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Unterrichten in der Pandemie: Große Herausforderungen für angehende Lehrkräfte

   

Die Verunsicherung durch die Pandemie, eine hohe Arbeitsbelastung und eine mangelnde Ausstattung der Schulen stellen Lehrkräfte immer wieder vor neue Herausforderungen. Besonders für angehende Lehrerinnen und Lehrer sind die Zeiten schwierig, da der unterrichtspraktische Anteil des Referendariats in der Pandemie meist wegfällt. Gleichzeitig schafft das digitale Unterrichten neue Wege und Möglichkeiten, den Lernalltag zu gestalten. Im t@cker berichten die Jugendvorsitzenden der Lehrkräfte-Gewerkschaften im dbb Susann Meyer (Junger VBE), Georg C. Hoffmann (Junge Philologen) und Saskia Tittgen (VDR jugend) von ihren Erfahrungen während der Pandemie.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Lehrkräfte seit Beginn der Pandemie?

Saskia Tittgen: Die Lehrkräfte an Real- und Sekundarschulen sind vor dem Hintergrund der zunehmenden Heterogenität der Schülerschaft in den letzten Jahren immens gefordert. Die Differenzierungsvielfalt der Schülerschaft setzt eine entsprechende Unterrichtsvorbereitung voraus; die Unterrichtswirklichkeit hat sich gleichermaßen verändert. Die Corona-Pandemie potenziert meiner Meinung nach die Herausforderungen, weil die unterschiedlichen Lernbedingungen und Ausstattungsvoraussetzungen die Bildungsschere innerhalb der Schülerschaft noch weiter auseinanderklaffen lässt. Individuelle Förderung – ob im Distanz-, Wechsel- oder Präsenzunterricht nimmt übermäßig Zeit und Geduld in Anspruch und verlangt enormes Einfühlungsvermögen. Die Politik nimmt diesen Mehraufwand nicht angemessen wahr. Zumindest gibt es immer noch Widerstände, vermeintlich aus fiskalischen Gründen, den berechtigten Forderungen nach kleineren Klassen und günstigeren Rahmenbedingungen zu entsprechen. Besonders wichtig wäre eine positive Reputation des Lehrerberufs in der Gesellschaft, eine Beibehaltung bzw. bundesweite Einführung des Beamtenstatus für Lehrkräfte und eine nachhaltige Personalpolitik in den Ländern, um Bildung zukunftsfähig zu machen.

 

Susann Meyer: Die Zeit der Pandemie ist für viele Menschen nicht leicht. Besonders angehende Lehrkräfte stehen vor der Herausforderung, dass auch noch Integration, Inklusion, Digitalisierung und Lehrkräftemangel bestritten werden wollen und müssen. Dies aber in einem Ausmaß, welches an Universitäten kaum gelehrt wurde. Während sich ältere Lehrkräfte bereits mit Themen der Selbstfindung im Lehrberuf auseinandergesetzt haben und langsam in die Rolle des Lehrenden gewachsen sind, rutschen angehenden Lehrkräfte in einem hohen Tempo in ein neues Normal. Neue Erfahrungen, alltägliche Routinen und erwartete, lehrbuchähnliche Situationen sind kaum erfahrbar. Oft muss sich viel zu schnell angepasst werden, ohne dabei großartig nachdenken zu können. Diese Herausforderung ist immens hoch und darf nicht ohne Kraftreserven und Unterstützung gemeistert werden. Es gilt auf die eigene Gesundheit zu achten.

