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Abi 2021: Corona-Stress mit Ansage

Von KAROLINA PAJDAK

Berlin – Es sind noch einige Wochen, doch für hunderttausende Abiturienten und ihre Lehrer sind es die entscheidenden: Was wird in diesem Jahr aus unseren Abiturprüfungen? Im März vergangenen Jahres überrollte die Corona-Pandemie Lehrer, Schüler, Schulen förmlich. Wer hätte sich eine solche Situation vorher schon vorstellen können? Schulen mussten schließen, Lehrer auf Online-Unterricht umsteigen. Das sog. „Homeschooling“ war plötzlich an der Tagesordnung. Trotzdem: Das Abitur wurde komplett und vollwertig durchgeführt.

In diesem Jahr ist einiges anders. Die Pandemie ist zum Alltag geworden, die Schulen haben sich darauf eingestellt. Das diesjährige Abitur findet unter Corona-Bedingungen mit Ansage statt – aber wurde die Zeit durch die Kultusminister wirklich dafür genutzt, sich auf die Corona-Lage einzustellen?

Einzelne Bundesländer haben bereits Prüfungstermine nach hinten geschoben. Bayern verschiebt den Prüfungsstart vom 30. April auf den 12. Mai. Thüringen wird das Mathematik-Abitur nicht wie geplant am 4. Mai, sondern erst am 28. Mai durchführen. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (67, Linke) hat sogar eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die mögliche Erleichterungen beim Abi 2021 prüfen soll. Aber damit ist niemandem geholfen. „Abiturienten brauchen ein vollwertiges Abitur”, fordert der Deutsche Philologenverband. Verbands-Vorsitzende Susanne Lin-Klitzing: „Abiturienten schlechter durch das Ausfallen oder Verwässern von Prüfungen auf ihre anschließende Studien- und Berufstätigkeit vorzubereiten, hilft niemandem!“

Die amtierende Präsidentin der Kultusministerpräsidentenkonferenz (KMK), Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (59, SPD) ist „fest entschlossen, alles zu tun, damit das Abi 2021 gleichwertig durchgeführt werden kann“. Im Interview mit PROFIL (Seite xy) sagte sie: „Die KMK legt deshalb auch großen Wert darauf, dass die Abschlussklassen lange und viel beschult werden.“

 

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Am Felix-Mendelssohn Bartholdy-Gymnasium im Berliner Stadtteil Pankow bemüht sich Studienrätin Gabriela Kasigkeit (60), „ihre“ Abiturienten bestmöglich auf die anstehenden Prüfungen vorzubereiten. „Natürlich muss man beim Abitur 2021 Kompromisse machen. Wenn es früher drei Bücher waren, auf die ich mich in einer Abituraufgabe stütze, dann sind es jetzt vielleicht nur zwei“, sagt sie. „Es geht nur, wenn man von der Stoffmenge etwas wegnimmt, das Niveau an sich jedoch nicht senkt.“ Auf den Berliner Senat will und kann sich die engagierte Lehrerin (Deutsch, Englisch, Psychologie) nicht verlassen. Kasigkeit: „So weit, wie wir jetzt gekommen sind, sind wir nur gekommen, weil Lehrerinnen und Lehrer Engagement gezeigt haben.“ Im Berliner Senat spreche man von „vorhandenen langfristigen Konzepten“, vorhanden aber sei so gut wie nichts, klagt das DPhV-Vorstandsmitglied. „Nicht einmal die technische Infrastruktur ist gegeben. Unser digitaler Lernraum bricht regelmäßig zusammen.“

Ihre Schülerin Paula Seeliger (19) sieht zumindest den Leistungskursprüfungen am Berliner Gymnasium positiv entgegen. „Wir haben bereits ein Vor-Abi 2021 geschrieben, das mir eine gute Möglichkeit gab, mich in diese Situation hineinzufühlen. Auch durch die Möglichkeit des Wegstreichens einer Aufgabe z. Bsp. im Deutschabitur fühle ich mich sicherer.“ Ihr Mitschüler David Merchan (18) glaubt ebenfalls, dass er gut auf die Prüfungen vorbereitet wird. „Die Lehrer an sich zeigen sich auf jeden Fall verständnisvoll und machen, glaube ich, das Beste aus der Situation“, findet er. Trotzdem würden teilweise zu komplexe oder zu viele Aufgaben ohne Erklärung gestellt. „Im Fernunterricht sitze ich dann doch manchmal viel länger an Aufgaben, als ich für diese in der Schule gebraucht hätte.“

Christoph Rabbow (53) unterrichtet derzeit Abiturienten im Fach Chemie am Vincent-Lübeck-Gymnasium in Stade. In Niedersachsen ist dies der erste Abiturjahrgang nach G9. Jeder Schüler hat drei fünfstündige Prüfungsfächer auf erhöhtem Anforderungsniveau und zwei dreistündige Fächer auf grundlegendem Niveau. Rabbow plädiert dafür, den jeweiligen Prüfungsjahrgängen so lange wie möglich Präsenzunterricht zu erteilen. „Das sollte die letzte Kohorte der Schule sein, die den Präsenzunterricht verlässt“, sagt er „Profil“. Im Rahmen des sog. „Homeschoolings“ könne man die Schüler nur bedingt erreichen. Rabbow: „Das liegt nicht an der technischen Ausstattung. Unsere Schule ist, was das angeht, hervorragend aufgestellt. Einige Schülerinnen und Schüler nutzen aber die Möglichkeit, sich dem Zugriff trotz Nachfragens zu entziehen.“

Schüler zu Corona im Mendelson-Bartholdy-Gymnasium

“So weit, wie wir jetzt gekommen sind, sind wir nur gekommen, weil Lehrerinnen und Lehrer Engagement gezeigt haben”, sagt Gabriela Kasigkeit.

Schüler im Mendelson-Bartholdy-Gymnasium

Alle zwanzig Minuten wird im Berliner Felix-Mendelssohn Bartholdy-Gymnasium gelüftet. Schüler Leon muss dazu auf den Tisch steigen

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