macht Sachsen besser als Thüringen?

Herr Prof. Alt: Wenn man das wissenschaftlich untersuchen will, wäre sicherlich eine Mehrebenenanalyse erforderlich. Dazu gehört auch die Untersuchung der komplexen sozialen Faktoren – ähnlich wie die PISA-Studie 2015 sie vornahm, als sie für 15-Jährige den Zusammenhang zwischen sozialer Integration, familiären Konstellationen, Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern usw. einerseits und dem schulischen Erfolg andererseits beleuchtetet. Da spielt auch die Lehrerbildung und die Frage, inwieweit dort auf solche Aspekte vorbereitet wird, eine Rolle. Ich glaube, dass man diese Faktoren in ihrer ganzen Komplexität berücksichtigen muss.

PROFIL: Der Begriff „Not-Abitur“ hat bereits für viel Ärger gesorgt. Welche fachlichen Anforderungen beim Abitur müssen unter allen Umständen beibehalten werden?

Herr Prof. Alt: Wir haben einen langen und schwierigen Weg zu einer stärkeren Zentralisierung der Abiturleistungen hinter uns. Dieser Weg ist noch nicht beendet. Wir haben immer noch kein wirkliches Zentralabitur, aber einen Pool an Aufgaben, der von den Ländern sehr flexibel genutzt werden kann. Länder können die Aufgaben aus dem Pool zu 100 Prozent übernehmen, sie können sie aber auch mit eigenen Gewichtungen ergänzen, so dass dann auch schon wieder eine sehr große Disparität da ist. Ich glaube, dass wir uns an diesem Leitfaden orientieren müssen und dass die entsprechenden Fertigkeiten in der Mathematik und im Fach Deutsch, in Englisch und in einer Naturwissenschaft auf dem Standard bleiben müssen, den wir festgelegt haben. Dort gibt es keine Abstriche. Was ich aber zugestehen würde ist, dass Lehrerinnen und Lehrer stärker als das in anderen Jahren der Fall war, mit Rücksicht auf die Lernsituation bei der Bewertung etwas großzügiger verfahren. Das heißt aber nicht, dass wir ein Not-Abitur fahren, sondern dass es eine faire Relation zwischen dem, was vermittelt worden und dem, was abgeprüft worden ist, gibt.

PROFIL: Wie vergleichbar darf das Abitur werden?

Herr Prof. Alt: Das kommt immer darauf an, welches Ideal einem vorschwebt. Die einen sagen, wir können nur vergleichen, wenn wir gleiche Bedingungen haben, und die haben wir nicht. Die anderen sagen, wenn man das Abitur als Zugang zur Hochschule betrachtet, dann brauchen wir auch fundamental vergleichbare Leistungen. Ich finde die erste Position nachvollziehbar, weil vor der Vergleichbarkeit erst einmal die Angleichung der Lernbedingungen steht. Dazu gehört auch eine umfassende Betreuung derjenigen, die zu Hause schlechtere Unterstützungsmöglichkeiten vorfinden.

PROFIL: Die Pandemie dauert seit mehr als einem Jahr an. Wie sind die Universitäten bisher durch diese Krise gekommen?

Herr Prof. AltAlles in allem gut. Sie haben in technischer, organisatorischer und administrativer Hinsicht Enormes geleistet. Das hätte man so vor mehr als einem Jahr nicht erwartet. Mittlerweile werden mehr als 90 Prozent der Veranstaltungen digital angeboten. Natürlich hapert es da und dort auch mal, aber es gab keine größeren Desaster und Pannen. Dafür verdienen die Hochschulen große Anerkennung. Wichtig ist auch, dass die Semester nicht verloren waren. Das hätte man anfangs auch nicht so erwartet. Es ist gut, dass die Länder festgelegt haben, dass die Regelstudienzeit verlängert wird, damit kein übermäßiger Druck auf denen lastet, die sozial oder medizinisch bedingt oder auch wegen unzureichender Internetzugänge ein Semester nicht voll nutzen konnten. Die BAföG-Berechtigung wird verlängert, es gerät nicht gleich die gesamte Lebensplanung durcheinander, wenn man weniger Prüfungen ablegen konnte. Das digitale Angebot der Hochschulen ist ausreichend, um annähernd einen Normalbetrieb zu bieten, trotzdem wird klar: Präsenz ist unabdingbar für eine intensive Lernsituation. Das Virtuelle kann den persönlichen Kontakt nie ersetzen.

