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DPhV sieht sich in seiner Rechtsauffassung bestätigt
Hamburger Volksentscheid:
Phantastischer Erfolg der Elterninitiative mit bundesweiter Signalwirkung
Meidinger regt deutschlandweites zehnjähriges Moratorium gegen weitere Struktureingriffe an!
Profil 11/2009 (10.11.2009)
Bildungsidee Gymnasium
von Heinz-Peter Meidinger
Wer OECD-Studien und EU-Bildungsprogramme, aber auch aktuelle nationale Bildungskonzepte wie Bildungsstandards nach der Formulierung einer Bildungsidee durchforstet, wird nicht fündig werden.
Diese Konzepte sind in der Tat illusionslos abgestellt auf ökonomische Erfordernisse, auf Konkurrenzfähigkeit und die Humanressourcen. Ziel der Schule sei es, das ‘Humankapital’ optimal zu nutzen. An der Sprache werdet ihr sie erkennen! Statt um Bildung geht es um ‘Life skills’, ‘Employability’ und einen Kompetenzbegriff, der sich in hohem Grade vom Wissens- und Bildungsbegriff abgekoppelt hat.
Alfred Schirlbauer hat die Botschaft der modernen Bildungsverkürzer unnachahmlich in einem neu gefassten kategorischen Imperativ folgendermaßen zusammengefasst:
»Habe kein Wissen, dessen Halbwertszeit die Dauer der Nützlichkeit in einem der McJobs, in denen du dich verdingen wirst, übersteigt! Sehne dich nicht nach Wissen, das gewisser sein könnte als deine Anstellung! Sei vielmehr selbst-, sozial- und methodenkompetent! Hüte dich vor tieferen Erkenntnissen! Denn diese machen dich ungleich und gefährden deine soziale Integration! Strebe nicht nach Bildung! Sei vielmehr kommunikativ, lernfähig, flexibel und mobil!«
Das Gymnasium war bislang einem anderen Bildungsverständnis, nämlich einer Bildungsidee verpflichtet: Eine breite Allgemeinbildung, die zur umfassenden, nicht auf bestimmte Fächer begrenzten Studierfähigkeit führt. Dieses Konzept hat es schwer in einer Zeit, die davon besessen ist, alles in Schulen Vermittelte müsse seine Verwertbarkeit nachweisen. Politische Schlagworte wie Lernplanentrümpelung, eingefordert unter der Leitfrage »Wozu brauch ich das?« zeigen die Missachtung einer Bildung, die manches heute eher Nutzloses zu repräsentieren scheint.
Manfred Fuhrmann hat dazu festgestellt: »An die Stelle der Kategorien Person, Geist und Kultur traten in unverhüllter Einseitigkeit die Kategorien Gesellschaft, Einkommen und soziale Gerechtigkeit. Bildung wird […] nicht mehr als ein geistiger Prozess verstanden, der das Individuum zu Selbstständigkeit und Freiheit, zur Teilhabe am Kulturganzen und zu ästhetischen Genüssen befähigen sollte; sie figurierte nur noch als gesamtökonomischer Produktionsfaktor sowie individueller Sozialfaktor«.
Das Entscheidende am Bildungsbegriff des Gymnasiums, das ihn systematisch von Qualifikationsoder Kompetenzbegriffen unterscheidet, ist die Verknüpfung von Ich-Bildung und Welt-Bildung.
Die von Humboldt geforderte »höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen « kann nur in der Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der Welt gelingen. Dieses Ziel beinhaltet auch keine Verfügungsmacht über das letztendliche Ergebnis des Bildungsprozesses, da dieses vom Einzelnen wesentlich mitgestaltet wird. Nur eine solche Bildungsidee achtet die Autonomie des Individuums.
Bei aller notwendigen Anpassung und Neubestimmung von Humboldts Bildungsideal – alles das, was uns die moderne Curricula-Forschung anbietet, wirkt dagegen merkwürdig blass und inhaltsleer.
Wer die Humboldt’sche gymnasiale Bildungsidee für hoffnungslos konservativ und veraltet hält, sollte einmal bei Heinz-Joachim Heydorn nachlesen, einem wunderbar unkonventionellen sozialistischen Reformpädagogen der Nachkriegszeit. Er kämpfte zwar für die Gesamtschule, war aber gleichzeitig ein großer Verteidiger der humanistischen gymnasialen Bildungsidee. Ihr allein schrieb er die emanzipatorische Kraft zu, Freiräume zu sichern und sich den Verwertungszwängen einer modernen Gesellschaft zu entziehen, die sich des Einzelnen bemächtigen will.
In einer Zeit radikaler und rasanter Veränderungen, die niemand voraussehen kann, kommt es auf ein geistiges Potential an, das größer sein muss als das, was im späteren Alltag von uns verlangt wird: Die Grundvoraussetzung dafür bietet noch immer eine Bildungsidee, die den Schüler, wie es Hermann Giesecke treffend sagt, die Differenz zwischen der bisherigen Erfahrung einerseits und den ihr widersprechenden Ansprüchen der Bildungsstoffe andererseits systematisch abarbeiten lässt. Es kommt also darauf an, den Jugendlichen selbst eine Aneignung zu ermöglichen, die ihrer inneren Vorstellungswelt zugute kommt. Diese subjektive Seite des Bildungsprozesses spielt heute in der Forschungsdiskussion kaum eine Rolle, vielleicht auch deshalb, weil sie nicht so leicht messbar ist wie das Literacy- Konzept der PISA-Studien.
Wir täten gut daran, an diesem Kernbestand der gymnasialen Bildungsidee, »soviel Welt wie möglich zu erfassen«, festzuhalten, einer Bildungsidee, in der die eigentliche Bildungsleistung der junge Mensch selbst erbringen muss. Der DPhV hat deshalb konsequent seine Vertreterversammlung Ende November in Berlin unter das Motto ‘gymnasium.bildungsidee.de’ gestellt. Wir freuen uns auf spannende Diskussionen.
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