Georg C. Hoffmann: Die Arbeitsbelastung und Verunsicherung aufgrund der aktuellen Ausbildungssituation sind enorm. Gerade durch den zweiten Lockdown verschlimmert sich diese für die Referendarinnen und Referendare erneut. Mit dem Wegfall der unterrichtspraktischen Anteile des Referendariats fehlen wichtige Grundlagen des Vorbereitungsdienstes, welche für den späteren Berufsalltag essenziell sind. Zwar gibt es verschiedene Konzepte, um die fehlenden unterrichtspraktischen Anteile mithilfe von Videokonferenzen, Prüfungsgesprächen oder digital konzipierten Seminarveranstaltungen zu kompensieren, allerdings sind die unterrichtspraktischen Erfahrungen als Kernelement des Referendariats unersetzbar. Auch in der Phase des Präsenzunterrichts war und ist der Umfang der Lehrerausbildung durch die Maßnahmen zur Einhaltung des Hygiene- und Infektionsschutzes stark eingeschränkt. Methodenvielfalt und wechselnde Sozialformen, das Aufsuchen außerschulischer Lernorte sowie Klassen- oder Kursfahrten sind nicht möglich. Der Präsenzunterricht ist dadurch geprägt von Monotonie. Auf diese Weise erhalten die Referendarinnen und Referendare höchstens eine eingeschränkte Vorbereitung auf den späteren beruflichen Alltag. Unter diesen Bedingungen werden die in der Prüfungsordnung festgelegten Ziele des Vorbereitungsdienstes für Lehrkräfte nicht erreicht und die Qualität der Ausbildung ist akut gefährdet. Dabei herrscht in Deutschland weiterhin ein Mangel an Lehrkräften. Neue gut ausgebildete Lehrkräfte werden dringend benötigt.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit dem Unterrichten auf Distanz und den digitalen Lernplattformen gemacht?

Saskia Tittgen: Die Realschule ist eine Schulart, die seit jeher realistisch, praxisnah und mit einer fundierten theoretischen Grundlage arbeitet. Für mich persönlich sind es weitgehend neue Erfahrungen. Noch nie vorher waren wir mit unseren Schülerinnen und Schülern nur auf Distanz verbunden. In der Pandemie gibt es bei hohen Inzidenzzahlen aber keine Alternative zum „Fernunterricht“. Gesundheitsschutz sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für Lehrerinnen und Lehrer hat Vorrang vor den risikoreichen Varianten der Beschulung. Das haben die Kultusbehörden, wenn auch spät und nicht alle, feststellen müssen.
Ich habe in den letzten Monaten deutlich gespürt, welch hohen Stellenwert das Lernen in der Gemeinschaft besitzt. Die Kinder und Jugendlichen freuen sich nicht mehr auf unterrichtsfreie Tage, sondern auf Schule. Der Begriff „Distanzunterricht“ misshagt mir eigentlich, weil wir immer die Nähe zur Schülerin und zum Schüler gesucht und trotz „Monitorkontakt“ gefunden haben. Wer diesen Unterricht beobachtet, kann dies bestätigen.

Georg C. Hoffmann: Wenngleich es im Zweiten Lockdown insgesamt besser lief, stellte die Schließung sämtlicher Schulen die Lehrerinnen und Lehrer vor viele Herausforderungen. Gemeinsam haben wir nach Wegen gesucht, die Unterrichtsinhalte auch weiterhin pädagogisch sinnvoll zu vermitteln. Einige Schulen verfügen über Lernplattformen oder Cloud – basierte Lösungen. Hierbei ist ein Austausch von Arbeitsmaterialien und Lösungen, sowie eine Rückmeldung zu den Schülerarbeiten möglich. Die Kommunikation läuft per Videocall, Messenger, E-mail oder Telefon. Diverse weitere Tools und Apps bieten die Möglichkeit den Unterricht in digitaler Form fortzuführen. Dabei zeigten sich mitunter jedoch auch schon große Sicherheitsmängel, welche beispielsweise strafrechtlich relevante Störungen von Videokonferenzen durch externe Personengruppen zur Folge haben. Die Server waren oftmals durch die Zugriffszahlen überlastet und Kapazitäten konnten nur schrittweise erhöht werden. Vieles ist von der häuslichen Situation abhängig. Nicht alle haben einen dauerhaften Zugang zu digitalen Endgeräten oder eine stabile und ausreichende Breitbandverbindung. Wer Zuhause wenig oder keine Unterstützung erhält, hat teilweise massive Schwierigkeiten und wird abgehängt. Zwar gibt es verschiedene Unterstützungsangebote, diese reichen aber bei weitem nicht aus. Hier besteht also noch dringender Handlungs- und Unterstützungsbedarf. Im bisherigen Austausch mit den Schülerinnen und Schülern wird deutlich, dass sich die anfängliche Euphorie über die alternativen Unterrichtsformen schnell abgenutzt hat. Schule ist für alle eben einfach unendlich viel mehr als ein Austausch am Bildschirm und das Bearbeiten von Materialien. Enttäuscht sind viele Kolleginnen und Kollegen vom Krisenmanagement der Ministerien. Insgesamt fehlt es an einer verlässlichen vorausschauenden Planung mit konkreten und transparenten Rahmenbedingungen für das Lernen auf Distanz und der stufenweisen Rückkehr zum Präsenzunterricht.