PROFIL: Wird es nach der Pandemie wie vor der Pandemie?

Herr Prof. Alt: Ich hoffe, dass die positiven Effekte bleiben und dass digitale Elemente in der Lehre eine stärkere Rolle spielen werden. Das Fundament der Lehre wird immer die Präsenzkultur bleiben, aber ich kann mir virtuell viel vorstellen. Zum Beispiel können Vorlesungen zu den für die Studierenden individuell passenden Uhrzeiten verfügbar werden. Wer morgens nicht in die Gänge kommt, muss nicht Punkt 8 Uhr in der Vorlesung Zivilrecht I sitzen, sondern kann diese auch am Abend streamen, wenn die intellektuelle Aufnahmefähigkeit größer ist.

Die Hochschullehre hat immer darunter gelitten, dass sie von einer Fiktion der Einheitlichkeit ausging, der Einheitlichkeit der Lernvoraussetzungen und der Lernstrukturen. Diese Einheitlichkeit gibt es aber nicht. Jedes Individuum ist anders. Die virtuelle Lehre kann einen stärkeren Beitrag zur Berücksichtigung dieser individuellen Kapazitäten leisten. Das gilt für Vorlesungen, kann aber auch für Seminare und Übungen gelten. Lehre wird künftig abwechslungsreicher, variabler und dadurch besser.

PROFIL: Wie finden die Hochschulen zurück in den Präsenzbetrieb? Vor jedem Seminar ein Schnelltest?

Herr Prof. Alt: Testkonzepte für bestimmte Studienveranstaltungen, die anders nicht machbar sind, muss man vorsichtig erproben. Ich halte die hohen Erwartungen in Bezug auf einen generellen Testeinsatz aber für problematisch. Großveranstaltungen – egal, ob in der Hochschule oder im Theater – sind nicht auf der Basis von Tests durchführbar. Für die Hochschulen wäre das ein logistischer Aufwand, wie sie ihn nie und nimmer leisten könnten. Die Basis sind Impfungen. Für die Studierenden ist das natürlich problematisch, denn sie erhalten als junge Menschen gemäß der Prioritätenliste eine Impfung erst relativ spät. Ich setze auf das Herbst-/Wintersemester 2021/22.

PROFIL: Wurden die Hochschulen in der politischen Diskussion vernachlässigt?

Herr Prof. Alt: Einige sagen, wir hätten lauter sein müssen. Tatsächlich sind die Hochschulen sehr effektiv im Krisenmanagement gewesen. Diese Effektivität hat vielleicht den Eindruck erweckt, dass wir keine Unterstützung brauchen. Das ist auf der einen Seite problematisch, weil Erfolg damit bestraft wird, auf der anderen Seite kann ich das aber nachvollziehen. Wir sind in der Lage, uns selbst zu organisieren. Wir sind uns jedoch sehr bewusst, dass unsere Studierenden unter den Folgen der Pandemie psychosozial und ökonomisch leiden. Wir müssen sie sozial mehr unterstützen und in diesem Punkt hätte ich mir tatsächlich mehr und schnellere Hilfe aus der Politik gewünscht. Es ist gut, dass die Überbrückungshilfen des BMBF weiterlaufen, denn viele Studierenden haben ihre Jobs aufgrund der Pandemie verloren. Im künftigen BAföG-System brauchen wir eine Notfallkomponente, damit man nicht erst wochenlang diskutiert, wie man jemandem hilft, sondern sofort unterstützen kann. Hier ist auch die Hochschulrektorenkonferenz in der Pflicht. Hier müssen wir mehr politischen Druck ausüben.

Peter-André Alt war bis 2018 Präsident der FU Berlin. Den Hochschulen attestiert er ein effektives Krisenmanagement in der Pandemie
Peter-André Alt war bis 2018 Präsident der FU Berlin. Den Hochschulen attestiert er ein effektives Krisenmanagement in der Pandemie (Foto-Credit: HRK/David Ausserhofer)

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