 

Werden die Leistungen der Lehrkräfte seit dem „Homeschooling“ von Eltern mehr wertgeschätzt?

Susann Meyer: Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Eltern uns Lehrkräfte zum Teil sehr zu schätzen gelernt haben. Insbesondere Eltern, die beruflich stark eingebunden sind, müssen noch immer einen großen Spagat im Alltag leisten. Ich habe aber auch aus Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen herausgehört, dass es einen großen Teil unruhigerer Eltern gibt, die nicht nur aus der Not der Berufstätigkeit heraus, Schwierigkeiten haben, Betreuung und Lernen zu vereinen. Die Zeit des Lernens am heimischen Schreibtisch ist für niemanden leicht. Besonders Kinder und Jugendliche, die intensiv im Förderbereich Unterstützung benötigen, kommen dabei viel zu kurz. Ein Zustand, der für Eltern und Kinder eine derartige Zerreißprobe darstellt, ist nicht einfach abzutun und geht auch nicht spurlos an der Klassenlehrerin oder dem Klassenlehrer vorbei.

Saskia Tittgen: Ich stelle fest, dass dadurch immer mehr Eltern die Professionalität der Lehrkräfte wertschätzen. Sie erkennen, dass Unterrichten und Lehren kein bloßes „Sich hinstellen und klug Reden“ ist, sondern tatsächlich methodisch und vor allem pädagogisch den Lehrkräften viel abverlangt. Motivation, Durchhaltevermögen und Konzentration kommen nicht von selbst, sondern werden häufig nur durch den enormen Einsatz der Lehrenden erreicht. Diese Erkenntnis ist ein erfreulicher Begleiteffekt einer nicht wünschenswerten Dauersituation. Im vergangenen Jahr und noch immer haben sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrkräfte und die Eltern Hervorragendes geleistet.

 

Welche Chancen und Möglichkeiten eröffnet die Digitalisierung der Schulen?

Georg C. Hoffmann: Im Kontext projektorientierten Unterrichts eröffnen sich durch die Digitalisierung neue Wege. Im Hinblick auf Kollaboration und Kommunikation zwischen Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler bieten sich neue Möglichkeiten. Abläufe bei Schulverwaltungsaufgaben und der Dokumentation könnten vereinfacht und beschleunigt werden. Es braucht aber klare Vorgaben dazu, was Schülerinnen und Schülerin der Auseinandersetzung mit digitalen Medien lernen sollen. Ein kritisch reflektierter Umgang mit digitalen Medien ist ein elementarer Bestandteil zeitgemäßer Bildung, um Schülerinnen und Schüler auch zu mündigen und souveränen Bürgerinnen und Bürgern in der digitalen Welt zu erziehen. Dazu gehört auch die Qualität von Wissen und Meinungen im Kontext einer Informationskritik stärker als bisher in den Blick zu nehmen.

 

Laut der internationalen Vergleichsstudie Icils von 2019 gaben 91 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Dänemark an, dass sie jeden Tag digitale Medien im Unterricht nutzen. In Deutschland waren es vier Prozent. Wie steht es um die digitale Ausstattung an den Schulen? Ist die Pandemie ein Digitalisierungsbeschleuniger?

Georg C. Hoffmann: Betrachtet man die deutsche Schullandschaft, so wird sofort klar, dass es nicht ausschließlich an einer digitalen Ausstattung der Schulen hapert. Lehrkräftemangel, sanierungsbedürftige Schulgebäude sowie verdreckte oder nicht funktionsfähige Toiletten sind nur einige Beispiele. Insgesamt gibt es einen großen Investitionsbedarf, um hier den Anschluss an die führenden Industrienationen nicht zu verlieren. Ein umfassendes Förderpaket für den Bildungsbereich und eine Entbürokratisierung und Beschleunigung der Beantragungsabläufe von Fördermitteln sind daher notwendig.

Susann Meyer: Seit 2019 hat sich Vieles getan und sich ebenso stetig weiterentwickelt. Es gab aber auch bereits vor der Pandemie viele Initiativen seitens Lehrkräften und Schuleiterinnen und Schulleitern. Eingerichtete iPad-Klassen, Weiterbildungen zu digitalen Tools und breitgefächerte Möglichkeiten des digitalen Unterrichts, waren nur einige Beispiele des Fortschrittes. Die Ausstattungen an Schulen, die es bis zur Durchsetzung der heutigen digitalen Möglichkeiten gab, waren meist aber nur an einzelnen Schulen zu finden, die ein erhöhtes Interesse an digitaler Bildung hatten. Das wahre Problem der Digitalisierung ist aber nicht unbedingt das Fehlen von Ausstattung. Immer wieder sind die Unterschiede deutlich zu erkennen, die es von Bundesland zu Bundesland, Kommune zu Kommune und sogar von Schule zu Schule gibt. Dabei haben oft die finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Gemeinden, Städte und Regionen die Mittel begrenzt. Hier braucht es dringend Nachbesserungen und einfache Förderkulissen, um auch verschiedene Herausforderungen vernetzt miteinander zu denken, wie individuelle Förderung und Digitalisierung.

Saskia Tittgen: Es fehlt die durchgängige digitale Infrastruktur, die ein adäquates Unterrichten mit digitalen Medien erst wirklich möglich macht. Selbst Glasfaser bis zum Schulgebäude hat nur dann seine Wirkung, wenn ein stabiles WLAN-Netz an den Schulen besteht. Zudem müssen auch die Schüler mit einer entsprechenden Ausstattung versorgt sein. Auf dem Land gibt es mitunter noch massive Defizite in der Internetanbindung. Da die entsprechenden finanziellen Mittel vielerorts jedoch fehlen, kann von einem „Digitalisierungsbeschleuniger“ nur bedingt die Rede sein. Hier muss die Politik konsequenter handeln und nachsteuern.
Die Lehrkräfte waren und sind gezwungen, sich schnelle und praktikable Lösungen im Rahmen der gegebenen Bedingungen anzueignen. Sie besuchten zahlreiche Online-Fortbildungen, um sich den unwägbaren Gegebenheiten der Pandemie zu stellen.

 

Der Junge VBE möchte die Attraktivität des Lehrkräfteberufes steigern. Was ist dafür nötig?

Susann Meyer: Die Attraktivität beginnt bei uns nicht am fertigen Produkt Lehrkraft. Vielmehr liegt sie in den Wurzeln des Berufes – dem Referendariat und Lehramtsstudium. Wir haben uns die verschiedenen Varianten der Ausbildung zur Lehrkraft intensiv angesehen und dabei große Unterschiede in den einzelnen Bundesländern festgestellt. Wir fanden nicht nur sehr kurze Referendariate, die wir nicht als sehr sinnvoll erachteten. Auch fehlte es häufig an ausreichender Praxiserfahrung im Studium und Referendariat. Speziell an diesen Punkten muss die Ausbildung dringend Neuerungen und Einheitlichkeit erfahren, um für unsere Berufsgruppe einen Anreiz zu schaffen.
Aber nicht nur in diesen Bereichen bedarf es Veränderungen. Gerade das Lehramtsstudium, welches auf Kompetenzen in der Digitalität orientiert sein sollte, ist derzeit sehr wenig auf Digitalisierung ausgelegt. Die Lehrkräfteausbildung sollte intensiver an die digitalisierte Welt angepasst werden.
Es braucht ganzheitliche Konzepte, die auf die Entwicklung der Lernenden Rücksicht nehmen und einen Fortschritt in der Ausbildung und im Beruf erlauben. Wir wünschen uns unbedingt eine höhere Zahl an Lehrkräften, die sich der Verantwortung zu unterrichten stellen wollen, statt Angst vor dem Beruf zu haben. Das erreicht man aber nur dadurch, dass eine Transparenz geschaffen wird, die es ermöglicht, positive und attraktive Erfahrungen in die zukünftige Lehrkräfterolle mitzunehmen.

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